Das Archiv der Bücher 06)

 6.) Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein „So-La-La“  die wahre Natur der Großmutter  entdeckt und mit der Erfindung einer Zeitabkürz-ungsmaschine die Fliegenzeitrechnung beendet

Seit Wochen  verfolgte  das Fräulein  „So-La-La“ die Nachrichten, die über die Bildschirme flimmerten.   Was sie bei ihren Erkundungen entdeckte, gefiel ihr gar nicht.
Die Welt gehörte nicht sich   selbst.     Sie  war  in die Hände  von hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen geraten, die ständig  im Streit miteinander lagen.    
Weil sie  sich  niemals  einig wurden, herrschte  überall ein furchtbares Durcheinander. Am meisten stritten sie darüber, wer das Sagen in der Welt hatte.
„Es lebe der König.“, riefen die hochgezogenen Augenbrauen.
„Die Präsidenten an die Macht.“, skandierten die gestreckten Zeigefinger.
„Am Ende siegen immer die Generäle.“, warnten die mitleidigen Stimmen.
Nichts  von alldem  entsprach  den Tatsachen, wusste das Fräulein „So-La-La“.     
Längst hatte sie die Könige, Präsidenten und Generäle als Angeber und  Wichtigtuer durchschaut.    
Die   wahren Herrscher der Welt waren andere.  Sie   wohnten   nicht in den Palästen.  Sie schwangen keine  großen Reden.  Schon gar nicht badeten sie  im Applaus begeisterter Massen.
Sie  leiteten die Geschicke der Menschen im Stillen und  gingen ihren Geschäften nach, ohne dass es im Fernsehen übertragen wurde oder die  Zeitungen von ihnen  berichteten.  
Ihre Machtfülle  war einzigartig.  Es herrschte  kein König, der nicht auf ihrem Schoß gesessen hatte.  Es regierte kein Präsident, dem sie nicht die Wangen getätschelt hatten.  Und  nirgendwo fand sich  ein General, dessen Windeln sie nicht  gewechselt hatten.
Ihr langer Arm reichte  von Amerika bis nach Afrika,  von Europa bis nach Indien und vom  Südpol bis zum Nordpol.  
Vor ihren Zärtlichkeiten gab es kein Entkommen.    Besonders an den Morgen- und Abendstunden  wurde man zu einer leichten Beute für sie.  Die  Methode ihrer Herrschaft   währte seit  Jahrhunderten unverändert.  Zuerst überschütteten sie  das Opfer  ihrer Zuneigung  mit Geschenken und Umarmungen. 

Dann zerquetschten sie es langsam an ihrer Brust.   
Könige, Präsidenten und Generäle kamen und gingen. Meist blieb nicht mehr von ihnen zurück als ein Denkmal oder die Erinnerung an eine gewonnene oder verlorene Schlacht.
Aber vor einer Großmutter gab es kein Entkommen. Ihre Macht reichte über den Tod hinaus. Ihnen gehörte auch der Himmel. Wenn ihre Zeit gekommen, schlugen sie dort ihr Hauptquartier ab. Denn der Himmel bot ihnen den besten Blick auf alle , die auf ihrem Schoß gesessen, denen sie die Wangen getätschelt oder die Windeln gewechselt hatten.
Trotz ihrer Weltherrschaft waren   sie im Kern gutmütige Wesen.    Die einzige Gefahr, die von ihnen drohte, war die Neigung zu feuchten Wangenküssen und übertriebener Anhänglichkeit.   
Hatten sich eine Großmutter einmal im Haus eingenistet,   wurde man sie schwer wieder los.
Man konnte sie nicht einfach vernaschen wie Schokohasen. Ihre üppigen Rundungen passten in keine Puppenkiste. Und sie wurden auch nicht wie auf der Straße überfahren, wenn einmal das Gartentor offen stand.
Die Nachteile wogen jedoch gering gegen ihre Vorteile. Der Einsatz der Großmutter bewahrte übermüdete Mütter vor Nervenzusammenbrüchen und rettete gestressten Vätern   den Fußballabend.   
Den größten Spaß hatten die Kinder mit ihnen. Ohne auf die Uhr zu blicken,   verschleuderten die Großmütter die schönsten  Stunden des Tages, in denen sie nichts Besseres zu tun hatten als Puppen die Haare zu frisieren oder in Bilderbüchern zu blättern. Ihr Geduldsfaden war zäher als ein Gummiband und besaß die Tragkraft eines Stahlseiles. Eine  eingeschlagene Fensterscheibe, eine zerbrochene Vase oder ein verschüttetes Glas Limonade verursachten ihnen keine schlechte Laune.
Aber das Allerbeste an ihnen war die Gabe,    den Kindern jeden Wunsch von den Augen ablesen zu können.
Sie kannten den kürzesten Schmuggelpfad ins Schlaraffenland,  wo man Limonade aus Flüssen trank und Schokolade  von den Bäumen pflückte.  In ihren  Schränken stapelten sich mehr Süßigkeiten,   als besorgte Mütter und Zahnärzte wissen durften.
Ohne ihr Zutun wären  die Könige keine Könige, die  Präsidenten keine Präsidenten und die  Generäle keine Generäle geworden.    

Kein Wunder, dass das Fräulein „So-La-La“ ihre Großmutter  für  die beste Erfindung hielt,  die jemals erfunden worden war.  Umso größer war ihr Entsetzen, als sie einen Fehler im Bauplan von Oma Rosa bemerkte.
Wie alle Großmütter war sie zur Gänze   aus uralten Bauteilen zusammengeschraubt.  Was automatisch die Frage des Fräuleins „So-La-La“ beantwortete, warum jedes Kind zwei Großmütter hatte. Eine Großmutter stand als Reserve zur Verfügung für den Fall, dass die andere kaputt ging.
Überhaupt waren Großmütter sehr empfindliche Wesen. Schon eine harmlose Erkältung konnte sie außer Betrieb setzen. Manchmal war der Schaden nicht mehr zu beheben. Dann herrschte eine große Traurigkeit in der Welt. Denn kaputt gegangene Großmütter wurden zur Reparatur in den Himmel geschickt.
Glücklicherweise wies Oma Rosa nicht viele Stellen auf, die größere Reparaturen notwendig machten.
Die tiefen Falten, die ihre Wangen zerklüfteten, hatten sie nicht hässlich gemacht. Ihr Gesicht war wie ein zerkratzte Spiegel.    Zwischen  seinen Rissen und  Sprüngen schimmerte eine Schönheit durch, der das Alter nichts anhaben konnte.
Sie stand fester  auf den Beinen  als   eine hundertjährige Eiche. Ihr Verstand leuchtete hell wie eine hundert Watt  Glühbirne.  Und das Blut in  ihren Adern  floss  mit  der Geschwindigkeit eines reißenden  Gebirgsflusses.
Am Liebsten saß sie in ihrem abgewetzten Ledersessel im Wohnzimmer, wo sie an einer Zigarre  nuckelte oder ihren Kaffee mit einem Schuss Likör veredelte.  Zeitweilig war  der Rauch in ihrer Wohnung  zum Schneiden dick, dass man sich die Nase daran blutig stieß.
Eine Großmutter, die keine Socken strickte, die ohnehin niemand haben wollte und tagsüber nicht stundenlang aus dem Küchenfenster starrte war an sich schon ungewöhnlich genug. Aber eine Großmutter, die Zigarren qualmte, likörgetränkten Kaffee schlürfte und neidisch nach dem Besen schielte, mit dem die Putzfrau das Stiegenhaus fegte, war doch etwas völlig anderes.

Dem Fräulein „So-La-La“ kam ein ungeheuerlicher Verdacht.  
War es die Phantasie, die ihr einen Streich spielte?  Oder hütete Oma Rosa tatsächlich ein  dunkles Geheimnis?  
Vorfälle, die ihrem Verdacht Nahrung lieferten, gab es zuhauf.
Bei einem Anruf der Großmutter hatte der Vater irrtümlich den Hörer abgehoben.  
„Die alte He.. ist am Apparat.“,    verplapperte er sich, bevor ihm die Mutter die Hand auf den Mund schlagen konnte. 
Nicht weniger merkwürdig endete die Begegnung mit einem Nachbarn im Stiegenhaus, der mit der Großmutter wegen einer verschwundenen Zeitung im Streit lag. Nach einem kurzen Wortgefecht sehnte er lautstark den Tag herbei, an dem  sich die Großmutter beim Absturz von einem Kirchturm  den Hals brechen würde.
Der Wunsch des übellaunigen Nachbarn ließ das  Fräulein „So-La-La“  aufhorchen. Was hatte Oma Rosa auf einem Kirchturm zu suchen?   Und  wie  gelangte sie mit ihren dicken Beinen die steile Treppe hinauf?
Die einzig  mögliche   Erklärung  jagte dem Fräulein „So-La-La“ einen wohligen Schauer ein.
Was  immer die wahre Natur der Großmutter  war?    Solange sie nicht das entscheidende Beweisstück in Händen hatte, hielt sie es für das Beste, keiner Menschenseele davon zu erzählen.
Zu groß erschien ihr die Gefahr, dass die Großmutter misstrauisch wurde und alle Spuren verwischte.
Ihre Wohnung war wie geschaffen dafür, etwas vor den Augen der Welt zu verstecken. Die winzigen Räume waren vollgerammelt mit altertümlichen Möbeln, die mit ihren Kugeln und Spitzen wie die Zinnen einer Burgmauer wirkten . An den Wänden klebten braune Tapeten mit den Wandmalereien einer Steinzeithöhle. Bei jedem Schritt stieß der Bretterboden ein Ächzen aus, als würde man auf dem Rücken einer geschundenen Kreatur herumtrampeln.
Der sicherste Platz war unter dem Küchentisch, wo das Fräulein „So-La-La“ aufrecht stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen

Hier musste sie nicht fürchten, sich die Nase an der Zigarrenwolke, welche die Wohnung der Großmutter in eine nebelverhangene Landschaft verwandelte, blutig zu schlagen oder von dem Ofen verschlungen zu werden.
Das funkensprühende Ungetüm in der Küche war für die Großmutter, was anderen die Katze oder der Hund war. Er war ihr Liebstes, das sie von morgens bis abends neben der gewöhnlichen Kohle mit kleineren Leckereien wie Zeitungen und leeren Milchpackungen fütterte.
Der Ofen dankte es ihr jedes Mal mit einem wilden Fauchen und Knistern, dass die Töpfe auf seinen Herdplatten anfingen zu brodeln.
Schon frühmorgens schlich die Großmutter heimlich durch das Stiegenhaus, wo sie die Frühstückszeitungen der Nachbarn einsammelte, die sie ihm als kleine Happen in den Rachen warf.
Die Beschwerden,   die ihre Beutezüge nach sich zogen,   kümmerten sie wenig.
Schlechte Nachrichten zu verbrennen wäre allemal besser als sie zu lesen, donnerte Oma Rosa den erbosten Zeitungsbesitzern ins Gesicht, bevor sie ihnen die Tür vor der Nase zuschlug.
Das Schicksal der Zeitungen vor Augen harrte das Fräulein „So-La-La“ jeden Morgen unter dem Tisch aus, bis die Großmutter die Fütterung beendet hatte.
Dabei hielt sie sich die Hände an die Ohren, um das Knistern der in Asche und Rauch aufgehenden Zeitungsseiten, die wie die Hilfeschreie verlorener Seelen klangen, nicht hören zu müssen. Bei eine dieser Gelegenheiten nutzte eine Stubenfliege die Wehrlosigkeit des Fräuleins „So-La-La“ aus. Sie ließ sich frech auf ihrer Nasenspitze nieder, um sich in aller Ruhe die Flügel zu putzen.
Das Fräulein „So-La-La“ konnte das lästige Geschöpf auf den Tod nicht leiden.
Seine Gesellschaft rief ihr schmerzhaft ins Bewusstsein, wie lange sie noch von ihrer Mutter getrennt sein würde.
Erst musste das halbe Leben der Fliege verstreichen. Während sie langsam zu einem klapprigen Greis  alterte,  standen für das Fräulein „So-La-La“ die Uhren still.
Die Anwesenheit der Fliege beschwor  die schlimmste aller Zeitrechnungen herbei.  Die Sekunden und Minuten zogen sich  zu einem zähen Brei auseinander, der kein Ende fand.
Die Fliegenzeitrechnung verlängerte unnütze Konferenzen und langweilige Theateraufführungen. Sie lauerte in den Wartezimmern auf ihre Opfer oder platzte ohne Vorwarnung in Familienfeiern hinein. 
„Kien Wnuder, dass neimnad die Fleigen lieden knan.“,  brummte das Fräulein „So-La-La“ mordlustig.
„Sie mcahen die Ziet lnagsam.“
Mitleidlos zielte sie mit der Rechten gegen den ungebetenen Gast auf ihrer Nase. Die Fliegenzeitrechnung verdiente keine bessere Behandlung.

Doch die Fliege durchkreuzte ihre  finstere Absicht. Mit einem waghalsigen Looping rettete sie sich aus der Gefahrenzone.   Der todbringende Schlag ging ins Leere.  
Verärgert kroch das Fräulein „So-La-La aus ihrem   Unterschlupf hervor.      
Ihr Mund türmte  sich zu einem steilen Hügel auf.
„Das verdmamte Beist  lsäst die Ziet stlilstheen.“   knurrte es aus ihrem Mund wie aus einem Hund, der schlechte Laune hatte.
„Viele Menschen würden dich um dein Haustier beneiden, wenn sie davon wüssten.“, entgegnete ihr die Großmutter, die am Küchentisch saß und alles beobachtet hatte.
Die Antwort brachte das Fräulein „So-La-La“ ins Grübeln.
Vielleicht war es tatsächlich keine gute Idee von ihr, die Fliege totzuschlagen. Vielleicht war es besser, mit ihr Handel zu treiben.
Eine Stunde zu besitzen, die sich anfühlte wie ein halbes Leben, hatte auch Vorteile.
Man konnte endlos nachdenken und Dinge erledigen, ohne dauernd auf die Uhr blicken zu müssen.
Ein   nervtötendes Summen   rief dem Fräulein „So-La-La“  die Nachteile der Fliegenzeitrechnung in Erinnerung.   Mit einem waghalsigen Looping tauchte die Fliege erneut vor ihrer Nase auf.
Dieses Mal erhob das Fräulein „So-La-La“ nicht drohend die Hand gegen das harmlose Insekt.   Die Fliegenzeitrechnung kam durchaus gelegen für ihre Zwecke.
Sie bot ihr die Gelegenheit, ohne Zeitdruck über  eine Maschine nachzudenken,  auf welche die Menschen seit tausenden von Jahren ungeduldig warteten.
In Kopf des Fräuleins „So-La-La“   liefen die Zahnräder auf Hochtouren.  Es zischte aus ihrer Nase. Es dampfte aus ihren Ohren.  Sie gönnte sich keine Pause.
Ob es Stunden gedauert hatte oder bloß  wenige Minuten vergangen waren,  spielte am Ende  keine Rolle. Mit Stolz blickte das Fräulein „So-La-La“ auf das Ergebnis ihrer Arbeit.   Sie hatte  die  erste Zeitabkürzungsmaschine der Welt erfunden. 

Die Dringlichkeit  einer solchen Apparatur in einer von überfüllten Wartezimmern, unnützen  Konferenzen und langweiligen Theateraufführungen  geplagten Welt  stand für sie außer Frage.
Wenngleich es nur wenige Strichen auf einem Blatt Papier waren, funktionierte die Zeitabkürzungsmaschine auf Anhieb.
In ihrer Bauweise folgte sie dem Prinzip der Treppenabkürzungsmaschinen in den Hochhäusern, wo man in eine Kabine stieg und einen Knopf drückte. Nach wenigen Sekunden leuchtete auf dem Bedienfeld das gewünschte Stockwerk auf, ohne dass man mühsam die Treppen hochsteigen musste.   Die Tage, in denen die Menschen ihre Zeit sinnlos in Wartezimmern, Konferenzräumen und Theatersälen  verschwendeten,  würden  bald für immer Geschichte sein, glaubte das Fräulein „So-La-La“ an den Erfolg ihrer Erfindung.
Zu ihrem Erstaunen genügte bereits  die bloße Androhung eine Zeitabkürzungsmaschine zu bauen,  dass die Stunden wie im Flug vergingen.
Es dauerte eine ganze Woche, bis sich die Fliegenzeitrechnung von ihrem Schock erholt hatte und in den alten Trott zurückfiel.  
In der Zwischenzeit erwies sich die Entwicklung   der Zeitabkürzungsmaschine vom ersten kühnen Entwurf bis zur Serienreife schwieriger als geplant.
Für Ihre endgültige Fertigstellung fehlte es an einer winzigen Schraube, die sie dauerhaft am Laufen hielt. Allzu oft geriet sie ins Stocken. So sehr sich das Fräulein „So-La-La“ auch den Kopf zerbrach. Es gelang ihr nicht, den Fehler zu finden.
Mit jeder Stunde, die verstrich, ohne dass sie ihren Betrieb aufnahm,  eroberte  die Fliegenzeitrechnung  das verlorene Terrain Stück für Stück  zurück.  
Das Fräulein „So-La-La“ war nahe daran, alles hinzuschmeißen, als ihr der Zufall zur Hilfe eilte.
Der Tag, an dem sie das fehlende Beweisstück über die wahre Natur der Großmutter entdeckte, sollte auch zum Tag werden, der den Siegeszug ihrer Zeitabkürzungs-maschine einläutete.
Die Großmutter war gerade beschäftigt, den Sportteil einer  frisch erbeuteten Frühstückszeitung an den Küchenofen zu verfüttern,   als es an der Tür Sturm läutete.
Bei dem Versuch, den Rest der entwendeten Zeitung in einer Schublade verschwinden zu lassen, stolperte sie über einen Stuhl. Mit einem lauten Schrei hob es sie von den Beinen. Das Sturmgeläut an der Tür schwoll inzwischen zu einem Orkan an. In aller Eile rappelte sich die Großmutter wieder. Ohne sich neu zu sortieren, stapfte sie aus der Küche.

Als die Großmutter die Klinke nach unten drückte, quetschte sich von außen ein Fuß in den offenen Türspalt.
Eine kreischende Stimme flutete die Wohnung. Die Nachbarin, deren Zeitung gerade im Ofen verglühte, verlangte lautstark ihr Eigentum zurück.
Nach einem kurzen Austausch von Unfreundlichkeiten, entwickelte sich zwischen den Streithähnen   ein minutenlanges Wortgefecht.
Das  Fräulein „So-La-La“ beschloss den Ausgang unter dem Küchentisch abzuwarten. Zufällig streifte ihr  Blick den umgestürzten Stuhl.    
Sie fühlte sich wie vom Blitz getroffen. Eine Armlänge von ihr entfernt, funkelte sie der kleine Schlüssel an, den die Großmutter immer an einer Kette um den Hals trug. Bei ihrem Sturz war sie gerissen und auf dem Boden liegen geblieben.
Das Fräulein „So-La-La“ musste nur noch zugreifen. Sie wusste sofort, was ihr in die Hände gefallen war.
Da die Großmutter mit ihrem Küchenofen die ganze Wohnung beheizte, standen alle Türen sperrangelweit offen. Bis auf eine einzige. An der Tür, die zu einer kleinen Kammer in ihrem Schlafzimmer führte, hing auch an den kalten Tagen ein schweres Eisenschloss.
Dahinter verbarg sich das Beweisstück über die wahre Natur der Großmutter, war das Fräulein „So-La-La“ überzeugt.
Der Streit, den die Großmutter mit ihrer Nachbarin an der Wohnungstür ausfocht, verschaffte ihr unerwartet die Gelegenheit, das Geheimnis zu lüften.
Den Schlüssel für das Schloss hatte sie bereits. Nun musste sie nur noch unbemerkt ins Schlafzimmer kommen.
Das Fräulein „So-La-La“ zögerte keine Sekunde. Auf Zehenspitzen huschte sie zur Küchentür hinaus.
Die Großmutter ahnte nichts von den Vorgängen, die hinter ihrem Rücken abspielten. Sie drückte mit dem ganzen Gewicht ihrer Körperfülle gegen die Wohnungstür, wo immer noch der Fuß der Nachbarin im Weg stand.

Ihre wütenden Schmerzensschreie nutzte das Fräulein „So-La-La“, den Schlüssel im Schloss herumzudrehen. Mit einem lauten Klacken schnappte der Riegel auf.
Ein muffiger Geruch schlug aus der fensterlosen Kammer.
Das Herz schlug dem Fräulein „So-La-La“ bis zum Hals, als sie den Lichtschalter drückte.
Der grelle Lichtschein der Deckenlampe machte sichtbar, was seit Jahren im Dunkeln gelegen hatte. Die kleine Kammer war bis zur Decke hoch mit Kisten und Koffern vollgeräumt. In der Mitte stand ein Bett, auf dem sich ein Berg an alten Kleidern, in denen sich alle Zeitepochen spiegelten, türmte. Überall lag der Staub zentimeterdick.
In der Zwischenzeit hatte der Streit an der Wohnungstür seinen Höhepunkt erreicht.    Oma Rosa trat    der Nachbarin gegen das Schienbein,   worauf diese  aufheulte und ihren Fuß  zurückzog.  Mit einem lauten  Knall  fiel die Tür ins Schloss. 
Nun blieben dem Fräulein „So-La-La“ nur noch wenige Sekunden Zeit. Aus den Augenwinkeln sah sie bereits das zu einem roten Feuerball angeschwollene Gesicht der Großmutter auf sich zurasen.
Der einzige Ausweg war der Sprung in die Kammer. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze   schlüpfte das Fräulein „So-La-La“  unter das Bett, wo sie in  einer gewaltigen Staubwolke untertauchte.
Nach Luft ringend   robbte sie vorwärts.  Der Staub  brannte  wie kleine Mückenstiche  in ihrem Gesicht.    Ein heftiger Schlag gegen ihre Nase beendete ihre Flucht und erinnerte sie schmerzhaft an den Zweck ihrer Mission.
Im Staubnebel war das Hindernis nicht erkennen. Vorsichtig ertastete das Fräulein „So-La-La“ den Gegenstand.
Zuerst konnte sie ihr Glück kaum fassen. Noch zögerte sie, ihren Fund beim Namen zu nennen. Bis die schemenhaft aus der Staubwolke auftauchenden Konturen jeden Zweifel ausräumten.
Sie hatte das fehlende Beweisstück über die wahre Natur der Großmutter  gefunden. Nun galt es, ihre Entdeckung sicher ans Tageslicht zu bringen.
Von Kopf bis Fuß in eine graue Panier gehüllt, kroch das Fräulein „So-La-La“  unter dem Bett hervor.

Triumphierend schwenkte sie einen knorrigen  Besen  über dem Kopf.
Mit grimmiger Miene  beobachtete die Großmutter das übermütige Treiben von der anderen Seite des Bettes. 
Der Anblick des Besens trug wenig  bei,  ihre  Laune  aufzuheitern.
„Hast du das alte Ding endlich gefunden.“,  brummte sie.
Das Fräulein „So-La-La“   stimmte ein  Siegesgeheul an.
„Du bsit  keine Oma.  Du bsit enie   Hxee.“,    begeisterte sie sich an ihrer Entdeckung.   
Die Großmutter  leugnete nicht.  Ohnedies  war  die Beweislage erdrückend.    
Mehr als das Auftauchen des Besens bekümmerte sie das Gerede der Nachbarn.  
Der Streit an der Wohnungstür saß ihr allzu frisch in den Knochen.
„Am besten du  bringst das  morsche  Holzstück  in sein Versteck  zurück.  Ansonsten werde ich noch aus der Wohnung  gejagt.“
Das Fräulein „So-La-La“  schüttelte den Kopf.  Sie war keineswegs bereit,  das Beweisstück über die wahre Natur ihrer Großmutter  kampflos  auszuhändigen.
Im Übermut erlag sie einer wahnwitzigen Idee.  Der Besenstiel fühlte sich  gut an in den Händen.  Die Versuchung war einfach zu groß.
Mit einem Satz schwang sie sich   auf das Bett.   Oma Rosa stieß einen lauten Schrei aus.  Zu spät.
Hilflos  musste sie  mitansehen, wie  das Fräulein  „So-La-La“    mit dem Besen zwischen den Beinen  Anlauf nahm und   über die  Bettkante hinaussegelte.  Der kurze  Flug endete mit einer schmerzhaften Bruchlandung auf ihrem  Hinterteil. 
„Autsch.“,  stöhnte das Fräulein  „So-La-La“.  
Dass ihre  Knochen den Absturz ohne Schaden  überstanden hatten,  war einem dicken Teppich auf dem Boden zu verdanken.     
Inzwischen hatte   Oma Rosa    die  Absturzstelle erreicht. Erleichtert half sie der Bruchpilotin  auf die Beine.
„Wer  mit einem Besenstiel zwischen den Beinen  zu fliegen versucht,  muss sich auf eine harte Landung einstellen.“,   lachte sie sich den Schrecken aus dem Gesicht.

Kleinlaut überließ das Fräulein „So-La-La“   das Beweisstück  über die wahre Natur der Großmutter  seiner rechtmäßigen Besitzerin. Der Absturz hatte ihr   die  Lust an der  Fliegerei  gründlich verdorben.  
Oma Rosa zeigte sich über das Wiedersehen mit ihrem  Besen wenig begeistert.    
„Es ist  Zeit, das knorrige  Ding  in den Ofen zu stecken, bevor sich noch jemand damit aus dem Fenster stürzt.  
Die Ankündigung der Großmutter war jedoch mehr von der Sorge getrieben, die Nachbarin könnte den Streit um die verschwundene Zeitung zum Anlass nehmen, ihr die Polizei an den Hals zu hetzen.
Der missglückte Flugversuch bot eine willkommene Gelegenheit,  den Besen loszuwerden, bevor jemand unbequeme Fragen  über seine Herkunft stellte.
Nachdem ihre blauen Flecken versorgt waren, verkroch sich das Fräulein „So-La-La“ wieder unter den Küchentisch.
Wehmütig schielte sie nach dem Besen, der in  einer Nische neben dem Ofen seinem Ende  entgegen sah. Zuvor machte die Großmutter kurzen Prozess mit den in der Schublade verstauten Überresten gestohlenen Frühstückszeitung.
Sollte  die Polizei an der Tür klingeln,  würde  sie auf das  Opfer  einer schändlichen Verleumdung treffen. Allerdings benötigte die Großmutter einen glaubwürdigen Zeugen, der ihre Aussage bestätigte.   
Da passte es nicht ins Bild,  einer  Bruchpilotin, die mit einem Besen von der Bettkante gesegelt war,  einen Satz roter Ohren zu verpassen.  Verheulte Mädchen plapperten allzu leicht die Wahrheit aus.
Der Lohn für ihr Schweigen wäre etwas, das die Welt noch nicht hören zu bekommen hätte, orakelte die Großmutter.
„Geschichten, die um die Welt reisen.“
Das Fräulein „So-La-La“ musste nicht lange überzeugt werden. Begeistert stimmte sie dem Vorschlag zu.
Mit dem Versprechen der Großmutter sollte sich auch ihre Sehnsucht nach einer Zeitabkürzungsmaschine.  Wenngleich die Umsetzung nicht ganz den Entwürfen entsprach.  
Die Konstruktion der Großmutter benötigte keinerlei  Schrauben oder  Werkzeug.

„Deiner Zeitabkürzungsmaschine fehlt es an dem leichtesten Material der Welt.“, lachte sie.
„Was ist das?“, fragte das Fräulein „So-La-La“.
„Die Phantasie in deinem Kopf.“, antwortete Oma Rosa.
„Sie ist der Treibstoff für alle Geschichten, die um die Welt reisen.“
Der Hinweis der Großmutter brachte den Durchbruch. Wenngleich die Umsetzung nicht ganz ihren ersten Entwürfen entsprach, konnte das Fräulein „So-La-La“ mit Recht von sich behaupten, die Zeitabkürzungsmaschine erfunden zu haben.
Sie verwandelte Worte in unglaubliche Abenteuer und endlose Stunden zu einem reißenden Strom.
Das Fräulein „So-La-La“ war mächtig stolz auf ihre Erfindung.
In den Geschichten der Großmutter  funktionierte sie  besser  als  die schnellsten Treppenabkürzungsmaschinen der Hochhäuser und Wolkenkratzer. Mit ihnen konnte man bloß die Stockwerke hinauf und wieder hinunter zu fahren. In der gleichen Zeitspanne flog die Zeitabkürzungsmaschine der Großmutter kreuz und quer um die ganze Welt.
Der Faden, den sie    in ihren  Geschichten spannte, reichte über Jahrhunderte zurück. Von der Karibik bis zum Nordpol fand sich kein  Flecken Erde,  auf den  sie nicht ihren Fuß gesetzt hatte.
„Ich war schlank wie   eine Gerte und leichter als der Morgentau.  Ein laues Lüftchen genügte, um mich bis über die höchsten Wolken hinauszutragen.“,  schwärmte sie von den  abenteuerlichen Reisen ihrer Jugend.
„Zum Frühstück schlürfte ich Kokosnüsse in Afrika. Mittags speiste ich Straußeneier in Australien. Abends aß ich Reis in China.   Und Schlag Mitternacht kreiste ich wieder um den Kirchturm  meiner Heimatstadt.“
Eine kleine Sorge trübte die Freude des Fräuleins „So-La-La“ an ihrer Zeitabkürzungsmaschine. Man konnte mit ihr beliebig die Zeit vor und zurückreisen. Es funktionierte nicht anders als mit der Treppenabkürzungsmaschine, wo man die Stockwerke rauf und runter fuhr. Aber was war, wenn die Zeitabkürzungsmaschine mitten in einer Geschichte einen Motorschaden hatte und man für immer in der Zeit verloren ging.
„Das wird nicht passieren.“, beruhigte sie die Großmutter.
„Solange es Menschen gibt, die dich lieben, wird dich die Zeitmaschine stets an den Ort zurückbringen, wo sie auf dich warten. Und da es immer Menschen geben wird, die dich lieben und auf dich warten, wirst du immer an den Anfang deiner Reise durch die Zeit zurückkehren. Es ist der Trost dafür, dass sie sich nicht anhalten oder ändern lässt.“
Mit diesen Worten ließ die Großmutter den Motor der Zeitabkürzungsmaschine aufheulen und brauste mit quietschenden Reifen davon.

Bei jeder Geschichte, die sie erzählte, verwandelte sie sich in eine wilde Rennmaschine, die  durch Zeit und Raum brauste. Atemberaubende Geradeausfahrten wechselten einander mit  halsbrecherischen Kurvenlagen ab.  
Manchmal stellte sie die Zeitabkürzungsmaschine an den spannendsten Stellen ab.  Die kurze Pause nutzte sie, um ihre trockene Kehle mit einem Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu schmieren oder in vergilbten Fotoalben nach Beweisen für die Geschichten zu blättern.
„Du bsit  die  görßte   Hxee alelr Zieten.“,  jauchzte das Fräulein  „So-La-La“  beim Anblick   der verblassten Schwarzweißfotografien, aus  denen eine  junge Frau herauslachte, die mit einem kleinen Koffer  um die Welt reiste.
Oma Rosa winkte verlegen ab. Oma Rosa winkte verlegen ab.
„Es erfüllt mich mit Stolz,  in der Gegenwart eines Riesen atmen zu dürfen.“,     bedankte sie sich für das zweifelhafte Kompliment.
Dann trat sie bevor sie  das Gaspedal  der Zeitabkürzungsmaschine wieder bis zum Anschlag  durch.  
Im Glauben das Opfer eines üblen Scherzes geworden zu sein, stemmte das Fräulein „So-La-La“ die Ellbogen in die Hüften und stampfte mit den Füßen heftig auf den Boden.  Ihre Mundwinkel türmten  sich zu einem riesigen Hügel auf.
Die Großmutter bremste die die Zeitabkürzungsmaschine scharf ab und schaltete in den Leerlauf zurück.
 „Es ist  nicht die Größe, die dich zum Riesen macht.  Es ist dein Glaube, der die Kraft besitzt,  Berge zu versetzen.“,  lachte sie.
„Ich bin strak wie ein  Reise.“,  schlug die Stimmung des  Fräuleins „So-La-La“  in Begeisterung um.
Zum Beweis  krempelte sie die  Ärmel ihrer  Bluse   hoch und ließ die Muskeln spielen.
Ihre Lippen kehrten sich zu einer fröhlichen Schaukel um.
Der Anblick der  knochendürren Arme  amüsierte die  Großmutter.   
„Der Riese sitzt  in deinem Kopf.“,  klärte sie das Missverständnis auf.
Als sie eines Tages von einem heftigen Kampf mit einem Drachen berichtete, schüttelte das Fräulein „So-La-La“  energisch den Kopf.

Der Riese in ihrem Kopf   schwitzte  aus  allen Poren, ohne dass sich der Berg, der vor ihm aufragte, einen Millimeter von der Stelle  bewegte.
Das lag daran, dass keine Drachen mehr auf der Welt existierten.
Für einen kurzen Moment geriet die Zeitabkürzungsmaschine der Großmutter ins Trudeln.  Sie hatte alle Hände voll zu tun, nicht aus der Kurve zu fliegen.
„Die Drachen von heute sitzen in Büros, wo sie ihr  Feuer  als bösartiges Gerede ausspucken.“, schaltete sie die Zeitabkürzungsmaschine zwei Gänge zurück.
„Sie verdienen ihr Geld als Lehrer, Finanzbeamte oder Bankangestellte.“
Das Fräulein „So-La-La“ lachte zustimmend. Der Riese in ihrem Kopf gewann seine Kräfte zurück Oma Rosa zwinkerte mit den Augen und schaltete ihre Maschine  zwei Gänge höher.  
„Aber der Übelste unter allen ist ein WichtTIGER.“ 
Ihre Zeitabkürzungsmaschine brauste mit Höchstgeschwindigkeit durch die Kurve.  Auf ihrer Stirn wölbte sich ein gewaltiges Faltengebirge auf.  Dieses Mal war es ihr ernst.
„Das Unglück nahm vor vielen Jahren seinen Anfang, als ein Wichtigtuer einem großen Tiger begegnete.“, erzählte sie weiter.
„Das prächtige Fell des Tigers glänzte wie Gold in der Sonne. Mit den spitzen  Krallen und den messerscharfen Zähnen war er das mächtigste Tier weit und breit.
Wenn er das Maul öffnete, zitterte die Welt vor seinem Gebrüll. Voller Neid beobachtete der Wichtigtuer die majestätische Erscheinung des Tigers. 
Schließlich fasste er sich ein Herz und sprach ihn an.
„Kannst du mich lehren,   wie ein Tiger zu brüllen?“
Der Tiger blickte mitleidig auf die erbärmliche Gestalt herab, die mit schlotternden Knien vor ihm stand.   Er hatte bereits gefrühstückt und verzichtete auf die kümmerliche Mahlzeit, die  sich  vor seinen Pranken in den Staub warf.
Mit der Großzügigkeit eines vollen Bauches erfüllte er dem Wichtigtuer seinen Wunsch.
„Es funktioniert ganz einfach.“,  lüftete der Tiger das Geheimnis seiner  Macht.

„Die Kunst besteht darin,  lauter zu brüllen als es andere tun.   Zum  Beweis spreizte  er den Unterkiefer und setzte zu einem markerschütternden Gebrüll an,  dass die Erde unter seinen Füßen bebte.
Der Wichtigtuer zeigte sich tief beeindruckt.
Von diesem Tag  an  nutzte er jede Gelegenheit, sich lautstark in Szene zu setzen.
Am Anfang  gelang es ihm nicht, seiner Kehle etwas Tigerhaftes zu entlocken.  Seine Stimme  klang  wie das aufgeregte  Gackern eines Huhnes.
Solche Rückschläge mochten den Wichtigtuer  nicht zu entmutigen. Mit unermüdlicher Ausdauer  kräftigte er  seine Stimmbänder.
Nach vielen Wochen und Monaten  geschah das Wunder. Der Wichtigtuer  fletschte das Maul und ein Geplärre, welches  das Gebrüll von zwei  Tigern übertönte,  entfuhr seiner Kehle. Von nun an zitterte die Welt vor ihm. Bald wagte es niemand  mehr, ihm zu widersprechen.
Eines Tages bekam er Besuch von dem Tiger, der ihm das Geheimnis der Macht verraten hatte.  Der Wichtigtuer erkannte ihn nicht.  Denn der Tiger war alt geworden. Die Goldfarbe seines Felles war einem fahlen Grau gewichen.  Und von dem einst mächtigen Gebrüll war ein leises Röcheln übrig geblieben.
„Wie stellst du es an,   dass sich die Welt vor Wichtigtuer fürchtet?“,  wollte der  alte  Tiger wissen.
Der Wichtigtuer maß   den   altersschwachen  Tiger  mit einem verächtlichen Blick. „Aus mir ist ein großes Tier geworden.“,  tönte er. 
Dabei schwoll  seine  Brust zum Platzen an.
„Welches Tier meinst Du?“,   zeigte sich  der Tiger ratlos.
Er sah sich immer noch dem gleichen Wicht gegenüber, der ihn ängstlich um seinen Rat gebeten hatte.
„Ich bin jetzt ein ganz WichTIGER.“,  empörte sich  der Wichtigtuer  über die Respektlosigkeit des Tigers.
Dann  erteilte er den  Befehl,  seinen ehemaligen Lehrmeister mit einem Fußtritt vor die Tür zu befördern.
„So geschah es, dass ein wahrer   Tiger  seine  Macht verlor und ein WichTIGER an seine Stelle trat.“, parkte die Großmutter ihre Zeitabkürzungsmaschine in der Garage.

Der Schluss wollte dem Fräulein „So-La-La“ ganz und gar nicht gefallen.   Ihr gruselte bei dem Gedanken, die Welt würde von einem Wicht beherrscht werden,   der das Gebrüll eines Tigers nachahmte.  
Der laute Gong der Türglocke stellte die Zuverlässigkeit der von ihr  erfundenen Zeitabkürzungsmaschine unter Beweis.
Die Dämmerung hatte die Fensterscheiben  schwarz eingefärbt.  Auf der Straße brannten die Laternen.   Und an der Wohnungstür wartete  die Mutter darauf, sie in die Arme zu nehmen.
Das Fräulein  „So-La-La“ platzte vor  Ungeduld,   ihr von den   Neuigkeiten des Tages zu erzählen. Schon im Treppenhaus plapperte sie der Mutter die Ohren  voll.   Und als sie   einmal angefangen hatte,   ein Geheimnis  auszuplaudern, konnte sie nicht  mehr  aufhören, bis alle anderen auch  verraten waren.
Die Miene  der Mutter  verfinsterte sich  von Minute zu Minute.   Zuhause angekommen spiegelte sich  in ihrem Gesicht eine Sturmfront, aus der sich Blitz und Donner entluden.  
„Wie kann man einem kleinen Mädchen diesen  Unsinn in den Kopf setzen.“,  wetterte sie.
Es folgte eine nicht endlose Schimpftirade über eine Großmutter, die mit ihrem nach Tabak und Likör riechenden Hungerkuchen im Mund die Welt verpestete.
„Die Welt wäre besser dran, wenn sie sich weniger Geschichten ausdenken und mehr Bonbons lutschen würde.“, rümpfte sie ihre beleidigte Nase.
Ganz zum Schluss landete das Fräulein „So-La-La“ in der Badewanne, wo ihr die Mutter die verhasste Hexenschmiere vom Kopf bis zum Fuß von der Haut schrubbte.
Noch am gleichen Abend klingelte in der Wohnung der Großmutter das alte Telefon  mit der Wählscheibe.  
Nach einem langen Telefonat hängte die Großmutter den Hörer ein.   Dann nahm sie den Besen aus der Nische hinter dem Ofen. Als sie Minuten später vor die Tür ging, schwebte eine dicke Rauchwolke über ihrem Kopf.
Die nächsten Wochen verschwammen dem Fräulein „So-La-La“   in grauer Eintönigkeit. Anstatt mit ihrer Zeitabkürzungsmaschine  waghalsige Steilkurven zu fliegen,  las die Großmutter ihr Geschichten aus Büchern vor,  für  die  es  keinen Riesen im Kopf  brauchte, der Berge versetzen konnte.

Manchmal vermeinte das Fräulein „So-La-La“ das Summen einer Fliege  unter dem Küchentisch zu hören. 
Beinahe  wäre   Gras über die Sache gewachsen, hätte es nicht die Begegnung mit der Putzfrau gegeben, die einmal in der  Woche mit einem Besen das Treppenhaus  kehrte.
Auf den ersten Blick erkannte das Fräulein „So-La-La“ in dem gebogenen Haselnussstock in ihrer Hand das verschwundene Beweisstück über die wahre Natur der Großmutter wieder.
Unverzüglich stellte sie   die vermeintliche  Diebin zur Rede. 
Nach einer kurzen Schrecksekunde  drehte sich die Putzfrau um die eigene Achse  und flüchtete mit dem Besen zwischen ihren Beinen  die Stufen hinauf.  
Bevor die Großmutter sie daran hindern konnte, nahm das Fräulein „So-La-La“ die Verfolgung auf.
Zuletzt sah sie die Putzfrau mit dem Besen in der Hand hinter der Tür zum Dachboden verschwinden.  
Als sie oben ankam, fand das Fräulein „So-La-La“ keine Menschenseele vor.  Durch ein offenes  Fenster dröhnte der Lärm der Straße herauf.   
Die Putzfrau hatte sich  in Luft aufgelöst.
Der Blick aus dem Fenster belehrte das Fräulein „So-La-La“ eines Besseren. Sicherheitshalber biss sie sich leicht auf die Zunge, um sich vergewissern, dass sie nicht träumte.
In der Zwischenzeit hatte auch die Großmutter das Ende der Treppe erreicht. 
„Ich hoffe, du hast die arme Putzfrau nicht so erschreckt, dass sie aus dem Fenster gesprungen  ist.“,  keuchte sie völlig außer Atem heraus.
Das Fräulein „So-La-La“  wusste es besser.    Aufgeregt hüpfte  sie vor dem offenen Fenster auf und ab und streckte den Arm in Richtung des Himmels, wo sich etwas langsam auf den Kirchturm zubewegte, der die  Dächer der Stadt überragte.   
Oma Rosa kniff die Augen zusammen.  
„Was du siehst,  ist ein  Vogel, der in sein Nest fliegt.“, gab sie sich ahnungslos.
Der Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“   zuckte nervös.  Sie hatte gute Lust, ihn auszustrecken und sich gegen die Stirn zu tippen.    
Was sich auf den Kirchturm zubewegte, war kein Vogel. Außer es gab Vögel, die mit einem Besen zwischen den Beinen flogen.
Von diesem Tag an benötigte sie keinen Riesen mehr im Kopf, der ihr half, Berge zu versetzen.   Sie musste nichts mehr glauben.  Sie hatte  mit eigenen Augen gesehen wie die Putzfrau den Kirchturm umkreiste.

„Wnen ich gorß bin, fleige ich wie die Gorßmtuter um die Wlet.“, flüsterte sie noch am gleichen Abend  in das Ohr ihrer Lieblingspuppe. 
 „Zum Fürhstcük schülrfe ich Kooksnsüse in Arfika.
Mitatgs spiese ich Starußeneeir in Asutrailen.
Abneds esse ich Ries in Chnia. 
Und Schalg  Mtiterncaht   kriese ich um   den Krichtrum der Stdat.“
Bis es soweit war, vertrieb sie sich die Zeit vor dem Fernsehapparat.
Schon oft hatte sie sich die Frage gestellt, wie die Farbe in die Welt gekommen war?  Und welche Hand den Pinsel führte, der sie jeden Tag aufs Neue zum Strahlen brachte? Ein alter Film, dessen Schwarzweißbilder über den Fernsehschirm flimmerten, brachte die Antwort ans Tageslicht. Zwischen Himmel und Erde fand sich kein Tropfen Farbe darin. Alles war in ein tristes Grau getaucht. Es spiegelte sich in den Häusern und Straßen. In den Wiesen und Feldern. In den Flüssen und Seen. Das Grau war überall. Es sickerte bis in die tiefste Stelle der Ozeane. Es stieg bis zu den höchsten Wolken hoch. Nichts blieb von ihm verschont.
In einer Welt, die ohne Farben war, fristeten die Menschen ein freudloses Leben, das ihre Haut blass und die Mienen ernst machte.
„Warum hbaen  die Luete kiene Frabe im Gesciht?“,  fragte das Fräulein „So-La-La“.
„Es ist ein sehr alter Film.“,  amüsierte sich die Großmutter, die ihr Gesellschaft leistete.
„Er wurde zu einer Zeit gedreht, als   die  Farbe  noch nicht  erfunden war.“
„Der Flim ist sciher hnudert Jarhe alt.“  plapperte der verrückte Clown im Mund des Fräuleins  „So-La-La“ Unsinn.
Oma Rosa  schüttelte sich vor Lachen.
„Als der Film  gedreht  wurde, war ich ein kleines Mädchen wie du, das sein Alter an den Fingern einer Hand abzählen konnte.“,  antwortete sie.
Das Fräulein   „So-La-La“  schluckte die Enttäuschung schweigend  hinunter.   Sie hatte die Großmutter um tausend Jahre älter geschätzt.  War sie doch in einer Welt aufgewachsen,  in der es keine Computer gab,  die Telefone an langen Kabeln hingen  und die  Menschen mit Tinte auf Papier schrieben, wenn sie einander etwas mitzuteilen hatten.
Die grauen  Gesichter im Film  stimmten das Fräulein „So-La-La“ nachdenklich.
Wie traurig musste es sein, in einer Welt ohne Farben leben zu müssen. Ohne mit eigenen Augen zu sehen, wie blau der Himmel strahlte.   Wie rot die Sonne leuchtete, wenn sie morgens  am  Horizont erschien.  
Wie grün das Gras im Sommer  in den Wiesen  stand.  In welcher Pracht die Blumen blühten. Und wie türkisklar  das Wasser der Meere schimmerte.

Aber wie war die Farbe in die Welt gekommen?   Bestimmt hatte ein großer Zauber seine Finger im Spiel.  
Die Großmutter nickte zustimmend.
„Dieses Wunder ist dir zu verdanken.“, sagte sie.
„Seit dem Tag, an dem du geboren wurdest, ist die Welt voller neuer Farben.“
Das Fräulein „So-La-La“ spürte, wie ihre Knie anfingen zittern. Nicht einmal im Schlaf hätte sie es gewagt, sich in den Besitz einer solchen Gabe zu träumen. Vergeblich suchte sie im Gesicht der Großmutter nach dem feinen Lächeln, das ihre Scherze sonst begleitete.
Bei dem Gedanken an die Geschenke, die sich an  jedem Geburtstag in ihrem Zimmer stapelten, verflog der letzte noch übrig gebliebene  Zweifel.   
Zum ersten Mal begriff das Fräulein „So-La-La“  ihren wahren Wert.   
Die Geburtstagsgeschenke waren nicht für sie gedacht.   Sie  galten  der Zauberin in ihr.  Es war der Dank dafür, dass sie  den Menschen, die sie liebten,  die  Welt bunter gemacht hatte.     
Auf dem Fernsehschirm begannen die Menschen fröhliche Grimassen zu schneiden und sich gegenseitig in die Arme zu fallen.   Vielleicht  schöpften sie neue    Hoffnung,   dass eines Tages auch ihnen ein Mädchen geboren wurde,  das die Farbe in ihre triste Welt brachte.  
Obwohl sie vor Stolz fast platzte, verschwieg das Fräulein „So-La-La“  ihrer Mutter den Zauber,  den sie beherrschte. Zu groß war das Risiko, das ihr geflickter Geduldsfaden, einer solchen Enthüllung nicht standhielt. 
Gegenüber  ihrer Lieblingspuppe zeigte sie sich   weniger schweigsam.
„Ich bin enie  mähctige Zuaberin.“,   versuchte sie,  bei ihrer schweigsamen Zuhörerin Eindruck zu schinden.
„Ich hbae die Frabe in die Wlet gebarcht.“
Bei der Puppe  wusste das Fräulein  „So-La-La“  das Geheimnis  in sicheren Händen. Ihre Ohren   waren  verschlungener  als die  tiefsten  Brunnen.   Was man in sie  hineinflüsterte, fand nie wieder ans Tageslicht zurück.
Aber noch  viel mehr vertraute das Fräulein „So-La-La“  dem Etikett,  das sie auf dem Rücken der Puppe entdeckt hatte.  Seine Bedeutung hatte  ihr die Großmutter erklärt.  „Made in China.“, stand dort in fetten Buchstaben zu lesen.
Ihre Lieblingspuppe  war eine waschechte  Chinesin.  Und vom Chinesischen verstand die Mutter kein einziges   Wort. 

Fortsetzung folgt……