Das Archiv der Bücher 09)

9.) Buch

DIE GESCHICHTE…

wie das Fräulein „So-La-La“ Captain Feelgood begegnet und  dem schlimmsten aller Feinde ins Auge blickt

Eines Morgens machte  das Fräulein  „So-La-La“ im Spiegel eine schreckliche Entdeckung.  Ihr Gesicht hatte sich über Nacht  in eine  unansehnliche Baustelle verwandelt.  Jeder Blick in den Spiegel offenbarte  neue Scheußlichkeiten. 
Die hässliche Fratze, die sie daraus anstarrte,   glich dem Fehlerbild des Bilderrätsels in der Zeitung ihres Vaters. Wobei sich dort die Anzahl der versteckten Fehler an den Fingern einer Hand abzählen ließ.
„Wnen es bloß  so wneige  wräen.“,  seufzte das Fräulein  „So-La-La“ unglücklich.
Je länger sie das Spiegelbild betrachtete, umso abscheulicher fand sie es.
Das Gewicht des melonenförmigen Kopfes  hatte  den Hals zu  wulstigen  Ringen  zusammen gestaucht.  Ihre  rote Mähne war zu einem  rotbraunen Gestrüpp verfilzt,  das auf einen erlösenden Kahlschlag wartete.   
Im selben Maß wie sich die   Ohren   zu  riesigen Schiffssegeln aufgebläht hatten,  waren die Augen zu  vertrockneten Rosinen geschrumpft.  Und  wo einstmals  eine zarte Stupsnase  ihren Platz  gehabt hatte,  ragte  nunmehr   ein  wuchtiger Schornstein empor.   
Am Schlimmsten hatte es ihr Lachen getroffen.    Wenn sie den Mund öffnete,    boten die  Zahnlücken, die dahinter zum Vorschein kamen,  das schaurige  Bild einer Ruinenlandschaft.
Das Fräulein „So-La-La“  stieß einen verzweifelten Schluchzer aus.  Nichts an ihr  war, wie es sein sollte. 
Was den  knochendürren Schultern an Masse  fehlte,  gedieh am Bauch im Überfluss.  Die   Finger waren  fette Würste und die Oberschenkel dicke Schinken.  Obendrein hatte sie das Schicksal   mit den  langen Armen eines Gorillas und  den  kurzen Beinen eines Dackels gestraft.
Ob sie sich in Posen warf oder ihr schönstes Lächeln in die Waagschale warf. Hartnäckig widersetzte sich das Spiegelbild  allen Schönheitsidealen. 
Die Bürsten und Kämme fochten einen aussichtslosen Kampf.   Der Versuch, seine unzähligen Fehler mit den  Lippenstiften und Make-up-Cremen  aus dem mütterlichen Schminkkoffer auszubessern, scheiterte am strengen Urteil des Vaters.

„Mit dieser Maske könntest du  als Zirkusclown auftreten.“, erschrak er sich  an dem   mit Rouge und Wimperntusche  zugeschmierten  Gesicht.
Sofort brach das Fräulein „So-La-La“ in Tränen aus.
„Wnen es bolss so wräe. “,   schluchzte sie herzzerreißend.
„Dnan  msüste ich  die hsäsliche  Frtaze  nicht lnäger im Speigel ertargen.“   
Der Vater, der eine Mücke auf hundert Meter husten hören konnte, erkannte blitzschnell die Gefahr und räumte das Feld.
Mit einem schlecht gelaunten Clown, der zu viel Farbe im Gesicht aufgetragen hatte, über Schönheit zu reden,    war ein Pulverfass, das jederzeit hochgehen konnte.
Die Mutter zeigte weniger Respekt.  Von ihr setzte es rote Ohren  und eine Woche Hausarrest. Die Standpauke, mit der sie  den Verlust ihrer besten Salben, Make-ups und Lippenstifte beklagte, war im Strafmaß  inbegriffen. 
Während das Fräulein „ So-La-La“  den Hausarrest  absaß, starrte sie voller Neid auf ihre Lieblingspuppe. 
Die vertraute Freundin führte das    sorgenfreie Dasein, das ihr nicht gegönnt war. Was kümmerte  die  Puppe  eine Zahnlücke oder eine schiefe Nase? 
Wie gering wog  für sie ein abgerissener Arm oder ein gebrochener Fuß?   
Ob auf ihrer Haut ein Fettfleck glänzte oder eine Naht geplatzt war.  Für alles fand sich in der Puppenkiste des Puppendoktors  das passende Ersatzteil.
Hatte sich  eine   Puppe  zu dick gefressen,  schnitt man  den Stoff auf und nahm die überflüssige  Füllung heraus.  Im Handumdrehen  passte die Glückliche wieder in ihre Sommergarderobe.   
Und falls ihr  Gesicht durch einen  riesigen Zinken  oder ein spitzes Kinn  verunstaltet wurde, tauschte man  den Kopf   ohne viel Federlesen   gegen einen funkelnagelneuen aus.
Wenige Handgriffe machten aus einer Fülligen eine Magere,  verwandelten eine kurzhaarige Brünette in eine langhaarige Blondine und ließen eine Dackelkurzbeinige zu einer Gazellenlangbeinigen hochwachsen.
In ihrer Verzweiflung beschloss das Fräulein „So-La-La“, das Verfahren, das sich bei ihren Puppen bewährt hatte, selbst anzuwenden.   
Als sie den Vater von ihrem Vorhaben erzählte, zeigte sich dieser wenig begeistert.
„Köpfe sind rasch abgeschlagen,  aber furchtbar schwer wieder anzunähen.“,  äußerte er seine Bedenken.

Mit der ernsten Miene eines Professors für Kopfverpflanzungen zählte er  alle möglichen Gefahren   auf.   Es wurde eine endlose Liste.
„Wenn eine einzige Naht an die falsche Stelle gerät,  versinkt die ganze Apparatur im Chaos.“,   erklärte er.     
„Die Augen sehen plötzlich schwarz.  Die Ohren fangen zu pfeifen an.  Und was vorher leicht über die Lippen ging,   muss man  sich für den Rest seiner Tage  mühsam aus der Nase ziehen.“
Das wäre erst der Anfang der Probleme, die eine Kopfverpflanzung mit sich brachte, prophezeite der Vater und ließ eine endlos lange Liste an Komplikationen folgen.
„Der Herzschlag gerät außer Takt.  Die   Lunge   bekommt  keine Luft mehr.     Die Nieren  verstopfen.   Die Blase platzt.    Der Magen knurrt.  Die Leber kocht.   Und die Galle läuft über.“
Der Vater redete sich die Seele aus dem Leib.   Trotzdem gelang es ihm nicht, das Fräulein „So-La-La“ von ihrem Vorhaben abzubringen.
Aller  Nebenwirkungen zum Trotz  war sie fest entschlossen, das  hässliche  Spiegelbild auf ihrem Hals  loszuwerden.   
„Ich  knan diese Farzte nicht mher sheen.“,  schnitt  sie dem Vater das Wort ab. Ohnedies hielt sie seine Schilderungen für übertrieben.  Was bei einer  Puppe  ohne Komplikationen   funktionierte,   konnte  so schwierig  nicht sein.   
Der Vater widersprach heftig.
„Vielleicht kommt der Tag, an dem eine Kopfverpflanzung   unkomplizierter ist,   als eine harmlose Blinddarmoperation. Aber an dem Preis, den man dafür bezahlen muss, wird sich nichts ändern.“
Seine Buchhaltermiene verhieß nichts Gutes.   Sie  tauchte immer dann in seinem Gesicht  auf, wenn die Mutter ankündigte,  die  Bestände in ihren  Kleider- und Schuhschränken zu erneuern.  
Es waren nicht die Einkäufe,  die den Vater ernst stimmten.  Es waren die Rechnungen, die sich ihnen anschlossen.
Zum ersten Mal geriet die Euphorie des Fräuleins „So-La-La“ ins Schwanken. Kleinlaut musste sie eingestehen, keinerlei Gedanken an den Preis einer Kopfverpflanzung verschwendet zu haben.
„Ksotet  es mher  als Schhue und Kelider?“,   stotterte der verrückte Clown in ihrem Mund.

Die Vorstellung,  die Anschaffung eines neuen Spiegelbildes könnte  am der Rechnung scheitern,  legte sich wie eine dunkle Wolke über sie.  
„Die Kosten sind das geringste Übel.“,   antwortete  der Vater.
„Mit einem neuen Kopf auf dem Hals  gehen  alle    Erinnerungen und Träume verloren.“
Augenblicklich zerplatzte der Plan  des Fräuleins  „So-La-La“ wie eine Seifenblase.   Für nichts auf der Welt war sie bereit, auf ihre Erinnerungen und Träume  zu verzichten.
Zähneknirschend sagte sie die Kopfverpflanzung  ab. Das Spiegelbild durfte seine unansehnliche Fratze  behalten.  Das  Biest dankte es mit einer neuen  Zahnlücke in der vordersten Reihe.
Nun war dem Fräulein  „So-La-La“  auch das Zähneputzen verdorben. Heulend rettete sie sich in die Arme ihrer  Mutter.
„Ich hsase mien Sipegelblid.“,  jammerte sie.
Auf der Stirn der Mutter zeichnete sich eine dicke Sorgenfalte ab.
„Warum könnt ihr euch nicht miteinander versöhnen?“  versuchte sie,  den Streit zu schlichten.
„Es mchat  mcih hsäslcih.“,  schluchzte das Fräulein  „So-La-La“ die Bluse ihrer Mutter nass.
„Ich kann beim besten Willen nichts Abstoßendes  daran erkennen.“,  mischte sich der Vater unaufgefordert   in die Debatte ein.
Vollmundig behauptete er, vor vielen Jahren  in eine ähnliche Auseinandersetzung  mit seinem eigenen  Spiegelbild  verstrickt gewesen zu sein.
Irgendwann hätte man die Vereinbarung getroffen, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen.  Seit dieser Zeit würden sich ihre Begegnungen auf ein kurzes Zusammentreffen im Badezimmerspiegel beschränken.
Und weil ihn Mutter und Tochter mit verächtlichen  Blicken  musterten, als stünde er nackt vor ihnen,  sah sich der Vater zu seinem Unglück aufgefordert, die Erfahrungen mit seinem Spiegelbild genauer zu beschreiben.
„Wer sich seltener  sieht, hat auch weniger Gelegenheit zum Streiten.“,  redete er sich um Kopf und Kragen.

Das Fräulein „So-La-La“    strafte ihn mit kalter Verachtung.  Von der Mutter erntete er schallendes Gelächter. Im abfälligen Ton  erklärte sie ihm seine völlige Ahnungslosigkeit. 
Nie und nimmer gäbe es in dieser Angelegenheit  einen Zusammenhang mit seinem Spiegelbild,  dem  es augenscheinlich an jederlei Gefälligkeit mangeln  würde. 
Die Schönheit seiner Tochter stünde  dagegen außer Streit, weil  ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten  wäre.  Es ginge lediglich um kleinere Ausbesserungsarbeiten. Punkt. Aus. Sieg.
Zerknirscht räumte der Vater das Feld, bevor sich weitere  Schmähungen über  ihn  ergossen.
In der Mutter rief der Kummer  des Fräuleins  „So-La-La“ bittere Erinnerungen wach. Über Tage und  Wochen wälzte sie  sich im Bett  durch schlaflose Nächte,  bis sie eine Lösung gefunden, wie das Übel aus der Welt zu schaffen war.
„Es wird Zeit, Captain Feelgood wieder in See stechen zu lassen.“, unterhielt sie sich mit dem Mond, dessen gelbe Sichel  am Himmel wie ein mächtiges Schiff durch die Wolken pflügte.
Noch in der gleichen Nacht zerplatzte eine riesige Regenwolke direkt über dem Dach des Hauses.  Der sintflutartige Regenguss, der  auf das Land niederprasselte, bildete die Vorhut für die kommenden Ereignisse.
Der Vater schnarchte nichtsahnend  neben der Mutter,  als  ihn ein  Schlag  gegen die Rippen  aus den Träumen riss.
Unverzüglich ereilte ihn  der Auftrag,    die Treppe zum Wohnzimmer hinunter zu laufen und einen Anruf zu erledigen.   Bei einer Weigerung  stellte ihm die  Mutter weitere Ellbogenstöße in Aussicht. 
Hals über Kopf jagte der Vater aus dem Bett.    Im Halbschlaf hastete er die Treppe hinunter.  
Es grenzte  an ein Wunder, dass er nicht stolperte  und sich das Genick  brach.
Mit zittriger Hand griff  er im Wohnzimmer   nach dem Telefon und wählte die Nummer.  Drei Mal läutete es am anderen Ende der Leitung. Dann meldete sich eine tiefe Stimme.

„Es ist ein Notfall.“,  stotterte der Vater in den Hörer.
„Dieses Telefon läutet nur bei Notfällen.“,   brummte  die tiefe Stimme aus dem Hörer.
Nach wenigen Sätzen war das Telefonat beendet. Als der Vater ins Schlafzimmer zurück  stapfte,  wurde er bereits ungeduldig erwartet. „Was hat sie gesagt?“,    herrschte  ihn  die Mutter an.
Der Vater schlüpfte ins Bett und  zog sich die Daunendecke bis  zur Nasenspitze hoch.
„Die Geschichte hört sich einfach zu seltsam an, um sie zu verstehen.“,  begann er seinen Bericht.
Er hatte Anweisung bekommen, mit dem ersten Hahnenschrei des nächsten Tages   die  Badewanne  volllaufen zu lassen.  
Die Mybody,    hatte  ihn die Stimme am Telefon  wissen lassen,  würde noch in der gleichen Nacht die Segel  setzen.    Mit seiner Ankunft in der Badewanne wäre im Morgengrauen zu rechnen.  
Der Vater wusste mit diesem Seemannsgarn wenig anzufangen.  Die Mutter zeigte sich weniger erstaunt.
„Die Mybody ist ein Schiff.“, klärte sie ihren ahnungslosen Ehemann auf.
Ihre Augen leuchteten  in der Dunkelheit, als verglühte eine Sternschnuppe  darin.   
„Der alte Sam hat  seinen Anker gelichtet.“,  trällerte die Mutter ausgelassen.
Vor Freude trommelte sie  mit Händen und Füßen gegen die Matratze.   
Fassungslos wurde der Vater Augenzeuge, wie sich seine Frau, die  in der Blüte ihrer Jahre stand, zu einem   kleinen Mädchen  zurück entwickelte.
Mit  Mühe gelang es ihm,  das Verlangen zu unterdrücken,  den Zeigefinger auszustrecken und sich  damit an die Stirn zu tippen.
Die Vorstellung,  ein Zweimaster würde demnächst in der Badewanne auftauchen, war schon abwegig genug.  Viel mehr beschäftigte ihn der Gedanke,  dass seine Frau  mit einem der Matrosen auf vertrautem Fuß zu stehen schien.
 „Wer ist  Sam?“, fragte er eifersüchtig.
Augenblicklich blickte er in zwei finstere Gewehrläufe.  Es waren die zusammengekniffenen  Augen der Mutter.  Mit scharfer Stimme verbat sie dem Vater   die ungebührliche Anrede.

„Er heißt Captain Samuel Feelgood. Die Mybody steht unter seinem Kommando.“
Die Antwort traf den Vater mit der Wucht eines Peitschenschlages.
Er war durch  den verrückten Clown, der im Mund des Fräuleins „So-La-La“ seinen Unfug trieb,  an allerlei   gewöhnt. 
Selbst der  Anblick der  seltsamen Strichfiguren,  deren ballonförmige Köpfe von allen Wänden des Hauses grinsten, erschreckte ihn nicht mehr.
Aber die Vorstellung,  dass ein ihm völlig unbekannter Captain Feelgood   in seiner Badewanne  den Anker warf,   schadete  seinem  Blutdruck mehr als es ihm gut tat.
Mit dem festen Vorsatz,  den Likörkonsum im Haus stärker zu kontrollieren,  drehte er sich zur Seite  und  kippte in einen unruhigen Schlaf.
Während der folgenden Stunden, in denen  der Vater im Traum einem  Piraten hinterher jagte, der  über die Badewanne  Likörflaschen  ins  Haus schmuggelte,  tat die Mutter kein Auge zu. Mit  verklärtem Blick starrte sie zur Decke hoch.
„Captain Feelgood.“,   seufzte sie im Minutentakt.
Warum hatte sie nicht schon eher daran gedacht?  Der alte Seebär mit seinem messerscharfen Verstand  war  der richtige Mann,  um den Zwist zwischen dem Fräulein „So-La-La“ und ihrem Spiegelbild  zu beenden.   
Erst im Morgengrauen  löschte sie das Licht.
Ein  Sturmgeläut an der Haustür riss sie  nach wenigen Stunden  aus dem Schlaf.  Obwohl sich ihre Beine schwer wie Blei anfühlten,  hätte sie eine brennende Matratze nicht schneller aus dem Bett getrieben.  Hastig griff sie nach ihrem Morgenmantel und eilte die Treppe hinunter.
Im Vorzimmer   traf sie auf    das Fräulein  „So-La-La“.   Sie war  ihrer Mutter zuvor gekommen und hatte den morgendlichen Besucher ins Haus gelassen.  
Die Großmutter  stand breitbeinig in der offenen Tür.   Sie war gerade dabei, ihren durchnässten  Mantel auf die Garderobe zu hängen.
Die  in der Nacht angewehte  Regenwolke  entlud  immer noch ihre nasse Ladung über dem Haus.    

Oma Rosa  zeigte wenig Lust,  die  Zeit mit überflüssigen Wangen-küssen und  Umarmungen  zu verschwenden.  Sie verwies auf die schwere Tasche in ihren Händen und trieb zur Eile an.
„Es wird Zeit, das Quartier für  Captain Feelgood  vorzubereiten.“,  sagte sie und schritt umgehend  zur Tat.
Mit weit  ausholenden Schritten durchquerte sie  das Wohnzimmer.  
Die  Tasche in der einen und das Fräulein  „So-La“ an der anderen Hand,  stapfte  sie die Stufen zum Badezimmer hoch. 
Am Ende der Treppe  lief ihnen der Vater schlaftrunken in die Arme. Die nächtliche Piratenjagd hatte deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. 
Unrasiert und mit  dunklen Ringen unter den Augen sah er den Tabletten- und Alkoholschmugglern, denen er im Traum nachgestellt hatte,  zum Verwechseln ähnlich.
Die Begrüßung  fiel kühl aus.  
„Mein Sohn, du solltest aufhören mit nächtlichen  Anrufen, einer alten Frau den Schlaf zu rauben.“,  ermahnte Oma Rosa  ihren verdatterten Schwiegersohn.
Noch ehe der Vater  den Mund zu einer Erwiderung  aufbrachte,  schnitt sie ihm  das Wort ab.
„Über deine nächtlichen  Trinkgewohnheiten unterhalten wir uns später.“,   musste er sich anhören.
Damit erklärte sie die Freundlichkeiten für beendet.  Unmissverständlich gab   die Großmutter dem Vater zu verstehen,  dass sie   Dringenderes zu erledigen hatte,   als einen verkaterten  Trinker zu  bemitleiden. 
Captain Feelgood würde bereits   ungeduldig darauf warten,  in den Hafen einlaufen zu können.
Mit dem  Fräulein  „So-La-La“  im Schlepptau   verschwand  Oma Rosa   im Badezimmer und verriegelte  die Tür hinter sich.   
„Was geht hier Verrücktes vor.“,  rang der verdutzte Vater  nach Fassung.
Die Mutter, die am Fuß der Treppe  das Geschehen beobachtet hatte,  antwortete ihm mit einem Schulterzucken. 
Das Rauschen des Wasserhahns hinter der  Badezimmertür rief ihm den angekündigten Besuch des geheimnisvollen  Segelschiffes  in Erinnerung.

Die Leitungen im Badezimmer  arbeiteten unter Volllast für den not-wendigen Tiefgang.
Grobe Verwünschungen murmelnd,  stapfte der Vater die Treppe hinunter. Er hatte schlecht geträumt.  In seinem Kopf rumorte  eine vage   Eifersucht auf einen unbekannten Schiffsmatrosen,  dessen Schiff in seiner Badewanne  den Anker geworfen hatte.  
Er verspürte gute Lust, ins Badezimmer zu stürmen und den unliebsamen Gast samt der Großmutter aus dem Haus zu werfen. Aus Sorge um seinen Blutdruck verwarf er den Plan wieder und entschied, seinen Ärger vorerst mit einer Tasse Kaffee hinunter zu spülen.
Unterdessen hatte das Fräulein  „So-La-La“   begonnen,   die Großmutter   mit Fragen  über  Captain Feelgood zu löchern.   Sie  wollte unbedingt in Erfahrung bringen,   was es mit  dem geheimnisvollen Fremden auf sich hatte, dessen Ankunft unmittelbar bevorstand.
Seine Anreise mit dem Schiff war an sich schon merkwürdig, da Besucher gewöhnlich mit dem Auto vor fuhren. Noch seltsamer mutete ihr der Ort seiner Ankunft an. Die Großmutter erwartete Captain Feelgood nicht an der Haustür, sondern in der Badewanne.
„Sciher war  er  ein Friebueter  mit den dciksten Knaonen an Brod.“,  erging sich das Fräulein „So-La-La“ in haarsträubenden Vermutungen.    
Oma Rosa  schüttelte den Kopf.
„Er war ein friedfertiger Schiffskapitän, der keiner Menschenseele etwas zuleide tat.“, erwiderte  sie.
„Dnan kmäpfte er mit gefärhlcihen Seeungehueern auf Lbeen und Tod?“
Wieder musste die Großmutter die Hoffnungen  des Fräuleins „So-La-La“  enttäuschen.
„Ich fürchte, er hat keinen einzigen Fisch an den  Haken gekriegt, der größer war als ein Hering.“
Das Fräulein  „So-La-La“  runzelte  die Stirn.   Wer war dieser geheimnisumwitterte  Seemann,  der ein Schiff steuerte, das weder Kanonen noch Fischernetze an Bord hatte?   Sie unternahm einen letzten Anlauf.
„Bestmimt hat er unbeknante Lnäder  entdkect und  die Welt görßer gemcaht.“
Die Großmutter winkte erneut ab.

„Ich fürchte, auch diese Heldentat blieb ihm versagt. Zu seinen Lebzeiten wurde die Welt um keinen Quadratzentimeter größer,  als sie es bereits  war.“
Mittlerweile hatte das heiße Wasser, das aus den Leitungen strömte,  die Wanne zur Hälfte gefüllt.  Der hochsteigende Dampf hüllte den kleinen Raum in dichte Rauchschwaden. 
Mit dem  kritischen Blick  eines Hafenmeisters prüfte Oma Rosa den Wasserstand.  
„Der Ankunft von  Captain Samuel Feelgood steht nichts mehr im Weg.“,   zeigte sie sich mit dem Pegelstand der Badewanne zufrieden.
Das Fräulein  „So-La-La“ hielt der Aufregung nicht länger stand.    Flugs  schlüpfte sie  aus dem Nachthemd und sprang in die  Wanne, um die Einfahrt  des Schiffes aus nächster Nähe zu beobachten.  
Langsam stachen die Umrisse des Zweimasters durch den aufsteigenden Wasserdampf. Captain Feelgood steuerte sein Schiff  hart backbord. Eine steife Brise blähte die Segel.  Er hielt  direkt auf das Fräulein „So-La-La“ zu. 
Auf Höhe ihres linken Knies, das zur Hälfte  aus dem Wasser ragte,  riss er das Ruder herum und  leitete  in einem  gewagten  Manöver  eine scharfe Wende ein. 
Eine gewaltige Bugwelle spritzte auf und brachte die  Mybody beinahe zum Kentern. Das Schiff schwankte bedrohlich nach allen Seiten, bevor  es in ruhiges Gewässer zurück fand.
Der Anblick des kleinen Zweimasters, der eine Armlänge von ihr entfernt im Wasser schaukelte, riss das Fräulein  „So-La-La“ unsanft aus ihren Träumen.  Ihr Zeigefinger zuckte nervös.  
Die Mybody  war kein richtiges Piratenschiff. Vom Bug bis zum Heck war es nicht länger als eine Limonadenflasche.  Der Rumpf war  aus  Streichhölzern geklebt. Zwei übereinander gestapelte Zigarrenschachteln bildeten die Kommandobrücke.  In der Mitte ragten zwei dünne Häkelnadeln hoch,  an denen kleine Stofffetzen hingen, die als Segeln dienten.
Der alte Kahn hatte nie auf einem Ozean   Wind und Wetter getrotzt. Sein Heimathafen war keine einsame Piratenbucht.  Viel eher  hatte  er die letzten hundert Jahre in einer Spielzeugkiste  auf einem Dachboden zugebracht.

Die Erscheinung von Captain Feelgood war nicht weniger armselig. Der Schwarm der Mutter entpuppte sich als fingergroße Spielfigur im Piratenkostüm, die mit den Füßen auf der Kommandobrücke des Schiffes geklebt war, um nicht von der ersten Welle über Bord gespült zu werden.
Das Fräulein „So-La-La“ sparte nicht mit empörten Blicken. Man hatte sie mit falschen Versprechungen in die Badewanne gelockt.
Captain Feelgood und sein Schiff Mybody schienen dem verstaubten Fundus eines Puppentheaters entsprungen zu sein.
„Was in deiner Badewanne schwimmt, sieht aus wie ein Streichholzboot, das von einem Plastikkapitän gesteuert wird.“, bestätigte die Großmutter, was ohnedies nicht zu leugnen war.
Aber wer genauer hinsieht, erkennt etwas völlig anderes.“   
Die echte Mybody,   berichtete sie,   musste keinen  Stürmen mehr trotzen. Sie war vor vielen hundert Jahren mit Mann und Maus im Indischen Ozean versunken.
Captain Feelgood hatte bis zuletzt auf der Kommandobrücke seines Schiffes ausgeharrt und ruhte mit ihm auf dem Grund des Meeres.
In den Erzählungen der Seeleute aber hatte seine Geschichte bis in die heutige Zeit überdauert.  In jedem Hafen warf sie ihren Anker aus.  Nachts schlich sie als unruhiges Gemurmel um die Kais. In den Kneipen wurde sie flüsternd von einem Ohr zum anderen weiter gereicht.
„Und manchmal taucht sie in der Badewanne eines kleinen Mädchens auf.“,  scherzte die Großmutter.
Der echte Captain Feelgood war keine Augenweide, dem die Herzen der Menschen zuflogen. Eine Laune der Natur hatte ihm die Statur eines kartoffelförmigen Zwerges mit kurzen Armen und Beinen gegeben. 
In seinem pockennarbigen  Gesicht herrschte ein  Durcheinander, als hätte ein  gewaltiger  Sturm darin  gewütet.  Alles  wirkte schief und verschoben.  Das spitze Kinn ragte aus seinem Gesicht wie ein  sturmgepeitschtes  Riff  aus einem Ozean. 
Seine Hakennase war von tausenden Seestürmen krumm geschliffen.   Über dem linken Auge trug er eine Augenklappe.

Wenn er den Mund  öffnete,  blitzte  ein Gebiss auf, das einem scharfzahnigen  Fangeisen  glich.
Das Schiff sah nicht weniger ungewöhnlich aus als sein Kapitän.  Es war ein alter Seelenverkäufer, den die kleinste Brise auf den Grund des Meeres  zu schicken drohte.
In den Augen von Captain Feelgood war der marode Kahn das beste Schiff, das über die Meere segelte.
Beim Gedanken an den Zweimaster glänzten seine Augen.   Er liebte seine Mybody,  wie sie war.    Das Schiff  hatte ihn ein Seemannsleben lang  nicht in Stich gelassen und  der stürmischsten See getrotzt.
„Seine Planken mögen morsch  und die Segel zerrissen sein.   Aber um Nichts würde ich es tauschen wollen. Denn ohne dieses Schiff hätte ich die Weite des  Ozeans  nicht  erfahren.“, schwärmte er.
Captain Feelgood war mit sich im Reinen.  Er  haderte weder mit seinem  Aussehen, noch mit dem Zustand des Schiffes, das unter seinem Befehl stand.
Warum sollte er auch?   Es existierte kein Hafen,  an dem die Seeleute nicht ängstlich den Blick senkten, wenn er ihnen in die Augen sah.  
In jeder Kneipe von  Kneipe von Alaska bis Madagaskar  wurde es totenstill, sobald  sich sein  Schatten in der Tür abzeichnete.   
Die wenigen  Großmäuler, die in seiner Gegenwart ein  spöttisches Wort wagten, durften auf keinen Pardon  hoffen. 
„Ich habe in das Auge des fürchterlichsten aller Feinde geblickt. Und bei Gott, ich stünde nicht hier, wenn ich ihn nicht besiegt hätte.“, donnerte er den Unglücklichen entgegen, dass der Putz von den Wänden bröckelte.
Sein Ansehen gründete auf der Macht dieser Worte.  Nur die Tapfersten fanden  den Mut, es Captain Feelgood   gleich zu tun.   Und die allerwenigsten unter  ihnen kehrten als Sieger zurück.
Mit offenem Mund lauschte das Fräulein  „So-La-La“  dem  Seemannsgarn ihrer Großmutter.

Der  Ärger  über das armselige Streichholzboot in der Badewanne war wie weggeblasen.
„Womit hat er den Seemännren enien slochen Scherkcen eingejgat.“,  fragte sie mit erregter Stimme.
„Er hat ihnen einen  Spiegel vor die Nase gehalten.“,    antwortete die Großmutter.
Wer in deisen Speigel bilckte,  bileb für alle Ziet darin gefnagen.“, schoss wie es aus einer Pistole aus dem Mund des Fräuleins „So-La-La“.
Sie  entzückte sich an der Vorstellung,  ihr  unsägliches Spiegelbild an diesen Ort zu verbannen.
Oma Rosa lächelte milde. 
„Ein kleiner Taschenspiegel bietet nicht genügend Platz für ein Gefängnis  dieser Größe.“, widersprach sie.
Einmal beflügelt, war Phantasie  des Fräuleins  „So-La-La“  nicht zu bremsen.
„Er hat den Mneschen irhe Zuknuft geziegt.“,   beschwor sie einen anderen  Zauber, dem Captain Feelgood seine Macht über die Menschen verdankte.  
Wieder verneinte die Großmutter.
„Es war ein gewöhnlicher Taschenspiegel.   Man sah  darin nichts anderes als in jedem anderen Spiegel.“
Das Fräulein „So-La-La“  gluckste enttäuscht.  Die Geschichte entwickelte sich ganz und gar nicht nach ihren Vorstellungen.  
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder  auf das kleine Streichholzboot, das in der Wanne schaukelte.  Es war Zeit, den alten Kahn  zurück  zu den Fischen zu schicken.
Das Fräulein  „So-La-La“  stampfte mit den Füßen im  Wasser, bis sich  eine  gewaltige Sturmflut aufbrauste.
Woge für Woge  brach  über  den kleinen Zweimaster zusammen.   Die Nussschale wehrte sich tapfer gegen den Untergang.   
Da ertönte ein lauter Knall.   Blitzartig erlosch das Licht in der Deckenlampe.  Der Raum verschwand in pechschwarzer Dunkelheit.  Der beißende Geruch von Schweiß und Tabakrauch schwängerte die Luft.  Nach bangen Sekunden flackerte die Flamme eines Streichholzes in der Hand der Großmutter auf.

Mit aufgerissenen Augen starrte das Fräulein  „So-La-La“ in eine gespenstische Szenerie.   
Das  Badezimmer hatte sich in eine dunkle Hafenkneipe verwandelt.
Im Licht brennender  Kerzenstumpen blickte sie in die verschlagenen Gesichter bärtiger Gesellen.  Sie hockten auf hölzernen Tischen und gaben sich Mühe,  den auf den Schiffen verdienten Lohn beim Würfelspiel zu verlieren. Ihr Stimmengewirr erfüllte den winzigen Raum mit einem dröhnenden Singsang.  Sie unterbrachen ihr Gerede nur, um an  den Tabakpfeifen zu paffen oder sich den  Rum becherweise in die  Kehlen zu kippen. 
Merkwürdigerweise  nahm niemand Notiz von dem kleinen  Mädchen, das mitten unter ihnen  in einer  Badewanne festsaß.
Vorsichtshalber ging das Fräulein  „So-La-La“ auf Tauchstation.  Lautlos glitt sie  unter die Wasserlinie,  bis nur noch ihre Nasenspitze aus dem Wasser ragte.
Es war keine Sekunde zu früh.  Denn mit gewaltigem Getöse schlug eine Tür auf.  Ein  kalter Luftzug wehte durch den Raum und löschte alle Kerzen aus.
Die Seeleute verstummten mitten im Satz und verdrehten die  Hälse zum Eingang der Hafenkneipe.  
Der Wind, der  durch den offenen Türschlag  strömte, blähte die Segel des Zweimasters in der Badewanne und steuerte ihn auf einen verhängnisvollen Kurs.  In voller Fahrt prallte er gegen ein  aus dem Wasser ragendes Hindernis.
„Aua.“, schrie das Fräulein  „So-La-La“ auf.
Nach Luft schnappend schnellte sie hoch  und rieb sich die geschwollene Nase.   Sofort bemerkte sie  die  sonderliche Gestalt,  die  breitbeinig im offenen Türrahmen stand. Das Licht der Straßenlaterne warf seine Silhouette bis in die letzte Tischreihe.  Auf seinen kümmerlich kurzen  Beinen ragte der Zwerg gerade bis zur Türklinke  hoch.   
Sein Kopf  hatte die Form einer riesigen Wassermelone mit einem Dreispitzhut obenauf.    Über dem linken Auge trug er eine Augenklappe.  
Trotz seiner komischen Erscheinung  starrten ihn  die  rauen  Gesellen an den  Tischen mit versteinerten Mienen an.  Niemand wagte ein Zucken oder Räuspern. 
„Cpatian Feelgood.“, kreischte das Fräulein So-La-La“ auf  und wünschte im selben Atemzug  ihre vorlaute Zunge zum Teufel.

Hundert Augenpaare wanderten gleichzeitig  in ihre Richtung. Spontan entschied das Fräulein  „So-La-La“,    wieder  auf Tauchstation zu gehen und toter Fisch zu spielen.
Langsam schritt Captain Feelgood  die stummen Reihen  ab.  Die gesenkten Köpfe der Seeleute  bildeten  das Spalier für seinen Empfang.   Mit  zusammengekniffenen Augen musterte er  jedes Gesicht.
Den Seemännern stand der Schweiß auf der Stirn.  Sie wussten ihr  Leben an einem seidenen Faden.   Wer sich  zu einem Grinsen hinreißen ließ  oder einen spöttischen Blick wagte,  war unrettbar  verloren.  Ohne Erbarmen  würde ihn  Captain Feelgood  dem schlimmsten aller Feinde ausliefern.
Das Klappern seiner  Stiefelabsätze hallte  auf dem kalten Steinboden  endlos durch den Raum.   Viel zu lange für einen scheintoten Fisch, der an die Oberfläche  musste, um nach Luft zu schnappen.    
Als das Fräulein  „So-La-La“  aus dem Wasser tauchte, sah sie sich Nasenspitze an Nasenspitze dem pockennarbigen  Gesicht von Captain Feelgood gegenüber.
„Bei allen rostigen Enterhaken, was haben wir hier für eine seltsame Wasserleiche.“, brüllte er und brach  in ein schallendes  Gelächter aus.
Nach einem kurzen Zögern stimmten  die Seeleute  in sein Lachen ein.   Nicht wenige nutzten die Gelegenheit den ausgestandenen Schrecken mit einem Becher Rum hinunter zu spülen. 
„Ich bin kiene Lieche.“,  protestierte der verrückte Clown im Mund  des Fräuleins  So-La-La“.
Verzweifelt versuchte das Fräulein „So-La-La“ seinen  törichten Charakter in Zaum zu halten. Aber die übermütige Zunge hatte Blut geleckt.
„Wer  so  kmoisch ausseiht wie du ,  soltle nciht mit dem Figner auf andree Luete ziegen.“,   richtete sie Captain Feelgood aus.
Schlagartig verstummte das Gegröle an den Tischen.   Die Luft war zum Zerreißen gespannt.  Etwas Ungeheuerliches war geschehen. Ein kleines Mädchen hatte gewagt, Captain Feelgood herauszufordern.  
„Habe ich richtig gehört.  Ich, der dem schlimmsten aller Feinde ins Auge geblickt und ihn   besiegt habe, werde der Lüge beschuldigt.“, polterte Captain Feelgood zornig zurück.

Drohend schweifte sein  Blick durch den Raum. Die Seeleute steckten die Köpfe ein. 
„Ein Schuft ist jeder, der einen ehrbaren Captain einen Lügner nennt. Ein solches Vergehen verdient eine angemessene Strafe.“, donnerte Captain Feelgood und zauberte einen kleinen Taschenspiegel aus seinem Rock hervor.
Das Fräulein  „So-La-La“ zitterte in der Wanne  wie ein aus dem Wasser gezogener Fisch.
Nun wurde auch ihrer verrückten  Zunge klar, in welches Schlamassel sie sich hineingeritten hatte.
„Es war kiene Abcsiht., “  winselte sie um Gnade.
Ihr Flehen verhallte ungehört.  Captain Feelgood war ein unbarmherziger Richter.
„Bist Du bereit dem schlimmsten aller Feinde gegenüberzutreten und dich mit ihm zu messen?“,     verkündete  er das mitleidlose Urteil.
Ein  Raunen ging  durch die Reihen der Seeleute.  Nicht einer saß unter ihnen,  dem das Auge  trocken blieb.  Sie waren  hartgesottene Burschen,  denen kein Sturm zu wild und keine Seeschlacht zu grausam war. 
Aber mitansehen zu müssen, wie ein kleines Mädchen dem schlimmsten aller Feinde ausgeliefert wurde,  rührte auch sie  in der Seele an.
Captain Feelgood schwang den Spiegel über seinen Kopf  wie ein Scharfrichter das Beil.  Es herrschte Totenstille im Raum, als hielte die ganze Welt für einen Augenblick den Atem an.   Dann schnellte sein Arm herunter.
Ein vielstimmiger Aufschrei schwappte die Tischreihen entlang.
„Schau hinein und blicke dem schlimmsten aller Feinde ins Auge.“,  vollstreckte Captain Feelgood die verhängte Strafe. Das Fräulein „So-La-La“ stieß einen entsetzten Aufschrei aus, als sie in den Spiegel blickte. Schonungslos legte er jeden Makel an ihr frei.  Die Fratze im Spiegel hätte  nicht hässlicher sein können.  Nichts war ihr mehr verhasst als das eigene Spiegelbild.  Captain Feelgood hatte seine Drohung wahr gemacht.  Auge in Auge stand sie dem schlimmsten aller Feinde gegenüber.
Angeekelt wandte das Fräulein „So-La-La“ den Blick ab.

„Kämpfe mit ihm.“, wehte der Wind, der durch die Tür hereinblies,  eine ferne Stimme an ihr Ohr.
„Wie slol ich ihn beseigen. Er ist zu strak.“, schluchzte  das Fräulein  „So-La-La“ und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
„Liebe dich,   wie du bist. Liebe das, was du bist. Nur dann kannst du den schlimmsten aller Feinde bezwingen. “
Der Klang der vertrauten Stimme wirkte Wunder.
Das Fräulein  „So-La-La“  streckte dem verhassten Spiegelbild,  das hämisch  aus dem Taschenspiegel von Captain Feelgood grinste,   die Hand   entgegen.
„Miene Hraae gälnzen wie Siede.“,  wagte sie  einen zaghaften Versuch, sich mit ihrem schlimmsten Feind auszusöhnen.
Die Fratze im Spiegel schlug das Friedensangebot verächtlich aus.
Dieses filzige  Gestrüpp will niemand auf seinem Kopf sehen.“, konterte es siegesgewiss.
„Miene Nsae ist wnuderschön.“,  stotterte  das Fräulein  „So-La-La“.
„Der Zinken sieht aus wie eine Kartoffel.“, widersprach das Spiegelbild.
In dieser Tonart ging es endlos weiter. Es entwickelte sich ein zähes Ringen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Das Fräulein „ So-La-La“ kämpfte verbissen.
Langsam schwanden ihre Kräfte. Am Ende stand es nicht gut um sie.   Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihr Spiegelbild endgültig die Oberhand gewann.
Alles oder nichts wagte  das Fräulein  „So-La-La“ eine allerletzte Attacke.
„Ich mag dcih.“,  schleuderte sie ihrem verhassten Spiegelbild entgegen.
„Was  du bist, bin ich. Was ich bin, bist du. Und wie es ist, ist es gut.“
Hatte sie selbst zu diesen Worten gefunden? Oder waren sie ihr auf wundersame Weise ins Ohr geflüstert worden?
Das Fräulein  „So-La-La“ redete wie im Fieber. Unentwegt wiederholte sie die Sätze. Anfangs zitterte ihre Stimme, dass man kein Wort verstand. Aber von Mal zu Mal klangen die Vokale fester, die Konsonanten entschlossener, die Silben kraftvoller.

Die Salven erwischten ihren Gegner unvorbereitet.  
Das Fräulein „So-La-La“ hatte den schlimmsten aller Feinde an seiner empfindlichsten Stelle getroffen. Seine Überheblichkeit geriet ins Wanken.
„Siehst du nicht die hässliche Fratze im Spiegel.“,    stammelte das Spiegelbild.
Das Fräulein  „So-La-La“ blieb  nicht weniger unbarmherzig als es  Captain Feelgood bei ihr gewesen war.    Der schlimmste aller Feinde verdiente keine Milde.
Mit entschlossener Stimme holte sie zum entscheidenden Hieb aus.
„Ich leibe dcih.  Wie du bsit.  Und was du bsit.“
Nun geschah das Unfassbare. Der Fratze löste sich in Luft auf.   An seiner Stelle strahlte das  Gesicht  eines fröhlichen Mädchens  aus dem Spiegel.   Ihr Haar schillerte  in den Farben der Sonne.   In ihren Augen glitzerte das Leuchten des kommenden Tages. Und um ihre Lippen schimmerte der erste Morgentau.
Fasziniert betrachtete das Fräulein  „So-La-La“ ihre neue Erscheinung.   
Ungläubig streckte sie die Hand nach dem Spiegelbild  aus.  Im selben Augenblick schoss ein heller Blitz aus der Deckenleuchte über der Badewanne.  Ein grelles Licht durchflutete den Raum.  
Aus der Ferne ertönte die fluchende Stimme von  Captain Feelgood, in die sich ein vertrauter Klang mischte.   
„Was zum Teufel  geht  hier vor?“
Das Fräulein  „So-La-La“  drehte den Kopf nach allen Richtungen.  Ungläubig starrte sie auf die weißen Fliesen des Badezimmers.
Die schummrige  Hafenkneipe hatte sich in Luft aufgelöst.  Mit ihr waren auch  das Gegröle der Seeleute und der Geruch von Tabak und Schweiß verschwunden.
Aus den Augenwinkeln beobachtete das Fräulein „So-La-La“   wie  die Großmutter das Streichholzboot mit der Plastikfigur aus der Wanne fischte und in ihrer Tasche verstaute.
„Ich hoffe, ihr habt keinen Schrecken bekommen, als das Licht ausging. Der Toaster in der Küche hat einen Kurzschluss ausgelöst.“,  rief  eine Stimme in der offenen Tür.

Das Gesicht, das im Türrahmen auftauchte,  war nicht weniger schief als das von Captain Feelgood.  Aber es trug unverkennbar die Züge des Vaters. 
„Man stürmt nicht ungefragt das Badezimmer einer Dame.“,  brummte  die Großmutter, die auf einem Hocker neben der Wanne saß.
Der Vater grinste hämisch und zog einen dicken   Schlüsselbund aus seiner Hose.
„Für den Fall, dass eine alte Piratenfregatte das Badezimmer kapert und einem kleinen Mädchen die Ohren mit wirren Geschichten vollplappert, gibt es zu jeder Tür einen Zweitschlüssel.“,   antwortete er.  
Dabei  maß er die Großmutter  mit einem geringschätzigen Blick  von Kopf bis zum Fuß, um keinen Zweifel offen zu lassen,   welche Art von  Fregatte gemeint war.
Eine Handtasche, die ihn mitten auf die Nase traf,  beendete sein Siegesgeheul.   Mit einem wilden Fluch auf den Lippen  wischte er sich das Blut aus dem Gesicht und suchte sein Heil in der Flucht.
Während  Oma Rosa   den verstreuten Inhalt ihrer Handtasche aufsammelte, schweiften die Gedanken des Fräuleins  „So-La-La“ ab.
Hatte sie wirklich den  schlimmsten aller Feinde besiegt?
Oder war sie einem närrischen  Spuk aufgesessen, den ihre   Großmutter angezettelt hatte?  In diesem Fall war nichts gewonnen.  Der nächste Blick in den Spiegel würde sie in das alte Jammertal zurückwerfen.
Sie  griff nach dem Handtuch, das ihr die Großmutter reichte und stieg am ganzen Körper bibbernd  aus der Wanne.  Beim Abtrocknen ihrer Haare bemerkte sie unter dem Waschtisch einen glänzenden Gegenstand.  Blitzschnell rutschte sie auf den Knien über den Boden und schnappte danach.
Triumphierend hielt sie Oma Rosa den Fund  unter die Nase.   Der kleine Taschenspiegel beseitigte alle Zweifel.
Es ist kien Tarum gewseen.“, schrie sie aufgeregt.
„Catpian Feelgood hat es wriklich gegbeen.“
Das  Fräulein  „So-La-La“ herzte  das Beweisstück wie ein Heiligtum.  Nie wieder würde sie sich von diesem  kostbaren Schatz  trennen.

Solange der Taschenspiegel ihr gehörte, musste sie den schlimmsten aller Feinde nicht fürchten. In ihre Freude mischte sich plötzlich Angst.
Ein schrecklicher Gedanke schoss wie ein Blitz durch ihren Kopf.  Was würde geschehen, wenn Captain Feelgood seinen Verlust bemerkte und den Spiegel zurückforderte?
„Es besteht dafür kein Anlass zur Sorge.  Captain Feelgood besitzt einen großen Vorrat an Spiegel.“,  zerstreute die Großmutter ihre Zweifel.
Das Geräusch nahender Schritte  lenkte die   Aufmerksamkeit wieder zur Tür.    
Im Eingang  tauchte das besorgte Gesicht der Mutter auf. Sie wedelte mit einem blutigen Taschentuch in ihren Händen.
„Ist etwas Schlimmes passiert?“, fragte sie sichtlich verwirrt.
Auch in diesem Fall sorgte Oma Rosa für Entwarnung.  
„Captain Feelgood hat eine aufdringliche Nase blutig geschossen. Und ein kleines Mädchen hat einen großen Sieg errungen.“,  fasste sie das Geschehen zusammen.
Das Fräulein „So-La-La“ nickte mit dem Kopf, als wollte sie der Mutter bestätigen, dass kein Wort davon gelogen war.
Anstatt die neugierigen Fragen der Mutter zu beantworten, drängte die Großmutter zum Aufbruch. Eilig packte sie ihre Tasche zusammen  und lichtete den Anker.  
Sie segelte mit einer  steifen Brise im Rücken die Treppe hinunter, als  das Fräulein „So-La-La“ ihrer Mutter das wertvolle Beutestück präsentierte.
„Cpatian Feelgood ist heir gewseen.  Und er hat sienen Speigel zurcükgelsassen.“ Atemlos berichtete sie die Umstände,    wie der Schatz in ihre Hände gelangt war.
„Er hat mienem Speigelblid beigebarcht, schön auszusheen.“,  platzte das Fräulein „So-La-La“  fast  vor Freude.
Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf  und warf sich vor dem Taschenspiegel in Pose. Nie war sie glücklicher gewesen als in diesem Augenblick. Sie konnte sich gar nicht satt sehen an ihrem Spiegelbild. 
„Ich bin die Schnöste.“,  jubelte sie über ihren Triumph.
Die Mutter hatte den kleinen Taschenspiegel auf den ersten Blick erkannt. Es war ein Wiedersehen nach vielen Jahren.

Ihre Hoffnung hatte sie nicht enttäuscht. 
Auf den alten Sam war Verlass.  Seine ruppige Art gefiel nicht jedem. Natürlich  besaß er nicht das Recht, eine Nase aus nichtigem Anlass blutig zu schießen. Aber an seiner Arbeit gab es nichts auszusetzen.
Er hatte seinen Anker im richtigen Augenblick ausgeworfen und einem kleinen  Mädchen  beigebracht, an sich selbst zu glauben.
Für einen kurzen Moment schloss die Mutter  die Augen.
Sie  sah Captain Feelgood auf der Kommandobrücke seines Schiffes stehen und ins offene Meer hinaus segeln.   In dem Spiegel, den er in seiner Hand hielt, spiegelte sich die Weite des Ozeans.
In beiden Elementen war eine Menschenseele auf sich allein  gestellt. Wer sich dort hinwagte, musste den Mut aufbringen, sich selbst zu ertragen.  Diese Tapferkeit besaßen die Allerwenigsten.
Als das Schiff von Captain Feelgood am Horizont verschwand, war nicht mehr als Augenblick vergangen. Das Fräulein  „So-La-La“ hatte breitbeinig vor dem Spiegel  Aufstellung genommen. Voller Stolz betrachtete sie ihr Gesicht.
Ich msus kiene Agnst mher hbaen.“,  ahmte sie die Stimme von Captain Feelgood nach.
„Ich hbae dem schlmimsten alelr Fiende ins Ague geblcikt. Und bei Gtot, ich stnüde nciht heir, wnen ich nciht geseigt htäte.“
Dabei lächelte sie mit der gleichen Zuversicht in den Spiegel,  mit der Captain Feelgood über die Meere fuhr.

Fortsetzung folgt…..