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14. ) Buch

DIE GESCHICHTE…

wie dem Fräulein “So-La-La“ ein schlimmes Unglück widerfährt und nichts so bleiben kann,  wie es ist

Manche Tage schweben leicht wie  eine Feder dahin.  Andere liegen schwerer als ein  Stein auf der Brust.  
Und es gibt Tage, an denen man sich wünscht, morgens im Bett geblieben zu sein.   Dann könnte man im richtigen Moment die Augen aufmachen und alles  Geschehene  verpuffte als leerer Schrecken.
Tage, die es eigentlich nicht geben dürfte, gleichen in ihrem Kern Wetterstürzen, Heuschreckenschwärmen und Finanzamtbescheiden.  Sie kündigen  ihre Besuche nicht an, sondern fallen aus dem Hinterhalt über ihre ahnungslosen Opfer her.
In den harmlosen Fällen sind sie eine  rasch vorüberziehende Karawane, die  für eine Nacht Quartier nimmt.  Am Morgen danach findet sich keine Spur mehr von ihnen. Allenfalls lassen sie eine hässliche Erinnerung  zurück.
Die hartnäckigen unter den  Störenfrieden richten sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Man wird sie erst wieder los, wenn ein Liebeskummer ausgestanden, die letzte Kreditrate abgestottert, oder die Schwiegermutter abgereist ist.
Das größte Übel verbreiten die schwarzen Tage, die für immer sesshaft werden. Die Zeitungen sind voll von ihnen. Ohne ihr Zutun  wären aus den Geschichtsbüchern keine dicken Wälzer geworden.
Das Unglück dieser  Tage liegt in ihrer Endgültigkeit. Der Schrecken, den sie verbreiten, lässt sich nicht mehr abschütteln. Sie treiben ihren Handel rund um die Uhr und kennen weder  Öffnungszeiten noch  Mittagspausen. Wer mit ihnen Geschäfte macht, leidet lange unter den Verlusten.  
Besäßen diese Tage ein Gesicht,  wäre es griesgrämig. Hätten sie einen Charakter, wäre er von übler Natur.  Gingen sie einer Arbeit nach,  wäre es die eines Handelsreisenden für Schicksalsschläge und Unglücke aller Art.  Und führten sie ein  Geschäft,  wäre es ein Trödelladen für versperrte Türen,  leere Stühle und verwaiste  Koffer. 
Einer dieser Tage  veränderte das Leben des Fräuleins  „So-La-La“ für immer.   Er stand völlig unauffällig im Kalender und war ein Sonntag wie viele andere.
Für die meisten Menschen verstrich er bedeutungslos.  Sie hatten nichts Besseres zu tun,   als ihr Auto zu waschen oder sich gegenseitig mit Besuchen zu ärgern.
Als der Abend dämmerte, hatte die Welt keinen anderen Klang als am Morgen.   Aber  für das Fräulein  „So-La-La“ war sie ein stiller Ort   geworden.

Es war der Tag, an dem das Herz ihrer Großmutter aufhörte zu schlagen.
Manchmal gleicht das  Glück  dem Eis zugefrorener Flüsse. Der Frost der kalten Tage kann  ihm nichts anhaben.  Es sind die sonnigsten Stunden, die es dünnwandig werden lässt und den Leichtsinn der Eisläufer bestraft.
Zeit ihres Lebens wusste sich  die Großmutter durch ihre robuste Natur vor den Pillen und Spritzen der Ärzte beschützt.  Am Ende wurde  ihr eine winzige  Nachlässigkeit zum Verhängnis.
Trotz eines hartnäckigen Hustens, der sich über Wochen hinschleppte,  war sie nicht bereit, auf ihre geliebten Zigarren zu verzichten.     Mit gleicher Sturheit  hielt sie an der Angewohnheit fest,  frühmorgens auf der Jagd nach den Frühstückszeitungen der Nachbarn  im Nachthemd durch  das ungeheizte Stiegenhaus zu  schleichen.
Bei ihrem letzten  Streifzug   brach sie mit  einem heftigen  Hustenanfall im Treppenhaus   zusammen. 
Von einer Sekunde zur nächsten    verwandelte sich die Großmutter in eine der Geschichten, die sie am liebsten  in ihrem Küchenofen verbrannte.  Sie wurde eine schlechte   Nachricht,   von der man  in der  Zeitung las.
Es stand von Anfang an nicht gut  um sie.  Zwei  ganze  Tage  durfte sie niemand im Krankenhaus besuchen.
Als das Fräulein  „So-La-La“  in Begleitung  der Mutter  vorgelassen wurde,  fand sie das Krankenbett der Großmutter von weißen Kitteln  umlagert.  
Der Eifer, mit dem sich die Ärzte an ihr zu schaffen machten,  ließ das Fräulein „So-La-La“ das Schlimmste befürchten. Das Schicksal von Oma Rosa entschied sich   in den Händen ihrer schlimmsten Feinde.   
Eine hochgezogene Augenbraue  las die Werte an den Apparaten ab, mit denen sie von Kopf bis Fuß  verdrahtet war.    Ein gestreckter Zeigfinger  mit einem Klemmbrett im Arm   notierte geflissentlich mit.    Neben ihm   diktierte eine mitleidige Stimme  ihre  Diagnose  in ein Tonbandgerät.    
Es war eine Verhandlung ohne Pardon.  Die Anklage wog schwer.  Und die Kräfte der Großmutter reichten nicht aus,  sich erfolgreich  zur Wehr zu setzen.  
Nachdem die Ärzte ihre Untersuchung beendet hatten, schritten sie  zur Urteilsverkündung  vor die Tür.  In Tränen aufgelöst eilte ihnen die Mutter hinterher.  

In der Hektik  blieb das Fräulein „So-La-La“ allein im Krankenzimmer zurück. Sie kauerte ängstlich unter einem kleinen Blumentisch, der neben dem Bett der Großmutter stand.
Ohne das Stimmengewirr der Ärzte herrschte eine gespenstische Stille im Raum. 
Unschlüssig ob sie im Zimmer ausharren oder der Mutter hinterher laufen sollte, wagte sich das Fräulein „So-La-La“ aus ihrem Versteck hervor.
Im selben Moment  schlug ein Windstoß das Fenster auf  und rieb sich an den Gardinen.
Vor Schreck  streckte das Fräulein „So-La-La“  den Rücken   durch. Sie spürte einen Schlag, dem ein heftiger Schmerz folgte. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie mit dem Kopf gegen einen Tisch gestoßen.
Eine Vase kippte um und rollte über den Rand. Der Knall, mit dem sie auf dem Boden in kleine Scherben zerplatzte, hätte Tote aufwecken können.
Die Stimme, die das Fräulein „So-La-La“ beim Namen ansprach, hörte sich auch an, als käme sie direkt aus dem Jenseits.
Mit klopfendem Herzen richtete sie den Blick auf das Krankenbett. Was sie sah,   jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken.
Der klägliche Rest ihrer Großmutter saß halb aufgerichtet im Bett und  starrte sie an. Von ihrer  stattlichen  Pracht war nichts mehr übrig.  Die Krankheit hatte innerhalb weniger Tage   die Hälfte ihrer  Körperfülle aufgezehrt.   Ihr    Gesicht war kreidebleich. Die rote Mähne auf ihrem Kopf   hatte sich in ein stumpfes Grau verfärbt.   Die schlaffe   Haut hing  von den eingefallenen  Wangen wie die zerfetzten Segel eines alten Schiffes.
Zögerlich näherte sich das Fräulein „So-La-La“ ihren ausgestreckten Armen,  die von bläulichen Flecken übersät waren.
„Bsit du sher karnk?“  stammelte sie.

Die Großmutter schüttelte den Kopf.     Ihre Lippen quälten sich zu einem Lächeln auseinander.  Die  eingesunkenen  Augen  flackerten  unruhig  wie abgebrannte  Kerzen kurz vor dem Erlöschen.
Noch vor wenigen Wochen war die Stimme der Großmutter wie ein Sturm durch die Räume gebraust. Nun war davon ein schwaches Hauchen übrig geblieben.
Das Fräulein „So-La-La“ musste nahe an das Bett herantreten, um sie zu verstehen.
„Es ist kein Husten.“, keuchte die Großmutter. Das Atmen fiel ihr schwer.
In ihren Lungen blubberte es, als hätte sie eine Brausetablette geschluckt.
„Meine Seele ist müde. Sie ruft  nach dem Wind, der sie fortträgt“.
Dem Fräulein „So-La-La“ begann zu frösteln. Vergeblich wehrte sie sich gegen die Bilder in ihrem Kopf.
Sie sah die Großmutter als Engel über dem Bett schweben. Ihr Arme hatten sich in mächtige Schwingen verwandelt, die auf den Wind warteten, der sie forttrug.
Der Anblick traf sie tief tief ins Herz. Mit nassen Augen flehte sie um ein Wunder.
„Ich wlil, dsas du  weider ncah  Huase kmomst.“
Doch Oma Rosa schwieg dazu,  als hätte sie andere Pläne.   
Ihre  knochigen Finger fassten nach dem Arm des Fräuleins „So-La-La“. Sie zog sie dicht zu sich heran.
„Was jetzt geschieht, darf dir keine Angst machen.“, flüsterte sie ihr ins Ohr.
„Es ist wie in den Büchern. Das Ende ist kein wirkliches Ende. Man muss nur auf die erste Seite zurückblättern. Dann beginnt alles von neuem.“
Ein neuerlicher Hustenanfall unterbrach sie. Minutenlang kämpfte sie dagegen an.
Ängstlich drückte das Fräulein „So-La-La“ den Kopf an ihre Brust, um sich zu vergewissern, dass ihr Herz noch schlug.
Die Großmutter strich ihr sanft durch die Haare.

„Mein Herz verstummt nicht.“, sagte sie.
„Es ändert sich nur der Ort, an dem es weiter schlägt.“
Das Fräulein „So-La-La“ sah die Großmutter schreckensbleich an, als säße sie einer Seele gegenüber, die ihre Flügel ausgebreitet hatte.
„Knan ich dcih Hmimel bescuhen kmomen?“, schluchzte sie.
Die Großmutter schüttelte den Kopf.
„Der Himmel ist zu weit für dich. Der Ort, an dem du mein Herz weiter schlägt, liegt näher als du denkst. Wenn die Zeit reif ist, wirst du ihn finden.“
Ihre Stimme  klang bereits wie das schwache  Echo  vom Ende  eines dunklen Ganges.   
Vom Fenster her ertönte ein lautes Pfeifen. Der Wind, den der Husten der Großmutter angelockt hatte,   wirbelte ungeduldig die Vorhänge durcheinander, als hätte er es eilig ihre Seele mitzunehmen.
„Sie fniden enie Meidzin für dcih.“,   bäumte sich das Fräulein „So-La-La“ gegen das Unausweichliche auf.
Oma Rosa wusste es besser.
„Die Pillen und Spritzen der Ärzte können mir nicht helfen.“, sagte sie. 
„Es ist  Zeit,  die Dinge loszulassen,  bevor sie zu schwer werden.“
Das Fräulein „So-La-La“ sah sie bestürzt an.
„Ich bin liecht wie enie Fdeer.“, schluchzte sie.
Zum Beweis, dass sie kein Gramm zu viel wog, zog sie ihren Pullover über den Bauchnabel hoch.
Oma Rosa lächelte.
„Das bist du wohl. Aber am Ende einer lange Reise gibt es viele Koffer zu schleppen.“
„Wleche Kfofer?“
Die Verwunderung des Fräuleins „So-La-La“ war nicht zu überhören. Unter dem Krankenbett stand nichts außer einer kleinen Reisetasche, in welcher sich die spärlichen Habseligkeiten der Großmutter sammelten.
„Wenn du die Geschichte des Reisenden kennst, wirst du es besser verstehen.“
Die Stimme der Großmutter klang kräftiger als zuvor. Während sie sprach, wanderte ihr Blick zu der Tür.

Im selben Moment erlosch der Lärm der Straße, der durch das offene Fenster ins Zimmer waberte.  Die Gardinen hingen wieder schlaff nach  unten.  Der Wind, der eben noch ungeduldig ihre alte Seele eingefordert hatte, war verschwunden, als hätte er sich unter den Fußboden verkrochen.
In den Gängen verhallten die Schritte.  Zuletzt verstummte das Ticken der Uhren, als würde der  hinkende Zwerg,  der auf dem Ziffernblatt seine Runden drehte, für einen Moment innehalten, um der Großmutter die Zeit zu geben, ihre Geschichte zu Ende zu erzählen.
Sie handelte von einem  Reisenden, der  rastlos von einem Ort zum anderen eilte. Auf seiner lange  Reise  bezog er Quartier an wundervollen Plätzen, die ihm eine herrliche Aussicht boten. Dennoch zog es ihn ständig fort.   Nie kreuzten sich seine Wege. Nie kehrte er an die gleiche Stelle zurück.   
Wenn er nachts sein Lager aufschlug, wachte er am nächsten Tag an einem anderen Ort auf.  Wenn er ihn  im Morgengrauen verließ, erkannte er  ihn in der Abenddämmerung nicht wieder.
Zuerst   bemerkte der  Reisende  die  Unterschiede nicht. Aber bald begannen   die Veränderungen größer zu werden.  Menschen, die ihn auf seiner Reise begleiteten, verschwanden spurlos. Dinge, die ihm  selbstverständlich und vertraut waren,  verblassten zu fernen Erinnerungen.    
Irgendwann übermannte den Reisenden die Gier. Der Gedanke, die Kostbarkeiten, an denen er sich nicht satt sehen konnte, zurückzulassen, wurde ihm unerträglich. Er schaffte sich riesige Koffer an. In jedem war genug Platz, eine ganze Elefantenherde hineinzustopfen.
„Endlich kann ich alle Schätze behalten.“, jubelte der Reisende und begann, die Koffer mit Dingen anzufüllen, denen er auf seiner Reise begegnete.
Es fiel ihm nicht leicht, das Wichtige von dem Unwichtigen zu trennen. Bald raffte er alles an sich, ohne sich die Frage zu stellen, ob es Sinn machte, etwas zu behalten.
Seine Koffer füllten sich rasch. Zu den alten Koffern kamen neue hinzu.
Längst hatte der Reisende den eigentlichen Zweck seiner Reise aus den Augen verloren. Das Ankommen und Fortgehen fiel ihm durch das Gewicht der Koffer, die er mit sich schleppte, mit Fortdauer der Reise immer schwerer.
Die Anstrengungen gruben sich tief in sein Gesicht. Seine Haare färbten sich grau. Der Rücken wurde ihm krumm. Und jeder Schritt zur Qual.

In Waggons verladen, erreichte der Zug, der die Koffer transportierte eine Länge, mit der es Tage dauerte, eine einzige Bahnschranke zu passieren.
Eines Tages ereignete sich etwas  Unerwartetes.   Der Reisende verschwand   spurlos von der Bildfläche.    Seine einzige Hinterlassenschaft  waren die  unzähligen  Koffer, die herrenlos  zurückblieben.   Einzig der Blick auf sein Gepäck entschädigte ihn für alle Mühen.
In Waggons verladen, erreichte der Zug, der die Koffer transportierte, eine Länge, bei der es Tage dauerte, eine einzige Bahnschranke zu passieren.
Eines Tages ereignete sich etwas  Unerwartetes.   Der Reisende verschwand   spurlos von der Bildfläche.    Seine einzige Hinterlassenschaft  waren die  unzähligen  Koffer, die herrenlos  zurückblieben.   
„Was ist mit ihm  pasisert?“, heuchelte das Fräulein „So-La-La“ Interesse für das Schicksal des Reisenden.
In Gedanken badete sie bereits in den verwaisten Schätzen.
„In seinen Koffern fand sich kein einziger Hinweis, der Aufschluss über seinen Verbleib geben konnte.“, antwortete die Großmutter.   
„Als man sie öffnete, waren sie allesamt leer.“
Das Fräulein „So-La-La“ war wie vom Donner gerührt.
Wohin waren all  die Kostbarkeiten   verschwunden, die der Reisende gehortet hatte?
„Es hat sie nie gegeben.“, beantwortete die Großmutter die Frage, die sie in den Augen ihrer Enkelin las.

„Das Leben ist eine kurze Reise durch das Licht und das GESTERN, HEUTE und MORGEN sind wundervolle Plätze mit einem herrlichen Blick in die Welt. Aber bei der Abreise bleibt die Aussicht immer zurück. Wer versucht, sie mitzunehmen, vergeudet sein Leben mit Koffern, die leer sein werden, wenn man sie öffnet.“    
Das Fräulein „So-La-La“  spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.   Etwas Unaussprechliches schnürte ihr die Kehle zu.   
Der Reisende war kein Hirngespinst der Großmutter. Er existierte millionenfach in den Gesichtern der Menschen.    
„Niemals.“, schrie das Fräulein „So-La-La“ gegen die schrecklichen Bilder  in ihrem Kopf an.
Die Großmutter blickte ihr lange in die Augen.
„Ich habe meine Aufgabe erfüllt. Nun trennen sich unsere Wege.“
Das Fräulein „So-La-La“ schüttelte unter den Tränen den Kopf. Verzweifelt suchte sie nach einem Weg, etwas festzuhalten, das von ihr fortdrängte.
„Ich lsase dcih nihct gheen.“
Die Großmutter  fasste nach ihrer Hand  und drückte sie fest gegen  die  Brust.  Trotz des eisigen Sturms, der durch ihre Lunge wehte, mischte sich kein Ton  von Traurigkeit in ihre Worte.  
„Meine Koffer sind nicht leer.“, keuchte sie mit letzter Anstrengung.
Das Fräulein „So-La-La“ bemerkte ein Flackern in ihren Augen, als würde sie jemandem ein Zeichen geben.
„Wenn man sie öffnet, wird man dich darin finden.“
Es sollten die letzten Worte sein, die das Fräulein „So-La-La“ aus dem Mund der Großmutter hörte.
Das Rumoren in ihrer Lunge schwoll zu einem lauten Grollen an.
Ihr Blick erstarrte.   Der   Arm  fiel  schlaff auf das Bett zurück. 
Im gleichen Augenblick begannen die Apparate, mit denen sie verkabelt war,  laut zu piepsen.  
Auf dem Gang wurden  Schritte laut.  Eine Tür sprang auf.   Stimmengewirr erfüllte den Raum.  Weiße Mäntel schwirrten  aufgeregt an das Bett heran.
Niemand achtete auf das leise Ticken in der Uhr über der Tür.  Der hinkende Zwerg hatte  seinen unerbittlichen Lauf  wieder aufgenommen.

Eine kräftige Hand fischte das Fräulein „So-La-La“  aus dem Bett der sterbenden Großmutter und zog sie mit sich fort.
Verzweifelt streckte sie ihre Arme aus, als versuchte sie etwas festzuhalten, das ihr entglitt.
Da flüsterte ihr von fern eine Stimme sanft ins Ohr.
„Du musst mich loslassen. Denk an die Krähe.“
Dem Fräulein „So-La-La“ schossen die Tränen in die Augen. Hatte die Großmutter diese Erinnerung in ihrem Kopf wachgerufen? Oder war es ein eigener Gedanke, der plötzlich losgestürmt war, um sie auf das Unvermeidliche vorzubereiten.
Wie viele Dinge hatte das Fräulein „So-La-La“ schon vergessen? Weil sie nicht von Bedeutung waren. Weil sie keine Rolle mehr spielten.
Ihre Krähe würde sie niemals vergessen. Die Erinnerung an sie fühlte sich an wie ein Geheimnis, das jemand in das Ohr einer Puppe geflüstert hatte und nie wieder ans Tageslicht zurückfand. Aber sie war nie ganz aus ihrem Leben verschwunden.
Als würde die Krähe an einer versteckten, stillen Stelle ihrer Seele auf eine Gelegenheit warten, auf ihre Schulter zu springen und den Flügel wieder um ihren Hals zu legen. Wie in jenem Winter, als sie direkt aus dem Himmel vor ihre Füße fiel.
Alles begann bei einem gemeinsamen Abendspaziergang mit der Mutter in einem Park am anderen Ende der Stadt.
Der Himmel hatte sich bereits dunkel gefärbt, als über ihnen ein wildes Gekreische losging. Zwei dunkle Schatten rasten aufeinander zu und verschmolzen zu einem Knäuel, das nach kurzen, wilden Schlägen auf die Erde zuraste.
Sekunden später schlug es um Haaresbreite neben dem Fräulein „So-La-La“ und ihrer Mutter ins Gras. Im Aufprall zersprang das Knäuel wieder in zwei Teile. Aus einem erhoben sich zwei riesige Flügel, die sich  dicht  über ihren Köpfen hoch schwangen und im Himmel verschwanden. Der andere Teil blieb reglos zurück.
Neugierig eilte das Fräulein „So-La-La“ darauf zu. Zu ihrer Enttäuschung war kein Stern vom Himmel gefallen. Vor ihren Füßen lag ein ein schwarzer Vogel zitternd auf dem Boden.

Die Mutter hob ihn vorsichtig hoch.
Was dem Fräulein „So-La-La“ beinahe auf den Kopf gefallen war, entpuppte sich als eine junge Krähe.
Sie sah übel zugerichtet aus. Der nächtliche Jäger, dessen Beute sie fast geworden wäre, hatte ihr mit seinen Krallen einen Flügel gebrochen und eine blutige Schneiße durch das schwarze Krähengefieder gezogen.
Die flehenden Augen des Fräuleins „So-La-La“ ließen der Mutter keine Wahl. Sie nahm ihren Schal vom Hals und wickelte den Vogel darin ein.
Der Fahrer des herbeigerufenen Taxis blickte misstrauisch auf das blutige Bündel in ihren Händen.
„Wir müssen etwas retten, das aus dem Himmel gefallen ist.“, erklärte ihm die Mutter die Eile.
„Es scheint bloß eine  Krähe zu sein.“, schüttelte der Fahrer verständnislos den Kopf.
Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass  er sich um die Sitze des Taxis mehr sorgte als um den blutenden Vogel, den die Mutter in den Armen hielt.
„Es ist die schönste Krähe der Welt.“, wies ihn das Fräulein „So-La-La“ scharf zurecht, bevor sie zu ihm in den Wagen stieg.
Zuhause hatte der Vater bereits alles für den angekündigten Notfall vorbereitet.   Auf dem  Küchentisch lag Verbandsmaterial bereit.   Ein Topf mit Wasser kochte auf dem Herd.   Es wurde eine lange Nacht.  Ein  gebrochener Flügel musste geschient und das zerrupfte Krähengefieder wieder hergestellt werden.
Als das Fräulein „So-La-La“ am nächsten Morgen erwachte,  galt ihr erster Blick der Schuhschachtel neben ihrem Bett,  in der eine Krähe hockte und sie misstrauisch beäugte.   
„Du hsat wnuderbare Aguen.“, eröffnete das Fräulein „So-La-La“ verlegen das Gespräch mit dem  neuen Zimmergenossen.
„Und enien herlrich lnagen Schnbael.“
Die Krähe drehte den Kopf zur Seite, als wäre sie unentschlossen, ob sie sich  beleidigt oder geschmeichelt fühlen sollte.
Schnell wurde klar, dass ihr Aufenthalt nicht auf wenige Stunden begrenzt war.   Ein gebrochener Flügel heilte nicht über Nacht.

Der Vater besorgte  einen großen Käfig und stellte ihn in das Zimmer des Fräuleins „So-La-La“. Die Mutter kaufte Futter für einen ganzen Winter.
In den folgenden Wochen verbrachte das Fräulein „So-La-La“ viele Stunden mit ihrer Krähe, die so unerwartet aus dem Himmel auf sie herabgefallen war.
Endlich hatte sie Gesellschaft, die  sich nicht an dem verrückten Clown störte, der in ihrem Mund saß. Bald waren sie unzertrennlich.
Nachts öffnete das Fräulein „So-La-La- heimlich den Käfig. Dann sprang die Krähe auf ihre Schulter und legte einen  Flügel um ihren Hals. So hockten sie bis zum Morgengrauen.
Das Fräulein „So-La-La“ erzählte der Krähe von ihrem Traum, eine Geschichte zu sein, die um die Welt reiste.  Und die Krähe flatterte aufgeregt mit dem  heilen Flügel, geradeso als  wollte sie mitfliegen.  
Es war eine wunderbare Zeit. Nur einmal fühlte sich das Fräulein „So-La-La“ traurig. Als sie mit der Krähe im Arm im Bett schlief, funkte die Mutter dazwischen.
„Man nimmt keine Krähe mit ins Bett.“, fauchte sie, als fürchtete sie Löcher in  ihrer Wäsche.
„Ihr könnt Euch ein Luftschloss bauen.“, flüsterte die Großmutter dem Fräulein „So-La-La“ heimlich ins Ohr, dass es die Mutter nicht hörte.
„Dort könnt ihr dann gemeinsam wohnen. Eine halbes Limonadenglas tief und eine Schokoladenbreite lang. Bis der Mond wieder aus den Wolken taucht und euch nach Hause schickt.“
Das Fräulein „So-La-La“ starrte die Großmutter mit ratlosen Augen an.
Wie baute man ein Luftschloss?  Und wo war das Land dafür?
Die Großmutter lachte über diese Fragen.
„Luftschlösser brauchen kein Land.“, erklärte sie dem erstaunten Fräulein „So-La-La“
„Ihr Fundament liegt in den Wolken.  Als Baumaterial genügt etwas Rauch und Spucke. Sie haben  keine  Türme und Zinnen. Auch keine Zugbrücken und Wassergräben.  Es gibt keine Türen und keine Schlüssel, um sie zu versperren. In einem Luftschloss ist alles möglich und nichts wirklich.“

Noch am gleichen Abend machte sich das Fräulein „So-La-La“ an die Arbeit. Das Schloss war schnell fertig gebaut. Auf einer Wolke, die sich gerade vor den Mond schob, ragte es hoch in den Himmel hinauf. Mit Mauern aus Rauch und Spucke und einem hohem Turm in der Mitte, wo sie mit ihrer Krähe saß und die Sterne zählte, die aus der Dunkelheit leuchteten.
Die gemeinsamen Nächte vergingen wie im Flug. Langsam wuchsen der Krähe neue Federn über die alten Narben.   Der Tag kam,  an dem der  Vater die Schiene von  dem gebrochenen Flügel entfernte.   
Die  Vertrautheit blieb.   Jede Nacht saß die Krähe auf den Schultern des „Fräuleins So-La-La“ und blickte aus dem Fenster in die Ferne.
Als der Frühlingswind den Winter aus dem Land blies, hackte sie mit dem Schnabel gegen die Gitterstäbe des Käfigs und begann aufgeregt mit den Flügeln zu flattern.
„Deine Krähe ist nicht geschaffen,  in einem Käfig zu leben.“,  bemerkte die Mutter als erste die Veränderung.
Das Fräulein „So-La-La“ aber war blind vor Liebe.
„Die Kärhe ist glcüklich bei mir.“, wollte sie das Unvermeidliche nicht wahrhaben.
„Ihre Flügel sagen etwas anderes.“, antwortete die Mutter.
„Vielleicht sollten wir es die Krähe selbst entscheiden lassen.“
Nach langem Hin und Her willigte das Fräulein „So-La-La“ ein. Gemeinsam mit der Mutter  trug sie den Käfig ins Freie.  Im Garten hinter dem Haus öffnete sie den Verschlag.  Die Krähe hüpfte heraus. Sie drehte ihren Kopf zu dem Fräulein „So-La-La“, als wollte sie um Entschuldigung bitten.
Dann streckte sie ihre Flügel aus. Beinahe federleicht erhob sie sich in die Luft und schwebte zu den Bäumen hoch. Für eine Weile kreiste sie über dem Dach des Hauses, bis der Wind sie langsam höher trug.  
Das Fräulein „So-La-La“ schossen die Tränen in die Augen, als ihre Krähe in den Wolken verschwand. Es folgten traurige Tage. In den Nächten wartete sie vergeblich in ihrem Luftschloss, dass die Krähe auf ihre Schulter sprang und den Flügel um sie legte. Sie kehrte nie wieder zu ihr zurück.

„Warum hbae ich sie freigelsasen?“, machte sie sich bittere Vorwürfe, auf den Vorschlag der Mutter eingegangen zu sein.
„Du hast das Richtige getan.“, tröstete sie die Großmutter.
„Das Loslassen ist die Größte aller Lieben. Was immer das Schicksal bereit hält für Deine Krähe? Keine Liebe kann größer sein, als die Liebe, die ihr die Freiheit schenkte, über den Wolken zu fliegen mit dem Wind ihren Flügeln und der grenzenlosen Weite vor sich.“
„Ich habe sie losgelsasen, wiel ich sie gelibet hbae.“, schluchzte das Fräulein „So-La-La“ und war beinahe stolz auf sich, ohne zu wissen warum.
„Ich finde keine andere Erklärung.“, antwortete die Großmutter.
Die Bilder im Kopf des Fräuleins „So-La-La“ verschwammen. Das Stimmengewirr der Ärzte drängte sich wieder in den Vordergrund.
Auf dem Gang des Krankentraktes, wohin man sie verbannt hatte,  blieb das Fräulein „So-La-La“ untröstlich.  Mehrfach versuchte sie, sich von der Mutter loszureißen und in das Krankenzimmer der Großmutter zurück zu stürmen.
Nach dem dritten Anlauf erlahmten ihre Kräfte endlich. Ein erlösender Dämmerzustand umfing sie. Im Halbschlaf bemerkte sie, wie der Boden unter ihr zu zittern begann. Die Wände wackelten. Die Fensterscheiben klirrten.
Das Fräulein „So-La-La“ blickte erschrocken auf.
Vom Ende des Ganges sah sie ihn mit weit ausholenden Schritten heran eilen. Sie erkannte ihn sofort. Es war der Riese, der sie aus den Klauen des Fiebers gerettet hatte.
Der Schatten den er warf, erstreckte sich über die ganze Länge des Krankenflurs.
In seinen Händen schwenkte er das Fläschchen mit der rettenden Medizin für die Großmutter.
Jubelschreie ausstoßend winkte ihn das Fräulein „So-La-La“ zu sich heran. Mit hochgestreckten Armen wies sie ihm den Weg. Niemand würde es wagen, sich diesem  Koloss in den Weg zu stellen, der mit seinen baggerschaufelgroßen Händen die Sterne wie Murmeln vom Himmel pflückte.
Schon schöpfte das Fräulein „So-La-La“ neue Hoffnung für ihre Großmutter- Alles schien bereits zum Guten gewendet. Da passierte etwas Unerwartetes.
Kaum hatte der Riese den Fuß über die Schwelle des Krankenzimmers gesetzt,   begann er sich zu verwandeln.

Mit  jedem Schritt  büßte  er  an Größe ein. Mit jedem Atemzug wurden seine Schultern schmäler, die Arme dünner und die Beine kürzer.   
Bevor die Hälfte der Strecke hinter ihm lag,   war er   zu einem dürren  Männchen geschrumpft, das  sich mühsam vorwärts schleppte.   In der gleichen Zeitspanne dehnte  sich das Krankenzimmer zu einem riesigen Saal auseinander.   
Das Bett, in dem die Großmutter  ihr Leben aushustete,  verlor sich als winziger Punkt am Horizont.
Aus wenigen  Schritten wurde eine lange  Reise.    Auf den letzten Metern  verkümmerte der Riese zu einem  Zwerg,   der eine  Flasche auf seinem Rücken schleppte, die ihn um das Doppelte überragte.   
Als  er  nach endlosen Mühen  das Bett  der Großmutter  erreichte,  war es zu spät.  Die Medizin, die er auf ihre Lippen träufelte,   konnte sie nicht mehr retten.   Oma Rosa hatte  sich in  eine  leere Hülle verwandelt.
„Wir haben alles versucht.“,  riss  eine tiefe Bassstimme das Fräulein „So-La-La“ aus ihrem Traum.  Eine Armlänge von ihr entfernt   erhob sich  die   riesenhafte Gestalt eines Arztes, der mit ihrer Mutter sprach.
Beim Anblick der Ampulle, die er zwischen seinen Fingern rollte, erbleichte das Fräulein „So-La-La“.    Es war das  Fläschchen,  das der Zwerg   an das Bett der Großmutter geschleppt  hatte.  
Die Mutter biss sich die Lippen schmal.   Das Makeup unter ihren Augen   verschmierte  zu einem  dunklen Fleck. Sie schwieg.  Es gab nichts zu sagen.
Die Seele von Oma Rosa hatte ihre Flügel ausgebreitet.
In den kommenden Tagen fühlte sich die Welt  an,   als wäre sie gleichzeitig  von einem Erdbeben und  einem Orkan  verwüstet worden.   
Ein  Erdbeben riss Straßen auf und  verwüstete ganze Landstriche. Die Wucht eines Orkans fegte  Dächer von den Häusern und knickte Strommasten  wie Streichhölzer.   Aber wenn sich die Urgewalten ausgetobt hatten, wurden die Straßen geflickt,   die  Häuser wieder  aufgebaut und  die  Stromleitungen erneuert.
Die Lücke, die der Verlust der Großmutter in der Seele hinterlassen hatte, konnten keine Baggerschaufel und kein Baukran schließen.
Die  Welt war ein einsamer    Ort geworden.   Jede Tür  führte in einen verlassenen  Raum. Jeder Blick  endete  an einem verwaisten Platz.
Die Leere  breitete sich mit rasender Geschwindigkeit   aus.   Sie  lachte aus den gerahmten Fotografien  an den Wänden.  Sie   kauerte auf dem Stuhl in der Küche.  Sie winkte aus dem Ledersessel im Wohnzimmer.  Sie verfing sich an den Kleidern in den Schränken.   Sie wühlte sich durch die Wäsche in den Schubladen.   Sie schlief in den kalten  Bettlaken.  

Aus allen Dingen  strömte die gleiche Traurigkeit.   Als wüssten sie um die Vorbereitungen für ihre letzte Zusammenkunft,  bevor ein ungewisses Schicksal sie für alle Zeiten  zerstreute. 
Am Abend nach dem Begräbnis der Großmutter   träumte das Fräulein  „So-La-La“ von einem riesigen Ozean, der an der tiefsten Stelle leck geschlagen war. Bald entstand auf seiner   Oberfläche  ein gewaltiger  Wirbel, der  alles ins Verderben stürzte, das in seinen Sog geriet. 
Obenauf tanzten die Wellen ein letztes Mal mit dem Wind, bevor sie  in einen bodenlosen Abgrund hinunter stürzten.  Nach ihnen verschwanden die Schiffe  mit ihren Netzen und allen Fischen darin.
Eine weiße  Gischt  kämpfte bis zuletzt.  Mit der Hingabe  einer  traurigen Tänzerin  warf sie sich dem Himmel entgegen.  Noch in der Luft zerplatzte  sie in abertausende winzige Tropfen.   Dann  riss  auch   sie der Sog mit  in  die Tiefe.   
An dieser Stelle  fuhr  das Fräulein „So-La-La“  aus dem Schlaf.   
Im Raum herrschte  eine gespenstische Ruhe,  als würde kein Herz mehr auf der Erde schlagen.  Dabei war nur  ein einziges verstummt.
Mit der Zunge schleckte das Fräulein „So-La-La“   das   Rinnsal fort, das sie  auf der Lippe kitzelte.   Es schmeckte salzig wie der letzte Tropfen eines verschwundenen  Ozeans.
Auf der Flucht vor der Leere, die sie auf jedem Schritt verfolgte, verbrachte  das Fräulein „So-La-La“ die Tage   in ihrem Versteck   unter dem Küchentisch.   
Einmal duckte sie sich nicht rechtzeitig und stieß mit dem Kopf  gegen die Tischplatte.
Der Schreck darüber war groß. Der pochende Schmerz rief ihr ins Bewusstsein, wie sehr ihr Leben in den letzten Tagen anders geworden war.
Sie war kein Mädchen mehr, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne sich den Kopf  anzustoßen.
Noch mehr als die Beule schmerzte sie der Gedanke,  erwachsen zu sein, bevor sie den Ort gefunden hatte, an dem das Herz der Großmutter weiter schlug.
Mit den übrigen Habseligkeiten war ihre  schwarze Hornbrille   im Krankenzimmer zurückgeblieben. Ohne die dicken Gläser  auf der Nase sah Oma Rosa die Hand vor Augen nicht. 

„Wie soll sie mich wiedererkennen, wenn aus mir eine dicke Eiche geworden ist?“,  ängstigte sich das Fräulein „So-La-La“.
Es blieb ihr ein einzige Möglichkeit, die Monate und Jahre zu überdauern, ohne bis zur Decke hochgewachsen zu sein. Sie kauerte sich in die dunkelste Ecke ihres Verstecks in der Hoffnung, von der Zeit vergessen zu werden. Während  sie sich die Beule am Kopf rieb, wurde  ihr plötzlich  schwarz vor Augen.
Wie lange sie unter dem Küchentisch   ausgeharrt  hatte, blieb ein Rätsel.   Jedenfalls lange genug, dass die Mutter auf allen Vieren nach ihr die Wohnung absuchte.
Als das Fräulein „So-La-La“  die Augen öffnete, stellte sie zu ihrem Schreck fest,  dass sie nicht alleine war.   Ein dunkler Schatten kroch langsam auf sie.
Im Glauben,  der humpelnde Zwerg, der in den Uhren hauste, hätte ihr Versteck aufgestöbert,  empfing sie den Eindringling mit Fußtritten und wild um sich schlagenden Armen.
Erst der ohrenbetäubende Knall mit dem der Geduldsfaden der Mutter in der Mitte entzwei riss, beendete  die blinde  Raserei.    
Entsetzt über die blutige Spur, die sie im Gesicht der Mutter hinterlassen hatte,  wich das Fräulein „So-La-La“   zurück.
Wohlerzogene  Töchter traten ihre Mütter  nicht  mit Füßen.  Noch weniger rissen sie ihnen  die Haare büschelweise vom Kopf.  Und schon gar  nicht kratzten sie ihnen mit den Fingernägeln das Gesicht blutig.    
Während  die Mutter ins Badezimmer eilte, um sich das Blut aus den zerfleischten  Wangen zu waschen,   fieberte das Fräulein „So-La-La“ unter dem Küchentisch  ihrer Strafe entgegen.  
Bange Minuten  vergingen, bis das Klappern der Schuhabsätze auf dem Küchenboden die Rückkehr der Mutter  ankündigte. 
Das Fräulein „So-La-La“  rechnete mit Schlimmsten.  Aber an diesem Tag blieben die Posaunen des Weltuntergangs  stumm. 
Stattdessen rief eine sanfte Stimme nach ihr.
„Sie fehlt mir nicht weniger als dir.“ 
Das Fräulein „So-La-La“ traute dem Frieden nicht.  Vorsichtig streckte sie den Kopf unter dem Küchentisch hervor.  
Nach einem kurzen Zögern fasste sie nach der  Hand, die ihr die Mutter entgegenstreckte.  Sie fühlte  sich warm und vertraut an.  

Bei einer Tasse Schokolade saßen sie am Küchentisch einander gegenüber und schwiegen.
Die Mutter kramte in ihrer Tasche. Sie zog eine alte Schwarzweißfotografie heraus und legte sie auf den Tisch.    
Das Fräulein „So-La-La“ drehte den Kopf zur Seite.    Sie wagte  nicht, das Bild anzusehen. 
Die Mutter nahm das Bild und hielt es ihr unter die Nase.    Es zeigte das  Gesicht  einer jungen Frau zu sehen, deren Züge der Mutter zum Verwechseln ähnlich waren.  
Die Großmutter war in ihren jungen Jahren keine knorrige Eiche gewesen.   Auf dem Bild lächelte eine junge Frau mit glatten Wangen einer fernen Zukunft entgegen, die inzwischen Vergangenheit geworden war.
„Sieh dir das Gesicht genau an.“,  forderte die Stimme der Mutter.
„Es wird dir helfen, dich deiner Aufgabe zu stellen.“ 
 „Weclhe Aufgbae?“,  stotterte der verrückte Clown im Mund des Fräuleins „So-La-La“.
Die Mutter hielt das Foto neben ihr Gesicht.
Die Ähnlichkeit mit der Großmutter in jungen Jahren war unübersehbar.
„Im gleichen Maß wird  dein Gesicht   eines Tages  an mich erinnern.“, lieferte die Mutter die Erklärung, warum sie das Foto an ihre rechten Wange hielt.
„Das Bild beweist,  dass niemand aus der Welt verschwindet, solange er jemanden darin zurücklässt.“
Der Zeigefinger  des Fräuleins „So-La-La“ zuckte nervös.  Als sie ihn unter der Bluse verschwinden lassen  wollte,  kam ihr die Mutter zuvor.  Sie packte  den Zeigefinger   und  führte ihn an ihr eigenes Herz.
„Ich bin, weil deine Großmutter vor mir gewesen ist.“, erklärte sie ihr rätselhaftes Verhalten.    
Ohne Zutun  der Mutter änderte der Zeigefinger plötzlich  seine Richtung. 
Erschrocken duckte sich das Fräulein „So-La-La“  zur Seite.    Zu spät.   Der  spitze Fingernagel, der Minuten vorher das Gesicht der Mutter aufgepflügt hatte,    stach  sie  mitten in die Brust.    Für einen kurzen Moment  hallte  das Echo eines vertrauten Klanges  in ihren Ohren.   Bevor sie ihm einen Namen zu geben wusste, riss ihn die Stimme der Mutter wieder  mit sich fort.  

„Du bist, weil ich vor dir bin.“,  sagte sie.  
Abermals  bewegte sich der Zeigefinger.  Dieses Mal drehte sich seine Spitze  zur  Tür.  Die Stimme der Mutter folgte ihm.
„Andere werden sein,  weil sie in der  Reihenfolge  nach dir kommen.   Zusammen bilden wir eine untrennbare Kette, an der jedes  Glied alle andere miteinander verbindet.
Solange du bist, werden deine Großmutter und alle, die vor ihr waren, zu dieser Welt gehören.  Keiner kann ohne den anderen existieren.   Du  wärst nicht hier ohne die anderen.  Die anderen könnten nicht  bleiben ohne dich.“
Es war der Moment,  in dem im  Kopf des Fräuleins   „So-La-La“ eine gewaltige Explosion zündete.
Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, sah die Welt aus wie zuvor.  Keine Decke war eingestürzt.  Keine Glasscheibe lag in Scherben.  Kein Putz bröckelte von den Wänden. Und doch war kein Stein auf dem anderen geblieben.
Etwas Neues strahlte in der Welt. Etwas, das sie bisher noch nicht gesehen hatte. Der   Clown  im Mund des Fräuleins  „So-La-La“   schlug vor Freude wilde Purzelbäume.
„Wie lnag ist  die Ktete?“
„Sie zieht sich vom Anfang bis zum Ende aller Tage.“, antwortete die Mutter.
Das Fräulein „So-La-La“  wollte es genauer wissen. 
„Riecht  sie bis in die Stienziet zurcük?“, 
Im Gesicht der Mutter blitzte  das  rätselhafte Lächeln einer uralten Seele auf.
„Bis dorthin und noch viel weiter.“,  sagte  sie.
Vor Aufregung verschlug es dem Fräulein  „So-La-La“ die Sprache.  Ein heftiger Schwindel packte sie.  Die Welt drehte sich im Kreis. Die unsichtbare Kette bildete den Schlüssel zu allem.  Durch sie war sie  untrennbar mit ihrer Großmutter  verbunden.  Sie musste nichts weiter tun, als ihr folgen. Wo sie aufhörte, befand sich der Ort, an dem ihr Herz weiter schlug.
Vor ihren Augen blitzten die Gesichter auf, die an dieser Kette durch die Jahrhunderte gegangen waren.  Es waren alte und junge Gesichter.   Alle  Zeitalter spiegelten sich in ihnen. In einer endlosen Reihe zogen sie an ihr  vorüber.  Nie blieb eine Lücke zwischen ihnen. Nie riss die Kette an einem Glied ab.  Aufrecht marschierten die einen.

Gebückt schlichen die anderen vorbei. Manche lachten. Andere trugen ernste Mienen zur Schau. Viele warfen Kusshände.
Am letzten Zipfel des Zuges entdeckte sie endlich  das Gesicht,  nach dem sie verzweifelt Ausschau hielt.  Es strahlte  jung und lebendig,  wie auf  dem Bild in der Hand ihrer Mutter.
Ein wohliger Schauer durchzuckte das Fräulein  „So-La-La“.  Stolz nahm sie die schier endlose Parade ab.
„Ich kann sie alle  sehen.“,  jubelte sie.
„Oma Rosa spaziert  mitten unter ihnen.  Sie winkt mir zu.“
Der  Kummer, der sie unter den Küchentisch getrieben hatte,   war  wie weggeblasen.   Die Angst besaß keine Macht mehr  über sie.   Weder wuchsen ihr  spitze Zähne, um zu beißen.  Noch hatte sie  scharfe Krallen, um zu kratzen.
Plötzlich  funktionierte ihre Zunge   einwandfrei.    Jeder Buchstabe  traf den  richtigen Ton.  Das S war auf seinem Platz,   wo es gebraucht wurde.  Nirgendwo hoffte man vergebens auf ein A.   Das  R rollte an die richtige Stelle.    Und nie wieder  verpasste ein U seinen Einsatz.
Es geschah wie es die Großmutter vorhergesagt hatte.  Die Zunge  hörte auf, ein übermütiger Clown zu sein,  als  die Zeit dafür  reif war.
Vor  Aufregung bemerkte das Fräulein  „So-La-La“ die Veränderung nicht.   Sie war zu beschäftigt damit,  das Geheimnis ihres Daseins zu entschlüsseln.  
Nie hatte ihr Verstand besser funktioniert. Nie war ihr Blick klarer gewesen. 
Das Blut, das in ihren Adern floss, war älter als jedes Gemäuer.  
Es war älter als die Wehrburgen des Mittelalters.   Noch älter als die Pyramiden in Ägypten.
Zum ersten Mal wusste sie um  die Kraft des Herzens in ihrer Brust.  Es hatte lange vor den Glocken der Kirchtürme  zu schlagen begonnen. Und solange Menschen auf der Welt wandelten,  würde sein Klang  nicht mehr verstummen. 
Sie verstand, warum  die Großmutter keine Angst  hatte,   als ihre Seele die Flügel ausbreitete. Die Kette,  die  sie unauflöslich mit ihr verband,  nahm dem Unausweichlichen seinen Schrecken.  Der Tod konnte ihr nichts anhaben. Zu groß war die Übermacht, die ihm entgegenstand.   Zu weit reichten ihre Wurzeln zurück.  Zu tief hatten sie sich eingegraben.

Freudestrahlend blickte das Fräulein  „So-La-La“  zu ihrer  Mutter hoch. 
Auge in Auge erkannten sie einander. Sie waren zwei Glieder der gleichen Kette, die ineinander verschlungen blieben bis ans Ende aller Tage.
Plötzlich wurde alles Schwere  leicht. 
Das Fräulein  „So-La-La“   fühlte sich wie  eine Feder, die im Wind einer hellen Sonne entgegen tanzte. Niemals zuvor  hatte  sich das Leben schöner  angefühlt,   als in diesem Augenblick.  Die Tränen in ihren Augen  waren  Freudentränen. 
Die  Großmutter  war nicht in einem dunklen Loch auf  dem Friedhof verschwunden.
Voller Stolz streckte das Fräulein „So-La-La“  ihren Zeigefinger in die Höhe.   Es gab keinen Grund mehr,  ihn unter der Bluse zu verstecken.  Er hatte ihr den Weg zu dem Ort gewiesen,  an dem das Herz  von Oma Rosa weiter schlug.
Wenn  das Fräulein „So-La-La“   die flache Hand gegen  ihre eigene   Brust drückte,    hörte  sie  seinen vertrauten  Klang.     Das Herz der Großmutter  schlug  laut und deutlich mitten in ihr.

„Das Ende in den Büchern ist kein Ende. Man muss nur auf die erste Seite zurückblättern. Schon beginnt die Reise von neuem.“