Das Archiv der Bücher 08)

 8.) Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein  „So-La-La“   im Treppenhaus der Unsichtbarkeit zum Opfer fällt  und   ihre Puppe ein eigenes Herz bekommt

Vielleicht war es  schlimm, nicht auf der Welt zu sein.  Aber noch schrecklicher fühlte es sich an, auf der Welt zu sein und nicht bemerkt zu werden.   
Das Fräulein „So-La-La“ bekam es am eigenen Leib zu spüren,  was es bedeutet, plötzlich unsichtbar zu werden. Es traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.  Und es gab nichts, das sie dagegen tun konnte. Verzweifelt versuchte sie, auf sich aufmerksam zu machen. Sie fuchtelte mit den Armen. Sie schrie sich die Stimme aus dem Leib. Aber es war zu spät. Niemand bemerkte sie. Sie hatte sich vor aller Augen  in Luft aufgelöst.
Unsichtbar zu sein, zählt zu den heimtückischsten aller Krankheiten.  Schon wenige Stunden nach der Ansteckung zeigen sich die ersten Symptome. Die  Betroffenen werden in den Cafés  nicht mehr  bedient.  An den Supermarktkassen dauert es Stunden, bis sie an die Reihe kommen.  Und auf der Straße werden  sie ständig  von wildfremden Leuten angerempelt.
Wer an dieser Krankheit leidet,   muss mit dem Schlimmsten rechnen.    Es bringt keine Erleichterung, bunte Kleider  anzuziehen oder sich  verrückte Hüte auf den Kopf  zu setzen.   Man ist  rettungslos verloren. 
Was die Welt nicht sieht,   vermisst  sie auch nicht.
Am Häufigsten  grassiert  die Krankheit  unter den Alten und Verlassenen,  die in ihren Wohnungen   vor den Fernsehapparaten sitzen.  An ihren Türen läutet kein Besuch mehr.  Zu  Weihnachten liegen keine Geschenke für sie  unter dem  Christbaum. An den Geburtstagen suchen sie vergeblich nach einer Glückwunschkarte im Briefkasten. Und wenn das Telefon läutet, hat jemand die falsche Nummer gewählt.
Ihre Unsichtbarkeit wächst  über Monate und Jahre an. Bis eines Tages die Namensschilder an den   Eingangstüren verschwinden  und andere Leute mit anderen Möbeln in  die  Wohnungen  einziehen.
Die Medizin steht dem Krankheitsverlauf ratlos gegenüber.   Die teuersten Spritzen  und Tabletten  verpuffen  wirkungslos.   Auch mit den besten  Mikroskopen gelingt es nicht, dem Virus,  das   die Unsichtbarkeit auslöst, auf die Spur zu kommen. Geradeso als sei es unsichtbar wie alle, die ihm zum Opfer fallen.

Die Ansteckung bleibt  oft lange Zeit unbemerkt. In vielen Fällen dauert es Jahre,  bis den Opfern ihr Leiden  bewusst werden.   Meist ist es zu spät, den Verlauf der Krankheit zu stoppen. 
Im  fortgeschrittenen Stadium wird   eine   Behandlung unmöglich.  Wie soll  ein  Arzt  helfen, wenn der Betroffene unsichtbar in seinem Wartezimmer sitzt?
Im Fall des Fräuleins  „So-La-La“  gab der Krankheitsverlauf Rätsel auf. Die verrückte Zunge, die ihr jedes Wort im Mund verdrehte, sorgte ständig für Aufregung.
Nie hätte sie es daher für möglich gehalten, sich von einer Sekunde zur nächsten  in eine frisch polierte Glasscheibe zu verwandeln.
Die Ansteckung passierte bei einem Spaziergang mit der Großmutter. Wenige Schritte vor der Wohnungstür  bemerkte sie, wie ihre Umrisse plötzlich verblassten.
Verzweifelt versuchte sie,   auf sich aufmerksam zu machen.  Aber es war bereits  zu spät.  Die Großmutter hatte sie schon aus den Augen verloren.  Sie blickte durch sie hindurch, als wäre sie aus der Welt verschwunden.
Was dann  folgte,  war eine beispiellose Rettungsaktion. 
Ein unbekannter  Anrufer  alarmierte das Krankenhaus. Minuten später drang der Lärm des heranbrausenden Rettungswagens  von der Straße herauf.  Im Stiegenhaus schlugen Türen  auf und zu.   Aufgeregte  Stimmen wiesen den Weg.
Das Klappern  der Schuhabsätze   steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Trommelwirbel.
Zwei Männer mit einer Trage   drängten die schmale Treppe hoch.
„Die Krankheit ist bereits weit fortgeschritten.“,  trieb ein nervöser  Arzt die  nach Luft ringenden  Sanitäter zur Eile an.    Als sich diese ratlos   umblickten, deutete er auf die Stufen.
Das Fräulein „So-La-La“ saß auf der ersten Stufe der Treppe, die in den nächsten Stock führte.   Ihre verblassten Konturen  waren   auch für  geübte Augen kaum noch  zu erkennen.
„Sie ist beinahe zur Gänze  durchsichtig.“, beschrieb der Arzt den Ernst der Lage. 

Es war ein Wettlauf gegen die Zeit.
Im zweiten Anlauf bekamen die Sanitäter das Fräulein „So-La-La“  an den   Armen und Beinen  zu fassen. Vorsichtig hoben sie das verzweifelte Mädchen auf  die  Trage.  Im Eiltempo   ging  es  die Treppe hinunter.
Danach startete eine wilde Fahrt ins  Krankenhaus.  Das laute Sirenengeheul des Rettungswagens räumte die Straßen leer.  Autos bremsten mit quietschenden Reifen ab.   Fußgänger  sprangen verschreckt  an den Straßenrand.  
Im Spital  wartete bereits eine Heerschar  von Ärzten und Krankenschwestern.   Beim Anblick des Fräuleins „So-La-La“ tauschten sie entsetzte Blicke.  
„Wir sind zu spät gekommen.“,   dozierte ein Doktor mit hochgezogenen Augenbrauen. „Es gibt keine Rettung mehr.“,   vermerkte ein Kollege  mit gestrecktem Zeigefinger in seinem Bericht.
„Das arme Mädchen ist verloren.“, schluchzte  die mitleidige Stimme einer Krankenschwester aus dem Hintergrund.   
Ihre ernsten Gesichter starrten  auf  die leere Trage.
Das Fräulein  „So-La-La“ befand sich  mitten unter ihnen.   Aber niemand bemerkte sie. Sie war unsichtbar geworden.  
„Was ist los mit dir, mein Kind?  Du träumst am helllichten Tag mit offenen Augen.“
Das   finstere  Gesicht der Großmutter  erinnerte das Fräulein  „So-La-La“  an  eine   Regenwolke,  die kurz vor dem Platzen stand.  Auf ihrer Nasenspitze zitterte  ein winziger Tropfen.   
Es  bedeutete nichts Gutes, wenn eine alte Hexe zu tröpfeln anfing.
„Ich bin  unscihtbar.“,   reagierte das Fräulein „So-La-La“  trotzig.   
„Nun ja,  ich  sehe dich deutlich vor mir.“,   giftete die Großmutter mit knurrigem Unterton zurück.
Ihre schlechte Laune war gespielt. Sie diente als willkommener Vorwand, um von ihrem schlechten Gewissen abzulenken.
Ein Mädchen, dessen Alter sich an den Fingern einer Hand abzählen ließ, vor die Haustür zu sperren,  war   unverzeihlich genug.   Aber schlimmer waren die zehn Minuten, die es gedauert hatte, bis sie  das Missgeschick bemerkte.
Dazu wäre es nie gekommen, wenn sie im Stiegenhaus nicht dem Puppendoktor über den Weg gelaufen wäre.  

Der  Puppendoktor wohnte  ein Stockwerk höher. Er hatte nicht weniger Falten im Gesicht als die Großmutter. Die Haare auf seinem Kopf schimmerten weiß wie Schnee, und über seiner  Oberlippe wucherte ein grauer Schnurrbart  wie die Borsten eines Besens.
Wenn er über Treppe stieg, stützte der das Gewicht auf einem Gehstock ab.
Der Puppendoktor war  der einzige unter den Nachbarn,  der es der Großmutter nicht übel nachtrug,  dass sie manchmal mit den schlechten Nachrichten seiner Frühstückszeitung ihren Küchenofen heizte.
Sein Name hatte nichts mit einem richtigen Doktor zu tun. Er hatte bis zu seinem Ruhestand einen Spielzeugladen geführt. Aus dieser Zeit waren ihm ein unerschöpfliches Lager an Ersatzteilen für verzweifelte Puppenmütter übrig geblieben.
Seit dem Vorfall im Stiegenhaus schlug das Fräulein „So-La-La“ einen weiten Bogen um ihn.
Es bestand kein Zweifel, dass ihre Unsichtbarkeit mit ihm zu tun hatte, da die ersten Anzeichen der Krankheit mit seinem Auftauchen zusammen fielen.
Dass ihm die Großmutter an diesem Tag über den Weg lief, war kein Zufall. Genauso wenig wie er den Blumenstrauß, den er der Großmutter unter die Nase hielt, zufällig bei sich trug.  
„Die Blumen sind ein kleines Dankeschön für die Milch,  die sie mir geborgt haben.“,  eröffnete er das Gespräch.
Seine Stimme rauschte wie ein falsch eingestelltes Radio.
Die Großmutter seufzte entzückt.  Ein dunkles Rot schoss in ihre Wangen.  Verschämt zupfte sie an ihren Haaren.
„Ich bin Ihnen noch den Zucker schuldig,  mit dem sie mir ausgeholfen haben.“, flötete sie zurück.
In dieser Tonlage ging es minutenlang hin und her.
Tatenlos musste das Fräulein „So-La-La“ die wechselseitigen Schmeicheleien mit anhören, die sie der heimtückischsten aller Krankheiten auslieferten.
Während  die Großmutter und der Puppendoktor nur noch Augen füreinander hatten,  verschwand sie langsam aus der Welt.  

Das alles wäre nicht passiert, wenn das Fräulein „So-La-La“ wenige Wochen auf den Zucker in ihrem Tee verzichtet hätte.
Unglücklicherweise fand sich in der Küche der Großmutter kein einziges Zuckerkorn.
Kleinlaut musste die Großmutter ihr Versäumnis eingestehen.
„Ich habe vergessen, Zucker einzukaufen.“,   seufzte sie.
Da sich das Fräulein „So-La-La“  weigerte, ihren Tee ungesüßt zu trinken, stieg die Großmutter die Treppe zur Wohnungstür des Puppendoktors hoch. Die leere Zuckerdose, die sie in der Hand hielt, sollte schließlich zum Auslöser der Krankheit werden, der Fräulein „So-La-La“ Wochen später zum Opfer fiel.
Bei ihrer Rückkehr schwebte die Großmutter mit den Füßen über den Boden. Ihre Augen funkelten wie Sterne am Himmel. Auf ihren Lippen zeichnete sich ein verträumtes Lächeln ab.
Nach wenigen Tagen blickte das Fräulein „So-La-La“ abermals auf den Boden einer leeren Zuckerdose. Dieses Mal musste sie die Großmutter nicht lange bitten. Als hätte sie auf eine solche Gelegenheit geradezu gewartet, stürmte sie zur Tür hinaus, um dem Puppendoktor einen neuerlichen Besuch abzustatten.  
So ging es nun von Tag zu Tag. Der Zuckermangel zog sich wochenlang dahin, bis das Fräulein „So-La-La“ das falsche Spiel durchschaute.
Die  Zuckerdose war nicht zufällig ständig leer. Sie diente der Großmutter lediglich als Vorwand, die Bekanntschaft mit dem Puppendoktor zu vertiefen.  
Aus dem gleichen Motiv vergaß  der Puppendoktor  ständig, frische  Milch einzukaufen.  
An den Tagen, an denen die Großmutter keinen Zucker von ihm borgte, läutete er mit einem leeren Milchkännchen in der Hand an der Tür.
Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich  zwischen beiden ein reger Tauschhandel, der sich vordergründig um Milch und Zucker drehte. In Wirklichkeit hatte der Puppendoktor Gefallen an der Großmutter gefunden und die Großmutter erwiderte sein Interesse mit großer Begeisterung.
Das Fräulein „So-La-La“ erfüllte der rege Tauschverkehr an der Wohnungstür mit zunehmender Sorge. Mit Argwohn beobachtete sie die Begegnungen, bis sie die Eifersucht zum Äußersten trieb.
„Sie  kuaft kienen Zcuker,  um scih mit dem   Ppupendotkor   zu  terffen.“ patzte sie die Großmutter bei ihrer Mutter an.
Die Erwartung, dass die Mutter umgehend Maßnahmen gegen den Milch- und Zuckerhandel der Großmutter einleitete, erfüllte sich nicht.
„Ach.“, antwortete die Mutter beiläufig, als würde die Nachricht nicht in ihre Zuständigkeit fallen.

Enttäuscht  hoffte das Fräulein „So-La-La“ bei ihrem Vater auf mehr Interesse zu stoßen.
„Der Ppupendotkor hat kiene Mlich im Khülscharnk,  um sie bei der Gorßmtuter auszubrogen.“,    erzählte sie ihm die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel.   
„Ach.“,  antwortete dieser   nicht minder gleichgültig  als die Mutter, um sich sogleich wieder seiner Zeitungslektüre zu widmen.
Zuletzt warb das Fräulein „So-La-La“ bei ihrer Lieblingspuppe um Unterstützung.
„Oma ist vreliebt.“,  flüsterte sie ihr die Ungeheuerlichkeit leise ins Ohr.
Es tat ihr gut, den schrecklichen Verdacht mit ihrer Lieblingspuppe zu teilen. Es fühlte sich nicht nach Verrat an. Denn einer Puppe konnte man alles erzählen. Ihre Ohren waren tiefer und dunkler als ein Brunnen. Was man dort hineinflüsterte, fand nie wieder ans Tageslicht zurück.
In diesem Fall erwies sich ihre Verschwiegenheit als wenig hilfreich. Auch die Puppe starrte lieber in die Luft, als sich für die Rezeptur zu interessieren, die eine   schwergewichtige  Großmutter eine Feder gleich zum Schweben brachte und  einen klapprigen Greis in einen kraftstrotzenden Jüngling verwandelte.
So blieb das Fräulein „So-La-La“ mit ihrer Eifersucht mit anderen Mitteln zu kühlen. Sie tat es, in dem sie begann, ein wachsames Auge auf den Milch- und Zuckervorrat im Haus zu werfen.
Tatsächlich gelang es ihr dadurch, manchen Streit zu schlichten.
Als  ihre Eltern lautstark einen Unstimmigkeit  ausfochten, genügte ein Blick in die Vorratskammer, um die wahre Ursache für die Meinungsverschiedenheit festzustellen.
Das Fräulein „So-La-La“ zögerte nicht lange. Mit in den Hüften gestemmten Armen ging sie dazwischen.
„Ihr solltet mehr Milch einkaufen.“,  empfahl sie den verdutzten Streithähnen.
Bei einem anderen Wortgefecht, das sich vordergründig um die Höhe einer Friseurrechnung der Mutter drehte, stellte sie trocken fest.
„Es ist zu wenig Zucker in der Dose.“
Mit der Anwendung der Rezeptur landete sie auf Anhieb einen durchschlagenden Erfolg.  In beiden Fällen endete die Auseinandersetzung  mit schallendem Gelächter.
Dass der Milch- und Zuckerhandel auch Schattenseiten hatte,    ahnte das Fräulein „So-La-La“ zu diesem Zeitpunkt freilich nicht. Bis der Tag kam, als sie sich im Stiegenhaus vor den Augen der Großmutter und des Puppendoktors in Luft auflöste.
Alles Winken,  Stampfen und Schreien, mit dem sie verzweifelt versuchte, sich Gehör zu verschaffen, vermochte die Großmutter nicht davon abzubringen, einen klapprigen Greis, der ihr völlig überraschend einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt hatte, mit glänzenden Augen anzuschmachten. 

Dem minutenlangen Säuseln folgte ein ebenso langes Schweigen, welchem sich ein   wirres Gestammel über das Wetter  anschloss. 
Nach einer Unzahl verlegener Blicke fasste sich der Puppendoktor ein Herz.  Er beugte sich nach vor und drückte der Großmutter einen Kuss auf die Wange. 
Ohne etwas hinzufügen, drehte er sich um die eigene Achse und eilte  mit dem  Schwung  eines leichtfüßigen Tänzers   die Stufen hoch. 
Bevor er im Treppenbogen verschwand, warf er eine Kusshand nach der Großmutter. „Wenn ihre Zuckerdose wieder  leer ist, helfe ich  gerne aus.“,  empfahl er sich.
„Es steht  immer  ein Glas Milch für Sie  im Kühlschrank bereit.“,   rief   ihm  Oma Rosa hinterher, während sie als blumenbekränzte Ballerina zu ihrer Wohnungstür schwebte.
Es war der Moment, in dem das Fräuleins „So-La-La“  durchsichtig wie Glas wurde. Anders ließ sich nicht erklären, warum die Großmutter ihr die Tür vor der Nase zuschlug.
Im Nachhinein wies sie alle Schuld von sich.  
„Der Blitz soll dieses dürre Knochengerüst und seine grässlichen Blumen treffen, die   mir den Kopf verdreht haben.“,  versuchte sie die Verantwortung auf den Puppendoktor abzuwälzen.  
Das Fräulein „So-La-La“  glaubte  ihr kein Wort.
„Es leigt am  Zcuker.“,   wusste sie es besser.
Nun  verstand  die Großmutter den Zusammenhang  und  brach in ein schallendes Gelächter aus.  
„Vergönnst du einer alten Frau etwas Süßes  nicht?“,   fragte sie augenzwinkernd.
Das Fräulein „So-La-La“  stampfte   mit den Füßen. Der Puppendoktor sah ganz und gar nicht süß aus. Sein schrumpeliges Gesicht glich eher einem Apfel, der vor langer Zeit vom Baum gefallen war.
„Der Zcuker mcaht enie vreliebte  Gnas aus dir.“,   bellte sie eifersüchtig zurück.
Der Satz schlug wie eine Bombe ein.
Wie von einer Maus  gebissen, sprang Oma Rosa an den Küchentisch.  Wortlos riss sie den Rosenstrauß des Puppendoktors aus der Vase und stopfte ihn dem Küchenofen in den Rachen.

Der Vorfall im Stiegenhaus setzte dem Zuckermangel im Haushalt der Großmutter ein jähes Ende. Die Regale bogen sich plötzlich unter den hastig angeschafften Zuckersäcken. 
Als der Puppendoktor ahnungslos an ihrer Tür läutete, um eine Tasse Milch auszuborgen, stieß er auf eine eiserne Miene. Mit der brüsken Bemerkung, sie würde keine Milchbar betreiben, lehnte die Großmutter sein Ansinnen ab.
Im gleichen Atemzug beschuldigte sie ihn, die Unsichtbarkeit des Fräuleins „So-La-La“ absichtlich herbeigeführt zu haben.
„Wer dafür sorgt, dass sich ein kleines Mädchen Luft auflöst, soll in der Hölle schworen.“, prophezeite sie ihm eine wenig rosige Zukunft.
Der verdutzte Puppendoktor hatte keine Gelegenheit, seine Unschuld zu beweisen.  Ehe er etwas zu erwidern wusste,  flog die Tür vor seiner Nase ins Schloss.  
Das Fräulein „So-La-La“ hatte die Szene im Rücken der Großmutter verfolgt.  Die Schadenfreude stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Nun bekam der Puppendoktor am eigenen Leib zu spüren, wie es sich anfühlte, verlassen durch das Stiegenhaus zu irren.
Begeistert klatschte sie sich mit der Großmutter ab.
„Jtzet bsit du keine verleibte Gnas mher.“, gratulierte sie ihr.
Oma Rosa lächelte. Aber ihre Augen sagten etwas anderes.
Nachdem sie ihren Widersacher um die Gunst der Großmutter geschlagen glaubte , verlor  das Fräulein „So-La-La“  wieder das Interesse an dem Milch- und Zuckerhandel der Großmutter.   
Diese Sorglosigkeit sollte sich bitter rächen, wie sich bald heraus stellte.
Ein harmloses Geschenk leitete die bittere Niederlage ein. Im Auftrag der Mutter schleppte der Vater eine alte Kiste aus dem Dachboden in das Kinderzimmer des Fräuleins „So-La-La“.
Als sie die verstaubte Truhe öffnete, traute sie ihren Augen nicht. Dutzende Puppengesichter strahlten sie erwartungsvoll an.
„Es sind die Spielkameradinnen meiner Kindheit.“, klärte die Mutter die Herkunft der Puppen auf.
„Nun liegt es an dir, für sie zu sorgen.“
Zu Beginn lief es prächtig zwischen dem Fräulein „So-La-La“ und ihren neuen Gefährtinnen.
Unverzüglich ging sie daran, den verstaubten Geschöpfen  neues Leben einzuhauchen.   Die vielen Jahre in der Kiste hatten ihnen zugesetzt. Die Puppen hatten eine Generalüberholung dringend notwendig.
Die alten Kleider mussten gewaschen, die Schuhe geputzt und die Haare gekämmt werden.
Das Fräulein „So-La-La“ meisterte diese Aufgabe vorbildlich. Von morgens bis abends kümmerte sie sich aufopferungsvoll um ihre Schützlinge.
„Sie liest ihnen jeden Wunsch von den Augen ab.“, begeisterte sich die Mutter an der Fürsorge, die sie ihren Puppen entgegenbrachte.

„Die Puppen halten uns zumindest ihre Monster vom Hals.“, atmete der Vater auf.
Die Mutter stimmte ihm mit einem Blick auf die Wohnzimmerwand zu, von der dutzende ballonförmige Gestalten auf sie herabgrinsten, die für einige Falten in ihrem Gesicht verantwortlich waren. Sie hatte sich noch immer nicht an den Gedanken gewöhnt, ihre Tochter inmitten dieser seltsamen „Strich-„Mädchen aufwachsen zu sehen.
Die Puppen verschafften ihr eine willkommene Atempause. Wie sich schnell herausstellte, sollte sie nur kurz anhalten.
Es blieb  der Großmutter vorbehalten,  die bittere Wahrheit auszusprechen.
Sie hatte es als erste bemerkt, dass etwas Unheilvolles im Gange war.
„Sind Überlebende übrig?“, stellte sie die  entscheidende Frage.
Ihrem scharfe Auge war nicht entgangen,  in welcher Gefahr  die alten  Puppen in den Händen des Fräuleins „So-La-La“ schwebten.
Entweder platzte ihnen eine Naht am Rücken auf.   Oder sie mussten den kompletten Verlust seiner Haarpracht beklagen.  
Das Los der Kahlköpfigen war noch harmlos im Vergleich anderen, die abends ohne Arme und Beine in der Kiste landeten. Am schlimmsten traf es jedoch jene Puppen, deren Gesichter nicht dem Schönheitsideal ihrer neuen Besitzerin entsprachen.
Denn das Fräulein „So-La-La“ scheute nicht davor zurück, Ihnen den Kopf vom Hals zu ziehen.
Bei einem unangekündigten Besuch im Kinderzimmer  wurde  die Mutter   Zeuge des Elends. Das Fräulein „So-La-La“ unterzog vor ihren Augen eine fettleibige Puppe  einer Schlankheitskur.
„Was geht hier vor?“,  entsetzte sich die Mutter  beim Anblick des  bedauernswerten Opfers.
Das Fräulein „So-La-La“  verzog keine Miene.  Unbeeindruckt  setzte sie  die grausame Operation  fort.  Ihre schmalen Finger  wühlten sich durch den aufgerissenen Bauch der Puppe, bis die   überschüssige Wattefüllung heraus quoll wie die aufschäumende Milch aus einem Kochtopf.  
„Was tust du dem armen Geschöpf an?“,   kreischte die Mutter am Rande eines  Nervenzusammenbruches.  
„Sie ist in der Ksite  ftet gewroden.“,   lautete die  knappe Antwort.  
Als die Mutter nicht aufhörte,  die  Puppe zu bedauern,  schnitt ihr das Fräulein „So-La-La“ das Wort ab.
„Eine Puppe besitzt kein Herz.“

Die Antwort traf die Mutter wie ein Keulenschlag.
„Eher scheint es  zweifelhaft, ob in deiner Brust ein Herz schlägt.“, antwortete sie grimmig.
Das Fräulein  „So-La-La“   zuckte mit den Schultern. 
Seelenruhig klärte sie die Mutter über das Dasein der Puppen auf.
Nie hatten sie Hunger. Nie klagten sie über Durst.   Sie kannten weder Freude noch Schmerz.  
Man konnte sie bedenkenlos im heißen Wasser kochen oder im Eisschrank lagern. Solange sie kein Herz besaßen, war es egal, was man mit ihnen anstellte. Sie spürten nicht das Geringste. 
Ob man ihnen die Haare frisierte  oder   die Watte aus  dem Bauch schnitt, spielte keine Rolle.   Letzteres machte aber viel mehr Spaß.  
Der laute Knall, mit dem die Tür hinter dem Rücken der Mutter in Schloss fiel, unterbrach ihre   Ausführungen.
Noch  am gleichen Tag   erfuhr der Vater von den schrecklichen Vorgängen, die sich im Kinderzimmer abspielten.
 „Sie hat Freude dabei,  den Puppen   die  Füllung  aus dem Bauch zu schneiden.“,  beschrieb die Mutter  die schaurige Szenerie.  
Der Vater  war gerade beschäftigt, den Mond wieder aus dem Jausenpapier zu schälen, mit dem er ihn zum Schutz vor Kratzern eingewickelt hatte.
Er hatte keine Zeit, die Kummerfalten auf der mütterlichen Stirn zu bemerken.
„Es sind alte Spielsachen.“,   antwortete er ohne von seiner Arbeit aufzublicken.
Seine ganze Aufmerksamkeit war einem schmierig glänzenden  Butterfleck gewidmet, der den Mond verunzierte.  
„Lieber schlägt sie ihnen   die Köpfe vom Hals, als sie zu waschen und frisieren.“,  ereiferte sich die Mutter.
Ihre Aufregung nahm hysterische Züge an.
Der Vater ignorierte alle Warnsignale. Er war sichtlich   genervt.   Der Butterfleck auf dem Mond  wusste sich hartnäckig seinem Waschschwamm zu widersetzen. 
„Die Puppen bedeuten ihr nichts,  weil sie kein Herz in der Brust haben.“, quälte sich die Mutter an ihrer Sorge ab.
Der Vater sah darin kein Unglück.

„Andernfalls würde die Polizei auf den Gedanken kommen,  lästige Fragen zu stellen.“, witzelte er.
Der Mangel an Mitgefühl für die geschundenen Kreaturen im Kinderzimmer sollte ihn teuer zu stehen kommen.
Nicht einmal sein Gehör, mit dem er eine Mücke auf  hundert Meter husten hörte, konnte ihn retten. Der Geduldsfaden der Mutter explodierte dieses Mal ohne verräterisches Knacksen.  Übergangslos fand sich der Vater  im Auge eines Orkans wieder.  
Vom mütterlichen Unwetter zerzaust,   schulterte er  den gerade blitzblank geputzten  Mond flüchtete  über die Treppe zur Dachkammer hoch.
Er verschwand gerade noch rechtzeitig von der Bildfläche,  um den Auftritt des Fräuleins „So-La-La“ zu verpassen.
Schlafwandlerisch spazierte sie  mit einer  kopflosen Puppe im Arm an ihrer Mutter vorbei. Sie trug ein weißes Nachthemd, das  bis zu den Knöcheln hinunter reichte. Der Kopf der Puppe rollte an   einer Schnur wie ein  kleiner  Ball hinter ihr nach.
Der Anblick jagte der Mutter einen Schreck in die Glieder,  von dem sie sich tagelang nicht erholte.
Nicht alle Puppen fielen den Misshandlungen des Fräuleins „So-La-La“ zum Opfer.   Es waren zu viele, um alle Bäuche aufzuschneiden,   Beine auszureißen und Köpfe rollen zu lassen.
Die Glücklichen unter ihnen quetschten sich  in  dunklen Schubladen zusammen.    Einige hatte es geschafft, sich unter das Bett zu retten. Andere waren  als Buchstützen in den Regalen untergetaucht.    
Die größten Verluste hatten  die Stoffpuppen beklagen.  Sie waren auf ein kleines Grüppchen zusammengeschrumpft. Mit ihren wattierten Bäuchen waren sie grausamsten Experimenten ausgesetzt.    Für viele von ihnen endete die Suche des Fräuleins  „So-La-La“  nach einer Puppe, in der ein Herz schlug,  im Mülleimer. 
Innerhalb weniger Tage hatten die Verwüstungen im Kinderzimmer ein Ausmaß erreicht, das jedes erträgliche Ausmaß sprengte.

In ihrer Verzweiflung tippte die Mutter die Nummer des Puppendoktors in das Telefon. 
Es wäre ein Notfall, bat sie ihn mit Tränen in den Augen um Hilfe für die geschundenen Kreaturen im Kinderzimmer.
Bereits am nächsten Tag  läutete es an der Haustür.  Der Puppendoktor hatte sich für den Besuch extra einen weißen Kittel übergestreift, dass er einem echten Doktor zum Verwechseln ähnlich. Allerdings hielt er anstelle einer Doktortasche eine Werkzeugkiste in der Hand.
Die Begrüßung mit dem Fräulein „So-La-La“ fiel eisig aus.  Sie streckte ihm die Hand entgegen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.  Der Puppendoktor schüttelte sie kurz. Ansonsten tauschten sie keinerlei Freundlichkeiten aus. 
Ihre Feindschaft war erst wenige Wochen alt.
Das Fräulein „So-La-La“ trug es dem Puppendoktor immer noch übel nach, dass sie sich durch sein Verschulden im Stiegenhaus in Luft aufgelöst hatte. Der Puppendoktor zeigte sich über das unverhoffte Wiedersehen ebenso wenig erfreut. Er hatte nicht vergessen, wem er das abrupte Ende des florierenden Milch- und Zuckerhandels mit der Großmutter zu verdanken hatte.
Die Mutter musste all ihre Überredungskunst aufwenden, um ihn zum Bleiben zu bewegen.
Nachdem sie ihn mit freundlichen Augenaufschlägen und einer heißen Tasse Kaffee umgestimmt hatte, stellte er die Werkzeugkiste im Kinderzimmer ab.
Beim Anblick  der grausam zugerichteten  Puppen  verzog er keine Miene. Er schien derlei  gewöhnt zu sein.
Ohne ein Wort mit dem Fräulein „So-La-La“ zu wechseln, sammelte er die Überreste der Puppen und begann mit seiner Arbeit.
Eine endlose Zeit verging  mit Flicken, Stopfen und Kleben. Die Kopflosen  bekamen  ihre Köpfe auf die  Hälse zurück. Die  Arm- und Beinlosen wurden  mit neuen Gliedmaßen versorgt.
Trotz des Grolls, den das Fräulein „So-La-La“ gegen den Puppendoktor hegte, wich sie ihm nicht von der Seite. Wobei sie jede Gelegenheit nutzte , einen verstohlenen Blick in seine Werkzeugkiste zu werfen. Zu ihrer großen Enttäuschung fand sich unter den Ersatzteilen kein einziges Herz.
Dem Puppendoktor war ihre Neugier nicht entgangen.
„Mein Doktortitel reicht  leider  nicht aus, um deiner Puppe ein Herz einzupflanzen.“, brummte er.
„Bedauerlicherweise scheint dir auch dein eigenes abhanden gekommen zu sein.“
   

Damit endete der von der Mutter erzwungene Waffenstillstand. Unversöhnlich blickten sie einander an. Ohne es auszusprechen wussten sie plötzlich, warum sie sich nicht leiden konnten. Sie kämpften beide um dasselbe Herz.
Der Krieg zwischen ihnen war beschlossene Sache.
Das Fräulein „So-La-La“  begann als erste mit den Feindseligkeiten. Sie legte die Stirn in Falten und musterte den Puppendoktor mit abschätzigen Blicken. 
„Die Omaa gehröt mir.“,  fuhr sie ihm  mit kalter  Stimme geradewegs an die Gurgel.
Der Puppendoktor quälte sich ein Lachen ins Gesicht.
„Das Herz deiner Großmutter scheint mir  groß genug, um es zu teilen.“,   hielt er dagegen.
Seine Attacke scheiterte, noch ehe sie richtig begonnen hatte.
„Niemlas.“,  schleuderte  ihm  das Fräulein „So-La-La“ eine wutentbrannte Salve  entgegen.
Mit einem wilden Satz stürzte sie sich auf ihren Widersacher um die Gunst der Großmutter. Der hilflose Versuch des Puppendoktors, seine Hände schützend vor das Gesicht zu schlagen, verhinderte nicht, dass die scharfen Fingernägel des Fräuleins „So-La-La“ ihr blutiges Werk verrichteten.
Mit Kratzern an beiden Wangen rappelte sich der Puppendoktor auf die Beine.
Hals über Kopf packte er seine Werkzeugkiste zusammen  und stürzte  aus dem Zimmer die Treppe hinunter.
Mit einem lauten Knall fiel die Haustür hinter ihm ins Schloss. 
Als die Mutter ihren Kopf aus der Küchentür streckte und die zurückgelassenen Schuhe des Puppendoktors in der Garderobe entdeckte, schwante ihr Schlimmes.   
Hastig   eilte  sie  ins Kinderzimmer,  wo  das  Fräulein  „So-La-La“  friedlich im Kreis ihrer runderneuerten Puppen saß.
„War es eine schlimme Frage?“,  seufzte die Mutter.
Das Fräulein „So-La-La“  blickte sie mit Engelsaugen an.  
„Er hat kein   Hrez für miene Ppupen.“,   spielte sie die Unschuldige.
Ohne weitere Erklärung   schnappte sie sich  die  erstbeste Puppe  und jagte ihr den gestreckten Zeigefinger in den wattegefüllten Bauch.
„Ach ja.“,   verstand  die Mutter  die Botschaft und schloss die Tür, um ihrem   ramponierten  Geduldsfaden  den weiteren  Anblick zu ersparen.   
Kurze Zeit später schlug  in einer Wohnung zwei Straßen weiter ein altes Telefon mit einer  Wählscheibe laut Alarm.
Die Mutter wartete in der offenen Tür, bis die Großmutter mit dem Taxi vorgefahren kam.  Ihr Gesicht war kreidebleich.
„Sie schneidet ihnen  die Köpfe ab, weil sie  kein Herz in der Brust haben.“,   fasste  sie ihr die Barbarei, die sich im Kinderzimmer abspielte, zusammen.

„In herzlosen Zeiten  rollen die Köpfe immer als erstes.“, brummte Oma Rosa.
Damit war alles Wesentliche gesagt. Die Großmutter drängte sich an der Mutter vorbei ins Haus und tippelte allein  die Treppe   hoch.
Das Fräulein  „So-La-La“ verdrehte kurz den Hals, als Oma Rosa ins Zimmer betrat.  Ungerührt setzte sie ihre schaurige Arbeit an der  Puppe   fort.
„Der Pupependotkor hat sie weider  ftet gemchat.“,  begründete  sie die Notwendigkeit des Eingriffs.
„Dann bin ich wohl als Nächste dran.“,  lachte die Großmutter und legte die Hand auf ihre üppigen Rundungen.
Das Fräulein  „So-La-La“ schüttelte den Kopf.
„Du bsit keine Ppupe. In diener Busrt schälgt ein Hrez.“, erteilte sie dem Wunsch der Großmutter nach einer schmalen Taille eine Absage.
Oma Rosa nickte dankbar.
„Bleibt immer noch  die Frage, warum es für deine Puppe unbedingt ein Herz braucht?“, sagte sie.
„Damit  ich den Gednanken ncahts nicht biem Rdeen zuhröen msus.“,  sprudelte es  aus dem Fräulein „So-La-La“ heraus.
Nun war es endlich ausgesprochen, was sie bekümmerte.
Sie fürchtete die Dunkelheit der Nächte nicht. Ihr konnte man entkommen. Man musste nur die Augen schließen. Schon war sie verschwunden.
Aber die Stille verschwand nicht. Manchmal war die Nacht in ihrem Zimmer so leise, dass sie ihre eigenen Gedanken flüstern hörte.
„Die Stlile lsäst miene Gednaken scherien.“, beschrieb das Fräulein „So-La-La“ ihre Angst.
Mit einer Puppe im Arm, in der ein Herz schlug, würde alles anders sein, hoffte sie. Dann könnte sie die Stille nie wieder zwingen, ihren Gedanken beim Reden zuhören zu müssen.
Die Großmutter schwieg, bis alles gesagt war. An manchen Stellen türmten sich ihre Lippen zu einem steilen Berg auf. An anderen hingen sie wie eine Schaukel nach unten durch.
„Die Erfüllung dieses Wunsches verlangt viel Geduld und Fingerspitzengefühl.“, antwortete sie schließlich.

Das Fräulein „So-La-La“ blickte sie ungläubig an.
„Du knanst  für miene Ppupe ein Hrez beschafefn?“,  stotterte es aus ihr heraus.   
„Dieses Kunststück können verliebte Gänse am Allerbesten.“, scherzte Oma Rosa mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Nun drückte das Fräulein „So-La-La“ das schlechte Gewissen. Unter Tränen beichtete  sie der Großmutter den Streit mit dem Puppendoktor.  
„Ich habe den armen Mann mit blutigem Gesicht im  Stiegenhaus angetroffen.“,   drückte die Großmutter ihr Missfallen aus.
Das Fräulein „So-La-La“  zog kleinlaut den Kopf ein.
„Er wlolte  dien Hrez sthelen.“,   rechtfertigte sie die blutige Attacke.
Ein zartes Rosa umspülte die Wangen der Großmutter.
„Die Kratzer auf der Wange werden ihn eine  Weile daran erinnern, in welche Gefahren man sich begibt,  wenn man ein Herz erobern will.“,  überspielte sie ihre Verlegenheit.
Während Oma Rosa kurz ihr Gesicht zur Seite drehte, um sich unauffällig die Tränen aus den Augen zu wischen, sah sich das Fräulein „So-La-La“ bereits durch  das  Eingangstor einer  großen Fabrik schreiten.
Sie war fest entschlossen. Beim Generaldirektor persönlich würde  sie vorsprechen und mit seiner  Genehmigung ein Herz für ihre Puppe erstehen.    
Zur Not  tat es  auch ein Herz mit einem Kratzer in der Farbe oder einer kleinen  Delle an einer unscheinbaren Stelle.
„Für eine Puppe taugt es allemal.“,  gab sie sich  zuversichtlich,  für  billiges Geld ein Herz zu gewinnen.
Die  Stimme der Großmutter schnitt wie eine scharfe Schere durch ihren Tagtraum. „Herzen lassen sich nicht  wie Kühlschränke  oder Fernsehapparat im Supermarkt kaufen.“
Fassungslos musste das Fräulein  „So-La-La“ miterleben, wie sich der wunderbare Plan, den sie sich zurecht gelegt hatte, in Windeseile in Luft auflöste.
„Die Fabriken können die Bäuche und Köpfe der Puppen mit Watte ausstopfen.“,  setzte die Großmutter fort.

„Ihre Fließbänder  liefern verloren gegangene  Arme, Beine und Köpfe in allen Größen nach.“ 
Die Großmutter warf einen vielsagenden Blick auf den Puppenfriedhof, der sich vor ihr ausbreitete, wo solche Ersatzteile dringend benötigt wurden.
„Aber es gibt auf der Welt keine einzige Fabrik, die einer Puppe ein Herz einpflanzen kann.“
Die Enttäuschung des Fräuleins „So-La-La“ hätte nicht größer ausfallen können.
Wütend  trat sie mit den Füßen nach der nächstbesten Puppe.
„Ich mag  deises  dmume  Plsatik nicht mehr haben.“  verschaffte sie ihrem Zorn Luft.
Da liefen in den Fabriken jeden Tag  abertausende Puppen in allen Größen und Haarfarben vom Fließband. 
Aber keine einzige von ihnen  besaß  ein Herz,  das in ihrer Brust schlug und  der Nacht die unerträgliche  Stille nahm.
Sie konnte keine Kulleraugen und wattierten Bäuche mehr ertragen. Am besten man brachte den ganzen Plunder in den Dachboden zurück.
Die Großmutter ließ das Fräulein „So-La-La“ toben, bis sich ihre Kräfte erschöpft hatten. Als es soweit war, hob sie von den Fußtritten geschundene Puppe auf und hielt sie dem Fräulein „So-La-La“ unter die Nase.
„Würdest du als Puppe mit einem Mädchen  im gleichen Bett schlafen wollen, das ihnen die Köpfe vom Hals schneidet und die Watte aus den Bäuchen zieht?“,   
Die Frage entfachte die Wut des Fräuleins „So-La-La“  von neuem. 
„Ich bin kiene  Ppupe.“,  protestierte sie lautstark.  
 „Wir können versuchen, dich in eine  zu verwandeln.“,  erwog  die Großmutter Ungeheuerliches.
Sie schloss die Augen und bewegte die Lippen zu einem leisen Gemurmel.  Mit großem Gehabe vollführte sie  eine Armbewegung,  als würde sie einen Zauberstab  schwingen.   
Dem  Fräulein „So-La-La“ stockte der Atem.     War die Großmutter bei Verstand?  Hatte sie keine Ahnung,  in welch  schlechte Gesellschaft man als  Puppe geraten konnte?
Oma Rosa  grinste schadenfroh.

„Schmerzt dich die Vorstellung, eine  Puppe zu sein?“,  genoss sie ihren  Triumph.
Im Kopf des Fräuleins „So-La-La“ ertönte ein  lautes  Klirren und Scheppern,   als  hätte jemand  einen  Stein mitten hinein hineingeworfen. Plötzlich begriff sie,  welches  Leid sie den armen  Geschöpfen zugefügt hatte.   
Mit Grausen dachte sie an die abgerissenen Köpfe, die sie auf dem Gewissen hatte.  Nie wieder wollte  sie einer Puppe die Watte aus dem Bauch ziehen, schwor sie reumütig allen Grausamkeiten ab.
Aber war es nicht längst zu spät, weiter nach einem Herzen zu suchen, das in einer Puppe schlug?
Welches dieser bemitleidenswerten Geschöpfe, die ängstlich in den dunklen Ecken ihres Zimmers kauerten, würde nach allem was geschehen  war,  mit ihr im gleichen Bett liegen wollen.
Im Geiste schritt sie an einer endlosen Reihe von Puppen vorüber.  Aus allen Gesichtern schlug ihr das gleiche Entsetzen entgegen.  
„Auf dem normalen Dienstweg  kann dir niemand ein Herz beschaffen, das in einer Puppe schlägt.“, vergrößerte die Großmutter ihr Elend.
„Über  jedes   Herz,  das  auf der Welt schlägt,   wird im  Himmel Buch geführt.  Und nirgendwo ist   die Buchhaltung strenger als dort.“
Vor den Augen des Fräuleins „So-La-La“ bildete sich ein nasser Schleier.
Wie sollte das gehen,  einer Plastikpuppe Leben einzuhauchen, wenn die Buchführung  dagegen stand?
„Es kann gelingen, wenn man weiß wie es funktioniert.“, antwortete die Großmutter.
„Zuallererst  muss sich  jemand finden, der bereit ist, sein eigenes  Herz mit deiner Puppe zu teilen.“.
Der rechte  Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“ zuckte nervös. Vorsichtshalber verbannte sie ihn unter die  Bluse,  damit er keinen Schaden anrichten konnte.
Nur ein Idiot  würde die Hälfte seines kostbarsten Besitzes an eine Stoffpuppe mit Wattefüllung verschenken wollen.    

„Ich wüsste  jemanden, der damit einverstanden sein könnte.“, platzte die Stimme der Großmutter  unangekündigt  in ihre Gedanken.
„Das einzige Herz, das sich mit anderen teilen lässt, ist  das eigene.“
Vor Schreck klappte dem Fräulein „So-La-La“ die Kinnlade aus der Verankerung.
In der Zwischenzeit kramte die Großmutter in ihrem Gedächtnis nach einem geeigneten Zauberspruch.
Am besten konnte sie mit einer Zigarre im Mund nachdenken.   Mit schnellen Schritten eilte sie an das Fenster.   Als sie  es öffnete, wirbelte eine frische Brise den Vorhang hoch.  Der Stumpen zwischen ihren Zähnen glühte feuerrot auf.
Nach wenigen Zügen hatte sie die passende Rezeptur  für den Zauberspruch  gefunden.  Er war kinderleicht  zu merken.   Alles hing von der richtigen  Reihenfolge ab.
Mit geschlossenen Augen musste  man  auf dem Rücken liegen, bläute sie dem Fräulein „So-La-La“ ein.
Als nächstes  presste man seine Lieblingspuppe  mit dem linken Arm  fest gegen die Brust.   Dabei durfte  man nichts reden und an nichts denken.    Still wie bei der Andacht in der Kirche musste man sein. 
Wenn man die Luft anhielt und langsam bis zehn zählte, sprang der Funken über.  Nicht in jedem  Fall.  Aber wenn man Glück hatte, der Mond sich hinter einer Wolke versteckte, die Nacht pechschwarz war  und die Reihenfolge stimmte.  
„Das funktioniert wirklich?“, staunte   das Fräulein „So-La-La“.
Die Großmutter paffte eine dicke Rauchwolke aus dem geöffneten  Fenster.
Es ist der beste Zauber, um sein Herz mit einem anderen Wesen zu teilen.“,  behauptete sie.
Im selben Moment  entgleisten ihre Gesichtszüge.   Denn im Türrahmen tauchte  die Mutter auf.   Ihr Geduldsfaden stand kurz vor der Explosion. Unter wildem Geschimpfe polterte sie gegen die Großmutter   los.  
Es befände sich mit dem Gestank ihrer Zigarren  bereits genug Hexenschmiere  im Haus,  verschaffte sie ihrem Unmut lautstark Ausdruck.  
Oma Rosa  rollte mit den Augen.  

Es wäre für sie  ein Leichtes  gewesen, die Vorwürfe der Mutter mit einer wortgewaltigen Kanonade zurückzuschlagen.  Nichts dergleichen passierte.
Seelenruhig  dämpfte sie den   Zigarrenstumpen aus. Mit einem knappen Gruß  räumte sie das Feld.  Im Türrahmen warf sie eine Kusshand nach dem Fräulein „So-La-La“.   Dann schwebte sie die Treppe zum Ausgang hinunter.  Es gab nichts mehr zu tun für sie.   Alles Weitere würde sich von selbst ergeben.  
Der Ärger  der Mutter hielt  bis zum  Abendessen an.  
„Du stinkst nach Oma.“,  knurrte sie ihre Tochter an, als sie an ihren Haaren roch.  
Dem Fräulein „So-La-La“  blieb die Suppe im Hals stecken blieb.   Wenn sich die Mutter  sich über  den Zigarrengestank  der Großmutter beschwerte, endete der Abend für sie in der Badewanne, wo sie unter Einsatz einer groben Bürste  vom Kopf bis zu den Zehen  abgeschrubbt wurde. 
Ihre Vorahnung sollte sich schneller erfüllen als befürchtet. Die Suppe schwamm noch warm in ihrem Bauch, als sich die Hexenschmiere in den Haaren  in Wasser und Seife auflöste.  
Ohne einen Mucks ließ sie die Säuberung über sich ergehen.     Es gab für sie an diesem Abend etwas Wichtigeres zu tun, als gegen Badeschaum zu kämpfen. 
Ungeduldig wartete sie auf den Einbruch der Dunkelheit.   Als es soweit war, schlüpfte sie unter ihre Bettdecke.
In dieser Nacht drückte das Fräulein „So-La-La“  lange  kein Auge zu.    Endlich vernahm sie die schweren  Schritte des Vaters auf der Treppe.  Die Stufen ächzten unter dem schwersten Gewicht der Welt, das er auf seinen Schulter zur Dachkammer hoch trug.
„Er ist heute spät dran.“,  brummte  das Fräulein  „So-La-La“ genervt.
Mit klopfendem Herzen blickte  sie  aus dem Fenster.  Die Schraubarbeiten des Vaters wollten kein Ende nehmen.

Die Anspannung erreichte ihren Höhepunkt, als die  blasse Scheibe des Mondes  im Fensterrahmen auftauchte.  Mit einer Taschenlampe in der Hand  schlüpfte   das Fräulein „so-La-La“  aus dem Bett.    Auf Zehenspitzen schlich sie durch das Zimmer.
Dutzende Puppenaugen starrten sie ängstlich in den Lichtkegel ihrer Taschenlampe, als die Puppenkiste öffnete.   Der Schrecken über den  unerwarteten Besuch  war  in den   Gesichtern der Puppen abzulesen.
Aber in dieser  Nacht sollten alle Puppenköpfe auf ihren Hälsen sitzen bleiben.
Das Fräulein  „So-La-La“  überlegte lange.  Die Wahl der Puppe fiel ihr nicht leicht.
Nach mehreren Anläufen entschied sie sich für eine Stoffpuppe mit dicker Wattefüllung.   Sie hatte ein sanftes Gesicht und ihr Bauch fühlte sich nach einem weichen Kissen an.
Heimlich wie  ein Fuchs,  der mit der fettesten Gans im Maul das Weite sucht, huschte sie  in ihr Bett zurück.    
Ein Blick aus dem Fenster stimmte sie zuversichtlich.  Der Mond, der ihren Beutezug  durch das Fenster  beobachtet hatte, bewährte sich als zuverlässiger Freund. Komplizenhaft schob er eine Regenwolke vor seine helle Scheibe und hüllte die Welt in eine pechschwarze Nacht.
Der Zauber konnte beginnen.   Das Fräulein „So-La-La“  schloss  die Augen  und presste die Puppe  mit aller Kraft  gegen ihre  Brust.  Nun musste sie nur noch den Atem anhalten und bis zehn zählen.
„Eins, zwei, drei.“
Ihr Herz dröhnte lauter als ein Presslufthammer.
„Vier, fünf, sechs.“
Langsam strömte der Herzschlag in die Puppe. 
„Sieben, acht, neun.“
Das Fräulein „So-La-La“  spürte,   wie der Funke übersprang.  
„Zehn.“
Es war getan. 
Die Puppe auf ihrer Brust fühlte sich warm und lebendig an.   Die dunklen  Kulleraugen blinzelten verlegen im  Lichtstrahl der Taschenlampe.  Der Hauch eines Lächelns huschte über die roten Plastiklippen.

Das Fräulein  „So-La-La“ jauchte vor Glück.  In dieser Nacht hörte die Puppe auf, eine gewöhnliche Puppe zu sein. In ihrer Brust schlug ein Herz, dessen Klang der Nacht die  Stille nahm.   
Zur gleichen Zeit stand  die  Großmutter in ihrem Wohnzimmer   am offenen Fenster  und beobachtete den Sternenhimmel.  
„Sie hat sich für einen Jungen entschieden.“,  raunte    ihr der Mond zu, als er kurz zwischen zwei Wolken hervorstach.
Ein  zufriedenes Lächeln huschte über das Gesicht der Großmutter. 
„Dann sollten wir ihn Felix nennen.“,  zwinkerte sie dem Mond schelmenhaft zu.
„Nicht alle Puppen hatten so viel Glück wie er.“
Aus der glosenden  Zigarre, die  zwischen ihren  Zähnen steckte,    brach  ein Aschestück ab  und landete neben  einer  kleinen Zuckerdose auf  dem Fensterbrett. stand.   Die Dose  war prall gefüllt mit kleinen Zuckerstücken.
Ein bisschen Hokuspokus schadet nie.“,  gestand sie  dem Wind,   der sich im Vorhang verfing.
Dann pustete sie die Asche der abgebrannten Zigarre   aus dem Fenster,  wo sie sich   in alle Richtungen verstreute.  
Ob  es ihrem Zauberspruch zuzuschreiben war,  dass in dieser Nacht das Herz  des Fräuleins  „So-La-La“ auf die Puppe übersprang?    
Wer wollte sich  anmaßen, ein Urteil darüber zu sprechen?  Zwischen Himmel und Erde passierten zu allen Zeiten mehr Dinge, als der menschliche Verstand  zu erfassen imstande ist.   
Die Großmutter schwor, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war. Dabei schob sie sich eines der Zuckerstücke, die sie beim Nachhausekommen an der Tür vorgefunden hatte, in den Mund. Der süße Geschmack zauberte ein Lächeln um ihren Mund. Gleich morgen würde sie sich bei dem Puppendoktor mit einem Kännchen Milch für die Aufmerksamkeit bedanken.
Bewiesen ist,  was das Fräulein „So-La-La“   in  dieser Nacht erlebte.   Dass es nichts Schöneres  auf der Welt gab,  als ein Herz neben sich schlagen zu hören, das der Nacht die Stille nahm.

Fortsetzung folgt……