Das Archiv der Bücher 03)

3.)  Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das  Fräulein “So-La-La“ das Geheimnis lüftet, wer jeden Morgen die Sonne über dem Horizont am Himmel  hochzieht.

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Im Rückblick der Ereignisse hatte es das Fräulein „So-La-La“  schon immer   geahnt.  Ihre Mutter war nicht nur die Beste und Schönste von allen. Sie hatte auch am meisten zu tun.   
Ohne ihre Arbeit  wäre am Morgen  keine   Sonne  am Himmel aufgegangen. Abends hätte die Welt keine Ruhe gefunden.
Die anderen Mütter arbeiteten nicht weniger hart.
Sie führten den Haushalt und die Geschäfte. Sie tippten sich in den Büros die Finger wund. Sie bogen sich in den Fabriken den Rücken krumm.  Aber an die Mutter des Fräuleins „So-La-La“ konnte keine von ihnen heranreichen. Ihre Bedeutung überragte alle anderen Mütter.
Schon ihr Lächeln fühlte sich anders an. Es war kein flüchtiges Blitzlicht wie bei anderen Müttern. Es erstrahlte die ganze Welt. In ihrer Stimme schwang ein Ton, dessen Klang Millionen sanft aus dem Schlaf weckte. Und keine andere Mutter besaß die Gabe, die Nacht mit der Leichtigkeit einer Handbewegung fortzuwischen.
Wenn sie morgens ins Zimmer trat und die Vorhänge zur Seite zog, flutete ein heller Tag durch das Fenster. Geradeso als würde sie mit ihren Armen die Sonne mit einem Seil über den Horizont zum Himmel hochziehen.
Fast wäre das Glück des Fräuleins „So-La-La“ perfekt gewesen.  Hätte es nicht diesen winzigen Makel gegeben, der wie eine offene Wunde in gärte.
Andere Töchter glichen ihren Müttern wie ein Ei dem anderen. Sie hatten die gleichen Augen, Nasen und Ohren. Oder teilten sich dieselbe Haarfarbe.
Bei ihrer Geburt musste dagegen ein schrecklicher Fehler passiert sein. Haderte das „Fräulein „So-La-La“ mit dem Schicksal.
Denn sie wies mit ihrer Mutter nicht die geringste Ähnlichkeit auf. An ihrer Mutter war alles besser geraten. Die Haare waren dunkler.   Die Ohren lagen enger.  Die Augen  leuchteten kräftiger. Und die Nase sah nicht aus, als wäre sie gegen eine geschlossene Tür gelaufen.
Aber am allermeisten hatte die Natur bei der Größe geschlampt.   Der Unterschied hätte nicht größer sein können.
Das  Fräulein „So-La-La“  konnte  aufrecht unter jedem Küchentisch stehen,  ohne sich den Kopf anzustoßen.  Bei ihrer Mutter verhielt es sich genau umgekehrt. Sie passte nirgendwo drunter, ohne den Kopf einzuziehen. Mit ihren storchendünnen Beinen  ragte sie wie ein Wolkenkratzer  bis zur Zimmerdecke hinauf.

„Sie ist veil zu gorß  für mcih.“, schimpfte sich das Fräulein „So-La-La“ bei ihrer Lieblingspuppe  den  Ärger von der Seele.
Im Haus stach die Größe der Mutter nicht sofort ins Auge. Die Wände waren hoch wie das Gemäuer einer Kirche. Und die Türen reichten bis unter die Dachbalken.
Ungewöhnlich war nur der Blick aus dem Fenster. Wenn das Fräulein „So-La-La“ im Erdgeschoß ihre Nase an die Glasscheibe drückte, lag die Straße zwei Stockwerke tiefer.
Trotz ihrer Größe schwebte die Mutter federleicht durch die Räume. Nie war sie in Gefahr, mit dem Kopf gegen die Deckenlampe zu stoßen oder in einer Tür stecken zu bleiben. Sobald sie jedoch einen Schritt vor die Tür setzte, begannen die Schwierigkeiten.
Die Welt war viel zu niedrig für sie gebaut. Ständig stieß sie mit dem Kopf gegen Straßenlaternen und Dachvorsprünge.
Bei schlechtem Wetter musste sie sich tief unter ihren Regenschirm ducken.
„Wnen sie  nicht  aufpsast,  schälgt sie scih  die Strin an den Wloken bultig.“,   sorgte sich das Fräulein  „So-La-La“.
Auf Augenhöhe mit ihrer Mutter zu verkehren, war alles andere als ein leichtes Unterfangen. Um ihr bis zum Bauchnabel zu reichen, musste das Fräulein „So-La-La“ auf den Zehenspitzen balancieren und die Arme über den Kopf strecken.
Der Mutter einen Kuss auf die Wange zu drücken,  erforderte von ihr gar die Kühnheit  auf den Küchentisch zu klettern.
„Mit irher Görße  knan sie bestmimt  bis nach Arfika sheen.“, schwärmte das Fräulein „So-La-La“  der Großmutter von der schwindelerregenden  Aussicht ihrer Mutter vor.
Im selben Atemzug badete sie im Selbstmitleid über die eigenen Stummelbeine, die jeden Weitblick verhinderten.
„Ich bin zu kelin, um mir utner dem Kcühentsich den Kpof anzustßoen.“,
Oma Rosa hatte Mühe,   den  Flutwellen, die aus den Augen ihrer trübsinnigen Enkelin schwappten,  standzuhalten.  
Langfristig bestünde  keinerlei Anlass zur Sorge,  bemühte sie sich, die Gefahr zu entschärfen.

„Selbst die kleinsten Töchter neigen in der Regel dazu,  ihren Müttern mit den Jahren über den Kopf zu wachsen.“,  fasste sie den Erfahrungsschatz  Abermillionen von Müttern in einem kurzen Satz zusammen.  
Mit Blick auf das riesige Kuchenstück, welches sich das Fräulein „So-La-La“ als Trost für ihren Kummer gerade in den Mund stopfte, fügte sie mit einem Augenblinzeln hinzu:
„Um es zu schaffen, braucht es nicht mehr als  ein bisschen Geduld und einen  gesunden Appetit.“  
Das Fräulein „So-La-La“ runzelte misstrauisch die Stirn. Die Botschaft der Großmutter klang zu gut, um wahr zu sein.
„Stimmt das wirklich?“ 
Ihre Stimme nahm vor Aufregung die  Klangfarbe einer Trillerpfeife an.
Oma Rosa antwortete mit einem  verheißungsvollen Nicken.
„Dieses Naturgesetz gilt für alle Töchter.“, grinste sie sich die Lippen breit.
Das Herz des Fräuleins „So-La-La“ schlug Purzelbäume vor Glück, bis ein kleiner Punkt an der Küchentür alle Freude jäh zunichte machte.
Der Punkt markierte die Stelle, an der sie mit durchgestrecktem Rücken darauf wartete, dass der Vater ein Lineal auf ihren Kopf legte, um ihre Größe zu messen.
Die Enttäuschung, die sich in seinem Gesicht ablesen ließ, glich der eines Landvermessers, der einen Berg suchte und jedes Mal nur auf einen kümmerlichen Hügel stieß.
Der Punkt an der Tür hatte sich seit Weihnachten nicht von der Stelle gerührt. Durch das Fenster lachte bereits die Frühlingssonne herein. Und das Fräulein „So-La-La“ konnte immer noch aufrecht unter dem Küchentisch stehen,   ohne sich den Kopf anzustoßen.  
Der Gedanke daran verdüsterte ihre Miene.  Die Lippen türmten sich zu einem steilen Hügel auf.   
Hilfesuchend blickte sie zu ihrer Großmutter hoch. Vielleicht kannte sie ein Mittel, das den Strich an der Küchentür in die Höhe trieb.
„Duaert es lnage, bis ich miener Mtuter üebr den Kpof  zu gewcahsen bin?“,  schluchzte sie.
Oma Rosa zuckte mit den Schultern.
„Auch mit einem zweiten Kuchenstück ist ein solches Wachstum nicht an einem Tag zu schaffen.“, verkündete sie die schlechte Nachricht.
Das Fräulein „So-La-La“ spürte wie ihre Knie zittrig wurden. Sie trugen schwer unter dem Gewicht der Gedanken, die sich in ihrem Kopf bergauf schleppten.
Mitleidig dachte sie an all die Schweinebraten und Hühnerkeulen, die durch ihren Magen wandern mussten, bloß weil sich die Natur bei der Berechnung ihrer Größe in der Kommastelle geirrt hatte.
Ohne Appetit griff sie nach einem weiteren Stück Kuchen. Ihre Bluse zwickte bereits unter dem kugelrund angewachsenen Bauch. Aber sie hatte keine Wahl. Wie sollte es ihr sonst gelingen, ihrer Mutter über den Kopf zu wachsen?
Während sie sich mit dem Kuchen abquälte, arbeitete die Rechenmaschine im Kopf von Oma Rosa auf Hochtouren. 

Von außen wirkte sie wie abgeschaltet.  Das einzige  Lebenszeichen war das  Glutnest an  der  Zigarre zwischen ihren Lippen, das bei jedem Atemzug aufflammte. 
An der Dauer der Prozedur ließe sich nicht rütteln, verkündete sie nach endlosen Minuten das Ergebnis ihrer  Berechnungen.
Das Fräulein „So-La-La“ zog eine Miene,  als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
Es war wie verhext, haderte sie mit ihrem Pech.
Stets erwischte sie den falschen Zipfel der Zeit. Mit ihr war kein Handel zu treiben. Sie blieb so unberechenbar wie das Wasser.
An einer Stelle fror sie über Jahre fest.  An einer anderen   verdampfte sie   binnen weniger Augenblicke.
Ihr Schicksal erinnerte das Fräulein „So-La-La“ an eine Geschichte, die ihr die Mutter erzählt hatte, als sie im Garten eine Ameise entdeckte, die langsam an einem Baum hinaufkletterte.
„Was lässt eine Ameise auf einen Baum hochklettern?“, wunderte sich das Fräulein „So-La-La“.
Ihresgleichen bewegten sich lieber über festem Boden und hausten in winzigen Erdhöhlen.
„Alle Wesen haben Träume, für die es sich lohnt, etwas zu tun, das andere den Kopf schütteln lässt.“, antwortete die Mutter.
Dann erzählte sie ihr die Geschichte, die dem Fräulein „So-La-La“ wieder in den Sinn kam, als sie davon träumte, bis in die Wolken hoch zu wachsen.
Sie handelte von einer Ameise, die auf einem Grashalm ein beschauliches Leben fristete.
„Wie herrlich muss es sich anfühlen, den Himmel zu berühren.“, seufzte die Ameise beim Anblick einer hundertjährigen Eiche , die am Rand der Wiese ihre Äste bis zu den Wolken hochstreckte.
Als ihr klar wurde, dass sie niemals in den Himmel wachsen würde, fasste die Ameise einen Entschluss.
„Den Himmel zu umarmen, lohnt jede Mühe.“, sagte sie sich und kletterte an dem mächtigen Stamm der Eiche hoch.
Es wurde eine lange Reise. Je mehr Höhe sie gewann, desto bedrohlicher schwankten die Äste im Wind. Mehrere Male geriet die Ameise in Gefahr, in die Tiefe zu stürzen. Trotzdem rückte sie nie von ihrem Ziel ab.
„Ich werde im Himmel erwartet.“, schlug sie alle Warnungen beiseite und setzte unbeirrt ihren Weg fort.

Unter unendlichen Entbehrungen erreichte sie die Spitze des letzten Astes. Erwartungsvoll streckte sie sich in die Höhe, um den Himmel zu umarmen.
Im gleichen Moment flog ein Vogel aus seinem Nest und pflückte die Ameise wie eine reife Frucht vom Baum.
Was war die bessere Wahl?, erschauderte das Fräulein „So-La-La“ an dem traurigen Ausgang der Geschichte.
Nicht zu träumen? Oder alles zu wagen, um seine Träume wahr zu machen?
Hätte die übermütige Ameise auf ihrem Grashalm ausgeharrt, wäre sie wohl dem hungrigen Schnabel des Vogels entkommen.
Aber dann wäre sie auch dem Himmel niemals so nahe gekommen.
Dem Fräulein „So-La-La“ fröstelte. Ein dunkler Schatten hatte sich über sie gelegt.
Er stammte nicht von einem hundertjährigen Baum, sondern von der üppigen Körperfülle der Großmutter.
Ein törichter Gedanke blitzte im Kopf des Fräuleins „So-La-La“ auf.
Bevor sie sich mit der Hand auf den Mund schlagen konnte, verhalf ihm  der verrückte Clown im Mund zu  einem folgenschweren  Auftritt.
„Waurm knan ich nciht enie dckie Ecihe sien wie du?“  stolperte der Satz  in die Welt.
Kaum hatte sie ihn ausgesprochen, wurde dem Fräulein „So-La-La“ seine unglückliche Bedeutung klar. Schützend hielt sie sich  die Hände vor das Gesicht. Zu ihrem Erstaunen verzichtete die Großmutter darauf, ihr eine Kopfwäsche auszuteilen.
Anders als die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Finger und mitleidigen Stimmen lächelte  sie  die Beleidigung  gelassen weg.
Ohne mit der Wimper zu zucken,   behauptete sie,  ein Rezept zu kennen,  dessen regelmäßige Anwendung das Wachstum der Beine um das Vielfache beschleunigen würde.  
Mit einem schelmischen Grinsen  zelebrierte  die Großmutter   ihre Rache.     
„Ein tägliches Fußbad regt das Wachstum an.“,  beschrieb sie die Wirkung des vermeintlichen Wundermittels.   
Als Beweis führte sie die Bäume an, deren Wipfel die Dächer der Häuser überragten.
„Sie wachsen an dem Regen, der aus den Wolken fällt.“, untermauerte die Großmutter ihre Lügengeschichte mit einem Körnchen Wahrheit.
Dem Fräulein „So-La-La“  konnte es gar nicht schnell genug gehen, die Füße ins Wasser zu bekommen.
Die Mutter wertete  die plötzliche Begeisterung ihrer Tochter für saubere Füße als Zeichen einer charakterlichen Reife. Wären ihr die tatsächlichen Hintergründe für den sprunghaft gestiegenen Wasserverbrauch  zu Ohren gekommen,  hätte  ihr Urteil wohl anders gelautet.
Die mehrwöchigen Fußbäder brachten das Fräulein „So-La-La“ dem Himmel keinen Zentimeter näher. Aber sie verhalfen ihr zu einer verblüffenden Einsicht.

Der Wunsch, den Himmel zu umarmen, war keine verrückte Idee einer kleinen Ameise, die den Stamm einer hundertjährige Eiche hochkletterte. Ihr Traum, der Mutter über den Kopf zu wachsen, war kein verrücktes Hirngespinst. Die ganze Welt strebte nach Größe.
In den Nachrichten und Schlagzeilen wimmelte es von Menschen, die ihr Leben lang auf den Zehenspitzen balancierten,  um Bedeutung und Ansehen  vorzutäuschen.
Mit wichtigtuerischen Gesichtern lachten sie von den Titelseiten der Zeitungen.   Ihre  staatstragenden Reden dröhnten aus allen Nachrichtenkanälen.    
Meist gefielen sie sich darin,  um  die Weltherrschaft zu streiten oder zumindest   weltberühmt zu sein.
Einige verhielten sich beim Versuch,  einen möglichst langen Schatten zu werfen,  derart sonderbar,  dass es das Fräulein  „So-La-La“ juckte, den  Zeigefinger auszustrecken und sich damit gegen die Stirn zu tippen.
Der Höhenflug   endete für viele nicht anders als für die kleine Ameise. Dem Himmel nahe zu sein, machte die Menschen nicht zwangsläufig klüger. Nicht selten klangen die Köpfe mit der besten Aussicht am hohlsten.
„Die äußere Größe versteckt die Leere im Inneren.“, bestätigte die Großmutter die Beobachtung ihrer Enkelin.
Der beste Ausblick entfaltete manchmal noch viel gefährlichere Nebenwirkungen.   
Je höher ein Kopf gelangte, desto lockerer saß er am Hals. Die Bildschirme und Nachrichten waren voll von Menschen, die bei ihrem Höhenflug Kopf und Kragen einbüßten.
„Ist es  gefhärlcih,  bis zu den   Wloken  hcoh zu wcachsen?“,   begann sich das Fräulein „So-La-La“ um das Wohlergehen ihrer Mutter.
Die Großmutter  schüttelte ihr feuerrot schimmerndes Haupt.  
„Ein Baum, der seine Wurzel  tief  in die Erde gegraben hat, muss den nicht Wind fürchten.“, beruhigte sie.
Überhaupt wäre der Frauenanteil unter den Hohlköpfen eine  vernachlässigbare  Minderheit, fuhr sie fort.
Ihnen würde bloß der Fehler unterlaufen, welche zu heiraten. 

Der Groll in der  Stimme von Oma Rosa  war unüberhörbar.  Der giftige Blick auf ein Bild an der Wand, aus dem ein frisch vermähltes Ehepaar, dessen Gesichtszüge dem Fräulein „So-La-La“ gut vertraut war, Kusshände warf,  verriet den Anlass dafür.
War es Sorge, die das Fräulein „So-La-La“ antrieb? War es die Neugier? Oder gar der Neid auf die bessere Aussicht der Mutter.
Jedenfalls begann sie,  ihr  heimlich  hinterher zu schnüffeln.
In den Kiosken durchblätterte sie die Zeitungen nach ihrem Bild. Mit der Fernbedienung drückte sie die Fernsehkanäle rauf und runter.
Am Ende stand sie mit leeren Händen da.  Nirgendwo fand sich eine Spur von ihr.
Das Gesicht der Mutter wurde von keiner einzigen Zeitung gedruckt. Es tauchte auch auf keinem Fernsehkanal auf.
Enttäuscht brach das Fräulein  „So-La-La“ die Suche ab.
Obwohl ihre Mutter jeden Morgen vor Sonnenaufgang das Haus verließ,  hatte sie mit der Weltherrschaft genauso wenig zu tun, wie  sie  nicht weltberühmt war.
Was immer die Mutter  von ihr  fortzog?   Sie musste es mehr lieben als alles andere.  Ansonsten wäre es ihr nicht in den Sinn gekommen, die besten Stunden des Tages mit ihm zu verbringen.
„Was  gbit es   Wcihtigeres  für sie zu tun, als für mcih da zu sien?“, beklagte sich das
Fräulein „So-La-La“ bei ihrer Großmutter.
Sie war der Beschwerde- und Kummerkasten für alle Sorgen, die sie plagten. Und davon gab es genügend.
Bei Oma Rosa musste sie keinen gestreckten Zeigefinger, hochgezogene Augenbraue oder mitleidige Stimme fürchten. Sie hatte stets ein offenes Ohr für die Fragen eines Mädchens, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen.
Die Zeit, die ihre Mutter an Dinge verschwendete, über die keine Zeitung und kein Nachrichtensprecher berichteten, verbrachte das Fräulein „So-La-La“ in ihrer Obhut.
Oma Rosa wohnte im dritten Stock eines heruntergekommenen Hochhauses.
Jeden Morgen spielte sich an ihrer Wohnungstür ein tränenreiches Schauspiel ab. Mit dem ersten Tageslicht hetzte die Mutter mit dem Fräulein  „So-La-La“  an der Hand das muffige  Treppenhaus hoch.
Im Sommer hing der Geruch  von  Küchenabfällen in der Luft.  An kalten Wintertagen  kitzelte der Rauch verbrannter Kohlen die  Nase.  
Während das Fräulein „So-La-La“ allein bei der  Großmutter zurückblieb, eilte die Mutter   über  die Treppen  davon, als hinge  das Schicksal der Welt von ihrem Eingreifen ab.

Manchmal vergaß sie,     ihrer Tochter  einen Kuss auf die Wange  zu drücken. Dann hastete sie zwei Stufen auf einmal nehmend zurück, weil ein kleines Mädchen ein fürchterliches Gebrüll veranstaltete und drei Umarmungen lang untröstlich blieb.
Es waren  jene Tage, an denen die Sonne nicht aufging,  und die Menschen ratlos  zum Himmel hochblickten. 
Von den endlosen Stunden, in denen sie dem Wiedersehen mit ihrer Mutter entgegen fieberte,  verbrachte das Fräulein „So-La-La“ die meisten am Küchenfenster. Auf Zehenspitzen stehend starrte sie mit glasigen Augen auf das unüberschaubare Gewirr der Straßen  hinunter.    
Da rastlose Hin und Her des vorbeirasenden  Verkehrs verstärkte ihre Einsamkeit. Kein einziger Blick ging zu ihr hoch. Kein Arm fuhr hoch, um sie mit einem Winken zu trösten.
Jedermann war mit Dingen beschäftigt, die wichtiger waren als ein kleines Mädchen, das traurig aus dem Fenster blickte.
Einmal schlug ihr das Herz bis zum Hals, weil sie in einer Seitengasse die Umrisse ihrer Mutter zu erkennen glaubte. Ein anderes Mal drückte sie sich an der Fensterscheibe die Nase platt, weil unvermutet ein Wagen vor dem Haus anhielt.
Jedes Mal wurde ihr Hoffnung enttäuscht. Durch die Seitengasse schritt eine fremde Frau. Aus dem Wagen stieg ein unbekannter Mann.
Trotzdem harrte das Fräulein „So-La-La“ mit gespitzten Ohren auf ihrem Wachtposten aus, den sie nur verließ, wenn im Stiegenhaus Schritte laut wurden. Dann stürmte sie zur  Wohnungstür, wo sie auf einen extra für diesen Zweck bereit gestellten Schemel sprang und   durch   das Guckloch spähte. Stets stellte sich der Lärm falscher Alarm heraus. Entweder quälte sich ein Paketzusteller die Stufen hoch oder ein Pizzabote suchte den Abnehmer für seine Bestellung.
Ihre Mutter blieb tagsüber wie vom Erdboden verschluckt. Erst wenn die Abenddämmerung die Fensterscheiben dunkel färbte, kündigte der Gong an der Wohnungstür ihre Rückkehr an.
In den endlosen Stunden dazwischen verkochte sich die Eifersucht, die in den  Adern des Fräuleins „So-La-La“ brodelte,   zu einem giftigen Gebräu.
Ihre Mutter war nicht weltberühmt. Sie war nicht einmal   wichtig genug, dass die Zeitungen ein Bild von ihr abdruckten oder die Nachrichtensprecher auf den Fernsehschirmen ihren Namen erwähnten.
„Obwhol sie scih den gnazen Tag nciht um mcih  kümermt, ist sie sie für den Rset  der Wlet vlölig beduteungslos.“,  verschaffte  das Fräulein „So-La-La“    ihrem  Ärger Luft.
Keinen Tag länger wollte sie damit vergeuden,  unnütz aus dem  Fenster zu  starren.

Bis spät nachts feilte sie in ihrem Bett an einem Plan, der die Herumtreiberei ihrer Mutter ein für alle Mal beendete. Als sie die Augen schloss, hatte sie keinen Zweifel mehr, dass es ihr gelingen würde.
Am nächsten Morgen hielt  das Fräulein „So-La-La“ beim Zähneputzen   den Mund unter die aufgedrehte Wasserleitung und trank sich den Magen bis zum Überlaufen voll.
Das erste Mal musste sie von ihrer Mutter nicht zur Eile angetrieben werden, als sie im Morgengrauen das Haus verließen. Den prall gefüllten Wasserbauch hatte sie unter einer luftigen Bluse getarnt.
Ohne das übliche Protestgejammer sprang das Fräulein „So-La-La“ an der Adresse der Großmutter. Als Oma Rosa die Tür öffnete, schlüpfte sie an ihr vorbei in die Wohnung.
Das hektische Stöckelschuhgeklapper, mit dem die Mutter die Stufen hinunter sauste, klang dem Fräulein „So-La-La“ noch in den Ohren. Da ging sie bereits daran, ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Es galt keine Zeit zu verlieren. Alles war minutiös vorbereitet. Zuerst musste sie den blutigen Teil des Vorhabens in Szene setzen, ohne das die Großmutter Verdacht schöpfte.
Das Fräulein „So-La-La“ hielt sie  die Luft an,  bis  ihr Gesicht puterrot anlief.  Endlich fand sie den Mut, mit aller Kraft zuzubeißen.   Die  Zunge jaulte  vor Schmerz auf.  Der Rest war ein Kinderspiel.
Die Großmutter   war gerade damit zugange, ihren Küchenofen zu befeuern,  als die Wände unter dem  Geheul  eines Mädchens, das sich versehentlich die Zunge blutig gebissen hatte,    zu wackeln  anfingen. Geistesgegenwärtig  versorgte  sie das vermeintliche Opfer mit  einem Taschentuch.   Die Blutung war rasch gestillt.
Doch das Tränenmeer, das ihre Küche unter Wasser setzte,  wollte nicht und nicht versiegen. 
Die Großmutter focht einen aussichtslosen Kampf. Alle Maßnahmen, mit denen sich das Fräulein „So-La-La“ trösten ließ, versagten diesmal. Innerhalb weniger Minuten überschritt der Wasserstand in der Küche alle bislang erreichten Höchstmarken.  
Als auch das Versprechen auf ein Stück Schokolade nicht fruchtete, stellte Oma Rosa ihre Rettungsversuche abrupt ein. Sie lehnte sich im Sessel zurück und zog seelenruhig eine Zigarre aus der Tasche, als hätte sie nichts Besseres zu tun.
Das Fräulein „So-La-La“ reagierte mit einer Erhöhung des Pegelstandes.  Aber Oma Rosa rührte keinen Finger mehr.
Sie war zu lange auf der Welt, um sich von einem Mädchen, dessen Alter sich an den Fingern einer Hand abzählen ließ, an der Nase herumführen zu lassen.

Seelenruhig kaute sie an ihrer Zigarre.  
Das Wasser stand bereits knöcheltief, als sie das Wort ergriff.
„Du versuchst das Rätsel an der falschen Stelle zu lösen.“, sagte sie.
Eine dicke Rauchwolke stieg aus ihrem Mund.
„Deine Mutter hütet ein Geheimnis, von dem die Allerwenigsten Bescheid wissen.“
Das Schauspiel endete, wie es begonnen hatte. Vor Aufregung biss sich das Fräulein „So-La-La“ in die Zunge. Doch dieses Mal entfuhr ihr kein Laut.
„Wieß mien Vtaer dvaon?“, stotterte sie mit schmerzverzerrter Miene.
Der Vater hatte keine Ahnung, was hinter seinem Rücken vorging.  Er wusste nichts von den teuren Einkäufen der Mutter, die   in den Tiefen ihrer Kleiderkästen und Schuhschränke schlummerten. Genauso wenig wie er die Tiefkühlpackungen zu Gesicht bekam, aus denen die Mutter manchmal das Mittagessen auf den Tisch zauberte.
Oma Rosa  reagierte   einem verächtlichen Brummen.
„Dieser Hohlkopf hat wie immer nicht die geringste Ahnung. Er unterliegt immer noch dem Irrglauben, mit einer gewöhnlichen Krankenschwester verheiratet zu sein.“
Die Antwort überzeugte das Fräulein  „So-La-La“ endgültig, dass ihr die Großmutter kein Märchen auftischte. Wenn der Vater das Geheimnis der Mutter nicht kannte, dann war es tatsächlich ein Geheimnis.
Im Nachhinein war sie nicht im Geringsten  erstaunt über die Verantwortung, die auf den Schultern ihrer Mutter lastete.  
Ohne sie  waren die Tage schon immer verlorener und die Nächte dunkler gewesen. 
„Du besitzt die beste Mutter von allen.“,  weihte sie   Oma Rosa in   das  Geheimnis der Mutter ein.
„Andere Mütter sorgen nicht weniger gut für ihre  Töchter. Morgens bereiten sie ihnen  das Frühstück zu.   Sie helfen beim Anziehen und beim Zähneputzen.  Mittags zaubern  sie  ein herrlich duftendes  Essen auf den Herd.   
Die Nachmittage verbringen sie mit einem gemeinsamen Spaziergang im Park.  Oder erledigen die Einkäufe im Supermarkt.  
Abends  sitzen sie in den Kinderzimmern an der Bettkante und lesen  Geschichten vor, die in den  Büchern um die Welt reisen.    Kurz und gut.  Es sind die besten Mütter, die man sich vorstellen kann.“

Das Fräulein  „So-La-La“ rutschte ungeduldig auf dem Hosenboden herum.  Das Geheimnis der Mutter hörte sich so spannend an wie die Bedienungsanleitung für einen Staubsauger.
Oma Rosa lächelte nachsichtig.
Zur Verdeutlichung wie geheim das Geheimnis war, das die Mutter hütete, ging sie ihnen verschwörerischen Flüsterton über.
„Aber so sehr sie sich auch Mühe geben.“, raunte sie.
„An die Arbeit deiner  Mutter können sie  nicht heranreichen.“
Bevor sie weitersprach, rotierte ihr Kopf nach allen Seiten, als wollte sie sich vergewissern, dass kein ungebetener Zeuge  die Unterhaltung belauschte.
„Von ihrer Art gibt es nicht viele.  Nur wenige Eingeweihte wissen davon.“
Mitten im Satz verstummte die Großmutter, um die trockene Kehle mit einem Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu schmieren.
Das Fräulein „So-La-La“ hielt es vor Aufregung nicht mehr auf ihrem Platz. Ungeduldig sprang sie der Großmutter auf den Schoß.
Was dann folgte, sollte die Welt des Fräuleins „So-La-La“ völlig auf den Kopf stellen.
„Deine Mutter ist eine richtige Zauberfee.“
Die Großmutter sprach den Satz so  beiläufig aus, als wäre der Beruf der Zauberfee das Selbstverständlichste in der Welt.
Die Enthüllung platzte im Kopf des Fräuleins  „So-La-La“ mit dem Knall eines riesigen  Luftballons.  
„Meine Mutter ist eine Zauberfee.  Eine mit richtigen Zauberkräften?“,   vergaß  der verrückte Clown in ihrem Mund für zwei kurze Sätze,   die Wörter über Steine stolpern zu lassen.  Oma Rosa legte den Zeigefinger auf die Lippen. Das  linke Auge blinzelte verschwörerisch.  Sie nutzte die Pause für einen weiteren Schluck.  Wobei sie dieses Mal aus einer Flasche trank, mit deren Inhalt sie für gewöhnlich ihren Kaffee verfeinerte. Das scharf riechende Gebräu zeigte rasch Wirkung.  
Unter seinem Einfluss  verwandelte sich  die  Zunge der  Großmutter in ein Plappermaul, das alles ausplauderte, bis das Geheimnis der Mutter kein Geheimnis mehr war.

„Ihre Schicht dauert vom ersten Sonnenstrahl bis zum Einbruch der Abenddämmerung.“, beschrieb Oma Rosa die Arbeit der Mutter
„Wenn sie das Haus verlässt,  beginnt ein neuer Tag. Bei ihrer Rückkehr legt sich die Nacht als dunkler Schleier  über die Welt.“
Das Fräulein „So-La-La“ hörte mit offenem Mund zu. Was zuerst ungläubiges Staunen war, schlug schnell in Misstrauen um.
Sie wurde Augen- und Ohrenzeuge wie sich der Verdacht der  Mutter über   die zweifelhaften Trinkgewohnheiten der Großmutter, auf schreckliche Weise bestätigten.
Warum sollte die  Sonne   die Dienste einer Zauberfee benötigen? Sie stieg auch über den Horizont auf,  wenn die Mutter morgens  zuhause blieb und sich um ihre  Tochter kümmerte.
Der Zeigefinger ihrer rechten Hand begann  nervös zu zucken.
Spontan entschied das Fräulein „So-La-La“, ihn nicht auszustrecken und gegen die Stirn zu tippen.
Die Lügengeschichte der Großmutter passte haargenau zu ihrem Plan, der auf ihrer Zunge einen blutigen Kratzer hinterlassen hatte.
Wenn sie abends ihrer Mutter davon berichtete, würde sich alles zum Guten wenden. Niemals konnte sie es zulassen, ihre Tochter länger der Gesellschaft einer Großmutter auszusetzen, die zu viel Likör in ihren Kaffee einrührte.
Da  ein  Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen,  nicht unbeaufsichtigt im Haus bleiben durfte,  hatte die Mutter keine Gelegenheit mehr, jeden Morgen bei Sonnenaufgang  im Gewirr der Straßen unterzutauchen. 
Aber noch fehlte der endgültige Beweis,  wie schlimm es um den Verstand der Großmutter tatsächlich bestellt war.
Zum Schein nickte das Fräulein „So-La-La“ jeden Satz widerspruchslos mit dem Kopf ab, um sie in Sicherheit zu wiegen.

Der Blick auf die Küchenuhr mahnte sie zur Geduld. Die Zeiger hatten noch etliche Runden vor sich, bis die Mutter an der Tür läutete. Bis dahin durfte Oma Rosa keinen Verdacht schöpfen.
„Knan nicht jmeand adnerer für sie die Snone aufgheen lsasen?“,  fragte sie mit der hinterlistigen Absicht, der Großmutter weiter Verrücktheiten herauszukitzeln.
„Dnan knnöte sie den gnazen Tag mit mir sipelen.“
Ahnungslos tappte die Großmutter in die Falle.
„Glaube mir, es sticht sie tief ins Herz, dich jeden Morgen  alleine  zurückzulassen. “,    schwafelte sie sich um Kopf und Kragen.
„Aber sie muss es tun. Ohne die Arbeit deiner Mutter wäre die Welt nicht wie sie ist. Morgens würden die Menschen nicht aus den Betten finden. Abends würden sie nicht wissen, wenn es an der Zeit ist,  sich auszuruhen.“  
Was slol draan so wchitig sein?“, reagierte  das Fräulein „So-La-La“ mit Empörung.
Ein  Mädchen,  das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen,  musste auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter verzichten.  Und warum? Weil sich die Menschen keinen Wecker leisteten, der sie morgens rechtzeitig  aus dem Schlaf klingelte.
Und überhaupt!  Was gingen sie die Menschen an, die eine Zauberfee benötigten, um vor Mitternacht ins Bett zu finden.    Die meisten von ihnen   schliefen auch ohne ihren Beistand   vor ihren Fernsehapparaten auf dem Sofa ein.
Das Fräulein  „So-La-La“ schäumte vor Wut.   Sie hatte genug gehört, um sich ein Urteil zu bilden.   
Im Übereifer  wischte sie alle Zweifel an der Geschichte  beiseite.   
Als Allererste musste der Ausbeutung ihrer  Mutter  einen Riegel vorgeschoben werden. Sie hatte Besseres zu tun, als sich um die Angelegenheit wildfremder Menschen zu kümmern.
 „Sie wrid ab sofrot nur ncoh für mcih arbieten.“, tönte es kämpferisch aus dem Mund des Fräuleins „So-La-La“.

„Ich hbae gneug Aufgbaen für sie.“    
In der Tat gab es für die Mutter Arbeit in Hülle und Fülle.
Lachen und Weinen,  Hoffen und Bangen.  Loben und Schimpfen. Fröhlich sein. Kummer haben.  
Für all diese Dinge wollte  das Fräulein „So-La-La“  als neue  Arbeitgeberin reichlich sorgen.    
„Sttat für fermde Luete zu schuften, knan sie den gnazen Tag  für mich zuabern.“,   brachte sie  die  Vorteile des  zukünftigen  Aufgabengebietes ihrer Mutter  auf den Punkt.  
Außerdem konnte sie  ihre Arbeit bequem von Zuhause erledigen, ohne sich  bei Wind und Wetter um den  Sonnenaufgang kümmern zu müssen.  
Neben solchen  Annehmlichkeiten   lockte das Angebot des Fräuleins „So-La-La“ mit  Dienstzeiten wie im Schlaraffenland.
 „Ncah dem  Fürhstcük  bliebt  sie  bis Mitatg mit mir im Btet leigen.“,  stellte sie  ausgedehnte Pausen in Aussicht.
Vor Aufregung überschlug sich ihre Stimme.  Das Buchstabendurcheinander der Sätze  schwoll  zu  einem schrillen Gekreische an.   Die Zahnräder in ihrem  Kopf ratterten auf maximaler Leistung.
Innerhalb kürzester Zeit  fabrizierten sie eine Liste,  welche die  Tätigkeiten Mutter in ihrer  neuen  Anstellung erwarteten. Zauberei war darunter  die geringste aller Fähigkeiten,  die  sie   benötigte,  um den   Erwartungen zu entsprechen. 
Neben Essen kochen, Wäsche waschen, Geschirr abspülen, Betten machen, Zimmer aufräumen,  Fenster putzen, Böden schrubben und  Einkäufe erledigen,   durfte sie  nie müde, ungeduldig  oder griesgrämig  sein.
Vor allen anderen Dingen  hatte die Mutter ihrer zukünftigen Arbeitgeberin    jeden Wunsch von den Augen ablesen  und stets eine Umarmung oder einen Kuss auf Vorrat  lagern. 
Das Fräulein  „So-La-La“ scharrte ungeduldig  mit den Füßen.   
Sie konnte es kaum abwarten, ihrer Mutter die freudige Nachricht mitzuteilen.
Die Großmutter reagierte weniger euphorisch.
„Bleibt die Frage nach der  Bezahlung zu klären.“,   lenkte sie die Aufmerksamkeit auf den  wunden Punkt des Planes.

Das Fräulein „So-La-La“  wusste den Einwand von Oma Rosa geschickt  zu entkräften.  Spontan erklärte sie  sich    bereit, ihr Sparbuch  zu opfern.
„Das  Gled riecht bestmimt für die ncähtsen Jhare.“,     verkündete sie großspurig.
Dabei vergaß sie zu erwähnen, dass der Großteil ihrer  Ersparnisse  gerade erst  in den  Ankauf einer neuen Puppe geflossen war.   Auch mit dem verbliebenen  Geld vermeinte sie,  die Kosten für eine Zauberfee bestreiten  zu können. Ohnehin  rechnete sie mit bescheidenen Gehaltsvorstellungen.
Wenn die Geldmittel zu Ende gingen,  stand ihr  eine andere  schier unerschöpfliche Quelle zur Verfügung.
Ein Kinderlächeln wog alles Geld und Gold der Welt auf .
„Ich wrede  sie riech lähceln.“,  zeigte sich  das Fräulein „So-La-La“  von ihrer generöse Seite. Sparsamkeit lag ihr fern, wenn es darum ging,  das Auskommen ihrer Mutter zu sichern. 
Die Zweifel der Großmutter,  ob diese Art der Entlohnung die Kosten für den täglichen Haushalt   decken  und  den Kühlschrank füllen würde, tat ihrer Begeisterung keinen Abbruch.
Wenn der Kühlschrank einmal leer blieb,   reichte auch das Gemüse, das im Garten wuchs.
„Was baruhct es mher ggeen den Hnuger als Slaat und ein paar Kraotten?“,   wischte sie alle Bedenken der Großmutter zur Seite.
„Ich fürchte, die Gehaltsverhandlungen werden sich schwieriger gestalten,   als es dein Verstand wahrhaben will.“,  entgegnete  Oma Rosa augenzwinkernd. 
Die größte Hürde lauerte aber an einer unerwarteten Stelle.   Zu ihrem Entsetzen erfuhr das Fräulein „So-La-La“ sie, dass der Beruf der Zauberfee gerade   unter einem akuten Personalmangel litt.
„Eine sofortige Kündigung ist völlig ausgeschlossen.“,  überbrachte   Oma Rosa die schlechte Nachricht, die alle Zukunftspläne  des Fräuleins „So-La-La“ mit einem Schlag zunichte machte.

„Eine Zauberfee wächst nicht wie eine Karotte einfach im Garten aus der Erde.“
Ihre Erklärung fiel knapp und eindeutig aus.
Die Arbeit der Mutter wäre unverzichtbar. Ohne sie würde sich die Welt in einen   dunklen und kalten Ort verwandeln.
Eilig versteckte das Fräulein   „So-La-La“ den  zuckenden Zeigefinger  unter dem Pullover. Ihr Gesicht konnte sie nicht verstecken. Die Eifersucht kochte dunkelrot in ihren Wangen.
Oma Rosa kühlte  das explosive Gemisch, indem sie neue Enthüllungen ankündigte.
Was ihr in weiterer Folge so leicht über die Lippen floss, als würde sie die Nachrichten vorlesen, klang derart an den Haaren herbeigezogen, dass die Mutter des Fräuleins „So-La-La“ wohl keinen Augenblick gezögert hätte,  sie den Pillen und Spritzen der Ärzte auszuliefern.  Wenn sie es je erfahren hätte.  Denn das Fräulein „So-La-La“  hatte in der Zwischenzeit  ihre Pläne geändert. 
Bei aller Eifersucht hatte Sie Gefallen daran gefunden, eine Zauberfee zur Mutter zu haben. In jedem Fall gefiel ihr der Gedanke besser, als die Vorstellung, von den hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen für eine Großmutter verspottet zu werden, die zu viel Likör in ihren Kaffee schüttete.
Oma Rosa ahnte  nichts von ihrem Glück. Sie hatte gerade begonnen,  die Arbeit der Mutter in den allerhöchsten Tönen zu preisen.
„Bevor die Morgendämmerung anbricht, rollt sie die  schwarzen Tücher  ein, die nachts  den Himmel verdunkeln. Als nächstes zieht sie die Sonne an einem dicken Seil über dem Horizont  am Himmel hoch. Zwischendurch pustet sie  die  Wolken von Osten nach Westen oder von  Süden nach Norden.  Wie ihre Laune ist  das Wetter. Trägt sie ein Lächeln  auf  den Lippen,  wird es ein heiterer  Tag.   Ist ihre Stimmung gereizt,   fällt das Thermometer.  Und es hagelt Blitz und Donner.   Wenn sie weint,   fällt der Regen aus den Wolken. Und auf den Straßen bilden sich kleine Pfützen.

Hat sie einmal verschlafen, was selten  vorkommt,   muss sie sich sputen, damit es rechtzeitig Morgen wird.
An diesen Tagen weht ein kräftiger Wind durch die Welt, der das Laub der Bäume aufwirbelt und die Äste biegt.
Mit Anbruch der Abenddämmerung zieht sie wieder an ihrem Seil und lässt die Sonne  am Horizont untergehen. 
Danach  spannt sie die schwarzen Tücher, mit denen es Nacht wird, in den Himmel und kehrt nach Hause zurück. Bis zum nächsten Morgen, an dem die Sonne wieder über dem Horizont aufgeht.“
Als die Großmutter verstummte, konnte man eine Mücke husten hören. So still war es im Raum. Das Räderwerk im Kopf des Fräuleins „So-La-La“ lief auch Hochtouren.
Vielleicht war die Geschichte der Großmutter gar nicht so verrückt.
Wenn die Mutter  morgens  die  Vorhänge an den Fenstern zur Seite schob,  tat sie  es für die ganze Welt.  Wenn sie abends das Licht abdrehte, wurde es nicht nur in ihrem Zimmer dunkel.
 „Wie hsat du ihr Gehiemnis entdcekt?“ 
Diese Frage brannte wie Feuer auf ihrer Zunge.
Oma Rosa grinste.   Dann kniff sie  die Augen zusammen,  was sie immer tat, wenn nachdachte.   Sie klemmte ihre Zigarre zwischen die Zähne und nahm einen tiefen Zug, als könnte  ihr der Rauch helfen, die Erinnerung wachzurufen.   
 „Es gehörte früher zu meinen Aufgaben, diese Dinge zu erledigen.   Als du geboren wurdest, war es an der Zeit,  die Aufgabe in jüngere Hände zu legen.“, antwortete sie mit einem Lächeln.
Das Fräulein  „So-La-La“ kämpfte mit den Armen gegen die Rauchwolke an, die aus dem Mund von  Oma Rosa quoll.  
„Du bsit enie Za..Za..Za..…uber…fee?“,    würgte sie an dem   Buchstabensalat, der in ihrer Kehle gurgelte.  
„Anders ist es gar nicht möglich.“,   beflügelte Oma Rosa die Phantasie des Fräuleins So-La-La“.
„Die Arbeit einer Zauberfee lässt sich nicht in der Schule lernen. Sie kann immer nur von der Mutter  auf die Tochter übertragen werden.

Das Fräulein  „So-La-La“  rang nach Luft.  Vor ihren Augen blitzten Sterne auf. Ihre Knie verwandelten sich in weichen Pudding.
„Dnan  bin ich…..“  stotterte ihre Zunge  wie ein altersschwacher  Motor.
Mitten im Satz brach sie ab.  Der Gedanke überstieg  ihr Vorstellungs-vermögen.
 „Es kommt der Tag, an dem es an dir ist,  in  die  Fußstapfen deiner Mutter zu treten.“, bestätigte Oma Rosa, was das Fräulein  „So-La-La“ nicht zu  Ende   denken wagte.
Diese Aussage veränderte alles.   
Nie zuvor hatte  das Fräulein  „So-La-La“ tiefer in das Getriebe der Welt gesehen als in diesem   Moment.
Es  spielte keine Rolle mehr,  ob der Name der Mutter  in  der Zeitung stand oder  ihr Gesicht im Fernsehen gesendet wurde.  Sie war viel bedeutender als nur weltberühmt.
Ob die Sonne schien oder es regnete.  Ob ein warmer Südwind vorüber wehte oder sich ein Sturm zusammenbraute. Ob eine Hitzefront im Anmarsch war oder ein Kälteeinbruch die Welt in Atem hielt.    Über nichts wurde mehr geredet als über das Wetter.
Wer etwas über ihre Mutter erfahren wollte,  musste es nicht   in einer Zeitung nachlesen.    Man brauchte kein Fernsehen dafür.   Es genügte der Blick aus dem Fenster, um sie bei der Arbeit zu beobachten.
Das Wetter hatte es nicht notwendig,  in der Zeitung zu stehen oder über die Bildschirme zu flimmern.     Es  stand immer im Mittelpunkt.  
Manchmal gab  es auf  der Welt nichts Wichtigeres zu besprechen als das Wetter. 
Die Staatsmänner mochten noch so wichtige Reden schwingen und sich gegenseitig die Weltherrschaft streitig machen.
Im Vergleich zu ihrer Mutter wirkte  ihr Einfluss klein und bedeutungslos. Könige, Präsidenten und Generäle  kamen und gingen.   Aber  das Wetter gab es immer. 
An diesem Nachmittag wartete  das Fräulein „So-La-La“ geduldig auf die Rückkehr ihrer Mutter. 

Sie war kein verlassenes Mädchen mehr.  Sie musste nur aus dem Fenster blicken, um sich ihrer Mutter nahe zu fühlen.  
In jedem  Sonnenstrahl glänzte ihr Lächeln.   In jedem Regentropfen schimmerte eine Träne von ihr.  Und wenn es  am Himmel donnerte,  rollte der Klang ihrer  Stimme darin.   
Die Welt  war genauso rund wie zuvor.   Die  Zunge des Fräuleins  „So-La-La“ gefiel sich weiterhin der Rolle eines  verrückten  Zirkusclowns.  Aber das Wetter war nicht mehr dasselbe.
Wenn die  Mutter eine miese Laune  ausbrütete,  weil sie neben ihrer Arbeit  noch Einkäufe erledigen,  Essen kochen, Wäsche waschen, Geschirr abspülen, Betten machen, Zimmer aufräumen, Fenster putzen,  Boden wischen,   dies und das zu tun hatte  und nie einfach müde sein durfte, diente es einem höheren Zweck.  
Ihre Übellaunigkeit  sorgte für das passende Wetter.   Denn ohne Regen, Donner und Blitz ging es  auf der Welt  nicht. 
Und weil das Fräulein  „So-La-La“ der Großmutter  in die Hand schwören musste, keinen Ton auszuplaudern,  erfuhr niemand ein Sterbenswort über die wahre Aufgabe der Mutter.    
Das Versprechen schloss auch ihren Vater ein,  der weiterhin  unerschütterlich glaubte sollte, mit einer  Krankenschwester verheiratet zu sein, die Verbände wechselte und Spritzen verabreichte.
Nur bei ihrer Lieblingspuppe konnte das Fräulein  „So-La-La“  den Mund nicht  halten. „Ohne irhe schelchte Luane  wrid das Wteter nciht rihctig.“,  erklärte sie  der  Spielkameradin,  mit der sie das Bett teilte, die Wichtigkeit ihrer Mutter.
„Wnen sie Ägrer  mit mir hat,  gelnigen ihr  die  Rgeenwloken am besten.“ , brüstete sie sich vor der Puppe mit dem Anteil,  den  sie zum Wetter   beitrug.
Damit die Ernten auf den Felder nicht verdorrten  und  die Wiesen im  saftigen Grün erstrahlten,   bemühte sie sich wie alle Töchter  ihrer Mutter über den Kopf zu wachsen.
„Das ist ein Nautrgesetz.“, behauptete sie.
Denn solange sie der Mutter das Leben schwer machte,  blieb  das Wetter so wechselhaft wie es sein sollte.

Die Mutter  tobte ein Stockwerk tiefer in der Küche gerade in der Windstärke neun von zehn, weil sie den Verlust einer Suppenschüssel   beklagen musste.
Der Vater  hatte das wertvolle Stück  beim Abendessen  aus Versehen vom Tisch gestoßen.  Nun prasselte ein sintflutartiger Sturzregen an Vorhaltungen über seinen Kopf herein.
Das Fräulein „So-La-La“ hatte die Decke über das Gesicht gezogen, als  eine heftige Sturmböe gegen die Fenster schlug.
„Man msus kiene Agnst um ihn hbaen.“, flüsterte sie der Puppe, die sich ängstlich an sie drängte,   ins Ohr.
„Egientlich tut sie kiener Filege etaws zu Liede.   Nur das Wteter mcaht ihr  mncahmal zu schfafen.“
Und wer einmal anfängt ein Geheimnis auszuplaudern, kann meist erst damit  aufhören, wenn es ganz verraten ist.
„Die Tgae verbirnge ich bei Oma Rsoa,  weil miene Mtuter  enie Zuaberfee ist.  Aber  sie lsäst mcih nicht alelin.   Ich msus nur aus dem Fenster bilcken, wenn ich sie sheen wlil.“,  plapperte das Fräulein  „So-La-La“ munter weiter.
„Am Aebnd ist sie oft  zu mdüe, um mit mir zu speilen.   Aeber  wnen sie  alt und garu  gewroden ist,  draf sie in irhem Schuakelsthul ausrhuen.  Dnan  terte ich  in irhe Fußstpafen, wiel ich die Tcohter enier Zuaberfee bin. Als sloche   hbae ich gnaz wchitige Dnige erliedgen. Jdeen Mrogen msus ich  die Snone üebr dem Hroiznot am Hmimel hcohzeihen, damit ein nueer Tag begnint.  Vormtitags  psute ich die Wloken von Otsen nach Wseten.  Und am Nachmtitag  balse ich sie von Nroden ncah Sdüen.   Wnen mir zum Wienen ist,  rgenet es auf der Edre. Bei schlehcter Luane lsase ich es in den Wloken dnonern.  Wnen ich  es eliig hbae, bälst ein hftieger Strum druch die Starßen.  Aebnds  hnäge ich  schwraze Tchüer  in den Hmimel.  Dnan wrid es in der Wlet dnukel wird und die Mneschen wisesn , dass es Ziet ist,  schalfen zu gheen. “
Das Fräulein „So-La-La“  konnte den Mund nicht halten.  Sie redete und redete, bis das Donnerwetter der Zauberfee verebbt war.   Und weil die Zauberfee sehr  lange mit dem Vater donnerte, war am Ende das Geheimnis kein Geheimnis mehr.

Da überkam das Fräulein „So-La-La“ ein  schlechtes Gewissen. Vor lauter Sorge, die Welt mit ihrer leichtfertigten Zunge in Gefahr gebracht zu haben, brachte sie kein Auge zu.   Sie schlüpfte aus ihrem Bett und schlich sich die Treppe hoch.
In der Dachkammer saß ihr Vater bis spät nachts an seinem Schreibtisch, wo er endlose Rechenkolonnen in seinen Computer eintippte.
An diesem Abend hockte er zu einem Häufchen Elend versunken  in seinem Sessel.  Er zitterte er am ganzen Körper und roch ein bisschen  nach Angst.  
 „War ihr Luane  sher meis?“,   erkundigte sich das Fräulein „So-La-La“ besorgt.
Der Vater nickte.   
„Ich glaube, morgen wird das Wetter richtig schlecht.“,   seufzte er,  ohne zu ahnen wie nahe er damit der  Wahrheit rückte.
Kleinlaut beichtete das Fräulein „So-La-La“ ihrem Vater, was sie  angestellt hatte.
„Ich habe meiner Puppe das allergrößte Geheimnis anvertraut.“, schluchzte sie.
„Nun kann sie es jedermann weiter erzählen.“
Der Vater sah keinen Grund zur Besorgnis. Ohne sich nach dem preisgegebenen Geheimnis zu erkundigen, legte er den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft.
„Einer Puppe kann man alles anvertrauen.“, tröstete er das Fräulein „So-La-La“.
„Ihre Ohren sind dunkler und tiefer als ein  Brunnen.   Die Dinge, die man dort  hineinflüstert, finden nie wieder ans Tageslicht zurück.“
Ein lauter Rumps  erschütterte das Haus, als wäre ein Stern vom Himmel gestürzt. Dabei war es nur der Stein,  der dem Fräulein  „So-La-La“  auf dem Herzen gelegen hatte.
Dankbar  drückte sie dem Vater einen Kuss auf die Wange und  sprang zur Tür hinaus, ohne ihn an diesem Abend  um eine Geschichte anzubetteln.
Vielleicht weil sie wusste,  dass die  beste und spannendste von allen  Geschichten auf der Welt,  die eigene  war.
Als die Mutter spät nachts nach ihr sah,  fand sie das Fräulein  „So-La-La“  schlafend Seite an Seite mit ihrer Puppe. Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck, den die Mutter bisher noch nie an ihr entdeckt hatte.
Es war die Vorfreude über den Tag, an dem sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten und  in der Morgendämmerung die Sonne langsam über dem Horizont am  Himmel hochziehen würde, damit die Welt kein dunkler und verlassener Ort blieb.

Fortsetzung folgt……