Das Archiv der Bücher 04)

4.) Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein „So-La-La“  herausfindet, dass ein dünnarmiger Buchhalter das  schwerste Gewicht der Welt in den Himmel schraubt

Wie das Fräulein „So-La-La“ herausfindet, dass ein dünnarmiger Buchhalter das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel schraubt

Auf den ersten Blick  unterschied   sich das Haus, in dem Fräulein „So-La-La“ aufwuchs,   kaum von den anderen Häusern   in der Nachbarschaft. 
Es war ein unscheinbares  Reihenhaus mit blassrosa Fassade  am Rand einer Vorstadtsiedlung.   Mit seinen drei Etagen überragte es den  Magnolienbaum, dessen  ausladende Krone wie ein riesiger Schirm den Vorgarten überdeckte.   Obenauf trug  es ein  dreieckiges   Dach, das an einen spitzen Hut erinnerte.
Die  einzige Auffälligkeit war  ein verrosteter  Antennenmast, der über dem Dach in den Himmel ragte. Am Fuß der Antenne war ein Fenster in die Dachhaut eingeschnitten.  In  der winzigen  Kammer, die sich dahinter öffnete, brannte das Licht meist bis spät in die Nacht.  
Es war das Arbeitszimmer des Vaters. Auf dem Schreibtisch, der direkt unter dem Fenster stand, stapelten sich die Aktenberge bis zur Decke hoch. Der Holzstuhl vor dem Tisch sah nicht nur ungemütlich aus. Er fühlte sich beim Sitzen auch so an. Wobei ein übergeworfenes Schafsfell seine Grobheit etwas abmilderte.
Ein mit Büchern und Zeitschriften vollgestopfter Schrank, ein Lesesessel und ein kleiner Elektrokamin,   komplettierten die Einrichtung. 
Was wie das chaotische Büro eines Buchhalters wirkte, der bis über beide Ohren in Arbeit steckte, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als ausgetüftelte Täuschung, deren Zweck es war, den eigentlichen Zwbeck der Dachkammer zu verschleiern.
In ihren Einzelteilen war an der Einrichtung der Dachkammer nichts falsch. Der Tisch war ohne jeden Zweifel ein Tisch. Genauso wie der Stuhl ein Stuhl, das Fenster ein Fenster und die Antenne auf dem Dach eine Antenne waren.
Aber in ihrer Summe waren sie etwas ganz anderes. Im richtigen Winkel zusammengeschoben formte sich aus ihnen eine Treppe, die bis zu den Wolken hochragte und dazu diente, das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel zu schrauben.
Von alldem wusste das Fräulein „So-La-La“ nichts. In ihrer Phantasie verwandelte sich das Arbeitszimmer des Vaters in die Kommandobrücke eines gestrandeten Raumschiffes. 
Die Aussicht von seinem Pilotensitz war atemberaubend. Über ihrem Kopf öffnete sich die grenzenlose Weite des Himmels.     

Einmal konnte das Fräulein „So-La-La“ der Versuchung nicht widerstehen, die Computertastatur, die auf dem Schreibtisch lag, zu drücken. Ihr Übermut setzte eine fatale Kettenreaktion in Gang. Ein lautes Rumoren war die Folge, als würden die Raketenturbinen des Raumschiffes starten.  Im letzten Augenblick brachte sich das Fräulein „So-La-La“ mit einem Sprung in Sicherheit.
Nach diesem Zwischenfall mied sie den Pilotensitz des Raumschiffes. Zu groß erschien ihr die Gefahr, irrtümlich ins Weltraum katapultiert zu werden.
Lieber machte sie es sich auf den Boden gemütlich, wo sie in den Büchern stöberte, die sich zu hunderten in den Regalen stapelten.
Dabei musste sie still wie eine Maus sein. Keinesfalls durfte sie bei ihren Besuchen dem Vater in die Arme laufen, der keine neugierigen Nasen in seinem Arbeitszimmer duldete.
Mehr noch als seine Feindseligkeit trug das raue Klima dazu, die Gästeschar in seinem Arbeitszimmer gering zu halten. In den  Sommermonaten  brannte  die Sonne unbarmherzig durch die dünne Dachhaut. Im Winter kämpfte der kleine Elektrokamin  vergeblich gegen die klirrende Kälte an, die aus allen  Ritzen  kroch.  
Das Fräulein „So-La-La“ ließ sich weder von der brütenden Hitze, noch von der eisigen Kälte abschrecken.
Wann immer sich die Gelegenheit bot, schlich sie auf Zehenspitzen den schmalen Trampelpfad entlang, der entlang bedrohlich wirkender Aktenbergen direkt vor dem Bücherschrank endete.
Ehrfurchtsvoll blickte sie auf die unzähligen Bücher, die sich in seinen Regalen zusammendrängten. Abgetakeltes Leder reihte sich  Schulter an Schulter mit billiger Pappe. Zerfledderte Romane präsentierten stolz ihre erlesenen Wunden. Schmalbrüstige Ausgaben schmiegten sich sc hutzsuchend an dicke Wälzer. Prachtbände badeten eitel im verblichenen Glanz.
Im Stillen beneidete das Fräulein „So-La-La“ die Bücher. Sie  lebten das Leben,  das sie für sich selbst  erträumte.   
Ihren Geschichten stand ihnen  die ganze Welt offen.  Nach Belieben wechselten sie Ort und Zeit. Jeder Punkt auf der Landkarte lag für sie nur eine Satzlänge entfernt. Hunderte von Jahren schmolzen auf wenige Seiten zusammen.

Frühmorgens hetzten sie  einem Mammut hinterher.  Am Vormittag entschieden sie über das Schicksal eines römischen Feldherrn.  Mittags speisten sie an der Tafel des Königs. Nachmittags segelten  sie an die Küste eines neu entdeckten Kontinents. Und bei Sonnenuntergang schwebte sie in einem Raumschiff durch die unendlichen Weiten des Weltalls.
Die Geschichten reisten mit allem, das sie vorwärtstrieb.  Von Wort zu Wort. Von Satz zu Satz. Von Zeile zu Zeile. Von Seite zu Seite.  
Mal bummelten sie in dicken Büchern dahin. Mal gelangten sie auf  wenigen  Seiten  an ihr Ziel.  Hatten sie es einmal besonders eilig, las man von ihnen in den Zeitungen.
Manchmal waren sie auch fahrplanmäßig unterwegs. Dann begegnete man ihnen  auf Bahnhöfen, Flughäfen und Bushaltestellen, wo sie aus Taschen und Koffern winkten.
Fühlten sie sich alt und müde, verschwanden sie nicht wie andere Dinge aus der Welt. Schulter an Schulter standen sie dann in den Regalen und Schränken, wo sie geduldig auf den Tag warteten, an dem eine neugierige Hand nach ihnen griff und ihre Reise von neuem begann.
Dieses Leben hatte das Fräulein „So-La-La“ vor Augen, als sie den größten aller Wünsche  ihrer Lieblingspuppe anvertraute.
Von ihr musste sie nicht fürchten, verspottet zu werden.  Denn die  Ohren einer Puppe waren  dunkler und tiefer als ein  Brunnen.  Was man ihr anvertraute,  fand  nie wieder ans Tageslicht.
„Wnen ich gorß bin, wrede ich enie Geshcihcte  sein, die um die Wlet riest.“,  raunte sie der Puppe  ins Ohr.
Ein verdächtiges Geräusch an der Tür  setzte der Unterhaltung ein jähes Ende.
Das Fräulein „So-La-La“ hielt vor Schreck den Atem an. Mit zusammengekniffenen Augen spähte sie in die Dunkelheit.  
Die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimme hatten überall ihre Spitzel.  
Nicht auszudenken, welches Hohngelächter über sie hereinbrechen würde, wenn die Quälgeister von ihrem Plan Wind bekämen. 

Verärgert über ihren Leichtsinn zog sich das Fräulein „So-La-La“   die Bettdecke über den Kopf und gab für den Rest der Nacht keinen Pieps mehr von sich.
Im Traum schlug ein scharfer Ostwind das Fenster auf  und trug sie mit sich fort.
Eine Nacht lang reiste das Fräulein „So-La-La“ wie die Geschichten in den Büchern. Von Wort zu Wort. Von Satz zu Satz. Von Zeile zu Zeile. Von Seite zu Seite. Mal bummelte sie in einem dicken Buch dahin. Mal gelangte sie auf  wenigen  Seiten  ans Ziel.  Und bevor es Morgen wurde, stand sie in allen Zeitungen.
Als sie das erste Sonnenlicht in den Augen kitzelte, räkelte sie sich zufrieden in ihrem Bett.  Es fühlte sich herrlich an,  eine Geschichte zu sein.
Durch den Traum bekam der verrückte Clown in ihrem Mund eine völlig neue Bedeutung. Nun erwies es sich als Glücksfall, dass er seiner Besitzerin jedes Wort im Mund verdrehte. Denn je fantastischer sich eine Geschichte  anhörte, desto schneller reiste  sie um die Welt.
An manchen Tagen überfielen das Fräulein „So-La-La“ Zweifel, ob sie   der Aufgabe gewachsen war.  Dann schlich sie sich zur Dachkammer hoch. Inmitten der Bücher verloren sich alle Bedenken wieder.  
In ihren Geschichten spielte  es keine Rolle,  ob in ihrem Namen ein A auftauchte, wo keines hinpasste.  Wo man ein L hörte, wo keines sein sollte. Wo man verzweifelt auf ein F hoffte, wo es dringend  gebraucht wurde. Wo man vergeblich auf ein U und ein R wartete, wo sie unabkömmlich waren.
Während sich die eitlen und schönen unter den Geschichten mühsam von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, von Zeile zu Zeile, von Seite zu Seite kämpften, flogen die einzigartigen unter ihnen federleicht um die Welt.
Das Fräulein „So-La-La“ geriet in helle Aufbruchsstimmung. Mit dem verrückten Clown in ihrem Mund bestand kein Zweifel an der Einzigartigkeit ihrer Geschichte.
Allerdings drohten ihre Reisepläne an anderer Stelle zu scheitern.
Sie musste zuerst jemanden finden, der ihre Geschichte aufschrieb. Von Wort zu Wort. Von Satz zu Satz. Von Zeile zu Zeile.

Aber wer sollte das tun? Die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen kamen dafür nicht in Frage.
Mit Grausen dachte das Fräulein „So-La-La“ an ihre Forderung, die verrückte Zunge den Pillen und Spritzen der Ärzte auszuliefern. Nie und nimmer wollte sie ihnen auch nur eine einzige Zeile ihrer Geschichte überlassen.
Die anderen Kandidaten, denen sie die Aufgabe zutraute, schieden ebenfalls aus. Die Mutter hatte genug damit zu tun, jeden Morgen die Sonne über den Horizont zum Himmel hoch zu ziehen. Die Großmutter hasste Papierkram.
Am Ende blieb ein Name übrig. Der Blick des Fräuleins „So-La-La“ streifte den verwaisten Schreibtisch des Vaters. Sofort verwarf sie den törichten Gedanken wieder. Ihr Vater zeigte keinerlei Interesse an den Büchern, die sich in seinem Arbeitszimmer stapelten.
Lieber verbrachte er seine Zeit damit, langweilige Rechenkolonnen in den Computer zu tippen. Oft wurde es   Mitternacht, bis das Licht in der Dachkammer erlosch und der Vater schwerfällig  die Treppe  hinunter stieg.
Nicht im Traum wäre es dem Fräulein  „So-La-La“  eingefallen, seinen Arbeitseifer mit dem  Mond in  Verbindung zu bringen, der nachts wie eine Deckenleuchte vom Himmel strahlte.
Mehr Kopfzerbrechen bereitete ihr die Aktentasche, die der Vater auf Schritt und Tritt bei sich trug. Tagsüber begleitete sie ihn ins Büro. Während des Abendessens stellte er sie zwischen seinen Beinen unter dem Tisch ab und wachte mit Argusaugen, dass ihr niemand zu nahe kam. Kaum hatte er seinen Teller leer gegessen, schleppte er sie über die Treppe zur Dachkammer hoch.
Die übertriebene Fürsorge, die der Vater seiner Aktentasche widmete, stellte das Fräulein „So-La-La“  vor  ein Rätsel.  Rein äußerlich besaß das unansehnliche Ding keinerlei Wert.  Das verbeulte Leder  glänzte  speckig.  Die Ecken waren abgestoßen. Und an den   Metallschnallen fraß der Rost. 
Über den Inhalt der Tasche äußerte sich der Vater wortkarg.
„Langweiliger Bürokram.“, brummelte er ausweichend.
Tatsächlich glichen die wenigen Seiten, die aus den Rändern herausblitzten, haargenau den Rechenkolonnen, die der Vater an seinem Schreibtisch in den Computer hämmerte.
Ein zaghafter Versuch des Fräuleins „S0-La-La“ die Tasche genauer in Augenschein zu nehmen, endete mit einem scharfen Ordnungsruf.

„Ihr Gewicht biegt jedem, der sie anfasst, den Rücken krumm.“, kläffte sie der Vater fort.
Dabei gestikulierte er wild mit den Armen, als gälte es einen Einbrecher zu verscheuchen.
Augenblicklich suchte das Fräulein „So-La-La“ das Weite.
Einen Buckel war ihr die Aktentasche nicht wert. Die kurzen Stummelbeine, denen sie es verdankte, aufrecht unter dem Küchentisch stehen zu können, ohne sich den Kopf anzustoßen, waren Plage genug.
Keinen Moment kam ihr der Verdacht, dass der Vater bloß einen Vorwand suchte, um sie von der Tasche fernzuhalten. Zumal ihr Gewicht an seinen eigenen Kräften zehrte. Die tägliche Schlepperei ließ ihn müde und blass aussehen.
Beim Abendessen verschlang er riesige Mengen, als würde er nicht in der Buchhaltung sondern im Steinbruch schuften.
„Ohne eine üppige Kost ist die Arbeit nicht zu schaffen.“, erklärte er seiner staunenden Tochter den Grund für seinen Appetit.
Während er das Essen in sich hineinschaufelte, wanderte sein Blick nervös zur Küchenuhr hoch. Meist war es die Mutter, die seine Mahlzeiten abrupt beendete.
„Es dämmert bereits.“, wies sie den Vater allabendlich auf eine Alltäglichkeit hin, mit der jeder Tag zu Ende ging.
Im Wohlklang ihrer Stimme schwang eine versteckte Ungeduld mit, die den Vater ohne Widerrede veranlasste, das Besteck zur Seite zur Seite zu legen. Hastig würgte er den letzten Bissen im Mund hinunter. Dann beugte er sich unter den Tisch nach der Aktentasche und eilte mit ihr im Arm die Treppe zur Dachkammer hoch.
„Wleche Abreit lsäst ihn so hnugrig wreden?“
Die Mutter stand am Fenster und blickte in die Abenddämmerung hinaus, als sie die Frage des Fräuleins „So-La-La“ von hinten erwischte.
„Er trägt das schwerste Gewicht der Welt.“, antwortete sie gedankenverloren.
Als sie sich wieder dem Tisch zuwandte, blickte sie in zwei große Fragezeichen. Es waren die Augen des Fräuleins „So-La-La“.
Mit einem Schlag wurde der Mutter bewusst, was sie angerichtet hatte.
„Die Rede ist von seinem dicken Bauch.“
Der Versuch, die Unbedachtheit mit einem Seitenhieb auf die Körperfülle des Vaters zu überspielen, fruchtete nicht mehr. Das Fräulein „So-La-La“ hatte schon Lunte gerochen.
Am nächsten Tag blieb sie mit einer vorgetäuschten Magenverstimmung vom Abendessen fern. Tatsächlich lauerte sie hinter der Tür ihres Zimmers, bis der Vater die Treppe hochkam.
Auf Zehenspitzen schlich sie ihm hinterher. Als sie ihn auf der letzten Stufe einholte, setzte sie alles auf eine Karte.
Bevor der Vater seine heimliche Verfolgerin mit den Händen zu fassen bekam, schlüpfte sie ihm durch die Beine und huschte in die Dachkammer.
Dem kühnen Husarenstück folgte eine minutenlange Verfolgungsjagd. Erst ein umstürzender Aktenstoß, der das Fräulein „So-La-La“ unter sich begrub, setzte dem Katz- und Mausspiel ein unrühmliches Ende.
Mit wilden Flüchen auf den Lippen fischte der Vater sie am Kragen aus der Papierlawine und warf sie aus der Dachkammer.
Krachend schlug die Tür hinter ihrem Rücken ins Schloss. Unverrichteter Dinge stapfte das Fräulein „So-La-La“ wieder die Treppe hinunter.
Als das Fräulein „So-La-La“ bei ihrer Mutter in der Küche auftauchte, hatte die Dämmerung bereits den Fensterscheiben schwarz gefärbt.
Irgendwie erschienen sie dunkler zu sein als an anderen Tagen.
„Die atle Tsache  mag er bseser lieden als mcih.“,   redete sie sich ihren Kummer von der Seele.
„Du störst ihn bei seiner Arbeit.“,  antwortete die Mutter kühl und kümmerte sich weiter um ihren Abwasch.
Nach jedem Teller legte sie eine Pause ein und lief zum Fenster, wo sie kopfschüttelnd in die tiefschwarze Dunkelheit hinausstarrte.
Am nächtlichen Himmel funkelte kein einziger Stern.
Eigentlich gehörte es zu ihren Aufgaben, bei Einbruch der Dämmerung die schwarzen Tücher in den Himmel zu spannen. An diesem Abend wollte bei Mutter  keine rechte Freude über das Ergebnis ihrer Arbeit aufkommen.

Die Sorgenfalten  auf ihrer Stirn glätteten  sich erst als der Zipfel des Mondes über dem Dach des Hauses  auftauchte.
„Er ist heute spät dran.“, seufzte sie erleichtert und widmete sich wieder ihrem Küchengeschirr.
Das Fräulein „So-La-La“  maß  der  Äußerung ihrer Mutter wenig Bedeutung bei.    Noch weniger kam ihr in den Sinn, einen Zusammenhang zwischen der wilden Jagd,  die sie ihrem Vater in der Dachkammer geliefert hatte  und dem verspäteten Auftauchen des Mondes am Nachthimmel herzustellen.
Sie war vollauf beschäftigt, ihre blauen Flecken zu versorgen, die sie sich in der Dachkammer geholt hatte.
„Er hat ncihts wieter als siene dmume  Abriet im Kpof.“,  machte sie ihrem Ärger Luft.
Die Stunden, in denen er vor dem Computer über seine Rechenkolonnen brütete, erschienen ihr vergeudet. Die einzige Zahl, welche die Mühe lohnte, berechnet zu werden, war die Anzahl der gemeinsam verbrachten Stunden.
Zu ihrem Leidwesen berechnete der Vater lieber anderes.
Viel zu selten verirrte er sich an ihr Bett. Für eine solche Gelegenheit musste zuerst ein dichter Nebel über der Stadt liegen oder eine dunkle Gewitterfront am Horizont aufziehen.
An Abenden mit klarem Himmel duldete die  Wichtigkeit  seiner Arbeit   keinerlei Störung.
Der Vater des Fräuleins „So-La-La“ war von morgens bis abends ein vielbeschäftigter Mann.
Wenn ihn der Wecker aus dem Schlaf klingelte,  wartete bereits Unaufschiebbares darauf, von ihm gelesen, unterschrieben oder in dicken Aktenordnern abgelegt zu werden.
Er hatte keine Zeit zu verlieren. Denn in seinem Büro wuchs die Arbeit schneller als  das Gras auf der Wiese.  
Ungeduldig warteten die Aktenberge, die er zu erledigen hatte, auf sein Eintreffen.
Ständig herrschte ein wildes Gedränge und Gezerre unter  ihnen.  Selbst die Allerkleinste behauptete,  von allerhöchster Dringlichkeit zu sein.  Keine  wollte vor einer anderen zurückstehen.   Jede drängte darauf,  ganz oben auf der Liste gereiht zu werden.
Schon beim Aufwachen gehörten die ersten Gedanken ihnen.
Schief und verbogen schleppte sich der Vater ins Bad, wo ihn bereits das Bürogesicht mit vorwurfsvollen Blicken erwartete. Es  war ernst und blass. Auf der Nase hatte es eine dicke Hornbrille sitzen.  Und auf der Stirn zeichneten sich tiefe  Falten ab. 
Obwohl ihm der Vater jeden Morgen die Bartstoppeln rasierte und die Haare frisierte, blieb es bis weit in den Tag misslaunig. Selten rutschte ihm vor dem Mittagessen ein Lächeln über die Lippen.

Trotz seiner Anstrengungen führte der Vater  einen aussichtslosen Kampf.  
Die Aktenstöße  auf seinem Schreibtisch wuchsen unaufhaltsam an. Waren alle Zahlenkolonnen durchgerechnet, warteten   bereits zwei neue auf ihn.  
An keinem Tag schaffte er es,  die Aktenberge, die sich vor ihm hochtürmten,  zur Gänze  zu erledigen.
Bevor er das Büro verließ,  verstaute er das Unaufschiebbare  in seiner Aktentasche.   Gleichzeitig kündigten  ihm die  auf dem Schreibtisch zurückgelassenen Arbeiten furchtbare Rache an.
Dann läutete   spät nachts das Telefon, das den schlaftrunkenen Vater an den Schreibtisch befahl.   Oder es platzte  eine dringende Nachricht   im Postfach seines  Computers auf, die eine sofortige Beantwortung verlangte.   
Die hartnäckigsten unter den  Störenfrieden standen  an den Wochenenden  unangekündigt in der Tür. 
An diesen Tagen musste sie auf  Zehenspitzen durch das Haus schleichen und durfte nur mit gedämpfter Stimme reden. Außerdem wurden für die Dauer ihres Aufenthaltes  alle Ausflüge und sonstigen Vergnügungen abgesagt.
Der Eifer, mit dem der Vater allabendlich am Schreibtisch über endlose Rechenkolonnen brütete, öffnete dem Fräulein „So-La-La“ die Augen, wie die Welt funktionierte.
Für alles zwischen Himmel und Erde galt die gleiche Regel. Wer etwas zu tun hatte, war wichtig. Wer nichts zu tun hatte, war es nicht. Dabei spielte es keine Rolle, was man tat. Hauptsache man hatte zu tun.
Nun leuchtete dem Fräulein „So-La-La“ ein, warum jedermann behauptete, ständig zu tun zu haben. Niemand wollte als unwichtig gelten.
Aber nicht nur die Menschen hatten zu tun. Auch der Rest der Welt zeigte sich von morgens bis abends beschäftigt.
Die Tiere hatten zu tun. Die Bäume hatten zu tun. Das Wetter hatte zu tun. Die Wolken hatten zu tun. Die Sonne hatte zu tun. Der Wind hatte zu tun. Die Reihe setzte sich endlos fort. Bis zum kleinsten Kieselstein hatte alles zu tun.
Jeder Wurm wühlte sich bedeutungsvoll durch den Dreck. Jeder Regentropfen fiel in wichtigem Auftrag vom Himmel. Selbst das Gras auf der Wiese hatte eine Mission zu erfüllen.
Alles war wichtig. Bis auf ein kleines Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen.
„Ich hbae ncihts zu tun.“,  beklagte das Fräulein  „So-La-La“  bei  Oma Rosa ihr unnützes Dasein.

Die Großmutter schüttelte entschieden den Kopf.
„Ich kennen niemanden, der mehr  beschäftigt ist als du.“, widersprach sie.
Mit einem feinsinnigen Lächeln auf den Lippen zählte sie die Arbeiten auf, die das Fräulein „So-La-La“ zu erledigen hatte. Es wurde die längste Liste von allen. 
Was gab es nicht alles zu tun für sie.
Fragen zu erfinden, die niemand zu beantworten wusste. Mit dem verrückten Clown in ihrem Mund zu streiten. Aus dem Fenster zu starren, um die Mutter bei der Arbeit zu beobachten. Eine Geschichte zu sein, die um die Welt reist.
Aber am Allermeisten hatte sie damit zu tun, auf Etwas zu warten. Dass sie morgens die ersten Sonnenstrahlen wach blinzelten. Dass abends der Mond durch ihr Fenster leuchtete. Dass die Großmutter ein Buch aufschlug und ihr daraus vorlas. Dass der Vater an ihr Bett kam, um sie in den Arm zu nehmen. Dass sie nicht mehr aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen.
Dem Fräulein „So-La-La“ fiel vor Erleichterung  ein Stein vom Hals.
„Ich hbae enie gnaze Mnege zu tun.“, sonnte sie sich in ihrer  gewonnenen Bedeutung. Oma Rosa steckte sich eine Zigarre in den Mund und nahm einen tiefen Zug.
„Von allen Arbeiten, die ich kenne,   gehört das Warten zu den schwierigsten Aufgaben. Für diese Herausforderung braucht es einen Geduldsfaden, der  stark genug ist, das Gewicht eines Elefanten auszuhalten.“, sagte sie.
Die Aussprache mit Oma Rosa wirkte Wunder. 
Von einem Augenblick zum nächsten steckte das Fräulein „So-La-La“   bis über beide Ohren in Arbeit.   Auf ihren Schultern lastete  eine Verantwortung, denen bloß  die stärksten Geister gewachsen waren.    
Ob sie mit der Mutter in einer Warteschlange vor der Supermarktkasse anstand. Ob sie an der Haltestelle nach einem Bus Ausschau hielt.   Ob sie ihrer täglichen Lieblingssendung im Fernsehen entgegen fieberte. Ob sie  im Vorimmer des Zahnarztes vor Langeweile in der Nase bohrte.  Sie hatte ständig zu tun. 
Ich hbae keine Ziet mher.“, entschuldigte sie sich bei ihrer Puppe. 
Vor lauter  Dingen, die sie zu erledigen hatte,  blieb  keine freie Minute mehr für ein vertrautes  Schwätzchen mit ihrer Freundin.
Aber die allerschwerste von allen Arbeiten war der Blick in den Kalender.  Ihr Geburtstag wiederholte sich jedes Jahr ein einziges Mal.   Dazwischen lagen lange Wochen und Monate des Wartens vor ihr.  Die gleiche Mühe bereitete auch der Rest der Feiertage.

„Mnachmal wnüschte ich,  es gbäe wneiger zu tun für mcih.“,   schnaufte das Fräulein „So-La-La“    der vernachlässigten Puppe ins Ohr,  bevor sie  vor Erschöpfung auf der Stelle  einschlief.
Gewöhnlich begann  ihre Arbeitszeit frühmorgens, wenn die Mutter das Zimmer betrat und die Vorhänge am Fenster zur Seite zog. Und sie endete nicht bevor sie ihrer Puppe alle Neuigkeiten des Tages berichtet hatte.  
Bald arbeitete Fräulein „So-La-La nicht weniger hart als ihr Vater, der Abend für Abend endlose Rechenkolonnen in seinen Computer hämmerte. Selten   rutschte  ihr dabei  ein klagendes Wort über die Lippen. 
Im Stillen war sie   zufrieden,   zu tun zu haben. Wer beschäftigt war, hatte keine  Zeit, sich zu langweilen.
Am besten gefiel ihr die Arbeit, bei der sie die Mutter beobachtete, wie sie zu tun hatte. Dafür musste sie nur aus dem Fenster blicken.
Wie ihre Laune wurde auch das Wetter.
Entdeckte die Mutter  morgens im Spiegel eine unerwünschte  Falte in ihrem Gesicht,  peitschte  ein kalter Wind gegen die Fensterscheiben.  War sie traurig, regnete es aus allen Wolken.  Lachte sie beim Frühstück,  strahlte den ganzen Tag die Sonne vom  Himmel. 
Im Gegensatz zu der Arbeit einer Zauberfee  erschien dem Fräulein „So-La-La“  die Beschäftigung ihres Vaters völlig nutzlos. 
Durch seine Rechenkolonnen regnete kein einzigen Tropfen vom Himmel. Auch sonst trugen sie nichts zur Weltordnung bei.
Obwohl er den ganzen Tag lang nichts weiter zu tun hatte als Zahlen auszurechnen,  für die sich niemand interessierte, war sein Rücken krumm gebogen wie ein schief gewachsener Baum.
Wenn er bei Einbruch der Dämmerung die Stufen zur Dachkammer hochstapfte, tropfte ihm der Schweiß von der Stirn, als lastete ein tonnenschweres Gewicht auf seinen Schultern. Dabei lag ihm bloß das Abendessen schwer im Bauch.
Das traurige Schauspiel, dessen Zeuge sie Abend für Abend wurde, versetzte dem Fräulein „So-La-La“ einen Stich ins Herz. Der Gedanken, die Tochter eines dünnarmigen Buchhalters mit Schweißflecken unter den Hemdsärmeln zu sein, erschreckte sie plötzlich.

Die Mutter zog damit jeden Morgen die Sonne über den Horizont am Himmel hoch sah dabei aus wie  frisch geschminkt. 
Der Vater schaffte es nicht einmal,  eine gewöhnliche Aktentasche zwei Stockwerke hinaufzutragen, ohne dass sich  sein Gesicht zu einer roten Tomate verfärbte.
Merkwürdigerweise maß die Mutters seines körperlichen Verfalls, das mit jeder Stufe sichtbarer wurde, keinerlei Bedeutung zu. Nie erlaubte sie sich ein klagendes Wort über die endlosen  Stunden, die der Vater alleine in der verriegelten Dachkammer saß.
Ohne Murren übernahm sie nach dem Abendessen den Abwasch.
Manchmal ertappte sie das Fräulein „So-La-La“, wie sie mit sorgenvoller Miene aus dem  Fenster blickte und das Geschehen am Himmel beobachtete.
Was immer der Vater in seiner Dachkammer zu tun hatte?  Es musste von unaufschiebbarer Dringlichkeit sein. Viel zu selten gönnte er seinem Bürogesicht, mit dem er über seinen Akten brütete, eine Pause.
Das Fräulein „So-La-La“ mochte dieses Gesicht ohnehin nicht besonders leiden. Mehr Gefallen fand sie an seinem Feiertagsgesicht. Es war besser  gelaunt und  schnitt komische Grimassen.    
Meist blieb es bis zum Mittagessen unrasiert und hatte zerzauste Haare.  Sein Atem roch nach heißem Kaffee. Zwischen seinen Mundwinkeln hing noch der Rest der Frühstücksmarmelade.  Wenn es ihr einen Kuss auf die Wange drückte,  kratzten die Bartstoppeln auf ihrer Haut,  als würde sie  mit einem Igel kuscheln. 
Zum Leidwesen des Fräuleins „So-La-La“   bestand  die Woche  aus vielen  Bürotagen.  In den Nächten, die der Vater mit seinem ernsten Bürogesicht in Dachkammer zubrachte, tröstete  sie sich mit dem Anblick des Mondes,  der in ihrem Fenster auftauchte.
„Wräe mien Vaetr so  zuverlsäsig wie er.“, seufzte das Fräulein „So-La-La“  beim Anblick der blassen Scheibe.
Wochen und Monate vergingen im selben  Trott. Die Mutter  brütete  in der Küche  das Wetter für den kommenden Tag aus.    Der Vater rechnete   in der Dachkammer bis tief in die Nacht  endlose Zahlenkolonnen durch.  Abend für Abend  leuchtete  der Mond  durch das Fenster.     
Und noch immer schöpfte das Fräulein „So-La-La“ keinen Verdacht.

Sie hatte sich beinahe schon abgefunden, ihre Kindheit mit dem Bürogesicht des Vaters zu teilen, als das Schicksal ohne jede Vorwarnung seine Rezeptur änderte.
Unter den staunenden Augen des Fräuleins „So-La-la“ mischten sich plötzlich ein dringender Aktenvermerk, ein Vorzimmerdrache und ein schwarzes Loch am Himmel unter die Zutaten.
Alles zusammengerührt ergab ein explosives Gemisch, das den Himmel vernebelte und eine Küche in einen Tellerfriedhof verwandelte.
Wie jedes Unheil fing auch dieses mit einer Verspätung an.
Ein unaufschiebbarer Aktenvermerk zwang den Vater bis zum Einbruch der Dunkelheit im Büro auszuharren.
An diesem Abend  wurde nicht nur das Essen auf dem Tisch kalt.  Mit fortschreitender Uhrzeit kühlte auch die Laune der Mutter auf den Gefrierpunkt ab.
Ihr Ärger hatte wenig  mit dem Schweinebraten zu tun, der in der Pfanne langsam zu einem schwarzen Klumpen verschmorte.
Sie witterte eine  Gefahr, von der  das Fräulein  „So-La-La“  nicht die geringste  Vorstellung hatte.
„Bestimmt  macht ihm sein neuer  Vorzimmerdrache schöne Augen.“,  tobte die Mutter in Windstärke zehn.
Das Fräulein  „So-La-La“  streckte den Kopf unter dem Küchentisch hervor.  Sie hatte noch nie von einem solchen Unwesen gehört.
„Ist ein  Vorzmimerdarche  gefärhlich?“, fragte sie interessiert.  
Die Mutter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Teller klirrten.
Eine neue Sekretärin stellt immer eine Bedrohung dar.“,    fauchte  sie.   
Das klatschende Geräusch, mit dem ihr Geduldsfaden entzwei riss, hallte wie ein Peitschenknall  durch den Raum.
Sofort ging das Fräulein  „So-La-La“ wieder  unter  dem Küchentisch auf Tauchstation.
Mit welchem Ungeheuer es Vater im Büro auch immer zu tun hatte?  Gegen die Bedrohung, die sich in der Küche  über seinem Kopf zusammenbraute,  war es ein harmloses Streicheltier.
Als sich die  Fensterscheiben  schwarz färbten,  verwandelte sich die Mutter in eine endgültig in eine Furie.
„Das ist das Ende.“, schrie sie.
Wilde Verwünschungen gegen den Vater ausstoßend, sprang sie vom Küchentisch hoch. Unter Gepolter räumte sie alle verfügbaren Töpfe aus den Regalen hervor und hielt sie unter die aufgedrehte Wasserleitung, bis das Wasser über die Ränder schwappte. Danach drehte sie die Herdplatten hoch.

Wenig später brodelte es heiß aus  den Töpfen.
Eine riesige  Dampfwolke nebelte den Raum ein, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sah. 
Als der Nebel zum Schneiden dick wurde,  riss die Mutter das Küchenfenster sperrangelweit auf. Ein heftiger Windstoß pfiff herein und zog  heißen Dampf zur auf die Straße.
Innerhalb von Sekunden  verschwand der  Himmel in einer grauen Nebelsuppe.
Nach einer kurzen Verschnaufpause,  wiederholte  die Mutter   das Verfahren.
Im Minutentakt kochte  und dampfte es auf ihren Herdplatten.   
Über den Dächern der Vorstadt begann sich eine  dichte Nebelwand zu legen.
Fassungslos beobachtete das  Fräulein „So-La-La“   das Getöse, das die Mutter mit ihren Wassertöpfe veranstaltete, als würde das Schicksal der Welt von den Bürozeiten des Vaters abhängen.
Ihr Zeigefinger  juckte bereits nervös,  als die Türglocke anschlug.
Der Blick der Mutter wanderte kurz zur  Uhr hoch.   Ihre Pupillen funkelten wie geladene Kanonenrohre.  
Die Glocke  läutete ein zweites Mal.    Die Mutter atmete tief durch und wartete geduldig ab, bis der aus der Leitung schießende Wasserstrahl den Topf in ihrer Hand randvoll gefüllt hatte.
Als sich die Glocke zum dritten Mal meldete, drehte die Mutter den Wasserhahn ab. Langsam schritt sie zur Tür hinaus. Dass sie den bis zum Rand gefüllten Wassertopf mitnahm, verhieß dem Fräulein „So-La-La“ wenig Gutes. Ihre Vorahnung täuschte sie nicht.
Der Vater stand mit einem Fuß noch in der Türschwelle, als ihn die Mutter mit wütenden Vorhaltungen empfing.
Nach einem kurzen Wortgefecht überschlugen  sich die Ereignisse.  Ohne Vorwarnung ergoss sich der Inhalt des Wassertopfes in das Gesicht des Vaters. Dieser entwickelte angesichts leeren Topfes, den die Mutter nunmehr drohend über dem Kopf schwang, Bärenkräfte. Mit der Aktentasche in der Hand stürzte mit er die Treppe zur Dachkammer hoch.
Der leere Topf, den ihm die Mutter unter wildem Geschimpfe  hinterher warf, sauste um Haaresbreite über ihn hinweg.

Der  Knall,  mit dem die schwere Feuertür des Arbeitszimmers ins Schloss fiel,   setzte ihrem Wutanfall vorerst ein Ende.  
Mit hochrotem Kopf  rauschte sie  in die Küche zurück.   Kurz darauf setzte  ein Klirren und Scheppern ein.
Fassungslos  musste das  Fräulein „So-La-La“  mitansehen  wie die Mutter begann, das Küchengeschirr gegen die Wand zu schmeißen.
Die Mutter schoss aus allen Rohren.  
Um nicht von den herumfliegenden Scherben getroffen zu werden, floh das Fräulein „So-La-La“ aus der Küche. Dabei wählte sie die gleiche Fluchtroute wie der Vater und verbarrikadierte sich in ihrem Zimmer.   
Als ihr Blick aus dem Fenster fiel, begriff sie das wahre Ausmaß der Katastrophe, die in dieser Nacht die Welt heimsuchte.
Ein aufziehender Gewittersturm  hatte  die    Anstrengungen der Mutter zunichte gemacht und die mühsam fabrizierte Nebelwolke in dünne Fetzen gerissen.
Was dahinter zum Vorschein kam, ließ das Fräulein „So-La-La“ erschaudern. Auf einmal wurde ihr klar, was die Mutter mit mithilfe ihrern Wassertöpfen zu verschleiern versucht hatte.
„Wo ist er?“, schrie sie entsetzt auf. 
Ihr Aufschrei galt nicht der Sorge um das Wohlbefinden   des Vaters.
Sie hatte eine viel größere Gefahr entdeckt.
An der Stelle, wo  jeden Abend die blasse Scheibe des Mondes am Himmel leuchtete, klaffte ein riesiges  Loch.
Auf einen Schlag fügten sich die einzelnen Puzzleteile zu einem ganzen Bild zusammen.
Wenn am Abend die  Sonne hinter dem Horizont versank, trat der Mond an ihre Stelle und füllte die Lücke am Himmel. 
Warum hatte sie nicht eher daran gedacht?,  ärgerte sich das  Fräulein „So-La-La“ über ihre eigene Blindheit.
Es hatte sich alles direkt vor ihren Augen abgespielt. Und sie hatte es trotzdem nicht gesehen.

Ihr Vater war nicht der dünnarmige  Buchhalter, der er vorgab zu sein. Die endlosen Rechenkolonnen, die er in seinen Computer eintippte, waren ein geschickt ausgedachtes  Täuschungsmanöver.    Wie auch die  Dachkammer einem anderen Zweck diente, als es den Anschein hatte.  
Stück für Stück reimte sich das Fräulein „So-La-La“ zusammen, was sich Abend für Abend hinter der verriegelten Eisentür abspielte.
Bei Sonnenuntergang stieg der Vater auf den Schreibtisch und öffnete das Fenster. Mit der Aktentasche, in der er tagsüber den Mond aufbewahrte, stieg er auf das Dach. Von dort kletterte im Schutz der Dunkelheit die   Fernsehantenne   hoch.
Nun war es dem Fräulein „So-La-La“ kein Rätsel mehr, warum  ihrem    Vater   die Schweißperlen von der Stirn tropften,  wenn er die Aktentasche die Treppe hinauf zur Dachkammer schleppte.
Die Mutter hatte es ihr bereits unfreiwillig verraten.
Er schleppte  das schwerste Gewicht der Welt die Stufen hoch.
Wie  unmöglich   hörte sich diese Geschichte an? , platzte das Fräulein „So-La-La“ beinahe vor Stolz.
Sie hielt es keine Sekunde länger aus, das Geheimnis für sich zu behalten.
„Ich hbae die bseten  Etlren der Wlet.“,    posaunte sie ihrer Lieblingspuppe prahlerisch ins Ohr.
Mit keinem Wort erwähnte sie ihr gegenüber das Drama, das sich gerade in der Küche abspielte.
Was spielte es für eine Rolle,  ob die  Mutter ihr Geschirr in Scherben schlug?
Schon in wenigen Stunden  würde sie sich in  eine  Zauberfee verwandeln, die im ersten Tageslicht die Sonne über den Horizont am Himmel  hochzog. Vorher würde  der Vater mit einem riesigen Schraubenschlüssel im Arm   zur Spitze der Antenne hochklettern und den Mond in seiner Aktentasche verstauen. Alles würde seinen gewohnten Gang gehen.
Der Lärm eines aufschlagenden Fensters im Dachgeschoß katapultierte das Fräulein „So-La-La“ in die Wirklichkeit zurück.   
Schlagartig wurde dem Fräulein „So-La-La“ klar, warum die Mutter den Vorzimmerdrachen, der sich im Büro des Vaters eingenistet hatte, als Gefahr betrachtete. Er hielt ihn davor ab, seinen Schraubarbeiten am Himmel pünktlich nachzukommen.
Nun musste er im Sturmgewitter das Äußerste wagen, um zu verhindern, dass die Nacht schwarz wie Kohle blieb.
Das Fräulein „So-La-La“ graute bei dem Gedanken, was geschehen würde, wenn es ihm nicht gelang, den Mond rechtzeitig am Himmel festzuschrauben. Tausende Nachtschwärmer würden  orientierungslos durch die Straßen irrten, unzählige Liebespaare sich für immer aus den Augen verlieren und die  Lebensmüden am Himmel vergeblich nach einem Trost suchen.

Diese Gefahr hatte das Fräulein „So-La-La“ vor Augen, als sie mit ihrem Vater mitfieberte, der in diesen Minuten an den seitlich abstehenden Streben der Antenne hochstieg.
Sie konnte es förmlich spüren, wie er Mühe hatte, das Gleichgewicht zu halten. Der Regen  peitschte ihm ins  Gesicht.  Bei jeder Bewegung schwankte  der dünne Mast nach allen Seiten. 
Meter um Meter  kämpfte  sich  der Vater dem schwarzen Loch über seinem Kopf  entgegen. Sein Rücken krümmte sich unter dem Gewicht der Aktentasche.    
Endlich hatte er die  Spitze der Antenne erreicht.   Tollkühn   balancierte er  auf der letzten Sprosse. Trotz seiner klammen Finger gelang es ihm, die Schnallen  der Aktentasche zu öffnen.    Vorsichtig  zog er  die runde Scheibe des Mondes heraus. Mit gestreckten Armen wuchtete er sie in den Himmel hoch.
Die Welt hielt den Atem an. Schon eine falsche Bewegung  konnte den Vater samt seiner kostbaren Fracht  ins Verderben stürzen lassen.   
Ungeachtet dieser Gefahr bugsierte er die Scheibe zielsicher an ihren Platz. Mit geübten Handgriffen  fixierte er  die Schrauben. Schließlich zog er ein Taschentuch aus seiner Hose und polierte den Mond blank, damit keine  verräterischen Fingerabdrücke zurückblieben.
Nachdem er seine Arbeit erledigt hatte, machte sich der Vater auf den Rückweg. Langsam kletterte er den Antennenmast hinunter. Der Mond, der über seinem Kopf am Himmel leuchtete, gab ihm sicheres Geleit.
Die Nacht hatte ihren Schrecken verloren.   Die Nachtschwärmer gelangten  sicher nach Haus.  Die Liebespaare strahlten einander glücklich an.   Und die Lebensmüden fassten neuen  Mut.
Manchmal beschritt  das Schicksal seltsame Wege,    wunderte sich das Fräulein „So-La-La“.   
Gegen alle Vernunft hatte  es einen  schmalbrüstigen und kurzatmigen Buchhalter  mit den  wichtigsten Schraubarbeiten der Welt beauftragt.
Unzählige Bewerber waren für die Aufgabe besser   geeignet als ihr  Vater.  Er war nicht schwindelfrei wie die Dachdecker und Fensterputzer. Er besaß auch nicht den Gleichgewichtssinn der Seiltänzer. Und ganz und gar mangelte es ihm an den Muskeln eines Gewichthebers.
Trotzdem schaffte er es Abend für Abend  das schwerste Gewicht der Welt  in den Himmel zu stemmen.  
Noch ehe es dem  Fräulein „So-La-La“  gelang, diesen Widerspruch aufzuklären,  drang das erlösende Knarren der Holztreppe an ihr Ohr.   

Der Blick aus dem Fenster zerstreute den allerletzten Zweifel. Der Vater hatte es wieder geschafft.   Das schwarze Loch am Himmel war verschwunden.  Die auf Hochglanz polierte Scheibe des Mondes strahlte auf die Erde herab.  
Der Freude folgte ein neuer Schrecken. Im Mondlicht sah das Fräulein „So-La-La“ wie sich plötzlich die Tür zu ihrem Zimmer öffnete. Eine geduckte Gestalt huschte herein.
Im letzten Moment verschluckte das Fräulein „So-La-La“ den Schrei, der ihr auf den Lippen und schlang erleichtert die Arme um den Hals des Vaters.
Gleichzeitig erschütterte ein  gewaltiger Donner  die Grundfesten des Hauses.
Sofort warf sich der Vater der Länge  auf den Boden und hielt Hände schützend über seinen Kopf.
In der Aufregung hatte das Fräulein „So-La-La“   völlig auf den Tellerkrieg  ihrer Mutter  vergessen.   Umso heftiger rief er sich nunmehr in Erinnerung. Welle für  Welle rollte sein ohrenbetäubende Krach  durch das Haus.
Was immer sich im Kopf der Mutter  abspielte?  Mit Sicherheit hatte sie nichts Gutes im Sinn, wenn sie das gesamte  Essgeschirr  an die Wand schmiss. 
Noch war sich das  Fräulein „So-La-La“ uneins, welche  Rolle dem Vater zukam.
Wie war es ihm gelungen, dem Vorzimmerdrachen zu entkommen, der ihn davon abgehalten hatte, den Mond pünktlich in den Himmel zu stemmen? Warum hatte ihn die Mutter in der Tür mit einer kalten Dusche begrüßt? Und wieso tauchte er überraschend in ihrem Zimmer auf, anstatt wie sonst bis Mitternacht endlose Rechenkolonnen in seinen Computer zu hämmern?
Diese Fragen hob sich das Fräulein „So-La-La“ für später auf.
Vorerst genoss sie es, die Tochter des Mannes zu sein, der mit den wichtigsten Schraubarbeiten der Welt betraut war.
Als sie den Kopf an seine Brust lehnte,   hörte sie  sein Herz schlagen.  Es schlug mit der Kraft  eines Löwen.   
Nie  fühlte sich   das Fräulein „So-La-La“  nie  besser behütet   als in diesem Augenblick. Sie lag in den Armen des mutigsten aller Väter.   
Wenn er mit dem Mond in den Händen auf der Spitze der Antenne balancierte und auf die Erde hinunter blickte, war niemand  größer und stärker als er.

Fortsetzung folgt…..