Das Archiv der Bücher 01)

1.)  Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein „So-La-La“ den verrückten Clown in ihrem Mund überlistet und einen neuen Namen bekommt

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Alle  Welt rief  sie Fräulein „So-La-La“.  Es war ein  eigenartiger Name für ein Mädchen,  dessen Alter sich an den Fingern einer Hand abzählen ließ. 
Aber in einer Welt, die übervoll ist mit seltsamen Namen, ver-schwendete niemand einen Gedanken, ob es mit ihm seine Richtigkeit hatte. Man nahm ihn mit der gleichgültigen  Selbstverständlichkeit hin wie jede andere Anrede auch. 
Nicht weniger  ungewöhnlich als  der Name waren die Umstände, die zu seiner Entstehung geführt  haben.  Er hatte keine Vorgeschichte.  Er   tauchte plötzlich  aus dem Nichts auf. 
Es fand sich weder  ein passender Eintrag in einem  Namensregister. Noch ließ er sich auf  einen Schreibfehler in der Geburtsurkunde zurückführen.  Seine Herkunft blieb auch nach einem Blick in die Geschichtsbücher rätselhaft.  Es existierte kein früherer Träger dieses Namens.
Tatsächlich wurde dem   Fräulein „So-La-La“   die zweifelhafte  Ehre zuteil,  seine erste Besitzerin zu sein.  Ihre Begeisterung darüber  glich im Mindesten der  Freude, die jemand hat, der im  Spiegel eine Warze auf seiner Nase entdeckt. 
Es brauchte lange, bis sie sich an ihn gewöhnte. Und der Annäherung ging ein zähes und feindseliges Ringen voraus.   
Den Namen  scherte es wenig,   ob  das Fräulein „So-La-La“  Gefallen  an ihm fand.  Er  fegte einfach über sie  hinweg,  wie ein aus heiterem Himmel ausbrechendes Unwetter.  
In welchem Ausmaß er das Leben des Fräuleins „So-La-La“ veränderte, wurde umso deutlicher, als es gar nicht ihr richtiger Name war.    
In Wahrheit hieß sie  Sophie-Laura. Der Ruf dieses Namens war tadellos. Er bot keinerlei  Anlass für  gestreckte Zeigefinger, hochgezogene Augenbrauen oder mitleidige Stimmen.  
Überhaupt gab es nicht das Geringste an ihm auszusetzen.    Keine Silbe hörte sich  falsch oder verbogen an.   Sein klarer Klang schmeichelte  sich in jedes   Ohr.  Selbst schweren Zungen tänzelte  er leichtfüßig über die Lippen.
Die  leichte  Eitelkeit, die ihm angekreidet wurde,  war seiner  prunkvollen Vergangenheit geschuldet.  Die Geschichtsbücher berichteten   über eine Unzahl berühmter Vorbesitzerinnen.

Im Fall des Fräuleins „So-La-La“  passte der Name Sophie-Laura  wie maßgeschneidert.  Er  verlieh einem gelungenen Bild den passenden Rahmen zu geben.
Wie jedes Meisterwerk  bedurfte auch dieses keiner langatmigen Deutungen. Seine Schönheit sprach für sich selbst.
So wäre die Geschichte des Fräuleins „So-La-La“ um ein Haar  schon wieder zu Ende gewesen, noch ehe sie richtig begonnen hatte.  
Als sie jedoch den Mund öffnete und die ersten Worte plapperte,  spitzte die   Welt neugierig  die Ohren. 
Schon nach wenigen Sätzen wurde deutlich, dass  etwas Ungeheuerliches im Gange war. Das makellose Bild stürzte vor aller Augen aus seinem Rahmen. 
Als wäre nicht  genug Schaden angerichtet, vollzog es sich  mit einem unüberhörbaren Scheppern und Klirren.
Aus heiterem Himmel   spielte  die Zunge des Fräuleins „So-La-La“  verrückt.   Sie  gebärdete  sich wie ein Clown in der Manege und gefiel sich darin, mit Worten Unheil zu stiften.
Das allergrößte Vergnügen  bereitete es ihr, den  Namen Sophie-Laura  in Unordnung zu bringen.
Artig streckte das Fräulein „So-La-La“ jedem Besucher die Hand zum Gruß entgegen.
Voller Stolz stellte sie ihren klingenden Namen zur Schau. Oder versuchte es zumindest.
Denn bevor sich  seine schmeichelnde Melodie  entfalten konnte,  packte ihn die Zunge mit boshafter Raffinesse.   Sie  schüttelte und rüttelte   ihn durch,   bis er jede Orientierung verloren hatte und  nicht mehr wusste,  was an ihm vorne und hinten  war.
Da fand sich ein A, wo keines hinpasste.  Da hörte man ein L, wo keines sein sollte. Da hoffte man verzweifelt auf ein F, wo es dringend  gebraucht wurde.  Da wartete man vergeblich auf ein U und ein R, wo sie unabkömmlich waren.
Seiner lautmalerischen Pracht beraubt blieb von dem Namen am Ende ein trauriges „So-La-La“ übrig.
Für seine Besitzerin brach eine Welt zusammen.
Das Fräulein „So-La-La“  hatte ihren Namen bis zu diesem Tag mit dem gleichen Stolz zur Schau getragen  wie ein  König seine Krone, ein General seine Orden oder ein  Pfau sein Federkleid.    
Umso größer war das  Entsetzen,  als  die Zunge  anfing, Unfug mit ihm zu treiben.  Jäh ging ihr  jede Freude daran verloren.

Bei dem bloßen Gedanken an ihn  ergoss sich  ein kalter  Schauer über ihren Rücken.  Gerade so,  als würde sie   in das grelle  Licht eines Scheinwerfers   starren, der das Antlitz einer hässlichen Fratze beleuchtete.
Bald  fürchtete sie sich davor,  den Namen in den Mund zu nehmen. 
Schon bei der ersten Silbe schlug ihr das Herz  bis zum Hals. Die  Kehle schrumpfte zu einem engen Nadelöhr. Ihre Lippen zitterten wie Espenlaub.
„S-o-p-h-i-e-L-a-u-r-a.”,     presste sie mit zum Zerreißen gespannten Stimmbändern hervor.    
Auf eine solche Gelegenheit hatte der Störenfried zwischen ihren Milchzähnen   nur gewartet.  
Mit der  Kaltblütigkeit eines Wegelagerers, der harmlosen Reisenden auflauerte, um sie ihrer Habseligkeiten  zu berauben,  stürzte er sich auf die wehrlose Beute.
Der ungleiche Kampf war schnell entschieden.
 „So-La-La.“,  verhallten die Überreste des geschändeten Namens  im Äther des Wohnzimmers.
Zu diesem Zeitpunkt  ahnte das Fräulein „So-La-La“   nicht, dass sein tonales Elend den Beginn jener Ereignisse markierte, die ihr Leben auf den Kopf stellen und  sie tief ins Getriebe der Welt führen  würden. 
In ihrer äußeren Erscheinung   unterschied sie  sich wenig  von anderen Mädchen gleichen  Alters.  Sie war schmal wie eine Scheibe Brot, wog weniger als ein Sack Hühnerfedern und passte aufrecht unter jeden Küchentisch, ohne mit dem Kopf anzustoßen.  
Die rotblonden Locken auf ihrem Kopf   umstrahlten sie wie eine aufgehende Morgensonne.   Auf ihrer Nase versammelten sich  mehr Sommersprossen als sie Zähne im Mund hatte.   Und zogen sich die Lippen zu einem Lächeln auseinander,   erblühte  ihr Gesicht  wie ein frisch gepflückter Blumenstrauß.
Hinter den blaugrünen Augen verbarg sich die hektische  Betriebsamkeit  eines glasklaren Verstandes, der seinem Alter weit voraus war.   Seinen Kern bildete ein Räderwerk, das mit der Genauigkeit eines Schweizer Uhrwerks lief.

Es war  imstande, die kompliziertesten Gedanken zu fabrizieren. Doch sobald sich  die präzise ineinander verzahnten  Räder  in Bewegung setzten,  begann das Verhängnis.
Die Stimme des Fräuleins „So-La-La“  überschlug sich,  als würde sie  über Steine stolpern. Die Worte und Sätze verrutschten zu einem Buchstabenwirrwarr, dessen lautmalerisches Durcheinander auch für geübte Ohren nicht zu enträtseln war.
Der Clown in ihrem Mund genoss seinen Triumph in vollen Zügen.   Mit dem Eifer eines fiebrigen Bildhauers zertrümmerte er  jeden Laut,  der in seine Fänge geriet.
Komische Figuren waren sie allesamt in  ihren seltsamen Verdrehungen und Verrenkungen.
Am Allerlustigsten waren sie anzusehen, wenn sie der Vater des Fräuleins  „So-La-La“ auf Papier niederschrieb.
„Ich wusste gar nicht, dass Wörter Grimassen schneiden können.“, lachte er.
Das Leben der bedauernswerten Kreaturen währte meist nicht länger als das Leuchten einer Sternschnuppe.
Kaum stolperten sie dem Fräulein  „So-La-La“ über die Lippen,  wurden sie vom  Lärm der Welt wieder verschluckt. Kein menschliches  Ohr hat je wieder von ihnen gehört. Den allerwenigsten dieser sonderbar klingenden Tongeschöpfe war eine Wiederholung vergönnt. Als ahnten sie ihr kurzes  Dasein,   genossen sie  den   zweifelhaften Ruhm, der ihnen zuteil wurde,  in vollen Zügen.
In der Pose eitler Schauspieler badeten sie im Applaus eines belustigten Publikums.
Hin und wieder ergriffen allzu zwielichtige Klänge die Gelegenheit beim Schopf, um in die Freiheit zu entwischen.
Aus dem Mund des Fräuleins „So-La-La“ kroch dann Schauriges, das Gänsehaut hervorrief und Haare zu Berge stehen ließ.
Eine Zunge, die in solchen Kreisen verkehrte, wurde von den  feinen Ohren ganz und gar nicht willkommen geheißen.

In der ersten Zeit setzte es hochgezogene Augenbrauen. Alsbald schlossen sich gestreckte Zeigefinger an. Mitleidige Stimmen meldeten sich zu Wort.
Sie empfahlen, die verrückte Zunge unter ärztliche Aufsicht zu stellen, bevor der Schaden zu groß wurde.
Die Mutter des Fräuleins  „So-La-La“ fand an solchen Reden wenig Gefallen.
Je hochgezogener die Augenbrauen, je gestreckter die Zeigefinger und je mitleidiger die Stimmen wurden, desto entschlossener hielt sie dagegen.
„Es schadet nicht, einen Clown in der Familie zu haben.“, schnitt sie allen das Wort ab, die sie ermahnten,  dem übermütigen Spaßvogel mit Pillen und Spritzen auf den Leib zu rücken. 
„Die Welt wäre besser dran, wenn es unter den Zungen mehr Clowns und weniger Nachrichtensprecher gäbe.“
Das Wetterleuchten in ihrer Stimme war unüberhörbar.
„Vor einer Zunge, die Wörter verbiegt und keine Menschen, muss sich niemand fürchten.“   donnerte sie.
„Aha.“, räusperten sich die hochgezogenen Augenbrauen, die gestreckten Zeigefinger und die mitleidigen Stimmen.
Der Fall wog ernster als bisher angenommen. Offensichtlich  spielte nicht nur eine Zunge verrückt.
Die Mutter des Fräuleins  „So-La-La“ seufzte tief und schürzte die Lippen schmal. Ihr Antlitz verwandelte sich in ein strenges Professorengesicht mit dunklen Schatten in den Wangen und tiefen Ringen um die Augen. 
Sie sprach leise und in einfachen Worten, damit es auch den Dümmsten verständlich wurde.
„Der Clown ist ein Spaßmacher. Sein einziges Vergehen besteht darin,  die Wörter in seltsame Komödien zu kleiden.“
Bei  den Nachrichtensprechern  vermutete die Mutter ein viel schlimmeres Verbrechen.
„Sie  verwenden die gleichen Wörter, um Trauer,  Wut und Verzweiflung  säen.“, dozierte sie mit finsterer Professorenmiene.

Vor die Wahl gestellt,  würde es  ihr allemal besser gefallen, über einen Clown zu lachen,  ließ die Mutter keinen Zweifel aufkommen, auf wessen Seite sie stand.    
Ihre Stimme  klang  fest und ernst.  Sie sprach  mit der gleichen Entschlossenheit, mit der in früheren Zeiten die Lehrer Ohrfeigen an faule Schüler ausgeteilt hatten.
Ihren Worten war nichts Gutes zu entnehmen. 
Es stand schlecht um  den   Nachwuchs der  Clowns.   Die Nachrichtensprecher besaßen bereits eine erdrückende Mehrheit, und ihr Übermacht wurde mit jedem Tag größer.  
Die Mutter machte kein  Hehl aus ihrem  Unbehagen  vor den Stimmen, die aus allen Fernseh- und Radiokanälen   dröhnten.
„Die Nachrichtensprecher bringen nichts Gutes in die Welt.“,    lautete ihr vernichtendes Urteil.
Dabei  fixierte sie  die  hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen    mit zusammengekniffenen Augen.  Kreidebleich bemühten sie sich,  das Schlimmste durch ein zustimmendes  Kopfnicken abzuwenden.
Der Angstschweiß perlte in dicken Tropfen  auf ihrer Stirn. Allzu deutlich  erinnerten  die  funkelnden  Augen der Mutter an zwei geladene Kanonenläufe.  Jede unbedachte Bewegung konnte den entscheidenden Funken auslösen und  die unheilbringende Saat  in ihre Reihen spucken.
„In einer Zeit, in der sich  die Nachrichtensprecher  anschicken, die Hebel der Macht zu besetzen, gilt es mehr denn je, die Freiheit der Clowns zu schützen.“,  polterte die Mutter.
Der  Lärm ihres  Geschützfeuers rückte  unaufhaltsam  an  die  hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen heran.  Während sie mit hochroten Ohren  um  ihr Leben fürchteten,  schmiegte sich das  kleine  Fräulein „So-La-La“ eng an die Beine ihrer Mutter.

Der Schatten, den sie  auf den Boden warf, zeichnete die Umrisse  eines zarten Pflänzchens, das unter einem mächtigen Baum Schutz vor seinen niederträchtigen Feinden suchte.
Für einen Moment  verfing  sich der Blick der  Mutter an diesem Bild.  Ein sanftes  Lächeln erhellte ihre  verdunkelten Gesichtszüge.    
Als  sie die Augen wieder auf die anstürmenden Horden richtete, war das Schlachtfeld leergefegt. 
Die  hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen hatten die Gunst der Stunde  genutzt und waren Hals über Kopf  aus der Gefahrenzone geflüchtet. 
Von diesem Tag an  zogen sie es vor,  in sicherer Entfernung  über den verrückten Clown im Mund des Fräuleins  „So-La-La“  zu lästern.  
Bei jedem Purzelbaum, den die Zunge schlug, wurden sie nicht müde, mahnend die Augenbrauen hochzuziehen, die Zeigefinger zu strecken und  die  Stimmen mitleidig zu erheben.
Tauchte ein S am falschen Ort auf, stolperte ein A auf halbem Weg oder entwischte ein Ü als nacktes U, legten sie die Stirn in dicke Falten.
Wagte es gar ein Buchstabe ein Wort ganz durch seine Abwesenheit zu beleidigen, setzte es schulmeisterliche Mienen.
„Dem schändlichen Gerede muss ein Riegel vorgeschoben werden.“, meldeten sich  die hochgezogenen Augenbrauen zu Wort.
„Niemand darf   ungestraft die Würde  der Wörter beleidigen?“,  streuten  die gestreckten Zeigefinger Salz in die Wunde.
„Wer solche Töne spuckt, dem sitzt das Böse im Blut.“, schwante  den mitleidigen Stimmen noch Übleres.
Die Mutter des Fräuleins  „So-La-La“ besaß einen dicken Geduldsfaden. Ein Ozeandampfer oder ein ganzer Eisenbahnzug hätten daran ziehen können, und er wäre nicht gerissen.
Aber dem dummen Gerede der Leute war er auf Dauer nicht gewachsen.
„Es knackst.“,   sagte dann der Vater, dem spitze Ohren angewachsen waren.  Er konnte eine Mücke auf hundert Meter Entfernung husten hören. Mit dem Knacksen beschrieb er das Geräusch, das ertönte, wenn bei der Mutter der Geduldsfaden riss.

Weil die Leute nicht damit aufhörten, über die Zunge des Fräuleins „So-La-La“ zu tuscheln, knackste es oft.
Mit dem gerissenen Geduldsfaden der Mutter war kein Spaß zu treiben. Leicht konnte man dabei in ein Unwetter geraten, das schlimmer tobte als eine Sintflut.
Nach dem verräterischen Knacksen dauerte es meist  einen Augenaufschlag lang, bis sich das Gesicht der Mutter  in eine Schlechtwetterfront verwandelte.  
In ihren Augen entzündeten sich dann  gewaltige Blitze, deren Kraft  ausreichte,  einen Berg in der Mitte zu spalten.  Und der Donner, der in ihrer Kehle grollte,  erinnerte  an ein himmlisches Strafgericht.
Es verursachte eine Heidenarbeit, einen gerissenen Geduldsfaden zu reparieren.   Nicht selten benötigte die Mutter  eine schlaflose Nacht dafür.   Und solange sie  an ihrem Geduldsfaden herumflickte, brütete sie eine furchtbar schlechte Laune aus.
Trotz  dieser Bedrohung zeigte der Spaßvogel im Mund des Fräuleins „So-La-La“ keinerlei Anzeichen, sein Treiben einzustellen.
Je lauter sich die gestreckten Zeigefinger, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen das Maul zerrissen, umso  ungezügelter trieb  die Zunge ihren  Spaß.
Als sich  das Fräulein  „So-La-La“  in einem Café  bemühte, eine Limonade zu bestellen, purzelte folgender Buchstabensalat aus ihrem Mund:  
„Knan ich btite einen Oargnensfat hbaen.“
Der Kellner, der kein Wort verstanden hatte,  belehrte sie  mit hochgezogenen Augenbrauen,  ordentlich zu sprechen.  
Sogleich  schnitt die Mutter dem Übeltäter das Wort ab und empfahl ihm mit schneidender Stimme,  ein Hörgerät für seine tauben Ohren anzuschaffen.
Bei einer anderen Gelegenheit bettelte das Fräulein „So-La-La im Supermarkt um  eine Kostprobe.
 „Die  Wrust seiht aebr lceker aus.“, strahlte sie die Bedienung mit hungrigen Augen  an. Anstelle des erhofften Leckerbissens  erntete sie  eine säuerliche Miene samt gestrecktem Zeigefinger. 

Tatsächlich fürchtete  die Verkäuferin,   im Austausch gegen ein Stück Wurst,  ihre Fleischtheke von der Hinterlassenschaft eines klebrigen Kaugummibatzens reinigen  zu müssen.
Erzürnt stürmte die Mutter aus dem Geschäft und schwor keinen Fuß mehr hineinzusetzen,  solange man sie der Zumutung aussetzte, von einer  Verkäuferin mit  ungewaschenen Ohren bedient zu werden. 
Bei einem Besuch im Tiergarten zog der lange Hals einer Giraffe das Interesse des Fräuleins „So-La-La“ auf sich.
„Snid Grifafen schiwndelferi?“, sorgte sie sich um das Wohl des Tieres, dessen Kopf bis zu den Wolken hochragte.
„Das arme Kind kann nicht richtig  sprechen.“,  meldete  sich die mitleidige Stimme einer anderen Besucherin  zu Wort. 
Worauf die Mutter des Fräuleins  „So-La-La“   sie mit einem geringschätzigen Blick musterte und  ihr auf den Kopf zusagte, das dicke Mädchen an ihrer Seite  käme wohl zweifellos  nach der Figur seiner Mutter. 
Solche und ähnliche  Vorfälle wiederholten  sich regelmäßig, ohne dass  jemand dem Treiben der Zunge  ein Ende zu setzen wusste.
Die Mutter suchte Trost in dem Glauben   das nervtötende Gestotter ihrer Tochter  diente dem höheren Zweck,   den  Nachrichtensprechern die Weltherrschaft streitig zu machen.  
Der Vater  tat so, als   hätte er gerade nicht hingehört.  Und der Rest der Welt verzog keine Miene, um nicht leichtsinnig ins Fadenkreuz  eines  mütterlichen Kanonendonners zu geraten.
Als einzige gab das  Fräulein „So-La-La“  die Hoffnung nicht auf,  den   lästigen Spaßvogel in ihrem Mund  zur Vernunft zu bringen. 
Aber es war zum Nägelbeißen und Haareraufen. Ob sie sich den Finger in den Mund steckte oder in die Wange kniff.  Ob sie morgens  Seifenwasser gurgelte oder zu Mittag zwei Teller Buchstabensuppe löffelte.  Nichts von alldem  erwies sich als taugliches Mittel,  den verrückten Clown in ihrem Mund  zu bändigen.

Zu allem Überfluss entwickelte sich ihr Verstand   im gleichen Tempo, mit dem das Licht durch das Weltall flog.  Innerhalb kürzester Zeit tummelten  sich in seinem Räderwerk mehr  Gedanken als Blätter auf einem Baum. Und die Zahl wuchs beständig an.
In dieser Not blieb dem kleinen  Fräulein „So-La-La“  nichts anderes übrig, als ununterbrochen loszuplappern.  Andernfalls drohte  ihr  Kopf zu zerplatzen wie ein Luftballon, in den zu viel Luft hineingeblasen wurde.  
Der verrückte Clown in ihrem Mund hatte seinen Spaß daran. Die lautmalerischen Purzelbäume und Verrenkungen, mit denen er seine Besitzerin demütigte, fanden in den hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen ein schadenfrohes Publikum. Ihr schallendes Gelächter verfolgte das Fräulein „So-La-La“ bis in den Schlaf.
„Alels an ihr wräe wie der Nmae. In aleln Tielen hlab und nie ein Gnazes.“, äfften sie im Traum  ihren  Zungenschlag nach.
Schweißgebadet wachte das kleine Fräulein „So-La-La“ Nacht für Nacht auf. Der Spott dröhnte laut in ihren Ohren.
Tief gekränkt fasste sie den Entschluss, nie wieder einen Ton zu sagen.  Lieber  wollte sie mit einem lauten  Knall  in tausend  Fetzen  explodieren, als  sich weiterhin dem Hohn einer feindseligen Welt auszusetzen.
Stumm wie eine Maus huschte sie durch den Tag.
„Sind ihr die Wörter ausgegangen?“, sorgte  sich  die Mutter über das seltsame Verhalten ihrer Tochter.  
„Sicherlich muss sie erst einen furchtbar langen Gedanken zu Ende denken.“, tröstete sich  der Vater mit der Hoffnung auf ein Wunder.
Das Fräulein  „So-La-La“ schwieg tapfer.  Nachts wälzte sie sich unruhig im Bett.  Gegen Mitternacht fühlte sich ihr Kopf fühlte wie eine zum Platzen geschwollene Kugel an.  
Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass sie vor dem Einschlafen kurz  die Lippen bewegte.
„So-La-La.“,   murmelte sie. 

Eigentlich sollte es „Sophie-Laura“ heißen.  Aber es fühlte sich richtig an,  etwas gesagt zu haben, bevor ihr  die Augen schwer wurden und der Schlaf sie aus ihrem Elend erlöste.
Es tat auch den  zwei dunklen Gestalten gut,   die mit gespitzten Ohren an der Tür lauschten,  ein Lebenszeichen aus ihrem Mund gehört zu haben.
„Sie hat ihre Stimme wiedergefunden.“, atmete die Mutter erleichtert auf, dass nicht der Kopf ihrer Tochter   zerplatzt war,  sondern die tonnenschwere Sorge, die auf ihrer Brust lastete.
Der Vater fand die Rede des Fräuleins „So-La-La“   etwas  kurz geraten.
„Dafür hat es sich nicht gelohnt, barfuß bis Mitternacht an der Tür zu stehen.“,  mimte er den Enttäuschten.
Dabei streckte er erleichtert  seinen  Rücken durch, als wäre ein Mühlstein von ihm abgefallen.  
Der nächste Morgen begann verheißungsvoll. Der Zunge hing der Schreck über das lange Schweigen gehörig nach.
Eilfertig kam sie ihren Verpflichtungen nach.   Dem Fräulein  „So-La-La“  gelangen die  Wörter und Sätze tadellos.   An keiner Stelle  ging ein Buchstabe verloren. Nirgendwo fand sich eine Silbe,  wo sie  nicht hingehörte.
Schon deuteten alle Zeichen auf Entspannung.  Nie wieder würden die  hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen Gelegenheit bekommen, ihr schadenfrohes Gelächter anzustimmen.    
Das Fräulein  „So-La-La“ konnte den ganzen Tag den Mund nicht halten und quälte ihre Umgebung mit den absurdesten Gedanken.   
Es waren herrliche Stunden voller ausgelassener Fröhlichkeit.  Verhängnisvollerweise hatte sich  für den Abend Besuch angekündigt.
Als die Hausglocke anschlug,  eilte  das Fräulein  „So-La-La‘“  erwartungsvoll zur Tür.  Endlich  bekam sie die Gelegenheit, vor der ganzen Welt zu beweisen, wie klug sie mit Worten  umzugehen wusste.   
In strammer Haltung  nahm sie vor den Gästen Aufstellung und stellte sich mit  ihrem Namen vor.
Zumindest probierte sie es. Denn ihre Zunge fiel ohne Vorwarnung in das alter Muster zurück.  Mit geübter Bosheit schleuderte sie die Silben  nach links und nach rechts,  bis der Schaden nicht mehr zu  überhören war.

Da fand sich ein A, wo keines hinpasste.  Da hoffte man verzweifelt auf ein P, wo es dringend  gebraucht wurde.  Da hörte man ein L, wo keines sein sollte. Da wartete man vergeblich auf ein U und ein R, wo sie unabkömmlich waren.
Als die verstümmelten Überreste des Namens  ins Freie stolperten,  hatte das überwunden geglaubte  Elend das Fräulein  So-La-La“  wieder fest im Griff.  
„So-La-La.“, hallte das  klägliche Echo ihres verstümmelten Namens  durch den Raum. Da überfiel das Fräulein „So-La-La“   die alte  Schwermut.
Ich hsase miene Znuge.“,  beklagte  sie sich  bei der Großmutter über den  Tunichtgut  in ihrem Mund.
„Deises Beist  stßöt alle Wröter um.“  
Oma Rosa    bildete  den Mittelpunkt der  Familie.  Sie war älter als alles andere auf der Welt.  Denn niemand konnte sich an  eine Zeit  ohne sie erinnern.  
Obwohl sie mehr tausend Jahre alt sein musste,  brannte das Feuer in ihrem Herzen lichterloh. Schon ein bisschen Zunder ließ ihr  Temperament zu einem Flammenmeer  auflodern, das Freund und Feind Respekt einflößte.
Auch sonst bot Oma Rosa eine imposante Erscheinung.  Sie  war rund gewachsen wie ein mächtiger  Baumstamm.   Ihr Kopf ragte hoch in den Himmel, dass  er von morgens bis abends  in einer kleinen Wolke hing.    Was allerdings  weniger mit dem  Wetter zu tun hatte.
Die  Rauchschwaden, die das faltige Gesicht der Großmutter  mit einem milchigen Schleier umhüllten,  stammten von den dicken Zigarren, an denen sie unentwegt  paffte. Außerdem  pflegte sie eine innige  Vertrautheit mit  einer kleinen Flasche, deren Inhalt aus einer scharf  riechenden Flüssigkeit bestand,  von der sie stets ein paar Tropfen in ihren Kaffee einrührte.
Oma Rosa kannte die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen gut genug, um zu wissen, welche Plage sie für das Fräulein  „So-La-La“  darstellten.      
Die   Leidenschaft für dicke  Zigarren und  scharf riechende  Getränke vermischte sich in ihrem Mund zu einer Mixtur, die sie selbst zur Zielscheibe  ärgerlicher Tuscheleien werden ließ.
„Es riecht nach Hexenschmiere.“, lästerten die hochgezogenen Augenbrauen, wenn sie hinter der Großmutter an der Supermarktkasse anstanden.
„Ein paar scharfe Bonbons könnten die Welt retten.“, zischten die gestreckten Zeigefinger, die im Kaffeehaus ihre Bestellung aufnahmen.
„Aus diesem Mund dampft ein Hungerkuchen.“, entsetzten sich die mitleidigen Stimmen an dem säuerlichen Geruch, der ihnen entgegen schlug.

Es wurde Zeit, dem  Gerede den Garaus zu machen.
Bevor sie zur Tat schritt  tröstete sie das Fräulein „So-La-La“, in dem sie ein Buch aufblätterte.  Denn nichts wehte dunkle Gedanken schneller  aus dem Kopf als eine Geschichte.  
„Sie handelt von einem übermütigen  Esel,   dem es gefiel,  mit den Hufen nach allen Seiten auszuschlagen.“, leitete die Großmutter die Geschichte ein.
Tatsächlich blieben die Späße des Esels folgenlos. Auf der Weide, wo er seine Tage verbrachte, richtete er keinerlei Schaden an. Der Bauer verschwendete daher keinen Gedanken über die seltsame Angewohnheit seines Esels.
„Was soll ich mir über die  Eigenheit eines Esels den Kopf zerbrechen.“,  dachte er und kümmerte sich wieder um seinen eigenen Kram.    
Aber die Leute, die an dem Esel vorüber liefen, setzten ernste Mienen auf.  Sie fanden sein Verhalten für einen Esel ungehörig. Also gingen sie zu seinem Besitzer und empfahlen ihm mit hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen, das wilde Tier in den Stall zurückzubringen, bis es sich beruhigt hätte. Weil der Bauer ein geduldiger Mensch war, der es sich mit seinen Nachbarn nicht verderben wollte, folgte er ihrem Ratschlag.
Dem  Esel wollte  die Vorstellung,  am helllichten Tag  in einem dunklen Stall stehen zu müssen,  ganz und gar nicht gefallen.  Der Bauer hatte Mühe,  ihm Herr zu werden.
Die Hufe des Esels sausten wie Hammerschläge auf ihn herein.
Am ganzen Körper von blauen Flecken gezeichnet, gelang es dem Bauern schließlich, das rasende Tier in seinen Verschlag zu zwingen.  Dort kannte der Esel kein Halten mehr. Außer sich vor Wut schlug er den Stall  kurz und klein.
Danach war er endlich müde geworden. Friedfertig stand er auf wackeligen Beinen zwischen den Überresten seiner einstigen Behausung.
Der Bauer aber, der die  Huftritte   in allen Knochen spürte, stapfte wütend davon.
„Was bin ich dümmer als mein Esel.“, fluchte er. 
Der Esel  war schon als Esel geboren.  Es stand ihm frei, sich als solcher zu benehmen.  „Der Luft auf der Weide schadet es nicht, wenn ein Esel  mit seinen Hufen gegen sie ausschlägt.“, jammerte der Bauer, den ein schlechtes Gewissen plagte. 

Nie wieder würde er auf das Gerede der Leute  hören. Es hatte  ihm nichts wie Unheil eingebracht.
Über Wochen schmerzte ihn jeder Knochen im Leib.   Und  ein neuer Stall musste gebaut werden, in dem dann ein misstrauischer Esel sein Zuhause hatte, der wild und bockig bleiben würde bis ans Ende seiner Tage.
Natürlich handelte die Geschichte nicht wirklich von einem Esel.  Sie erzählte von einer vorlauten Zunge, die wilde Purzelbäume schlug, weshalb sich die Leute das Maul
über sie zerrissen.
Glücklicherweise besaß  die Großmutter mehr Verstand als der Bauer, der ihren Ratschlägen vertraute und den Esel gegen seinen Willen in einen Stall sperrte. „Sprechen zu lernen ist ein großes Abenteuer.“,   sprach sie dem Fräulein  „So-La-La“ Mut zu.
„Dabei begegnet man den seltsamsten Wörtern, von denen noch nie jemand gehört hat. Manche von ihnen schlagen einen schrecklichen Lärm. Andere sehen ungeheuerlich aus.
Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich die Zunge wie ein verrückter Esel  benimmt. Am besten ist es darüber zu lachen, wenn sie Unsinn stiftet  und Purzelbäume schlägt.
Es dauert nicht lange, bis sie ganz von selbst in die ernsten Töne findet. Dann wirst du dich manchmal Dinge sagen hören, die dich erschrecken lassen,  wenn du im Bett liegst und darüber nachdenkst.
Vielleicht wünscht du dir in diesen Nächten die Zeit zurück, in der sie ein harmloses Zirkuskind war und dir lustige Streiche spielte.“
Das Fräulein  „So-La-La“ blieb    untröstlich.  In ihrem Kopf spazierten die klügsten Gedanken herum.    Alle Wörter saßen  an ihrem Platz wie von einem Buchdrucker gesetzt.
Aber sobald sich der Zunge anvertrauten   verklumpten sie  zu einem unverständlichen Krawall,  der jedes menschliche Ohr beleidigte.
Der aufgestaute Ärger  über den Tunichtgut in ihrem Mund duldete keinen Aufschub mehr.
Das Fräulein „So-La-La“ raffte allen Mut zusammen und tat es dem Esel nach, der mit den Hufen gegen den Bauern ausgeschlagen hatte. Sie biss sich mit den Zähnen auf die Zunge.  

„Aua.“, schrie  die Zunge  im korrekten Wortlaut auf.
„Gescheiht dem verrcükten Beist rceht.“, krächzte das Fräulein „So-La-La“ und wusste nicht, ob ihr zum Lachen oder zum  Weinen zumute war.   
Es  tat höllisch weh, sich auf die Zunge zu beißen.
Oma Rosa musste all ihre Überredungskunst einsetzen, um  das  sinnlose  Blutvergießen zu beenden.
„Wenn du Deine Zunge in die Schranken weisen   willst, musst du zuerst lernen, die Angst vor ihr zu zähmen.“,  redete sie auf ihre  vor Zorn schäumende Enkelin ein.
Die  Worte trafen das Fräulein „So-La-La“ mit der Wucht eines Faustschlages.
Plötzlich war sie  kein kleines Mädchen mehr, das gegen ihr Stottern ankämpfte.    
Im Stillen   hatte sie  schon begonnen, sich mit dem durchgedrehten Zirkusclown in ihrem Mund  abzufinden.    Bestand doch die vage  Aussicht, dass er eines Tages seiner verrückten Späße von selbst überdrüssig werden würde.
Nun hatte ihr Oma Rosa den Blick auf den wahren Feind geöffnet.
Nie und nimmer glaubte sie,  gegen eine Macht bestehen zu können, die den  Mutigsten das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Die Angst war eine tausendarmige Krake. Unersättlich streckte sie  die  Fänge nach ihrer Beute  aus.   Überall lauerten ihre Fallen.   Mal  wartete sie in einer dunklen  Ecke.  Mal erwischte sie ihr Opfer bei einem Blick in die Tiefe.   Mal war es der Gedanke an eine ungewisse Zukunft.   
Die Angst kannte alle Verstecke und Zufluchten.  Wenn es ein mutiger  Geist wagte,  sich ihr entgegen zu stellen, wartete sie geduldig, bis er schlief.  Der Schlaf war ihr liebstes Jagdgebiet.  Denn in den Träumen blieb der schärfste Verstand ihrer unbarmherzigen Folter wehrlos ausgeliefert.   
Die Unglücklichen, die es traf, verwandelten sich bis zum Morgengrauen in blasse Gespenster, denen alle Zuversicht verloren ging.

Kein Gegner war schwerer zu besiegen als dieser.
Die Angst war ein Meister der Maskerade. Für jeden kleidete sie sich neu ein. Aber ihre größte Niedertracht war es, für andere unsichtbar zu sein. Wer in ihre Gesellschaft geriet, blieb auf sich allein gestellt. 
Es existierte keinerlei Handhabe gegen sie.   Man konnte sie nicht anzeigen oder  von der Polizei verhaften lassen.  Sie   beugte  sich keinem  Richterspruch. Schon gar nicht ließ sie sich hinter  Gitter sperren.
Wie sollte es einem  Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen, gelingen, gegen einen solchen Feind zu bestehen?
Die Verzweiflung stand dem Fräulein „So-La-La“ unübersehbar ins Gesicht geschrieben. Ihre Augenlider flatterten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen auf und ab.
„Miene Znuge speilt verrükct, weil ich Agnst vor ihr hbae.“,  stotterte es  aus ihr heraus.
„Ich sehe keine andere Ursache.“,   bestätigte   Oma Rosa die furchtbare Wahrheit.
„Gbit es kenie Meidzin daggeen?“, wimmerte das Fräulein  „So-La-La“ kleinlaut.
Oma Rosa  schüttelte den Kopf.
„Die Pillen und Spritzen der Ärzte  besiegen die Angst nicht.  Sie  können sie   nur  in den Schatten   drängen.“ 
Ihr Tonfall  ließ keinen Zweifel offen,   dass sie  die  Dunkelheit  für einen   wenig geeigneten  Ort  hielt,  um die Angst  loszuwerden.   
„Ihre Dämonen fühlen sich dort  am Wohlsten, wo sie im Schatten bleiben.“,  offenbarte die Großmutter den wahren  Charakter der Angst.
Dem Fräulein  „So-La-La“ wurde schwarz vor Augen. Sie  spürte wie die Angst sie mit eisiger Hand im Nacken packte und in ein schwarzes Loch hineinstieß.  
Als sie wieder zu sich kam,  kauerte sie allein in einer winzigen Kammer.  Von den kahlen Wänden grinsten die   Fratzen der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidiger Stimmen auf sie herab.
„Fräulein „So-La-La“.“, stimmte der   unbarmherzige  Chor sein Spottlied an.

Sie schrie nach Hilfe. Aber niemand hörte sie. In ihrer Verzweiflung schlug sie sich die Hände vor das Gesicht. Die Angst tropfte ihr in dicken Tränen aus den Augen.
Der Boden, auf den sie fielen, löste sich in weichen Morast auf.   Mit jedem Atemzug sank das Fräulein „So-La“ ein Stück tiefer sein.
Sie war schon bis zu den Hüften versunken,  als sie das Spiel durchschaute.
Die Kammer existierte nicht wirklich.  Wie auch die  Fratzen an den Wänden ein Trugbild waren.  Die Dinge passierten allein  in ihrem Kopf. 
Es genügte der Angst nicht mehr,  sie  im Schlaf heimzusuchen.  Sie  quälte ihren Verstand  auch am helllichten Tag.   
Schnell erlahmte aller Widerstand. Das Fräulein „So-La-La“ verlor allen Mut, weiter gegen die Stimmen in ihrem Kopf  anzukämpfen.  Ohnmächtig ergab sie sich ihrem Schicksal. Wie ein Ertrinkender, der zum letzten  Mal zum Himmel hochblickte, bevor die Wellen über ihn zusammenschlugen, erwartete sie den entscheidenden Schlag
Schon hatte sie mit ihrem Schicksal abgefunden, als  sie auf  zwei kreisförmige  Punkte aufmerksam wurde,    die   sich langsam auf sie herab bewegten. Der letzte Funken Hoffnung ließ ihre Arme in die Höhe fahren.   
 „Willst du mir die Augen auskratzen?“,    echote die  schrille  Stimme der Großmutter.
Im letzten Moment wandte sie das Gesicht  zur Seite.  Die  spitzen Fingernägel des Fräuleins  „So-La-La“ fuhren ins Leere.
Erst im zweiten Anlauf gelang die Rettung.   Das Fräulein „So-La-La“ schlang die Arme um den Hals der Großmutter.  Augenblicklich löste  sich der Spuk aus ihrem Kopf in Luft auf.   Mit ihm verklang auch  der spöttische Chor der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen.   Er wurde übertönt vom Glockenschlag einer mächtigen Kathedrale.    Es war das Herz,  das in der Brust  von Oma Rosa schlug.
„Man muss die  Angst nicht fürchten wie  ein wildes Tier, das Klauen und Zähne hat.“, redete sie auf das verängstigte Mädchen ein.

„Aus eigenen Stücken kann  sie dir  kein  Haar   krümmen. Sie hat keine Klauen, um dich zu kratzen.  Und es wachsen ihr keine Zähne, mit denen  sie dich  zu beißen vermag.“
Oma Rosa mochte eine alte Frau mit krummem Rücken, schweren Beinen und  dicken Furchen im Gesicht sein. Aber der Verstand in ihrem Kopf arbeitete mit der Schärfe eines Rasiermessers. 
Mit wenigen Worten entblößte sie die Angst bis auf den Kern.
„In Wahrheit ist ein kümmerliches Wesen.“, sagte sie.
„Weil sie um die Jämmerlichkeit ihrer wahren Gestalt weiß, quält sie ihre Opfer mit dem Schatten, den sie wirft.“
Die Zahnräder des Fräuleins „So-La-La“ liefen die Zahnräder auf Hochtouren.
„Wie seiht die Agnst aus?“,  stotterte sie.    
Die Großmutter stieß   eine dicke Rauchwolke aus dem Mund,  die sich wie eine Nebelwand vor ihr  Gesicht legte.  
„Wer seine Angst ins Licht zwingt, sieht sich zumeist einem  beleidigten Zwerg gegenüber,  der sich unterwirft,   sobald er einen festen Willen oder ein entschlossenes Herz gegen sich weiß.“,  antwortete sie.
Das Fräulein  „So-La-La“ durchzuckte ein Geistesblitz.
Vielleicht behielt  die  Großmutter Recht  und hinter dem  Spuk, der nachts durch ihre Träume geisterte,   versteckte  sich ein garstiger Gnom, der  darauf wartete,  ihr  die   ausgestreckte Hand zu lecken. Man konnte es auf einen Versuch ankommen lassen.  
Das Fräulein  „So-La-La“   ballte die Finger der rechten Hand zur Faust und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum.
„Zieg dcih,  du  hniterlsitiger Gfitschalnge. “,  forderte sie ihre  Angst heraus. 
Die   Zunge  reagierte prompt und eindeutig. 
Unmissverständlich sandte sie die Botschaft, dass sie keinesfalls gewillt war, sich in ein harmloses   Streicheltier zu verwandeln.

Mit gewohnter Boshaftigkeit schleuderte sie  den Satz in wilden Pirouetten zwischen den Zahnreihen herum,  bis    er sein  kurzes Dasein in einem hilflosen Gestammel aushauchte.
Da fuhr dem Fräulein  „So-La-La“  der alte Schrecken in die Glieder. Ein Sturzbach aus Tränen ergoss sich über ihre Wangen  und flutete den Boden knöcheltief.
Oma Rosa lächelte milde.
„Die Angst zu zähmen, gelingt niemandem auf den ersten Versuch.“,  sagte sie.
Abermals quoll eine dicke Rauchwolke aus ihrem Mund.  Als der Zigarrenqualm zur Decke hochstieg,  formte er die Konturen einer weißen Leinwand.     
Sie  markierte den  Beginn einer Geschichte, die von einem Maler handelte,   der keinen Pinselstrich zustande brachte, weil er den Anblick einer weißen  Leinwand nicht ertrug.   
„Es mangelte ihm an Mut für den ersten Strich.“,  beschrieb Oma Rosa die   Angst des Malers.
„Sie machte es ihm unmöglich, die Bilder in seinem Kopf   auf eine Leinwand  zu übertragen.“
Das Fräulein „So-La-La“ spürte die Verzweiflung des Malers am eigenen Leib.   Am eigenen Schweiß glaubte sie die Angst zu riechen, die dem armen Teufel aus allen Poren rann.
Sobald er sich einer weißen Leinwand näherte, flatterten ihm die  Finger wie das Laub auf den Bäumen, wenn es der Wind kitzelte.  
Es war schlimm, einen verrückten Clown im Mund ertragen zu müssen.   Aber wieviel schlechter erging es einem Maler,  der keinen Strich auf eine Leinwand brachte?
„Der amre Mnan hat kien eniziges Blid gemlat.“,   seufzte das Fräulein  „So-La-La“   das traurige Ende der Geschichte herbei.
Oma Rosa zwinkerte vielsagend mit den Augen.
„Aus ihm ist ein berühmter Maler geworden. Seine  Bilder  hängen  in den größten Museen der Welt.“,  stellte sie den Verlauf der Geschichte auf den Kopf.
Die unerwartete Wendung trieb den Puls des Fräuleins  „So-La-La“ in die Höhe.
Wenn es dem Maler gelungen war,  seine Angst zu überwinden, dann gab es auch für sie Hoffnung, den verrückten Clown in ihrem Mund zur Vernunft zu bringen.

„Wie hat der Mlaer siene Agnst beseigt?“ 
Die Stimme des Fräuleins  „So-La-La“ überschlug sich vor Aufregung.
„Eigentlich war es kinderleicht.“, antwortete die Großmutter.
Was sie berichten hatte, klang unglaublich.
Tatsächlich hatte der Maler seine Angst mit einem Trick überlistet. Er  fertigte    seine Bilder mit  einer Binde vor den Augen an. Anfangs gelangen ihm  nicht mehr als wirre Kleckse.   Aber je  öfter  er sich an der Staffelei versuchte, desto kräftiger gerieten seine Pinselstriche.  Und an manchen Tagen  entdeckte er   ein wunderschönes Bild auf der Leinwand. 
Als er nach unzähligen Anläufen  vergaß, die Binde anzulegen, erschrak er sich nicht mehr an der leeren Leinwand.  Er hatte gelernt, seiner Hand zu vertrauen. Von diesem Tag an  verlor die Angst ihre  Macht über ihn.“    
Die Rauchwolke über dem Kopf der Großmutter formte sich zu einem Bild,  das einen Maler bei seiner Arbeit zeigte.
Fasziniert betrachtete das Fräulein „So-La-La“ das mit leichter Hand hingeworfene  Kunstwerk,  bis es unter einem Hustenanfall der Großmutter   auseinanderstob.
Vom Erfolg des Malers angestachelt, startete sie zu einem Selbstversuch. Anstelle einer Binde presste  sie  sich die Hände vor die Augen. 
Lauthals plapperte sie los.   Ohne  einziges Mal  Luft zu holen,  redete sich das Fräulein  „So-La-La“  die Seele aus dem Leib.   
Ungeniert genoss die Zunge das atemlose Geschwafel und drehte dem Fräulein „So-La-La“ jedes Wort im Mund herum.
Aus einem  „ei“ formte sie ein quietschendes  „ie“.  Ein „er“ zerfiel in ein irreführendes „re“.  Und  von einem harmlosen „au“  ließ sie nicht mehr als  ein  jaulendes „ua“ übrig.
Das Fräulein „So-La-La“ kämpfte,  bis sie vor Heiserkeit keinen Ton mehr über die Lippen brachte.

Am Ende hatte sie nicht das Geringste vorzuweisen,  das den Ansprüchen  des  Malers  gerecht geworden wäre.
„Miene Znuge kelckst nur.“,   schluchzte das Fräulein „So-La-La“.  
Der Zirkusclown in ihrem Mund jauchzte vor Schadenfreude.  
Dieses Mal  sollte ihm das Lachen im Hals stecken bleiben.  Denn Oma Rosa machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
„Mit dem  Schicksal verhält es sich wie mit einem stotternden  Motor.“,   startete sie ihren Gegenangriff.
„Manchmal genügt  die  Vierteldrehung einer Schraube, um ihn wieder zum Laufen zu bringen.“
Mit diesen Worten  nahm sie einen nicht enden wollenden Zug aus dem Zigarrenstumpen zwischen ihren Lippen.  Das Glutnest an der Spitze flammte feuerrot auf.
Die Großmutter verdrehte die Augen. Ihre Miene  versteinerte  zu einer bizarren Felsenlandschaft.   Minutenlang verharrte sie in diesem Zustand.  Das  einzige Lebenszeichen, das sie von sich gab, war ein  leises Gemurmel. Es hatte den gleichen Klang wie das Brodeln eines überkochenden Suppentopfes  auf einer heißen Herdplatte.
In der Zwischenzeit hatte sich das Glutnest  an der Zigarre bis an das Ende des Stumpens durchgefressen.   Was zur Folge hatte, dass der geheimnisvolle   Ausflug der Großmutter  so abrupt endete  wie er begonnen hatte.
Wild mit den Armen fuchtelnd,  schoss die Großmutter aus ihrem Stuhl hoch. Was wiederum zur Folge hatte, dass das Fräulein mit einem Rückwärtssalto von ihrem Schoß purzelte und hart auf dem Boden aufschlug.

Während sie sich auf die Beine zurück rappelte, spuckte die Großmutter die Glutreste der Zigarre in den Aschenbecher.  Dann   plumpste sie in den  Sessel zurück, wo sie ihren verbrannten Mund  mit einem Schluck aus dem geheimnisvollen Fläschchen kühlte.
„Man muss der Angst geben, was sie haben will.“,   lispelte sie unter dem Einfluss einer riesigen Brandblase, die sich  auf ihrer Oberlippe gebildet hatte.
„Du musst den Namen  annehmen, als würde er zu dir gehören.“
Das Fräulein  „So-La-La“  traf es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. 
Die Brandblase auf der Lippe hatte  Oma Rosa  nicht gut getan.   Sie  war verrückt geworden. Allen Ernstes verlangte sie von ihr, in den  hohnlachenden Chor der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen einzustimmen.
Der  Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“   begann nervös zu zucken.   Das passierte jedes Mal,  wenn sich jemand seltsam  verhielt. Sie  verspürte  gute Lust,  ihn  auszustrecken und  gegen  ihre Stirn zu tippen. 
„Niemlas wrede ich deisen Naemn  gren hbaen.“,   widersetzte sie sich dem unfassbaren Ansinnen.
Oma Rosa war der  zuckende Zeigefinger nicht  verborgen geblieben.   
Der Wert eines Namens würde  nicht durch das Geplärre dummer Schreihälse entschieden, brauste die Kopfwäsche   der Großmutter  über das Fräulein  „So-La-La“ hinweg.
Sie befand sich in einem Alter, in dem sie die wechselnde Mode  von Namen oft genug  mit eigenen Augen miterlebt hatte.
„In den Wind gesetzt kann auch ein Lumpen zu einer leuchtenden Fahne aufflattern.“,  donnerte sie.

Zum Beweis tat sie es den  hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen gleich.  Sie redete das Fräulein  „So-La-La“ mit ihrem Spottnamen an.  Mit dem Unterschied, dass sie  den Namen nicht in geringschätzender Weise  aussprach.  Ihre Stimme dehnte seine kurzen  Vokale  vornehm in die Länge.  
Der durch die Brandblase auf den Lippen verursachte s-Fehler erwies sich dabei als hilfreiche Unterstützung. 
Von allen  Misstönen befreit  schwebte der Name  wohlklingend im  Raum. Das Fräulein  „So-La-La“  traute ihren Ohren nicht.  
Was die  Großmutter  den zerquetschten Silben entlockte,  hatte  nichts mehr  mit dem  spöttischen Singsang gemein, der sonst  hinter ihrem Rücken ertönte.  
Eine kleine Verschiebung in  der Betonung  reichte aus,    die  Bedeutung des Spottnamens  ins Gegenteil zu kehren.
Plötzlich stand  er nicht mehr für das Unzulängliche, das den Erwartungen nicht entsprach,  sondern für das Anderssein, das auf ungewöhnliche Weise überraschte. Zwischen den Tönen nahm  das Fräulein „So-La-La“ ein Rauschen wahr als wartete eine Fahne darauf,  im Wind zu flattern.
„Ich knan es hröen.  Es ist ein wnuderbraer Nmae.“,   ließ sie sich von der Begeisterung der Großmutter mitreißen.
Ihre Wangen wechselten  in ein glühendes Rot.   Aus ihren Augen strahlte eine nie gekannte Zuversicht.   
Sie hatte das Gefühl,  einem dunklen Traum entronnen zu sein.   Was  Sekunden zuvor  noch tonnenschwer auf ihrer Seele gelastet hatte,   schwebte nunmehr  federleicht vor ihr.
Oma Rosa verfolgte ihren Sinneswandel  mit einem verzerrten  Lächeln,  das der  Brandblase auf der Oberlippe geschuldet war.    
Sie ertrug den Schönheitsfehler ohne Groll.   War es doch die Zigarre gewesen, die den entscheidenden Funken ausgelöst hatte. Nichts würde das Feuer, das er entfacht hatte, wieder zum Ersticken bringen.
Obwohl sich der Himmel nicht verdunkelte und  kein Beben  die Erde erschütterte.

Obwohl keine Tür aus dem Schloss sprang und kein Fensterflügel aufschlug. Obwohl keine Uhr stehen blieb und kein Spiegel zerbrach,  änderte sich alles.  
Es war  die nie gefeierte   Geburtsstunde von Fräulein „So-La-La“.
Der Vater musste nicht lange überredet werden. Ihm gefiel  der neue Name  auf Anhieb. 
Nichts würde ihn stolzer machen   als  eine Tochter zu haben, deren Name in unzähligen Liedern  besungen wird,   behauptete er  mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Wobei er  das  nicht  endend wollende „La-La“  eines berühmten Schlagers   anstimmte.
Der Mutter fiel es ungleich schwerer, sich mit der Änderung  anzufreunden.  Zum einen teilte sie nicht den Musikgeschmack des Vaters.    Zum anderen mangelte es ihr an einem von einem  glühenden Zigarrenstumpen verursachten s-Fehler.
Bei den ersten Versuchen, den neuen Namen auszusprechen,  stotterte sie wie ein altersmüder Traktor.  
Einem steifen  Zungenschlag wäre am besten mit einem Fingerhut Likör in einer Tasse  Kaffee  auf die Sprünge zu helfen,  pries die Großmutter  das eigene Lieblingsgetränk als geeignetes Schmiermittel an.  Nicht ohne dem Fräulein „So-La-La“ einen strengen Blick zuzuwerfen, damit diese nicht das Malheur mit der Zigarre ausplauderte. 
Die Mutter reagierte empört und erteilte  der Aufforderung eine barsche Abfuhr.
Der Name würde bloß  als  Vorwand dienen,  um  weiterhin  ungestört ihren bedenklichen Trinkgewohnheiten frönen zu können, sichelte sie im giftigen Tonfall gegen die Großmutter.    
In ihrer Ehre gekränkt konterte Oma Rosa mit einer ebenso  unüberlegten Antwort.
„Ein  Glas Likör  richtet weniger Unheil an als  ein  überempfindlicher  Geduldsfaden.“, knurrte sie zurück. 
Der Schaden war nicht mehr gut zu machen.  Einen  Augenaufschlag später folgte  ein  kaum wahrnehmbares Knacksen.

Wie schon oft   erwies es sich  als glücklicher Umstand,  dass dem Vater empfindliche Ohren gewachsen waren, mit denen er  eine Mücke auf hundert Meter husten hören konnte.
Wortlos packte er die Großmutter an der Hand und zog sie aus der Gefahrenzone.   Er handelte keine Sekunde zu früh.   
Als  die Küchentür hinter ihnen  ins Schloss fiel,  erschütterte   ein ohrenbetäubender Krawall  das  Haus.
Wie sich später herausstellte, war der Geduldsfaden der Mutter an unzähligen Stellen  gleichzeitig gerissen.  
In der Folge herrschte eine tagelange Funkstille zwischen den Streithähnen. Keiner redete ein Wort mit dem anderen.
Die Mutter verbat dem Fräulein  „So-La-La“ den Umgang mit ihrer – wie sie im  hysterischen Tonfall anmerkte – trunksüchtigen Großmutter. 
Oma Rosa antwortete mit einem kurzen Telefonat,  in dem sie  dem Vater empfahl, für eine Brandblase auf der Oberlippe der Mutter zu sorgen.
So ging es tagelang hin und her.
Am Ende siegte die Vernunft.  Im Bemühen ihren Geduldsfaden notdürftig zusammen zu flicken, verzichtete die Mutter auf eine Fortführung des Streits.
Nach einer kurzen Aussprache mit der Großmutter, die in heftigen gegenseitigen Umarmungen ausartete,  wurde  der familiäre  Friedensschluss  mit  einem Gläschen Likör  besiegelt.  
Am Ende sollte Oma Rosa   mit ihrer Prophezeiung Recht behalten.   Manchmal reichte die Vierteldrehung an einer Schraube  aus, um Etwas, das aus dem Gleichgewicht geraten war, zum Guten zu wenden.
Einige schlaflose Nächte und etliche geleerte Likörgläser später hatte sich auch die Mutter an den neuen Namen ihrer  Tochter gewöhnt.  
Innerhalb weniger Wochen war  der alte Name beinahe völlig in Vergessenheit geraten. Nur ein verrückter Zirkusclown  schien sich hin und wieder daran zu erinnern.
„Sophie-Laura.“, rutschte es  dann  dem Fräulein  „So-La-La“ versehentlich über die Lippen.  Aber das passierte   ganz selten.

Fortsetzung folgt……