Wie alles begann

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

An die erste Begegnung mit dem Fräulein „So-La-La“ verbinde ich nur noch eine vage Erinnerung. Ich glaube nicht, nach ihr gesucht zu haben. Sie tauchte aus dem Nichts plötzlich in meinem Kopf auf.
Am Beginn unserer Bekanntschaft genügte es ihr, in meinen Gedanken Unfug zu treiben.
Als ich anfing, sie in den Schubladen wechselnder Schreibtische unterzubringen, zeigte sie keinerlei Missfallen daran. Mit den Jahren änderte sie ihre Meinung. Sie fand die Aussicht, immer am gleichen Ort bleiben zu müssen, langweilig.
Mir klingt heute noch ihre Stimme im Ohr, als sie mir ihren Wunsch anvertraute.
„Ich bin nicht für die Schublade geschaffen.“, schüttete sie ihr Herz vor mir aus.
„Ich möchte eine Geschichte sein, die um die Welt reist.“
Auf meine Zweifel, ob ich der Richtige für diese Aufgabe sei, zuckte sie nur mit den Schultern.
„Ich finde mir keinen Besseren dafür.“, antwortete sie.

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Nach langem Zögern gab ich ihrem Drängen nach. Unter ihren strengen Augen schrieb ich all die Dinge und Ereignisse auf, die ich mit ihr erlebt hatte.
Nachdem meine Arbeit beendet war, öffnete ich das Fenster vor meinem Schreibtisch und warf die vollgeschriebenen Blätter in den nächstbesten Wind.
Ich habe keine Briefmarke geklebt und keine Adresse aufgeschrieben.
Der Wind, der das Fräulein „So-La-La“ weggetragen hat, nannte kein Ziel. Er wehte von Ost nach West und flog nach Irgendwo. Ich weiß nicht, wo die Reise des Fräuleins „So-La-La“ endete.
Der Wind ist ein launischer Charakter. Oft wird er seiner aufgelesenen Begleiter bereits nach wenigen Straßenzügen überdrüssig. Sie tauchen wenig später im Garten des Nachbarn wieder auf. Oder bleiben in den Wipfeln eines nahen Baumes hängen. Manchmal weht der Wind sie aber auch bis jenseits des Horizonts und weiter fort.
In meinem Herzen lebt die Hoffnung, dass sich ein Sturm des Fräuleins „So-La-La“ annahm und ihr Traum, eine Geschichte zu sein, die um die Welt reist, eines Tages in Erfüllung geht.

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Über viele Jahre hing ein Bild von ihr über meinem Schreibtisch. Es entstand in den Tagen unserer ersten Begegnung.
Als sie mir vor einigen Wochen von ihren Reiseplänen erzählte, habe ich es von der Wand genommen und heimlich in ihren Koffer gepackt. So hat sie ein Bild von sich zur Hand, wenn sie auf der Reise in die Verlegenheit gerät, ihre Herkunft beweisen zu müssen.
Ein Abzug davon liegt diesen Zeilen bei, um allfälligen Verwechslungen und Missverständnissen vorzubeugen.
Sollte Ihnen das Fräulein „So-La-La“ zufällig über den Weg laufen, erweisen Sie mir den Gefallen und schenken Sie ihr einige Minuten Ihrer kostbaren Zeit.
Seien Sie nachsichtig mit den inhaltlichen und stilistischen Unzulänglichkeiten, die sie bei ihr entdecken. Das Fräulein „So-La-La“ trifft keine Schuld daran. Die Verantwortung liegt allein in meinen begrenzten Fähigkeiten, ihren Ansprüchen gerecht zu werden.
Schreiben sie mir, an welchen Orten Ihnen das Fräulein „So-La-La“ begegnet ist. Vielleicht findet sich Gelegenheit, mir ein Souvenir von ihr zu schicken. Ich freue mich über jede Nachricht, die mich wissen lässt, dass es ihr gut ergeht und sie wohlauf ist.

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Ein letzter Nachsatz:

Beim Abschied quälte mich die Sorge, ob es nicht zum Besten des Fräuleins „So-La-La“ wäre, ihre Geschichten für mich zu behalten und in einer Schublade meines Schreibtisches zu verschließen. Für einen Augenblick erschien es mir geradezu verantwortungslos, sie schutzlos dem Hohn und Gelächter der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen auszusetzen.
Das Fräulein „So-La-La“ ließ meine Zweifel nicht gelten. Sie stupste mich ungeduldig in die Seite und deutete auf eine Krähe, die hoch oben am Himmel kreiste mit dem Wind unter ihren Flügeln und der grenzenlosen Weite vor sich.
„Was immer das Schicksal für den kleinen Vogel bereit hält. Keine Liebe kann größer sein als die Liebe, die ihm seine Freiheit schenkte.“, sagte sie.
Die Zuversicht des Fräuleins „So-La-La lässt mich hoffen, dass sich ihr Traum erfüllt. Denn nicht jeder Fisch wird an einem Haken aus dem Wasser gezogen. Nicht alle Schmetterlinge verschwinden im Schnabel eines Vogels. Und die allermeisten Mäuse entkommen dem Hunger der Katzen.
Bon voyage, mein kleines Fräulein „So-La-La“.

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Andre Noir, im Juli 2019