Das Archiv der Bücher 05)

5.) Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein „So-La-La“  das „Kleine Glück“ zu schätzen lernt  und die Mutter den Tellerkrieg gewinnt.

Die Katastrophe brach keineswegs aus heiterem Himmel herein.  Das Unheil hing schon viele Tage in der Luft wie der Geruch  von verschwitzten Socken. Trotzdem traf der Tellerkrieg der Mutter   das Fräulein  „So-La-La“  völlig unvorbereitet.
Es war ein Kampf auf Messers Schneide. Und sein Ausgang war lange ungewiss.
Nur wer einmal mit eigenen Augen einen um seine Achse rotierenden   Suppenteller durch die Luft fliegen und an der Küchenwand explodieren gesehen hat, weiß sich ein Bild zu machen, von der zerstörerischen Kraft, die von ihm ausging. Die Scherben, die er hinterließ, gingen in die tausende.
In den Zeitungen und Geschichtsbücher findet sich keine Erklärung, warum sich das Schicksal für einen bestimmten Augenblick entscheidet und nicht für einen anderen.
Vielleicht verbirgt sich hinter dem Lauf der Dinge ein tieferer Sinn, den der menschliche Verstand nicht zu erfassen vermag.  
Vielleicht geschieht etwas, weil es unausweichlich ist. Oder weil es der Zufall einfach so haben will.   Vielleicht steckt aber auch etwas völlig anderes dahinter. Vielleicht muss  sich ein Augenblick opfern, damit Abermillionen andere verschont bleiben.  
Veränderungen sind in ihrer Natur  launische Geschöpfe. Sie bleiben unberechenbar  wie das Wetter.  Oft sind es die hellsten Tage,  die am Ende die dunkelsten Schatten werfen.  Und nicht selten bläst einer frischen  Brise ein zerstörerischer Sturm hinterher.
Im richtigen Moment   reicht  eine  winzige  Kleinigkeit aus,  damit alles anders wird. Dann läuft ein Fluss an einem einzigen Regentropfen über. Und aus  dem  Flügelschlag eines   Schmetterlings  erhebt sich   ein  Sturm,   der keinen Stein auf dem anderen lässt.

Als sich die Welt des Fräuleins „So-La-La“  in Scherben auflöste, hing keine einzige Regenwolke am Himmel.   Es  tanzten auch  keine Schmetterlinge in der Luft.
Trotzdem brauste ein Orkan  durch das Haus,  unter dem die Wände zitterten, die Fensterscheiben klirrten und die Deckenlampen unruhig   schaukelten.   
Das Schlimmste   war  die Schneise der Verwüstung, die er hinter sich herzog.  Seine  Zerstörungswut riss  das gesamte Küchengeschirr  ins Verderben.  
Im Dutzend  segelten  die Tassen und  Teller durch die Luft und zersprangen an der Küchenwand zu Scherben.  
Die Opferliste schrieb sich endlos lang.   Der Bestand  an  Suppen- und Fleischtellern wurde binnen weniger Minuten zur Gänze aufgerieben.   Ihnen folgten die die Kaffee- und Teetassen in den Untergang. Herbe Verluste erlitten auch die Obst- und Salatschlüsseln. Und was einmal eine Kaffeekan ne, eine Suppenschüssel oder eine Zuckerdose gewesen war,   ließ sich im Trümmerfeld nur noch schwer erahnen.
Das Scherbengericht der Mutter  kannte kein Mitleid.   Ob feinstes Porzellan oder grober Ton. Unbarmherzig schlug sie kaputt, was ihr in die Finger geriet.   
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Fräulein „So-La-La“ keine Ahnung, woran sich der Zorn der Mutter entzündet hatte.
Jedenfalls hatte es mit dem schwarzen Loch zu tun, das genau an der Stelle am Himmel klaffte, wo sonst der Mond auf die Erde herableuchtete. Und die Verantwortung für diese Misere trug niemand geringerer als ihr Vater.
Tagsüber verdingte er sich zum Schein er sich als Buchhalter  in einem Büro, wo er endlose Rechenkolonnen in einen Computer tippte. Tatsächlich aber war er mit den wichtigsten Schraubarbeiten der Welt betraut.
Im Schutz der Dunkelheit stieg er von seiner Dachkammer auf das Dach des Hauses. Von dort kletterte er mit der Aktentasche im Arm den Antennenmast bis zu den Wolken hoch.
Nicht so an dem Tag, als sich seine Heimkehr um Stunden verspätete und die Mutter den Tellerkrieg vom Zaun brach.
Für ein kaltes Abendessen hätte kein einziger Teller bluten müssen. Auch über das schwarze Loch am Himmel hätte die Mutter hinwegsehen können. Schließlich war es gelungen, mit Hilfe ihrer Wassertöpfe zu verhindern, dass die Welt das Fehlen des Mondes bemerkte. Aber der Verdacht, der Vater würde die Gesellschaft des Vorzimmerdrachens, der sich in seinem Büro eingenistet hatte, ihren Kochkünsten vorziehen, erhitzte die schlechte Laune der Mutter zur Weißglut.

Da Eifersucht sich schwer in klare Worte fassen lässt, wurden ein kaltes Abendessen auf dem Tisch und ein schwarzes Loch am Himmel zum Vorwand für einen Tellerkrieg, dessen wahre Ursache ganz woanders lag.
Als der Vater seinen Kopf durch die Tür steckte, war der Frieden nicht mehr zu retten. Der Geduldsfaden der Mutter hatte sich bereits in eine brennende Zündschnur verwandelt.
Der Lärm, der Sekunden später die Grundfesten des Hauses erschütterte,  führte dem Fräulein „So-La-La“ vor Augen  wie  dünn der Faden war, an dem das Glück hing.
Denn das  Pulverfass,  das  in der Küche in die Luft flog, war ihre eigene Mutter.
Was dann passierte, folgte der Logik jeder Explosion. Nicht der Knall sorgte für den Schaden, sondern die Druckwelle, die sich im anschloss.
Im diesem Fall war es das Geschirr, das sich an der Wand in Scherben auflöste.
Aber nicht nur in der Küche stand die Welt Kopf.
Unzählige Male war das Fräulein „So-La-La“ gescheitert, die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich zu lenken.  Ständig war er mit Dingen beschäftigt, deren Wichtigkeit keinen Aufschub duldete. Weder  ein  verheultes Gesicht  noch ein aufgeschundenes Knie konnten  ihnen dazu  bewegen,  seine Arbeit in der Dachkammer  zu unterbrechen. 
„Ich habe keine Zeit.“,  entschuldigte er seine Eile,   wenn  er mit der Aktentasche in der Hand die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hochstürmte.
Der Tellerkrieg der Mutter veränderte alles.   Nachdem er den Mond bei Sturm und Wetter in den Himmel geschraubt hatte, war der Vater unvermutet am  Bett des  Fräuleins „So-La-La“ aufgetaucht.
Plötzlich hatte er endlos Zeit für seine Tochter und einen triftigen Grund dafür.
An seinem Schreibtisch in der Dachkammer bot er den Geschossen der Mutter ein allzu leichtes Ziel. Im Zimmer des Fräuleins „So-La-La“ glaubte er sich in Sicherheit, was er wohlbedacht mit keinem Wort erwähnte.

Unterdessen hielt das Rumoren ein Stockwerk tiefer mit unverminderter Heftigkeit an.
Obwohl das schwarze Loch am Himmel längst verschwunden war, zeigte die Mutter keinerlei Bereitschaft die Kampfhandlungen einzustellen.
Eine heftige Detonation bewog den Vater zu seiner Tochter ins Bett zu springen. Er wühlte sich tief unter die Decke, als rechnete  er mit einem längeren Aufenthalt.
Sein Verhalten stellte das Fräulein „So-La-La“ vor ein Rätsel. Als sie ihm die Decke vom Kopf zog, zuckte sie erschrocken zurück. Ihr Vater kauerte als kümmerliches Wesen zu ihren Füßen.
„Warum schmießt sie die Tleler an die Wnad?“, stellte sie dzitternde Bündel in ihrem Bett zur Rede.
Der Vater reagierte sichtlich nervös über die Preisgabe  seines Unterschlupfes.
„Wahrscheinlich versucht sie gerade, mich von der Wand zu schießen.“, antwortete er, während er vergeblich versuchte, einen Zipfel der Decke zurückzuerobern.
Als er den entsetzten Ausdruck in den Augen seiner Tochter bemerkte, versuchte er den Ernst der Lage herunterzuspielen.
„Es besteht kein Grund zur Sorge. Solange sie ihren Geduldsfaden nicht geflickt hat, schießt sie schlecht.“, sagte er und quälte sich ein Lächeln ins Gesicht.
Dem strengen Geruch nach zu urteilen,  der aus seinen Achselhöhlen strömte, schien er selbst nicht von einem langen   Anhalten seiner Glückssträhne überzeugt.
Das laute Ende einer Suppenschüssel ließ ihn ängstlich zur Tür starren, als befürchtete er, sie könnte jeden Augenblick aus den Angeln gerissen werden und sein Schicksal besiegeln.
Unter dem Echo eines neuerlichen Einschlages versagte seine Stimme endgültig.
Eine Entschuldigung stammelnd, ging er wieder unter der Bettdecke auf Tauchstation. Die Zahnräder im Kopf des Fräuleins „So-La-La“ liefen auf Hochtouren. 
Hatte der Vater den Verstand verloren? Wie sollte es der Mutter gelingen, ihn von der Küchenwand zu schießen, solange er sich in ihrem Bett verkroch?
Der Zeigefinger  ihrer rechten Hand zuckte gefährlich.   Der Arm bewegte sich  in Richtung der Stirn.
Bevor es zum Äußersten kam, durchzuckte sie ein Geistesblitz.

Unvermittelt tauchte vor ihren Augen das Ziel auf, das ins Visier der Mutter geraten war. Es war ein harmloses Foto, das eingerahmt an der Küchenwand hing und den Vater freudestrahlend an seinem Schreibtisch anlässlich seiner Ernennung zum Mitarbeiter des Jahres zeigte.
In einem unbedachten Moment hatte er sich  hinreißen lassen,  das Bild genau an der  Stelle an die Wand zu hängen,  wo an unzähligen Abenden, sein verwaister Stuhl stand.   
Mehr als einmal hatte  das Fräulein „So-La-La“   die  Mutter ertappt,  wie ihr  Blick die Fotografie an der Wand streifte.   Die finstere Miene, die sich in ihrem Gesicht spiegelte, bildete einen scharfen Kontrast zu dem Lachen, mit dem der Vater auf dem Bild posierte.
Der Anblick stach sie mitten ins Herz. Das Bild rief ihr ständig ins Bewusstsein, dass  ein Mitarbeiter des Jahres  wichtigere  Dingen zu erledigen hatte, als bei seiner Familie   am Tisch zu sitzen. 
Eine dunkle Vorahnung erfasste das Fräulein „So-La-La“. Egal wie viele Teller und Tassen es die Mutter noch kostete. Sie würde ihren Tellerkrieg unbarmherzig fortsetzen, bis der Mitarbeiter des Jahres  in Scherben vor ihr auf dem Boden lag.
Ein ohrenbetäubender Knall lenkte die Aufmerksamkeit des Fräuleins „So-La-La“ auf das Geschehen in der Küche zurück.
Wie sich später   herausstellte,  hatte sich die Fensterscheibe explosionsartig in Scherben aufgelöst.
Die Mutter war  dazu übergegangen, ihr Ziel  mit größeren Kalibern unter Feuer zu nehmen.   Bei dem  Versuch,  ihm   mit Pfannen und Töpfen  den Garaus zu machen, hatte ein Geschoß die  Doppelverglasung des Küchenfensters durchschlagen.
Das Fräulein  „So-La-La“  spürte  ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.  Der Kanonendonner rückte unüberhörbar näher.   

Der  Vater hatte die gleichen Schlüsse gezogen. Blitzartig verlagerte er seine Deckung unter  das Bett.  Zur Verwunderung des Fräuleins „So-La-La“ zeigte er keine Anstalten, auch sie in Sicherheit zu bringen.
Bange Minuten verstrichen, ohne dass  Schritte auf der Treppe laut wurden.   
In dieser Zeit traf das Fräulein „So-La-La“ eine spontane Entscheidung, die den weiteren Verlaufes des Krieges entscheidend beeinflusste.
Durch die überstürzte Flucht unter das Bett hatte der Vater seine wahre Absicht verraten. Es ging ihm nicht darum, einen Abend in der Gesellschaft seiner Tochter zu verbringen. Er versuchte bloß die eigene Haut zu retten.
„Er hat siene Starfe verdeint.“, empörte sich das Fräulein „So-La-La“ bei ihrer Lieblingspuppe über das Täuschungsmanöver.
Die Nase des Vaters war nicht weniger feinfühlig als sein   Gehör, mit dem er eine Mücke auf hundert Meter husten hören konnte. Binnen weniger Augenblicke informierte sie ihren Besitzer über den Verrat, der in der Luft lag.
Als das Fräulein „So-La-La“ in einer Feuerpause aus dem Bett sprang, um in das Lager der Mutter überzuwechseln, lag der Vater bereits auf der Lauer. Seine Hand schnellte wie eine Schlange unter dem Bett hervor und packte das Fräulein „So-La-La“ an den Füßen, dass sie der Länge nach zu Boden stürzte.
Sofort entbrannte ein hartes Ringen zwischen den beiden. Das Fräulein „So-La-La“ wehrte sich mit Leibeskräften gegen die Umklammerung des Vaters. Sie trat mit den Füßen nach ihm. Sie schlug ihn mit den Händen. Sie setzte ihm die Fingernägel ins Gesicht.
Der Vater, der jeden Abend das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel stemmte, ließ sie gewähren. Geduldig steckte er die Schläge und Kratzer ein, ohne einen Mucks von sich zu geben.
Erst jetzt bemerkte das Fräulein „So-La-La“, dass seine Haut klatschnass war. Der Vater schwitzte aus jeder Pore seiner Haut.
„Ich habe ihr „Kleines Glück“ zerstört.“, schluchzte er im wehleidigen Singsang eines auf frischer Tat ertappten Diebes.
Eilig zog das Fräulein „So-La-La“ die Fingernägeln aus seinem übel zugerichteten Gesicht ab.
„Wleches Gülck?“,  stolperte es aus ihrem Mund.
Plötzlich hatte es keine Eile mehr, den Vater den Pfannen und Töpfen der Mutter auszuliefern. Dafür blieb später immer noch Zeit. Zuvor wollte sie mehr über das „Kleine Glück“ erfahren.

Den drohenden Untergang vor Augen  verwandelte sich der Vater in einen  Geschichtenerzähler, der vor Worten  übersprudelte. 
Für einen kurzen Augenblick rückten die ohrenbetäubenden Explosionen in der Küche in weite Ferne.
„Es hat nicht den Glanz eines Goldstückes.“, beschrieb der Vater das „Kleine Glück“.
„Oft ist es nicht einmal eine Schönheit. Und manchmal schmeckt es wie ein Stück altes Brot.“
Es fiel dem Fräulein „So-La-La“ nicht schwer diese Einschätzung zu teilen. Denn auf den ersten Blick bestand das „Kleine Glück“ zur Gänze aus Dingen, die sich selbstverständlich anfühlten.
In seiner Rezeptur herrschte ein riesiges  Durcheinander.  Jede Zutat war erlaubt. So roch und schmeckte es für jeden anders.
Einmal passte es in einen Fingerhut. Ein anderes Mal war ein ganzer Kontinent zu klein dafür. Einmal kostete es keinen Groschen. Ein anderes Mal wurden Millionen vergeudet, ohne es zu finden.
Der Vater zählte das „Kleine Glück“ mit den Fingern auf. Es wurde eine lange Liste.
Essen zu haben, wenn man Hunger hatte.
Trinken zu können, wenn man durstig war. 
An einem warmen Ofen zu sitzen, wenn draußen der Sturm pfiff.
Ein Dach über dem Kopf zu wissen, wenn es regnete.
Im eigenen  Bett   zu schlafen, wenn man müde war.
Mit einer Umarmung getröstet zu werden, wenn man sich traurig fühlte.
Eine offene Tür zu finden, wenn man einsam war.
Die Freiheit leben zu dürfen, wie man es für richtig hielt.
Einer Puppe Geheimnisse ins Ohr zu flüstern,  die zu schwer waren, um sie für sich alleine zu behalten.
Wie sehr sich der Vater auch anstrengte.   Nie wurde seine   Liste komplett. Ständig musste er  etwas hinzufügen. Es war, als würde er versuchen, die Anzahl der Sandkörner am Strand zu bestimmen.
Das Fräulein „So-La-La“ schnaufte ungeduldig.
Das „Kleine Glück“ begann sie zu langweilen.
Es erschien ihr nicht aufregender als der Blick in den Kühlschrank. Nur Wurst, Butter und Käse.

Der Vater strafte sie mit einem gestreckten Zeigefinger.
„Mir scheint, in dir wächst eine Prinzessin heran, die das „Kleine Glück“ aufs Spiel setzt, weil sie seinen wahren Wert nicht erkennt.“
„Wleche Prnizesisn?, reagierte das Fräulein „So-La-La“ hellhörig.
Sie war keineswegs abgeneigt, eine solche Laufbahn einzuschlagen.
„Diese Geschichte taugt nicht für freche Mädchenohren.“, stachelte der Vater die Neugierde seiner Tochter an.
Nicht ohne Hintergedanken ließ er sich lange bitten. Zumal das laute Rumoren in der Küche nichts Gutes für sein weiteres Schicksal verhieß.
Erst als sich die Fingernägel des Fräuleins „So-la-La“ drohend seinem zerschundeten Gesicht näherten, gab er dem Drängen nach.
Die Geschichte, die er zu erzählen hatte, war keine, die ein gutes Ende versprach.  Denn sie handelte von einer Prinzessin, die ihren Mann nicht liebte.
Niemals  schenkte sie ihm ein Lächeln. Niemals hatte sie ein freundliches Wort für ihn übrig. Unter ihren abweisenden Blicken büßte er jeden Tag ein Stück seiner Größe ein. Bald war er zu einem kümmerlichen Zwerg geschrumpft.
Keine Minute verging, in der die Prinzessin nicht ihr Dasein beklagte.  Es erschien ihr klein und unbedeutend,   weil sie von einem Zwerg geliebt wurde.
„Warum kann ich nichts Besseres haben als ihn?“,   schätzte sie seine Gesellschaft gering.
Trotz der schlechten Laune, mit der ihm die Prinzessin das Leben schwer machte, blieb der Zwerg treu an ihrer Seite. In seinen Augen erstrahlte sie in der Schönheit eines unschuldigen Engels. Unermüdlich las er ihr jeden Wunsch von den Lippen ab.
Er schaffte die besten Speisen heran, bis sich der Tisch unter den herrlich duftenden Leckereien bog.
Die Prinzessin aß die Teller auf den letzten Krümel leer. Mit vollem Bauch zog sie eine saure Miene.  Für sie war es die armselige  Mahlzeit  eines Zwerges gewesen
„Von diesem Fingerhut soll ich satt werden.“, nörgelte sie.
Ihre Schmähungen vermochten den Zwerg nicht zu kränken.    
Zum Beweis seiner  Liebe baute er  für sie  das prächtigste  Haus im ganzen Dorf.  Aber für die Prinzessin war es bloß die ärmliche Behausung  eines Zwerges.

„In einer winzigen Hütte  muss ich wohnen.“,  rümpfte sie verächtlich die Nase.
Die Liebe des Zwerges war stärker als der Zank, den die Prinzessin bei jeder Gelegenheit anzettelte. Unermüdlich warb er weiter um ihre Gunst.
Was er sich an den Fingern absparte, verschwendete er an prächtigen Gewändern für sie. Aber selbst die feinsten Stoffe wollten den Ansprüchen der Prinzessin  nicht genügen.  Es waren nur die Kleider eines Zwerges. 
„In diesen Lumpen muss ich gehen.“,  herrschte sie ihn  an.
Der Zwerg ertrug ihre Klagen,  ohne ein böses Wort an sie zurück zu geben.
Dann kam der Tag, an dem er sich ein Kind  von ihr wünschte.   Die Prinzessin lehnte entrüstet ab.
„Zur Mutter eines Däumlings willst du mich machen.“, wies sie  ihren Gemahl zurück. Für sie war es nur das Kind eines Zwerges.
Endlich durchschaute der Zwerg den wahren Charakter der Prinzessin.  Ohne ein Wort zu sagen, packte er seine Sachen und verschwand zur Tür hinaus.
Zuerst weinte ihm die Prinzessin  keine Träne hinterher.
„Meine besten Jahre  habe ich mit einem Wicht vergeudet.“, bedauerte sie die Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte.
Bald  nach dem Verschwinden des Zwerges ereigneten sich seltsame Dinge.
Kein  Essen wollte der Prinzessin wieder so gut schmecken wie jene Köstlichkeiten, die der Zwerg für sie zubereitet hatte. 
Je prächtiger sie ihr Haus ausschmückte,  desto langweiliger empfand sie es im Vergleich zum Glanz der ersten Tage,  die sie mit dem Zwerg darin verbracht hatte.  
Nicht anders erging es ihr mit den zahllosen Kleidern, die in ihren Schränken verstaubten.  Wie zum Hohn strahlten die Stücke am Prächtigsten,  die der Zwerg für sie angeschafft hatte.   

Die schlimmste Schwermut überfiel die Prinzessin jedoch  bei dem Gedanken an das Kind,  das sie ihm nie geboren hatte.
Im selben Maß wie ihre   Sehnsucht nach den verloren gegangenen Dingen wuchs, veränderte sich auch die Erinnerung an den Zwerg.
Mit jedem  Jahr, das ins Land zog,   gewann er  ein Stück seiner wahren Größe zurück.  
Am Ende überragte sein langer Schatten alles andere in ihrem Leben.  Da erkannte die Prinzessin die  wahre Gestalt des Zwerges.
„Ein Riese hat mich geliebt.  Aber ich  bin  blind  dafür gewesen.“,  beklagte sie ihr Leid.
Die Reue der Prinzessin kam  zu spät. Der Zwerg setzte nie wieder einen Fuß in das Haus. 
„Manchmal erscheint das „Kleine Glück“ wie ein lästiger Kieselstein im Schuh, den man leichtfertig ausschüttelt.“, beendete der Vater die Geschichte von der unglücklichen Prinzessin.
„Dabei kann sein Wert unermesslich sein. Wenn man ihn zwischen zwei Finger gegen das Licht hält, hat er die gleiche Größe wie ein Stern, der nachts unerreichbar hoch am Himmel leuchtet.“  
Ein lauter Knall rief dem Fräulein „So-La-La“ in Erinnerung, dass die Mutter in der Küche keine Kieselsteine an die Wand warf.
Plötzlich verebbten die Einschläge, als hätte die Kanonade der Mutter endlich ihr Ziel getroffen.
„Vielleicht ist ihr die Munition ausgegangen.“, schöpfte der Vater Hoffnung, den Tellerkrieg mit heiler Haut zu überstehen.
Das Fräulein „So-La-La“ maß ihn mit einem langen Blick von der Seite. Längst hatte sie ihre Entscheidung getroffen.  Es fiel ihr nicht leicht,  zu tun, was getan werden musste.   
Von der Größe her war sie ein Mädchen,  das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen.   Aber an dem Verstand gemessen, war sie ihrer Mutter längst auf Augenhöhe herangewachsen. Wie sonst hätte sie in ihren Gedanken lesen können?
Die Mutter führte den Tellerkrieg nicht gegen ein harmloses Bild an der Wand. Ihr Scherbengericht galt jemandem, der viel schwerer zu treffen war.
Das Fräulein „So-La-La“ hatte es schon lange geahnt.
Das Lachen, mit dem der Vater auf dem Bild posierte, war nicht für die Mutter gedacht. Es verschwendete sich an seinem Vorzimmerdrachen, der unsichtbar im Raum schwebte.
Empört stellte das Fräulein „So-La-La“ ihren Vater zur Rede.
„Sie knan diene  Sekerträin nciht lieden.“, konfrontierte sie ihn mit der wahren Ursache für den Tellerkrieg.

Der Vater setzte eine Miene auf, die er immer dann zur Schau trug, wenn er über die Einkäufe der Mutter nachdachte.
„Warum hat sie das nie gesagt?“, wies er jede Schuld von sich.
„Es  hätte weniger Schaden angerichtet,   das Bild einfach  von der Wand zu hängen.“
Beinahe empfand das Fräulein „So-La-La“ Mitleid mit ihm.
Die Kosten für  das neue  Küchengeschirr  war das geringste Übel, das ihn erwartete, wenn er der Mutter in die Hände fiel.
Sie streckte den Zeigefinger aus und hielt ihn dem Vater drohend  unter die Nase.   
„Enie nuee Sekerträrin  ist imemr gefärhlcih.“,   schimpfte sie.  Wobei ihre Stimme  den Tonfall der Mutter täuschend echt  traf.
Der Vater starrte sie entgeistert an. Plötzlich begriff er die Gefahr.
Mit einem wilden Satz sprang er zur Tür hinaus, um sich zurück in die Dachkammer zu retten. Aber es war zu spät. Und so ging der Tellerkrieg der Mutter mit einem Paukenschlag zu Ende..
An der Treppe  holte das Fräulein „So-La-La“ den flüchtenden Vater ein.  Bevor er wusste wie ihm geschah,  ereilte ihn  ein hinterhältiger Schlag in den Rücken. Nach einem weiteren Tritt gegen das Schienbein verlor er das Gleichgewicht und purzelte mit einem lauten Aufschrei rücklings die Stufen hinunter. 
Am Treppenabsatz  wartete bereits die Mutter auf ihn. Dieses Mal verfehlte die Bratpfanne, die sie in ihrer Rechten schwang, nicht ihr Ziel.
Das letzte Lebenszeichen,  welches das Fräulein „So-La-La“   in dieser Nacht  von ihrem Vater hörte,  war ein schmerzhafter Aufschrei, als die Pfanne auf seinem Kopf landete.  
Die Rettung des „Kleinen Glücks“ rechtfertigte eine Beule allemal,   war das Fräulein „So-La-La“ überzeugt, das Richtige getan zu haben.  
Nachdem sie den Vater der gerechten Strafe zugeführt hatte, huschte sie ins Bett zurück. Aufgeregt berichtete sie ihrer Lieblingspuppe vom Schicksal der Prinzessin , die leichtfertig ihr Glück verspielte.
„Für sie war es nur ein Zewrg.“, flüsterte sie der Puppe das traurige Ende der Geschichte ins Ohr.
„Aebr die Lcüke, die er hniterleiß, hatte die Größe eines Reisen.“
Der Kopf der Puppe wackelte aufgeregt hin und her, als würde sie jedes Wort verstehen, das langsam in der endlose Tiefe ihrer Ohren versank.
Mit dem ersten Tageslicht schreckte das Fräulein „So-La-La“ aus einem Traum hoch, in dem die  Mutter  den Vater solange an die Wand warf,    bis er in Scherben zu ihren Füßen lag.

„Was hbae ich bolß getan?“, plagte sie das schlechte Gewissen.
Mit bangem Herzen sprang sie aus dem Bett und stürmte die Treppe hinunter.
In der Küche wartete eine Riesenüberraschung auf sie. Ungläubig rieb sie sich die Augen. Wo am Abend zuvor ein furchtbarer Tellerkrieg gewütet hatte, herrschte blitzblanke Sauberkeit. Kein Scherbenhaufen bezeugte das nächtliche Gemetzel.
Die Mutter saß im Morgenrock am Tisch und blätterte in der Morgenzeitung, als wäre alles nicht geschehen. Sie strahlte vor guter Laune. Nichts erinnerte mehr an die eifersüchtige Kriegerin, die wenige Stunden zuvor  ihr bestes Geschirr in Scherben geschossen hatte.
Schon glaubte das Fräulein „So-La-La“ alles zum Guten gewendet. Sie hatte sich alles nur eingebildet. Der Schrecken der zurückliegenden Nacht war gar nicht passiert, atmete sie erleichtert auf.
Im gleichen Atemzug spürte sie eine leichte Enttäuschung, nicht die Tochter des dünnarmigen Buchhalters zu sein, der jeden Abend den Mond in den Himmel schraubte.
Sie war nichts weiter als ein kleines Mädchen, das schlecht geträumt hatte. Die Teller und Tassen standen heil in den Regalen. Und der Vater saß wohlauf in seiner Dachkammer und hämmerte endlose Rechenkolonnen in seinen Computer.
Da bemerkte sie aus den Augenwinkeln einen dunklen Fleck an der Küchenwand. Der Anblick traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Sofort wich alle Farbe aus ihrem Gesicht. Ihre Knie begannen zu zittern. Auf ihrer Stirn glänzte kalter Angstschweiß.
An der Stelle, an der bis vor wenigen Stunden  der Mitarbeiter des Jahres  aus einem goldgelben Rahmen gelacht hatte,  klaffte ein faustgroßes Loch im Verputz. Unzählige Einschlaglöcher, die sich im Umkreis streuten, bezeugten Heftigkeit des Kampfes.
Fassungslos starrte das Fräulein „So-La-La“  auf die verwüstete Kraterlandschaft, die sich bis zum Fenster entlang zog, wo eine notdürftig angeklebte Plastikfolie die fehlende Scheibe ersetzte.
Der Pappbecher, aus dem die Mutter ihren Kaffee trank, zerstörte den letzten Funken Hoffnung. Es war kein Traum gewesen. Der Tellerkrieg hatte tatsächlich stattgefunden. Umso heftiger drängte sich die Frage nach dem Verbleib  des Vaters auf.   Teilte er das Schicksal der Teller und Tassen,  deren Scherbenreste die   Mutter in aller Stille entsorgt hatte?
Es bestünde keinerlei Anlass, sich zu sorgen, beschwichtigte die Mutter, als könnte sie die Gedanken ihrer Tochter lesen.
Der Vater  würde bloß einige Einkäufe in der Stadt erledigen.
Das Fräulein „So-La-La“  traute dem Frieden nicht. 

Von welcher Art die Besorgungen   wären,  wollte sie wissen.
Ohne mit der Wimper zu zucken, tischte ihr die Mutter eine haarsträubende Geschichte auf.
Kurzerhand verklärte  sie den Tellerkrieg zu einem harmlosen Haushaltsunfall. Beim  Abwasch  wären ihr   wohl einige Teller durch Unachtsamkeit aus der Hand gerutscht und  dabei zu Bruch gegangen. Wobei sie dem Verlust keinerlei Tränen nachweinen würde. Ohnedies  hätte sie seit geraumer Zeit über einen Ersatz für das an allen Ecken und Kanten abgeschlagene Geschirr nachgedacht.
Dem Fräulein „So-La-La“ rann es heiß über den Rücken.  Mit gesenktem Blick nickte sie das Lügenmärchen der Mutter ab. Denn die unzähligen Einschläge in der Küchenwand erzählten eine völlig andere Geschichte.
Noch  am gleichen Tag  füllte das neue Geschirr, das der Vater in der Stadt besorgte, die leer geschossenen Regale wieder mit Leben.
Ein  verschwiegener  Glaserer ersetzte  die kaputte Fensterscheibe.   Auch für dieses Malheur  war ein Schuldiger rasch ausfindig gemacht.   
Ein Nachbarjunge hätte mit seinem Fußball die Scheibe eingeschlagen, stellte die Mutter ihre Täterschaft in Abrede. Obwohl es keinen Jungen in der Nachbarschaft gab, auf den die Beschreibung zutraf.
Schließlich  fand sich noch  ein Maler, der die Küchenwand neu verputzte, ohne lästige Fragen zu stellen.  

Innerhalb weniger Tage strahlte   die Küche   im  alten Glanz.   Mit einer einzige Ausnahme.   Das Bild mit dem Mitarbeiter des Jahres blieb für immer verschollen.
Besucher, die auf die kahle Stelle an der Wand aufmerksam wurden, senkten verschämt  den Blick,  als hätte das Bild, aus dem der Vater verliebt  in die Kameralinse eines Vorzimmerdrachens lächelte,   nie existiert.   
Allein die Großmutter sorgte für eine kurze Schrecksekunde.
Bei einem gemeinsamen Essen erkundigte sie sich neugierig nach dem Grund für die neuen Teller am Tisch.
Bevor die Mutter Gelegenheit hatte, ihren missglückten Abwasch zu schildern, fiel ihr der Vater ins Wort.    Unter hektischem Gestammel  nahm er alle Schuld auf sich.
Die Erleichterung war seinem Gesicht anzusehen, als die Großmutter das Thema wechselte und ihn bat, eine Flasche Wein aus dem Keller zu holen.
Nachdem der Vater  die  Küche verlassen hatte, bemerkte das Fräulein „So-La-La“ wie   sie der Mutter  komplizenhaft zuzwinkerte.
„Manchmal  ist  ein   Tellerkrieg  die   beste  Methode, um einen  dunklen Schatten aus dem Haus zu jagen.“,  grinste die Großmutter.  
Dabei streifte ihr Blick die Stelle  in der frisch verputzten Küchenwand,  an der bis vor kurzem der Mitarbeiter des Jahres aus einem Bild herausgelacht hatte.
Im gleichen Augenblick stürzte der Vater mit einer Flasche Wein durch die offene Tür und goss sich ein  Glas Rotwein ein,  das er  in einem Zug leer trank.
Für das Fräulein „So-La-La“ brachen herrliche Zeiten an. Der Vater war bemüht, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Die  Arbeiten, die im Büro  mit  unaufschiebbarer Dringlichkeit auf ihn  warteten, hatten das Nachsehen. Sie mussten sich mit normalen Dienstzeiten begnügen. Bis auf eine Verpflichtung, die der Vater unverändert beibehielt.

Der erste Weg nach dem Abendessen führte ihn zur Dachkammer hoch.  Allerdings blieb er nie länger an seinem Schreibtisch sitzen, als es dauerte,  das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel zu schrauben.
Nach einigen Wochen  wurde der verschollene Mitarbeiter des Jahres durch ein Porträt der Großmutter   ersetzt.  
Auf die Ankündigung des Vaters,  das Bild mit einem Tellerkrieg wieder von der Wand zu schießen, schwenkte die Mutter einen Wassertopf drohend über seinem Kopf. Worauf er schleunigst Fersengeld gab.
Zur gleichen Zeit  schrumpften die Aktenstöße, die sich in der Dachkammer auf dem Boden stapelten, zu einem winzigen Häufchen zusammen. Bis sie nach einigen Monaten völlig verschwunden waren.   
Zuletzt verlor sich auch  die Spur des  Vorzimmerdrachens im Büro des Vaters. Bei einem Wochenendausflug geriet er in einen plötzlichen Wettersturz und blieb fortan verschollen. Merkwürdigerweise strahlte die Mutter an diesem Tag vor guter Laune. An seine Stelle rückte eine Sekretärin, die nicht weniger Falten im Gesicht hatte als die Großmutter.
Nach einigen Wochen verblasste der Tellerkrieg für das Fräulein „So-La-La“ zu einer fernen Erinnerung. Was sich jedoch unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte, war die Fähigkeit,  den wahren Wert der alltäglichen Dinge zu erkennen.
Auf den ersten Blick wirkte das „Kleine Glück“ zwergenhaft klein. Aber wenn es verloren ging, klaffte eine Lücke, wie sie nur ein Riese zu hinterlassen vermochte.

Fortsetzung folgt…..