Das Archiv der Bücher 02)

 2.)  Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein „So-La-La“  aus dem Spiegel in die Welt lacht und  ihr Tüpfelchen entdeckt

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Wie alle Geschichten  begann auch die Geschichte des Fräuleins  „So-La-La“  mit einem Namen.  
Mit den Namen verhält es sich wie mit den Geschichten, denen sie dienen. Manche locken ihr Publikum mit einem  lauten Knall.   Andere  treten als wilder Trommelwirbel in Erscheinung. Und nicht wenige gefallen sich darin,  weit gereist zu klingen.
Ganz anders lag der Fall des Fräuleins „So-La-La“.
Wäre es nach ihrem Willen gegangen,  würde niemand jemals etwas  von ihrem Namen gehört haben. Nicht  im Traum  hätte  sie es gewagt,  ihn in den Mittelpunkt einer Geschichte zu rücken.    Als absurd hätte sie das Ansinnen zurückgewiesen, die Aufmerksamkeit der Welt auf ihn zu lenken.  
Aber einmal in den Wind geworfen, ließ sich der Name nicht mehr einfangen.  Irgendwer  hatte im falschen Moment das Fenster geöffnet. Als man die hochflatternden Gardinen bemerkte, war er über alle Berge. Ein verspielter Wirbel hatte ihn in alle Richtungen verweht.
Von  diesem Augenblick an rief sie jedermann  Fräulein „So-La-La“.  Und  es gab kein Mittel, etwas dagegen zu unternehmen.
Die Mutter schloss eilig das Fenster. Der Vater suchte verzweifelt die Nachbargärten ab. Nur die Großmutter rührte keine Finger, als ihr das Malheur zu Ohren kam.
„Es ist zu spät.“, sagte sie.
„Was man dem Wind schenkt, schenkt man der ganzen Welt.“
Wie recht sie hatte, sollte das Fräulein „So-La-La“ alsbald am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Wer ihr  zum ersten Mal begegnete,  tat sich schwer,  in ihr ein Geschöpf aus Fleisch und Blut zu erkennen.  Eher schien sie aus dem Federkleid eines Engels geschnitten zu sein. Ihre   fein gepinselte  Gestalt war dünnwandiger als eine Seifenblase.  Bei  jedem Atemzug  spannte sich der Brustkorb wie ein Segel,  durch das eine sanfte Brise strich. Die Leichtigkeit, mit der sie über dem Boden schwebte,   machte   den schweren Panzer aus Muskeln, Knochen und Sehnen, den jede menschliche Seele umhüllte, fast  unsichtbar.
Ihre Taille  hatte nicht mehr Umfang als die Tasse, aus der sie ihre Schokolade trank. Die Arme waren dünn wie Spinnenfüße.  Und die Beine maßen an der dicksten Stelle den Durchmesser eines Zahnstochers.

Der einzige Körperteil, der nicht in das zierliche Bauwerk passte, war der Kopf.  In seiner Form glich er einem bis zum Platzen aufgeblasenen Luftballon.
Durch eine unglückliche Laune der Natur thronte der massige Schädel auf einem Hals, der in seinem Umfang dafür ausgelegt war, das Gewicht einer Rosenknospe zu tragen. Allein die rotblonde Mähne des Fräuleins „So-La-La“ rettete ihn davor unter seiner Last einzuknicken.   Die dicksträhnigen Locken spannten sich über die gesamte Länge des Rücken, um den riesigen Kopf im Gleichgewicht zu halten. Von  einer scharfen Schere geerntet,  wäre es ein Leichtes gewesen, einen  Elefanten damit auszustopfen.
Was der Kopf zu rund war, waren die Beine des Fräuleins „So-La-La“ zu kurz geraten. Als hätten sie auf halbem Weg aufgehört zu wachsen, erreichten sie gerade einmal die Länge von Dackelbeinen.
Mit ihrer Größe schlüpfte das Fräulein „So-La-La“ aufrecht unter jeden Küchentisch, ohne sich eine Beule zu stoßen. Und passierte es einmal, dass sie beim Spielen den Kopf verlor, fiel er nicht von weit oben zu Boden.
Trotzdem haderte das Fräulein „So-La-La“ mit ihrer Erscheinung. Ein Mädchen, das mit einem Luftballonkopf und Stummelbeinen gesegnet war, hatte es nicht leicht, sich in einer Welt zu behaupten, in der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen in der Übermacht waren.
Als sich ihre Zunge zu allem Überfluss in einen Clown verwandelte, der ihr jedes Wort im Mund umdrehte, glaubten die Lästermäuler leichtes Spiel zu haben.
Zu ihrem Entsetzen erwies sich das Fräulein „So-La-La“ keineswegs so harmlos wie es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Hinter der puppenhaften Fassade lauerte ein Geist, der mit anderen Mädchen ihres Alters so viel gemeinsam hatte wie ein Adler mit einem Huhn.
Regelmäßig sorgte die Meisterschaft, mit der das Fräulein „So-La-La“ das komplizierte Räderwerk in ihrem Kopf einzusetzen verstand, für Staunen und Entsetzen.   

Ihre Launen wechselten mit der gleichen Unberechenbarkeit  wie das Wetter umschlug.
Was eben noch ein harmloses Pflänzchen gewesen war,  wucherte überfallsartig zu einem dornigen Gestrüpp auseinander, das den Unglücklichen, die sich darin verfingen, furchtbare Kratzer zufügte.
Eine   zuckende Augenbraue, ein ausfahrender Zeigefinger oder ein mitleidiger Tonfall lieferten ihr einen willkommenen Anlass, die allerschlimmsten Wortungeheuer auf die Trommelfelle ihrer Opfer niederprasseln zu lassen.
Ihre Opferliste  war so lang wie das Alphabet.  Wann immer  das kleine Fräulein „So-La-La“ den Versuch startete,   die Gedanken, die das Räderwerk ihres Denkapparates unablässig fabrizierten,  in Wörter zu verwandeln,  schlug der verrückte Clown in ihrem Mund aus dem Hinterhalt  zu. 
Erbarmungslos drehte  er jede Silbe bis zur Unkenntlichkeit durch seinen  Fleischwolf.
Da fand sich ein A, wo keines hinpasste.  Da hörte man ein L, wo keines sein sollte. Da hoffte man verzweifelt auf ein F, wo es dringend  gebraucht wurde.  Da wartete man vergeblich auf ein U und ein R, wo sie unabkömmlich waren.
Bald war dem Fräulein  „So-La-La“ das Sprechen verleidet.
Bloß wohin mit  all den Gedanken,  die ihr ständig in den Sinn kamen?
Hilflos  musste das Fräulein „So-La-La“ mitansehen,  wie ihr  Kopf langsam  zu  einem riesigen Schwamm anschwoll.
Schon beim morgendlichen Blick in den Spiegel stieg ihr Kummerpegel  gefährlich an. Jeder neue Tag brachte sie den  düsteren  Vorahnungen   ein Stück näher.  
Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ihr Kopf wie ein zu groß aufgeblasener Luftballon  zerplatzte.
In ihrer Not wandte sich das Fräulein „So-La-La“ an ihre Großmutter.
Oma Rosa musste nicht lange überlegen, um zu wissen in welcher Gefahr das Fräulein „So-La-La“ schwebte. Sie war in einem Alter, in dem sie schon viele aufgeblähte Köpfe gesehen hatte.
„Meist lösen sie sich mit einem ohrenbetäubenden Knall in Luft auf.“, sagte sie.
Zum Glück hatte sie ein passendes Gegenmittel zur Hand, mit dem sich das Schlimmste verhindern ließ.

„Die beste Medizin ist es, unnötigen Ballast abzuwerfen, bevor es zu spät ist.“
Ohne weitere Erklärungen kramte sie aus  einer Küchenlade einen Kasten mit bunten Stiften hervor. Dann riss sie aus dem Notizblick, in dem sie für gewöhnlich ihre Einkäufe notierte, einige leere Seiten heraus.
Nachdem sie mit einem der Stifte auf einem Blatt einige Linien und Kreise vorgezeichnet hatte, drückte sie ihn dem überraschten Fräulein „So-La-La“ in die Hand.
„Nichts bringt die Gedanken besser zum Fließen, als ein Stift.“, sagte sie.
„Diese Methode hat schon viele große Köpfe gerettet.“, machte sie ihrer verdutzten Enkelin Mut, es selbst zu versuchen.
Zögerlich setzte das Fräulein „So-La-La“ den Stift auf das Papier. Die ersten Striche gingen ihr noch schwer von der Hand. Aber bereits nach wenigen Versuchen stürzte sie sich mit Feuereifer in die Arbeit. Der Stift in ihrer Hand glitt federleicht über das Papier.
Plötzlich spielte es keine Rolle mehr, ob ihre Zunge verrückt spielte.  Denn ein Maler benötigte keine Worte für seine Geschichten. Er erzählte sie mit seinen Bildern.
Das Fräulein „So-La-La“ spürte wie der Druck in ihrem Kopf mit jedem Strich nachließ. Ohne die Lippen bewegen zu müssen, flossen die aufgestauten Gedanken wie eine Sturzflut aus ihr heraus.
Innerhalb weniger Tage  quollen die mit leichter Hand hingeworfenen Zeichnungen   aus allen Schubladen.
Aus jedem Blatt  grinste ein  melonengroßer Kugelkopf sein ratloses Publikum an.
„Ich mlae Lfutblalonknider.“, begeisterte sich das Fräulein „So-La-La“ an ihren unförmigen Geschöpfen.
Auch Kugelköpfe waren eitle Wesen, die gerne Schmeicheleien hörten.
Ein Luftballon musste nicht den  Spott der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen fürchten.
Es entsprach seiner Natur kugelrund zu sein. Die Form änderte nichts an der Würde, die er ausstrahlte.  Noch der dickste Luftballon schwebte leicht wie eine Feder  durch die  Luft.  

Je mehr sich die Zeichnungen glichen, umso zufriedener fiel das Urteil des Fräuleins „So-La-La“   aus.  
Ein auf das andere Mal passten die Striche  haarfein. Nirgendwo fehlte ein Punkt.  Jede Linie landete auf dem vorgesehenen Platz. 
Die Fräulein „So-La-La“  konnte ihr Glück kaum fassen.  Endlich hatte sie ein Mittel gefunden,  um den übermütigen Clown in ihrem Mund in die Schranken zu weisen.  
Beim Malen gelang ihr,  woran sie mit Worten scheiterte.  Jedes Bild  geriet,  wie es gedacht war.
Nie  tauchte ein Auge dort auf, wo es nicht hingehörte.  Nie entfernte sich eine Nase unerlaubt   aus dem Bild.   Nie wuchs ein Haar,  wo es nicht wachsen sollte.   Nie zappelte  ein Arm   an der falschen Stelle.  Nie  verschwand ein Bein, wenn es gebraucht wurde. 
Als dem Fräulein „So-La-La“ eine Rolle Klebestreifen in die Hände fiel, begann sie, die Bilder an die Wand zu kleben. Bald hatten sich ihr Kinderzimmer in die Ahnengalerie einer Familie verwandelt, deren gemeinsames Merkmal ein melonengroßer  Kugelkopf war.
„Irhe Gednaken bruachen veil Paltz.“,  begründete das Fräulein „So-La-La“ die  riesigen Köpfe ihrer Luftballonkinder.
Bei Sonnenschein  leuchteten ihre Haare in einem kräftigen Gelb.    Blinzelte der Mond aus der Ecke des Zeichenblattes, fiel die  Wahl auf einen braunen Stift.
Zwei murmelgroße  Punkte  markierten die Augen.  Ein senkrechter Strich, der mit in einem  nach rechts verlaufenden Haken endete,  bildete  die Nase.

Einen  Fingerbreit darunter   lachte der   Mund als  geschwungene Linie aus dem Bild. Manchmal hing die Welle wie eine Hängeschaukel nach unten durch. 
„Wnen eniem zum Lcahen ist,  schuaeklt scih das Gülck.“ , erklärte  das Fräulein  „So-La-La“  die fröhlichen  Gesichter.
Ein anderes Mal drehte sie  die Welle um. Sogleich türmte sich der Mund  zu einem kleinen Hügel auf, der dem  Gesicht  eine finstere Miene  aufsetzte. 
Beim Anblick der heruntergezogenen Mundwinkel zog das Fräulein „So-La-La“ die richtigen Schlüsse.
„Wnen man tarurig ist, luafen  die Gednaken im Kpof bregauf .“,   wusste sie aus eigener Erfahrung.
Zum Glück blieben die Gesichter, in denen sich die Gedanken über einen steilen Hügel  quälen mussten, in der Minderheit.  In den meisten Mienen, die das Fräulein „So-La-La“ auf Papier festhielt,  schaukelte sich das Glück. Dabei besaßen ihre Luftballonkinder genügend Gründe, um ihre Gedanken bergauf laufen zu lassen.
Der dürre Hals, der sich abmühte,  das schwere Gewicht des Kopfes im Gleichgewicht zu halten, ragte aus einem Kleid heraus, dessen   Verwandtschaft mit  einem  Kartoffelsack  offensichtlich war.
Unterhalb der schmalen Schultern ruderten  zwei zur Seite gestreckte  Arme  ins Leere. Nicht viel besser  erging es den Füßen.    Sobald sie aus dem Kleid hervorschlüpften, baumelten  sie  über einem bodenlosen Abgrund.
Die Ähnlichkeit der Luftballkinder zu ihren aufblasbaren Verwandten war unverkennbar. Weder besaßen sie ein Dach über dem Kopf noch hatten sie einen Boden unter den Füßen.
Sie schwebten auf den Zeichenblättern wie Wolken am Himmel.    Bis auf die  Sonne,  die von einem wolkenlosen Himmel strahlte,   leistete ihnen niemand Gesellschaft. Hin und wieder tauchte der Mond in einer Ecke des Blattes auf. Ansonsten hatten sie keinerlei Abwechslung.
Auf die Frage, ob es sie  auf  Dauer nicht langweilte,  eierförmige  Kugelköpfe zu malen,  zuckte das Fräulein  „So-La-La ungerührt mit der Achsel.
„Jdeen Mrogen ghet die  glieche Snone am Hmimel auf.  Trtozdem ist jdeer Tag adners.“,   verteidigte sie ihre künstlerische Freiheit.
Nach wenigen  Wochen hatten die Luftballonkinder alle Wände des Kinderzimmers in Beschlag,  ohne dass jemand Anstoß daran nahm.

Zu Beginn  beäugte die Mutter die künstlerischen Versuche des Fräuleins „So-La-La“  mit Wohlwollen.   
Die Luftballonkinder boten eine willkommene Unterstützung im Kampf gegen den verrückten Clown, der sich im Mund ihrer Tochter festgesetzt hatte.  
Der ungewöhnlichen Freundschaft sollte jedoch eine kurze Dauer beschieden sein.
Ein einziges Wort reichte aus, der vielversprechenden Malerkarriere des Fräuleins „So-La-La“ eine unselige Wendung zu geben.
Das Verhängnis  begann mit  einem harmlos gemeinten Scherz.
„Welchem Beruf können diese Strichmännchen mit ihren dünnen Armen und Beinen wohl nachgehen? “, spöttelte der Vater beim Betrachten des kunterbunten Geschwürs, das  sich unaufhaltsam durch das Haus wühlte.
Das Fräulein So-La-La“ stemmte die Arme in die Hüfte und setzte einen Schmollmund auf.
 „Das snid kiene Stirchmäncnhen!“, reagierte sie beleidigt.
„Was immer sie tun?   Bestimmt bereiten sie mit ihrer Arbeit vielen Menschen eine Freude.“, mischte sich die Mutter in die  Unterhaltung ein.
Ohne Absicht schuf die unbedachte Äußerung  den Boden für den kommenden Schrecken.
Durch den mütterlichen Beistand ermuntert,  maß das Fräulein „So-La-La“ den  Vater mit einem verächtlichen Blick.
„Das bin ich als Stirchmäcdhen.“,  verkündete sie mit  stolz geschwellter Brust.  
Der Satz detonierte mit der Wucht einer Bombe im Raum. Als sich der Rauch verzogen hatte,  war auf den ersten Blick klar, dass  jeder Versuch, ihn aus dem Gedächtnis zu tilgen,  vergeblich sein würde.  
Das Übel hatte seine Saat in die Welt gestreut.
Durch die dichte  Haarpracht des Vaters zog sich ein nebeliger Grauton.  Der Mutter setzten  die Schockwellen, die der Satz verursachte hatte,  um ein Vielfaches  schlimmer zu.   Binnen weniger Sekunden vertieften sich die verspielten Lachfalten um ihre Lippen   zu breiten Kummergruben, die keine Makeup-Creme mehr auszufüllen imstande war.  

Von diesem Tag an musterte sie  die Luftballonkinder  mit völlig anderen Augen.   Schon die bloße Vorstellung, in den unförmigen Wasserköpfen die Gesichtszüge der eigenen Tochter erkennen, brachte sie an den Rand eines Nervenzusammenbruches.
Noch mehr plagte sie die Sorge, die Zukunftspläne des Fräuleins „So-La-La“ könnten von neugierigen Ohren aufgeschnappt werden.
Zweifellos würde sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreiten und Spott und Schande über sie bringen.
In den Nächten schreckte sie schweißgebadet aus dem Schlaf. Mit tränennassen Augen starrte sie zum Fenster hinaus, als lauschte sie in der Dunkelheit nach dem hohnlachenden Chor der hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen.
„Mit dem Kind wird es ein schlimmes Ende nehmen.“,  hörte sie   schon das ferne  Echo der Spötter in ihren Ohren tönen.
„Vielleicht ist das arme Mädchen wirklich nicht  ganz richtig im Kopf.“,  wälzte sich die Mutter von Selbstzweifeln geplagt im Bett.
Der Vater tat sein Bestes, ihre Befürchtungen zu zerstreuen und den Luftballon-gesichtern ihre Unschuld zurückzugeben.
In einem Anflug von Leichtsinn versuchte er von der unglückseligen Bezeichnung, die das Fräulein „So-La-La“ abzulenken.
Keineswegs  würden die Zeichnungen das Gesicht eines gefallenen Mädchens zeigen, ließ er augenzwinkernd verlauten.
Unverkennbar spiegelte sich in der klaren Linienführung die Schönheit der Mutter.
Die zweifelhafte Schmeichelei  war noch nicht verhallt,  als sich  vor ihm das Tor zur Hölle öffnete.
„Das Einzige, das sich  in den hässlichen  Fratzen offenbart, ist  die  Einfältigkeit ihres Vaters.“,  bellte die Mutter erbost  zurück.
Die glühende Lava ihrer  Blicke  rollte unaufhaltsam zur Bettseite des Vaters  heran. Die Ungeheuerlichkeit, ihren Namen in einem Atemzug mit den sackartigen Kritzeleien in den Mund zu nehmen, steigerte  ihren Herzschlag   zu einem rasenden Sturmgeläut.
Wer es  wagte, sie der Ähnlichkeit mit einem Strichmädchen zu bezichtigten, würde seiner Tage nicht mehr froh werden,   donnerte sie dem in Schweiß gebadeten Vater ins Gesicht.
Bei diesen Worten nahm ihre   Stimme   eine Klangfarbe an, die den  Posaunen des Jüngsten Gerichts in nichts nachstand.   

Der Vater  hatte Glück im Unglück.   Er  besaß ein feines Gehör für das Knacksen eines Geduldsfadens.  Einmal mehr verhalf ihm diese Eigenschaft,  seine  Haut  zu retten.   In letzter Sekunde schaffte er es, sich in die  Dachkammer in Sicherheit zu bringen, bevor ihn ein mütterlicher Feuersturm zu Asche brannte.
Am nächsten Morgen war der Groll der Mutter wie weggeblasen.  Sie verlor kein Wort mehr  über das zweifelhafte Kompliment, dessen Widerhall den Vater aus dem Bett vertrieben hatte. 
Ihr eisernes Schweigen schloss auch die Luftballonkinder mit ein, die das Fräulein  „So-La-La“    mit ungebrochenem Eifer  fabrizierte. Mit gesenktem Blick schlich sie an den Wänden vorüber, die volltapeziert waren mit fröhlich grinsenden Kugelköpfen, als fürchtete sie, in ein Spiegelbild ihrer selbst zu blicken.
Der stumme Schrecken, den die Zeichnungen im Haus verbreitete, blieb nicht unbemerkt. Es dauerte nicht lange, bis sich die  hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen  zu Wort meldeten.
Schadenfroh weideten sie sich an der verletzten Eitelkeit der Mutter.  
Eine hochgezogene Augenbraue  stellte mit scheinheiliger Kunstsinnigkeit einen namhaften  Geldbetrag zur Anschaffung  weiterer Malutensilien  in Aussicht.  
Der Wert der Bilder wäre nicht hoch genug einzuschätzen, begründete sie  ihre  Großzügigkeit. 
Solange das Fräulein „So-La-La“  an ihnen herumkleckste, bliebe  die Welt von   missliebigen Wortgeschöpfen aus ihrem Mund verschont bleiben.
Ein gestreckter Zeigefinger wiederum  verwies auf  die  unübersehbare Kopflastigkeit in den  Zeichnungen.   Worauf seine Kinnlade wie eine Baggerschaufel nach unten klappte und er sich das Gesicht dunkelrot lachte. 
Als sich eine mitleidige Stimme die   Bemerkung erdreistete, noch nie ein schöneres Strichmädchen auf einer Leinwand gesehen zu haben, riss der Geduldsfaden der Mutter an mehreren Stellen gleichzeitig.
Allerdings hatte sie dem Spott, der sich über sie ergoss, nicht mehr entgegen zu setzen, als ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. 

Ihrer  natürlichen Feinde beraubt, schritt die Vermehrung der Luftballonkinder ungezügelt voran.
Bald hatten sie jeden Winkel des Hauses erobert.  Allabendlich schickte die Mutter ein Stoßgebet zum Himmel hoch, in dem sie um eine  unheilbare Krankheit   flehte,  welche  die   verhassten Kreaturen  hinweg raffte.
Die himmlischen Mächte  schmiedeten jedoch andere Pläne.
Je unverhohlener  ihnen die Mutter  Pest und Cholera an den Hals wünschte, desto prächtiger gediehen die   Strichmädchen des Fräuleins  „So-La-La“.   
Am Ende jeder Woche hatte sich ihre Anzahl verdoppelt.  Dabei stand das Schlimmste noch aus.     
Waren die ersten Exemplare noch daumengroß, legten ihre Nachkommen an  Größe und Umfang stetig zu.
Die anschwellende Körperfülle  sorgte für allgemeine Ratlosigkeit. 
Das Fräulein „So-La-La“ malte ihnen keinerlei  Süßigkeiten oder andere Naschereien in die Hand. Genauso wenig wie sie ihren Schöpfungen einen Kühlschrank gönnte, an dessen Inhalt  sie sich hätten fett fressen können.
Trotz dieses offensichtlichen Mangels an Essbarem platzten die Luftballonkinder auf den Zeichenblättern bald aus allen Ecken und Enden. 
Zuerst verlor sich der Mittelfinger einer  rechten Hand.   Dann fehlte eine linke Hand, die mit einem scharfen Schnitt vom Armgelenk  abgetrennt wurde.   Am nächsten Tag fielen die Füße dem unerbittlichen Seitenende zum  Opfer.  
Die Raumnot wurde   mit jedem Bild  offensichtlicher. Den traurigen Schlusspunkt setzte ein schmaler Hals, der sich erwartungsvoll aus einem fein linierten Kleidersack streckte.
Punktgenau  setzte das Fräulein „So-La-La“ den Stift für den Kopf an.  Da  fällte Blattrand mit der Gnadenlosigkeit  eines Scharfrichters sein schauriges Urteil.
Mit einem  lauten Aufschrei  schleuderte das Fräulein „So-La-La“ den Zeichenstift von sich fort.
Der Anblick der kopflosen Figur war  mehr als sie  ertragen konnte.    

„Der arme Teufel   sieht aus wie ein Strich,  dem das Tüpfelchen fehlt.“,  lautete das knappe Urteil der zur Besichtigung des Unglücks herbei geeilten Mutter.
Nach außen  missbilligte sie die  Methode des Köpfeabschneidens.
Im Stillen dankte  sie dem scharfen Blattrand  für sein entschlossenes Eingreifen, das der ungezügelten Vermehrung der Kugelköpfe im Haus ein jähes Ende gesetzt hatte. Die   dunklen Ringe unter ihren Augen zeugten   von den unzähligen schlaflosen  Nächten,   die   es sie  gekostet hatte, den havarierten Geduldsfaden wieder in Ordnung zu bringen.
Keineswegs entging dem Fräulein „So-La-La“ die Schadenfreude der Mutter. Aber es blieb keine Zeit, zum Zeichen des Protests ihren Zeigefinger auszustrecken und sich damit gegen die Stirn zu tippen. Zu sehr war ihre Aufmerksamkeit von etwas anderem eingenommen.
„Was ist ein Tpülfehcen?“,  platzte sie fast  vor Neugierde.
Die Mutter nutzte die Gunst der Stunde, glaubte sie sich doch dem Ziel,  die verhassten Strichmädchen an den Wänden loszuwerden, zum Greifen nahe.
„Es ist der kleine Unterschied, der ausmacht, dass du „Du“ bist und ich „Ich“ bin.“,  erklärte sie feinsinnig.
Das Fräulein „So-La-La“  rümpfte die Nase. Der Zeigefinger ihrer rechten Hand zuckte nervös, als wollte er das Versäumte nachholen.   
Sie blickte die Mutter mit großen Augen an.
Der Unterschied zwischen ihnen war für jedermann zu erkennen.  Er war um das Tausendfache   größer war als ein winziger Punkt. 
Die Mutter ignorierte den nervös vor ihrer Nase tanzenden Zeigefinger.
Zur besseren Veranschaulichung griff sie nach einem Stift.  Mit einem kurzen Schwung setzte sie  einen  senkrechten Strich auf das Zeichenblatt, wo  die letzte Schöpfung des Fräuleins „So-La-La“ immer noch hoffte, einen Kopf auf den Hals zu bekommen.  
„Was siehst du darin?“, fragte sie.

Das Fräulein  „So-La-La“  war ratlos.
Das Räderwerk in ihrem Kopf besaß die Fähigkeit, binnen Sekunden die kompliziertesten Gedanken zu fabrizieren.  Aber dieses Mal versagten die Zahnräder ihren Dienst. 
Sie blickte den Strich von links und von rechts an.  Sie beäugte ihn von oben und von unten.  Es machte keinen Unterschied, von welcher Seite sie ihn betrachtete. Der Strich blieb immer ein Strich.
Vielleicht handelte es sich um einen verirrten Sonnenstrahl, rätselte sie.
In ihren Zeichnungen strahlte die Sonne mit ähnlichen Strichen aus der Ecke.
„Es könnte auch ein Grashalm auf einer Wiese sein.“,  orakelte die Mutter.
Da durchzuckte ein verhängnisvoller  Geistesblitz das Fräulein „So-La-La“.
„Oedr der Anfnag von eienm Strihcmäcdhen.“,  streute sie unabsichtlich Salz  in die mütterliche  Wunde.
Augenblicklich verlor die  Mutter  die Farbe aus dem Gesicht.  Ihre Lippen verengten sich zu schmalen  Rasierklingen. Der Rauch, der aus ihren Ohren dampfte, war unübersehbar.   Der   notdürftig geflickte Geduldsfaden knackste hörbar.
„Wenn der Strich sein Tüpfelchen bekommt, sieht jeder was er wirklich ist.“,    rang sie um Fassung.
Dann versagte ihr die Stimme. Die Mundwinkel rutschten nach unten. Die Augenlider begannen zu blinzeln.  Das Knacksen des Geduldsfadens steigerte sich zu einem bedrohlichen Rumoren.
Blitzschnell rutschte das Fräulein „So-La-La“    unter den Schreibtisch und  hielt sich die Hände vor die Ohren. Endlose Minuten vergingen.  Als der  befürchtete Knall ausblieb, kroch sich zögernd  wieder  aus ihrem Versteck hervor.  
Die Mutter war wie vom Erdboden verschluckt.   Plötzlich öffnete sich die Tür. Das Fräulein „So-La-La“ glaubte zu träumen.
Die Mutter trat ihr mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen. Ihre Gesichtszüge wirkten wie frisch gebügelt Auf den blassen Wangen schimmerte ein zartes Rot.
Als wäre nichts geschehen,   machte  sie sich von neuem   an der Zeichnung zu schaffen. 
Das Fräulein „So-La-La“ beobachtete misstrauisch jede Bewegung der Mutter.
Ihre Fröhlichkeit   stand im krassen Gegensatz zum Zittern   ihrer  Hand.  Zudem roch ihr Atem süßlich nach der scharfen Flüssigkeit, mit der die Großmutter ihren Kaffee verfeinerte.   

Erst im dritten Anlauf gelang es der Mutter, einen dicken Punkt über den kleinen Strich zu malen.    Wie durch ein Wunder erfuhr er  durch den dunklen Fleck, der  nun über ihm schwebte, eine völlig andere Bedeutung.  
Die Mutter atmete erleichtert auf,   als sie ihr Werk betrachtete.  Der Anfang eines Strichmädchens hatte sich in einen harmlosen Buchstaben verwandelt.
„Nun ist es nicht mehr irgendein Strich. Durch den Punkt weiß er um seine wahre Natur.“,   erfreute sie sich an dem gelungenen Werk.
Dem  Fräulein „So-La-La“  hatte Mühe, den gestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand   in Zaum zu halten.   
Wie durch ein Wunder war der Geduldsfaden der Mutter  ganz geblieben.  Dafür hatte sie den Verstand verloren.
Was sie von sich gab, spottete jeder Vernunft Hohn.
Wie sollte das  möglich sein?  Ein winziger Punkt gab  den Ausschlag,  ob aus einem  x-beliebigen  Strich, der gerade noch einem Sonnenstrahl oder einem Grashalm zum Verwechseln ähnlich sah,   etwas Einzigartiges wurde.  
Zum Schein spielte das Fräulein „So-La-La“  die Leichtgläubige.
„Was hlät der Stirch von dem Tüfepelhcn , das üebr sienem Kpof schewbt?“,  fragte sie mit hinterlistiger Absicht
„Ich denke, es gefällt ihm, zu sein,  was er durch den Punkt  geworden ist.“, antwortete die Mutter.
Und weiter führte sie aus:
„Nun  weiß er, dass er kein  bedeutungsloser  Strich mehr    ist,   sondern ein Buchstabe, der in Wörtern und Büchern sein Zuhause  hat.   Wie ihm tut es allen Wesen gut,  ihre Bestimmung zu finden.“
Das Gehörte versetzte das Fräulein „So-La-La“ in helle Aufregung.  Vielleicht war etwas Wahres an der Lügengeschichte der Mutter. Spontan entschloss sie sich zu einem  Selbstversuch.   
Sie legte den Kopf in den Nacken  und blickte  zur Decke hoch.    Wie nicht anders erwartet, schwebte kein Punkt über ihr, der sie mit  einem unverwechselbaren  Tüpfelchen ausstattete.  
Die Erkenntnis traf sie mit der Wucht eines Nackenschlages.  Plötzlich wusste sie, woran es ihrem Dasein mangelte.    Es   fehlte ihr  die Bestimmung,  etwas zu sein.
 „Ich mcöhte acuh ein Tüfepelhcn hbaen.“,    forderte sie einen Punkt ein, der etwas Unverwechselbarem aus ihr machte.

„Du besitzt es schon.“,   entgegnete  die Mutter.
„Du musst nur in den  Spiegel blicken, um den Tüpfelchen zu finden.“
Das Fräulein „So-La-La“ fühlte sich nicht ernst genommen.
„Im Speigel shee ich nur mcih, wie ich mcih aus  eniem Speigel anstrare.“,  grunzte sie enttäuscht.
Voller Neid starrte sie auf das „i“, das sich wichtigtuerisch in Pose warf.    Dem unscheinbaren  Strich war seine Bedeutung  buchstäblich in den Schoß gefallen.
Sie hatte gute Lust,  die Zeichnung in kleine Papierfetzen zu zerreißen  und in den Papierkorb zu werfen.   In letzter Sekunde entschied sie sich anders.
Sie sprang vom Stuhl hoch und lief zum Kleiderschrank. An der Innenseite der Tür befand sich ein schmaler Spiegel.
Minutenlang beäugte sie jede Stelle an sich.   Doch so sehr sie sich auch anstrengte. Nirgendwo konnte sie einen Punkt ausmachen ,  der ihr ein   einzigartiges Tüpfelchen verlieh.   
Das Spiegelbild lieferte den Beweis.   Sie  unterschied sich in  nichts  von anderen Grashalmen auf der Wiese.  Sie war nichts Besseres als  ein beliebiger Sonnenstrahl unter Millionen.
Die einzige Auffälligkeit, die sie im Spiegel sah, war  ein   beleidigter  Schmollmund, der  sich  zu einem riesigen Hügel auftürmte.   Die  Gedanken in ihrem Kopf  ächzten unter dem steilen Anstieg, der sich vor ihnen auftat. Gleichzeitig näherte sich ihre Laune dem Tiefpunkt.
Ein kleiner Punkt entschied darüber, ob man ein Jemand oder ein Niemand war. Und die  eigene Mutter rührte keinen Finger, um  ihr zu diesem Tüpfelchen zu verhelfen. Sie gefiel sich lieber schulmeisterlichen Reden.
„Im Streben nach Bedeutung geht oft der Blick für den Glanz der kleinen Dinge verloren.“, tönte ihre Stimme.   
„Der bölde Speigel ziegt nur  mien dmumes Gesciht.“,  bellte  das Fräulein  „So-La-La“ gereizt zurück. 
Sie stampfte mit den Füßen.  Ihr Gesicht färbte sich  knallrot vor Wut über die Ungerechtigkeit, die man ihr zumutete.  
„Es braucht keinen Stift,  der dir einen Punkt über den Kopf malt.  Wie du dich selbst siehst, macht dein Tüpfelchen aus. Unter tausenden Mädchen, die gleichzeitig aus einem Spiegel lachen, wirst du dich daran erkennen.“

Die Worte der Mutter lösten einen ohrenbetäubenden Knall im Kopf des Fräuleins „So-La-La“ aus. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, war die Welt eine andere geworden.
Von einem Augenblick zum nächsten strahlte ihr Dasein  um ein Vielfaches heller,  als es  einem  kleinen  Buchstaben vergönnt war. 
Wie hatte sie so blind sein können?
Jedes einzelne Haar an ihr zählte unermesslich mehr als  der mickrige Strich auf dem Papier, der sich einbildete wichtig  zu sein, weil ein Punkt über ihm schwebte.
Es war nicht seine Entscheidung gewesen, ein Buchstabe zu sein.   Ohne die Hand ihrer Mutter wäre er  ein unbedeutender  Grashalm unter vielen oder ein verirrter Sonnenstrahl unter Abermillionen geblieben.
Anders als ein Strich auf einem Blatt Papier  konnte sie  über ihre Bestimmung selbst entscheiden.
„Wnen ich mcih vor den Speigel stlele, entshciede  ich,  wer mcih daraus anseiht.“, platzte es aus ihr heraus.  
Ob ihr dabei zum Lachen oder zum Weinen zumute war.  Ob sie sich hässlich oder schön fühlte. Ob sie einen  Jemand oder einen  Niemand in ihrem  Spiegelbild erkannte. Nicht der Stift bestimmte ihren Stellenwert.  Es war ihre eigene Entscheidung,   wie sie aus dem  Spiegel  in die Welt  blickte.
Die Mutter  unterstützte das Selbstbewusstsein ihrer Tochter mit einer unverhofften Starthilfe.
 „Ich denke, die Zeit ist reif für einen größeren Malblock , der  das  arme Geschöpf  von seinem kopflosen Elend erlöst“, sagte sie mit Blick auf das Zeichenblatt auf dem Schreibtisch.
Die Erkenntnis, eigenhändig zur Vermehrung der wasserköpfigen Monster beizutragen, veranlasste sie, für wenige Minuten in die Küche zu flüchten, wo sie ihren angespannten Geduldsfaden vorsorglich mit einem Glas Likör schmierte.
Noch am gleichen Tag hielt  das Fräulein  „So-La-La“  einen   Zeichenblock in der doppelten  Größe in Händen.
Mit fabrikneuen Malstiften ausgestattet, schuf sie  Meisterwerke, deren Ausmaße alle bisherigen Bilder in den Schatten stellten.
Nie wieder stieß ein Hals unsanft an das Blattende,  wenn er sich aus dem Kartoffelsack strampelte. Voller Stolz streckte er sich dem prächtigen Tüpfelchen entgegen, das über ihm schwebte.   

Der luftballongroße Kugelkopf trug unverkennbar die Züge eines Mädchengesichtes,  in dem sich das Glück schaukelte.
Für die Sonne, die aus der Ecke strahlte, rührte das Fräulein  „So-La-La“  ein  kräftiges Gelb an,   damit    das  Tüpfelchen in seiner ganzen Schönheit zur Geltung kam.  
Den Punkt gefunden zu haben, der ihren Platz in der Welt bestimmte, erfüllte sie mit einer nie zuvor gekannten Schaffensfreude. Daran konnte auch der verrückte Clown, der in ihrem Mund sein Unwesen trieb, nichts ändern.
Der Anteil, den die Luftballonkinder beitrugen, das Fräuleins „So-La-La“ mit ihm zu versöhnen, stimmte am Ende auch die Mutter milde.
Unter strengen Auflagen streckte sie  ihnen die Hand entgegen.
„Solange sie stumm von den Wänden starren,  können sie im Haus bleiben.“,  erteilte sie ihren ehemaligen Todfeinden  eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung.
Allerdings durfte niemand den verpönten Namen in den Mund nehmen.   Wer   dieses Gebot missachtete,  blickte in das Auge eines mütterlichen Orkans, gegen den die Sintflut wie ein Platzregen anmutete.   
So verbrachte das Fräulein „So-La-La“ mit Billigung ihrer Eltern  ihre Kindheit  an einem Ort,  an dem sich mehr Strichmädchen tummelten als anderswo in der Welt, ohne dass ihr  Charakter daran  Schaden nahm.
Einige der Zeichnungen,  die besonders gut gelungen waren,  schafften es sogar hinter Glas.     In  den prächtigen Bilderrahmen  wirkten sie nicht weniger   kostbar als  die Gemälde, die  in den Museen zu sehen waren.
Bedauerlicherweise war das Fräulein „So-La-La“ noch  zu jung,   um ihre Bilder in großen und menschenleeren Sälen an die Wand zu hängen.   Also blieb der Mutter keine andere Wahl als zähneknirschend das Wohnzimmer zur  Ausstellung der sonderlichen Kunstwerke  zur Verfügung zu stellen.
Wenn ein  Besucher die  imposante Werkschau besonders genau in Augenschein nahm, beeilte sich der Vater das  von den gestreckten Zeigefingern, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen gestreute Gerücht,   bei den Bildern würde  es sich um die Darstellung gefallener Mädchen handeln,  im Keim zu ersticken.

„Das ist das Fräulein    „So-La-La“,   wie sie sich im Spiegel ansieht.“,  sagte er.
Während die Mutter um ein verkrampftes Lächeln in ihrem leichenblassen Gesicht bemüht war, zog sich der Vater in die Küche zurück, wo er sein lädiertes Schienbein, an das ihn ein Unbekannter getreten hatte, versorgte.
Von derlei Unstimmigkeiten bekam die anwesende Künstlerin nichts mit. Sie übte sich in gespielter Bescheidenheit.
Das bin nur ich,  wie ich mit mienem Tüfpelhcen in die Wlet lcahe.“, redete  das Fräulein „So-La-La“   die Bedeutung ihrer Bilder klein.
In Wahrheit platzte sie   fast vor  Stolz, weil sie sich keinen schöneren Kugelkopf auf ihrem Hals vorzustellen vermochte.

Fortsetzung folgt…..