Die Reise des Fräulein „So-La-La“

Intro

Die Geschichte  „Die Reise des Fräulein „So-La-La“ erzählt keine Reise im herkömmlichen Sinn. Sie schildert die Erlebnisse eines Mädchens bei dem Versuch, ihr Anderssein zu überwinden.

Das Fräulein „So-La-La“ ist anders als andere Mädchen. Sie kann nicht richtig sprechen. Ihre Zunge spielt verrückt. Sie ist ein Clown, der ihr jedes Wort im Mund verdreht. Das macht sie zur Zielscheibe von Gespött und Mitleid.  Mit Hilfe ihrer Großmutter lernt sie, mit dem verrückten Zirkuskind in ihrem Mund zu leben.  Sie begreift ihr Anderssein als Geschenk,  das ihr einen Blick in das Getriebe der Welt öffnet, der den meisten verschlossen bleibt.

Die Geschichte spielt auf drei Ebenen. Als Rahmenhandlung dient die schlaflose Nacht des Erzählers, an dessen Bettkante plötzlich eine Geschichte auftaucht, die er längst zu Ende erzählt geglaubt hatte.  Sie ist zu ihm zurückgekehrt, um das letzte Kapitel aufzuschlagen.  Die Unterhaltung zwischen ihnen umrahmt die eigentliche Erzählung.  In der dritten Ebene kommen die  Geschichten zum Vorschein, die das Fräulein „So-La-La“ vor ihrer verrückten Zunge in ihren Zeichnungen versteckt hat.

Vorwort des Autors

Mein Kopf erfindet Geschichten, seit ich mich erinnern kann, und ich erinnere mich ein halbes Menschenleben lang zurück.

Die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen werden vergeblich nach ihnen suchen. Sie liegen in dunklen Schubladen begraben. Alle bis auf eine.
Vor einigen Nächten stand sie plötzlich in meinem Schlafzimmer. Der Mond stand hoch am Himmel, als sie sich an meine Bettkante setzte.

Man sah ihr deutlich an, dass sie älter geworden war. Auch Geschichten altern mit der Zeit. 
Obwohl zwischen unserer letzten Begegnung ungezählte Jahre lagen, erkannte ich sie sofort. Es stand nichts zwischen uns. Ihre Stimme flüsterte mich aus dem Schlaf wie eine vertraute Melodie, die ein Streicher aus einer sanften Geige zog.

Nicht viele wissen von ihr. Meine Töchter Laura und Sophie waren  die einzigen Ohrenzeugen, wenn ich ihnen an langen Winterabenden von ihr erzählte.  Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Die kleinen Mädchen sind ihren Kinderschuhen entwachsen. Ihre Zimmer sind leergeräumt. 

Mit ihrem Weggang verstummte auch die Geschichte, die ich für sie erdacht hatte.  Lange glaubte ich sie vom Äther der Welt verschluckt. Bis ein heftiger Windstoß die Gardinen des offenen Fensters hochwirbelte und sie in meinem Kopf wieder lebendig wurde.

„Hallo.“, sagte die Geschichte.
„Hallo.“, erwiderte ich verdutzt.

Es überraschte mich, sie nach so langer Zeit wieder zu sehen.

„Wie geht es dir?“, fragte  die Geschichte.
„Es ist viel passiert, seit dich der Wind fortgetragen hat.“, seufzte ich.

Ich dachte an meine Töchter, die inzwischen ihr eigenes Leben lebten.

„Das passiert, wenn die Zeit vergeht.“, antwortete die Geschichte.

Mehr sagte sie nicht. Der Lauf der Dinge lässt sich nicht mit Worten zurückdrehen. Was geschehen ist, ist geschehen.
Bevor ich mich weiter auf die Unterhaltung einließ, zwickte ich mir in die Wange, um sicherzugehen, nicht dem üblen Scherz eines Traumes auf den Leim zu gehen. Der Schmerz beruhigte und verstörte mich gleichermaßen. Ich träumte nicht. Es passierte tatsächlich. Ich unterhielt mich mit einer Geschichte, die an meiner Bettkante saß.

„Warum bist du zurückgekommen.“, fragte ich sie.
 „Ich habe eine lange Reise hinter mir. Es ist an der Zeit, das letzte Kapitel aufzuschlagen.“

Es fiel mir schwer, meine Verwunderung vor ihr zu verbergen. Ich war überzeugt gewesen, die Geschichte zu Ende erzählt zu haben.
„Wie soll das gehen?“, fragte ich.

Mein Gedanken schweiften zu meinem Schreibtisch ab. Er war schon lange verwaist. Ich hatte seit Jahren keine Zeile mehr in die Computertastatur getippt.
„Du musst keine Angst haben.“, wischte sie meine Bedenken zur Seite.
„Auf meiner Reise habe ich den Zauber gelernt, der alle Geschichten erzählt.“

In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf mehr. Im Zimmer herrschte Totensille. Auf der Straße vor dem Haus regte sich kein Laut.  Der Wind, der sonst ungeduldig durch die Bäume rauschte, hielt still. Selbst das Ticken des Weckers verstummte, um einer Geschichte zu lauschen, die mitten in der Nacht durch mein Fenster gestiegen war.

Vor meinen Augen wurden Bilder und Begebenheiten lebendig, die ich längst vergessen hatte. Ob sie in allen Einzelheiten meiner eigenen Erinnerungen  entsprachen oder sie mir eine Stimme in dieser Nacht ins Ohr flüsterte, vermag ich nicht zu sagen. Aber die Fantasie in meinem Kopf hätte niemals ausgereicht, mir all das selbst auszudenken.

Die nachfolgenden Seiten sind nicht dafür gedacht, die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen davon zu überzeugen, dass sich wirklich alles so zugetragen hat. Ich habe sie für alle anderen zu Papier gebracht.

Für alle, die nachts wach liegen und sich die Zeit zurück wünschen, in der ihre Zunge ein übermütiges Zirkuspferd sein durfte.
Für alle, deren Mutter jeden Morgen die Welt zum Strahlen bringt.
Für alle, die einen Vater haben, der für die wichtigsten Schraubarbeiten der Welt zuständig ist.
Für alle, bei denen die wahre Natur der Großmutter anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint.
Für alle, die eine solche Mutter, Vater oder Großmutter werden wollen.
Für alle, die bei einem Blick in den Spiegel dem schlimmsten aller Feinde begegnet sind. Für alle, die ihn bezwungen haben.

Für alle, die davon träumen, eine Zeitabkürzungsmaschine zu bauen, um die Fliegenzeitrechnung zu besiegen. Für alle, die eine solche Maschine besitzen.
Für alle, die wissen, dass der Zufall die Welt beherrscht. Für alle, die ihn trotzdem nicht fürchten.
Für alle, die wissen wollen, wie es den Motoren gelungen ist, die wahre Geschwindigkeit der Welt unsichtbar zu machen.
Für alle, die sich nach der Zeit zurücksehnen, als die Landschaft stillstand, wenn man aus dem Fenster blickte.   
Für alle, die bei einem Blick auf die Uhr den hinkenden Zwerg entdecken, der sich langsam im Kreis dreht und vor dem es trotzdem kein Entkommen gibt.

Für alle, die den Zauber lernen wollen, der alle Geschichten erzählt, ohne ein Wort zu vergessen. Für alle, die diesen Zauber bereits beherrschen.
Für alle die das Geheimnis kennen, wie die Farbe in die Welt gekommen ist. Für alle, die beitragen, sie ein bisschen bunter zu machen.
Für alle, die ein schlimmes Unglück getroffen hat und nichts so geblieben ist, wie es war. Für alle, die trotzdem ihre Zuversicht nicht verloren haben.
Für alle, die davon träumen, eines Tages eine Geschichte zu sein, die um die Welt reist.
Für alle, die Bücher lieben.

Die Liste ließe sich unendlich lang fortsetzen. Vielleicht klingt vieles tatsächlich zu fantastisch, um wahr zu sein.   
Ich behaupte nicht, dass sich in jener Nacht alles genauso abgespielt hat. Ich weiß nur, dass es drei Arten von Geschichten gibt. Geschichten, die tatsächlich passiert sind.  Geschichten, die wahrscheinlich klingen. Und Geschichten, die sich so unglaublich anhören, dass sie niemand für möglich hält.

Das Urteil darüber, zu welcher Kategorie die Geschichte gehört, die durch das offene Fenster in mein Schlafzimmer stieg und sich an meine Bettkante setzte, überlasse ich anderen.
Als ich ein Kind war, träumte ich davon, eines Tages mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sehen. 
Die Stimme, die mich nachts aus dem Schlaf flüsterte, hat meine Sehnsucht erfüllt. Sie hat meine Suche mit der Freude belohnt, die in jedem Finden innewohnt.

Andreas Schwarz, im November 2021