
12.) BUCH
DIE GESCHICHTE…
wie das Fräulein „So-La-La“ den Zauber entdeckt, der alle Geschichten erzählt und den Mittelpunkt der Welt findet

Der Tag, an dem das Fräulein „So-La-La“ die alten Bücher in der Dachkammer des Vaters entdeckte, stellte ihr Leben für immer auf den Kopf. Fortan kreiste ihr ganzes Denken um einen einzigen Wunsch. Irgendwann wollte sie eine Geschichte sein, die in einem Buch um die Welt reiste.
Ob sie in der Bassstimme des Vaters die Gestalt mächtiger Könige annahmen. Im Hexengetöse der Großmutter düsteren Zauber heraufbeschworen. Oder im Feengeflüster der Mutter zum Leben erwachten.
Nichts bot mehr Abwechslung als das Leben, das die Geschichten führten.
Sie redeten in allen Sprachen und waren in jedem Zeitalter zuhause. Kein Kostüm und keine Kulisse waren ihnen fremd. Sie hatten nicht ein Leben. Ihnen standen Abertausende zur Auswahl.
In ihrem Charakter zeigten sie sich launisch wie das Meer. Ruhig und glatt an einer Stelle. Aufbrausend und stürmisch an einer anderen.
Ob sie zum Lachen anstachelten oder zu Tränen rührten. Ob mit ihnen der Puls raste oder die Augenlider schwer wurden. Ob sie mit lautem Gepolter die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Oder auf leisen Sohlen ihrer Wege gingen.
In einer Geschichte verstrich ein Tag mit einem Wimpernschlag. Und ein ganzes Jahr rauschte in einem Atemzug vorüber.
Es fiel dem Fräulein „So-La-La“ schwer, still an einem Platz zu sitzen. Sie trommelte mit den Fingern. Sie strampelte mit den Füßen. Sie zappelte mit den Armen. Sie wackelte mit dem Kopf.
Aber in der Gesellschaft eines Buches erstarrte sie, als wäre sie aus Stein gehauen. Nicht einmal der verrückte Clown in ihrem Mund, der sich sonst keine Gelegenheit entgehen ließ, sie in die schlimmsten Verwicklungen zu bringen, wagte es, einen Pieps von sich zu geben.
Auf welche Weise sich eine Geschichte auch erzählte. Ob ein Lachen zwischen den Sätzen war. Oder ein Weinen. Ob sie zum zum Fürchten waren. Oder zum Fingernägel beißen.
Im Charakter waren sie scheue Wesen, die bei der geringsten Störung Haken schlugen wie ein aufgeschreckter Hase auf dem Feld. Ein Zwischenruf oder ein abschweifender Gedanke reichten schon, um ihre Gunst zu verspielen. Ehe man sich versah, verlor sich ihre Spur auf Nimmerwiedersehen zwischen den Buchseiten.
Wer ihnen jedoch mucksmäuschenstill an den Lippen klebte, erlebte Dinge, die jede Vorstellungskraft sprengten.
Schon mit den ersten Sätzen verschwamm die Welt vor Augen. Die eigenen Gedanken verloren sich im Gewirr fremder Stimmen, die durch den Kopf schwirrten.


In ihrer Begleitung durfte man alles wagen. Was immer sie an Überraschungen bereithielten. Wie verschlungen die Pfade waren, an denen sie ihre Zuhörer entlang führten. In welche Abgründe man an ihrer Seite blickte.
Nach dem letzten Satz zerstoben die Bilder im Kopf wie Sand, den man in den Wind warf. Alles löste sich in Luft auf. Nichts war tatsächlich geschehen. Einzig die Zeiger der Uhr hatten sich ein Stück im Kreis gedreht.
Bei aller Begeisterung quälte das Fräulein „So-La-La“ unentwegt die gleiche Frage.
Gaben die Geschichten alle Geheimnisse preis? Oder behielten sie das Allerbeste für sich? Wartete hinter den geschliffenen Sätzen ein viel größerer Schatz darauf, entdeckt zu werden? Oder dienten die Bilder, welche die Geschichten in die Köpfe der Zuhörer zauberten, gar dem Zweck, ihren wahren Kern im Verborgenen zu halten?
Der Zweifel trieb sein teuflisches Spiel. Nach und nach gewann er die Oberhand. Ungeheuerliches flüsterte er dem Fräulein „So-La-La“ ins Ohr.
Wie konnte sie sicher sein, nicht um das Schönste betrogen zu werden, solange sie nicht mit eigenen Augen sah, was die Geschichten sahen?
Aber wie sollte sie es anstellen, ihnen das Geheimnis zu entreißen? Die Geschichten waren nicht mit den Händen zu greifen wie gewöhnliche Dinge. Sie blieben flüchtig wie das Licht und der Wind.
Eine Geschichte einzufangen, glich dem Versuch, einen Vogelschwarm zu verfolgen, der in alle Richtungen auseinanderstob. So schnell wie sie im Kopf zum Leben erwachte, verschwand sie wieder daraus, ohne einen Hinweis über ihren Verbleib zu hinterlassen.
Das tiefe Misstrauen des Fräuleins „So-La-La“ hatte seinen Grund.
Wenn es die Großmutter war, die ein Buch aufschlug, legten ihr die Geschichten alle Geheimnisse bereitwillig in den Mund. Das Strahlen in ihrem Gesicht verriet mehr als tausend Worte. Die Großmutter sah mit eigenen Augen, was die Geschichten sahen.
Aber wenn sie darin blätterte, verklumpte die Seiten zu einem stummen Haufen Papier, der nicht das Geringste preisgab.
Die Geschichten waren wie vom Erdboden verschluckt. An ihrer Stelle grinste dem Fräulein „So-La-La“ ein fetter Wurm entgegen, der sich in engen Schlingen durch die Seiten zog.


Der merkwürdige Bewohner zeigte keinerlei Anstalten vor ihren bohrenden Blicken Reißaus zu nehmen. Seelenruhig döste er vor sich hin, als wäre er an unerwarteten Besuch gewöhnt.
Der schlangenförmige Körper des Wurmes wühlte sich durch das gesamte Buch. In seinen Einzelteilen bestand er aus winzigen Zeichen, die sich in beliebiger Reihenfolge wiederholten.
Seine gigantische Länge zwang den Wurm auf kleinstem Raum zu hausen. Trotz der beengten Verhältnisse gedieh er prächtig.
Die größten Exemplare beanspruchten nicht selten hunderte Seiten, bis man sie von vorne bis hinten durchgeblättert hatte. Es war das ungebremste Wachstum des Wurmes, dass aus Büchern dicke Wälzer machte, deren Gewicht das Fräulein „So-La-La“ bisweilen an die Grenze ihrer Belastbarkeit brachte.
Was zuerst ein lästiges Ärgernis schien, spitzte sich bald dramatisch zu. Der Wurmbefall nahm ein erschreckendes Ausmaß an.
Hilflos musste das Fräulein „So-La-La“ mitansehen, wie ihm die gesamte Bibliothek des Vaters zum Opfer fiel. Welches Buch sie auch aus dem Regal zog. An welcher Stelle sie es aufschlug. Überall steckte der Wurm drin.
Auf jeder Seite stieß sie auf die gleiche Trostlosigkeit, als würde sie durch die leeren Räume eines Hauses streifen, das von seinen Bewohnern Hals über Kopf verlassen worden war.
Der Wurm, der ihren Platz eingenommen hatte, blieb stumm wie ein Fisch. Nichts brachte ihn dazu, Auskunft über das Schicksal der verschwundenen Geschichten zu geben. Weder die Drohung, ihm mit spitzen Fingernägeln zu Leibe zu rücken, der Versuch, ihn durch heftiges Kitzeln vermochten ihn einzuschüchtern.
Mit stoischer Gelassenheit erduldete er jede Folter, ohne dass ihm ein verräterischer Laut entfuhr.
Angewidert klappte das Fräulein „So-La-La“ den Buchdeckel zu. Keine Sekunde länger war sie gewillt, seinen Anblick zu ertragen.
Sie fühlte sich gedemütigt. Statt mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen, musste sie mit der Gesellschaft einer fetten Made vorlieb nehmen.
Beinahe hätte das Fräulein „So-La-La“ aufgegeben und die Bücher wieder sich selbst überlassen. Wäre nicht dieser letzte Zweifel gewesen.


Vielleicht war der Wurm gar nicht, was er vorgab zu sein? Womöglich diente er den Geschichten als willkommener Handlanger, dem die Aufgabe zukam, lästige Besucher zu vergraulen, die mit eigenen Augen sehen wollten, was sie sahen.
Dem Fräulein „So-La-La“ sah nur eine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden. In einem unbeobachteten Augenblick schmuggelte sie eines der Bücher in die Wohnung ihrer Großmutter.
Als Oma Rosa nichtsahnend die erste Seite des Buches aufschlug, schnappte die Falle zu. Quietschlebendig sprangen ihr die Geschichten von den Lippen.
Das Fräulein „So-La-La“ kochte vor Zorn. Fast wäre es den Geschichten gelungen, sie hinters Licht zu führen.
Der Wurm hatte sie nicht aus den Büchern vertrieben. Er war Teil eines hinterlistigen
Komplotts, um ihr das Beste vorzuenthalten.
Der erste Gedanke war Rache. Aber bald besann sie sich eines Besseren. Das Buch in den Ofen zu werfen, hätte die anderen Geschichten gewarnt, dass sie ihnen auf die Schliche gekommen war, überlegte das Fräulein „So-La-La“.
Klüger war es, weiter die Ahnungslose zu spielen. Irgendwann würde sich eine Gelegenheit bieten, sie zu überlisten. Dann könnte sie endlich mit eigenen Augen
sehen, was die Geschichten sahen.
Zum Schein mimte sie weiterhin die begeisterte Zuhörerin, die den Geschichten andächtig an den Lippen hing.
Tatsächlich schenkte sie der Handlung keinerlei Beachtung mehr. Ihre Aufmerksamkeit verschwendete sich an Namen, Orten und Jahreszahlen. Mit ihnen hoffte, sie die entscheidende Spur zu finden, die sie zum Versteck der Geschichten führte.
Der kleinste Hinweis war es wert, stundenlang über seine Bedeutung zu brüten. Sorgfältig wie eine Spinne webte sie an dem Netz, in das sich ihr Opfer verfangen sollte.
Kein Nebensatz durfte mehr übersprungen, kein Wort mehr verschluckt werden.
Jede noch so kleine Nachlässigkeit barg das Risiko eine entscheidende Wegmarke zu verpassen.
Innerhalb weniger Wochen agierte sie im Wirrwarr der Fäden, die sich durch die Geschichten zogen, mit der spielerischen Leichtigkeit eines Puppenspielers.


Nie landete eine Prinzessin in den Armen eines ungeliebten Prinzen. Nie kreuzte ein Entdecker mit seinem Schiff im falschen Ozean. Nie kämpfte sich ein Feldherr durch ein Jahrhundert, das nicht zu seiner Uniform passte.
In ihrem Eifer, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen, verlor das Fräulein „So-La-La“ jedes vernünftige Maß.
Stück für Stück ging der eigentliche Sinn der Bücher verloren. Sie waren keine Zeitabkürzungsmaschine mehr, um langweilige Mittagspausen, verregnete Nachmittage oder trostlose Winterabende zu vertreiben.
An ihre Stelle trat eine dumpfe Rechenmaschine, die alle Fäden miteinander verband, bis sie sich zu einem unentwirrbaren Knäuel verknoteten.
Ein fiebriger Alptraum wurde schließlich zum Auslöser der Katastrophe, die das Fräulein „So-La-La“ selbst heraufbeschworen hatte.
Zuerst purzelten die Namen durcheinander. Dann wollten die Kostüme nicht mehr zu den Kulissen passen. Auf dem Höhepunkt des Chaos irrten die Geschichten durch Jahrhunderte, wo sie gar nicht hingehörten.
Egal an welchem Faden das Fräulein „So-La-La“ zog. Kein Anfang führte mehr zu seinem richtigen Ende.
Als sich das Drama zuspitzte, betrat ein Arzt die Bildfläche. Er trug einen weißen Kittel. Die Miene, die er zur Schau stellte, war so ernst wie die schwarze Brille auf seiner Nase. Die zusammengekniffenen Augen, mit denen er das Fräulein „So-La-La“ von oben nach unten musterte, verhießen nichts Gutes.
Sie müsste sich auf das Allerschlimmste vorbereiten, verkündete der kahlköpfige Arzt die erschreckende Diagnose.
In ihren Verstand hätte sich ein bösartiger Wurm eingenistet, dessen Appetit nach Namen, Orten und Jahreszahlen unersättlich wäre.
Zur Veranschaulichung der Gefahr stellte der Arzt dem Fräulein „So-La-La“ einige Fragen. Der Reihe nach forderte er sie auf, ihm den Namen ihrer Lieblingspuppe, ihrer Großmutter und ihren eigenen zu nennen.
Die einfache Fragestellung versetzte das Fräulein „So-La-La“ in Panik. Wie sehr sie sich auch anstrengte. Sie konnte sich an keinen einzigen der vertrauten Namen erinnern.


Gleiches galt für die Orte und Jahreszahlen, die sie den Geschichten abgerungen hatte. Allesamt waren sie der gefräßigen Made zum Opfer gefallen.
Mit einem lauten Schrei auf den Lippen fuhr das Fräulein „So-La-La“ aus dem Schlaf.
Der Alptraum zog sich wie ein dunkler Schatten durch die folgenden Tage. Schon der Anblick eines harmlosen Regenwurms peitschte ihren Herzschlag zu einem wilden Trommelwirbel hoch.
Das Fräulein „So-La-La“ begann einen weiten Bogen um die Bücher zu schlagen, um der Made keine Gelegenheit zu geben, sich in ihren Kopf zu schleichen. Wochenlang setzte sie keinen Fuß in die Dachkammer des Vaters.
Die Liebe zu den Geschichten kehrte sich ins Gegenteil um. Niemand durfte mehr in ihrer Gegenwart ein Buch aufschlagen. Zu gefährlich war es ihr, dem Wurm Auge in Auge gegenüber zu treten.
Es dauerte nicht lange, bis Oma Rosa auf das seltsame Verhalten ihrer Enkelin aufmerksam wurde.
Sie war in ihrem Ledersessel gerade mit der Entdeckung Amerikas zugange, als sie von einem schreckerfüllten Schrei unterbrochen wurde. Mitten im Satz verstummte sie und legte das Buch zur Seite.
An diesem Tag Wichtigeres gab es Wichtigeres zu tun, als mit einer Fregatte an einer unbekannten Küste entlang zu segeln.
Das Fräulein „So-La-La“ kauerte mit tränenüberströmten Gesicht zu ihren Füßen.
„Bereiten dir die Geschichten keine Freude mehr?“, fragte die Großmutter das verheulte Elend, das unter dem Wohnzimmertisch hervorkroch.
Unter Tränen berichtete das Fräulein „So-La-La“ von ihrem Alptraum und der vergeblichen Sehnsucht, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen.
Oma Rosa hörte schweigend zu. Nach einer Weile nahm sie das Buch über die Entdeckung Amerikas wieder zur Hand und blätterte es an einer beliebigen Stelle auf. „Was siehst du darin?“, fragte sie.


Ihr Finger deutete auf eine Stelle in der Seitenmitte. Das Fräulein „So-La-La“ drehte angewidert den Kopf weg. Der bloße Anblick der hässlichen Made, die sich in engen Schlingen über die Seite bewegte, ekelte sie an.
Oma Rosa rückte sich die Brille auf der Nase zurecht. Ihr Zeigefinger glitt langsam die Schlangenlinie des Wurms entlang.
„Ich sehe ein mächtiges Schiff mit weißen Segeln, das durch einen blauen Ozean pflügt. Ein Matrose, der in einem Korb im Mastbaum sitzt und mit einem Fernglas den Horizont absucht, winkt mir entgegen.“
Die Großmutter hielt kurz inne. Sie blätterte auf die nächste Seite. Wieder folgte ihr Finger der Kriechspur des Wurms.
„Das Geschrei des Matrosen übertönt das Getöse des Meeres. Er schwingt sich auf einen Querbalken und winkt dem Kapitän, der auf der Brücke neben dem Steuermann steht. Eine heftige Welle schlägt gegen das Schiff. Der Matrose gerät aus dem Gleichgewicht. Im letzten Augenblick findet er Halt an einem Seil. Mit zittrigen Knien klettert er in den Korb zurück. Noch einmal richtet er sein Fernglas nach dem Horizont aus. Der Küstenstreifen, der eben noch ein schmaler Strich gewesen war, ragt nun deutlich über der Wasserlinie empor.“
Mit offenem Mund verfolgte das Fräulein „So-La-La“, wie der Zeigefinger der Großmutter den Wurm in einen mächtigen Ozean verwandelte, auf dem ein kleines Schiff den Wellen trotzte.
Zum ersten Mal sah sie mit eigenen Augen, was die Geschichten sahen. Aber ging alles mit rechten Dingen zu? Oder steckte eine geheime Magie dahinter?
Das Fräulein „So-La-La“ versuchte, es der Großmutter nachzumachen. Sie kratzte mit ihrem Zeigefinger die Linie des Wurmes entlang. Nichts passierte.
Weit und breit war kein Schiff auszumachen, das inmitten einer stürmischen See mit geblähten Segeln auf eine unentdeckte Küste zusteuerte.
Der Wurm blieb hartnäckig eine unansehnliche Made, die sich in engen Bahnen langsam die Seite hinunter schlängelte.


Der Zeigefinger der Großmutter nahm erneut Fahrt auf und glitt flott über die Zeilen.
„Ich sehe Land.“, donnerte sie aus voller Brust.
Sie hob den Kopf und starrte zum Fenster hinaus. In ihren Augen spiegelte sich das Staunen des Matrosen, der in seinem Mastkorb auf den Küstenstreifen eines unbekannten Kontinents blickte, der sich vor ihm aus dem Meer erhob.
Nachdem sie Amerika entdeckt hatte, verlor Oma Rosa das Interesse an der weiteren Schiffsreise.
Kommentarlos klappte sie das Buch zu und legte es auf ihren Schoß.
„Eine Seefahrt lässt die Kehle trocken werden.“, sagte sie und griff mit einer Hand nach der Kaffeetasse.
Mit der anderen fingerte sie eine sie eine Zigarre aus ihrer Schürze. Eine kleine Streichholzflamme flimmerte auf.
„Die Entdeckung eines neuen Kontinents verdient ein kleines Feuerwerk.“, lachte die Großmutter und blies eine Rauchwolke in Richtung der amerikanischen Küste.
Das Fräulein „So-La-La“ fühlte sich weniger in Feierlaune. Ihre Mundwinkel türmten sich zu einem traurigen Hügel hoch. Die Gedanken in ihrem Kopf schleppten sich einen steilen Berg hinauf.
Der Blick aus dem Fenster eröffnete ihr nicht die Weite eines Ozeans. Hinter den Glasscheiben wartete das triste Dächermeer der Vorstadt auf sie.
Ungefragt fischte sie das Buch vom Schoß der Großmutter und schlüpfte mit ihrer Beute unter den Küchentisch.
Als sie das Buch mit dem Rücken nach oben aufklappte und ausschüttelte, ergoss sich keine stürmische See in den Raum. Es purzelte auch kein Schiff mit weißen Segeln samt Matrosen über den Küchenboden.
Wie konnte sie nur darauf hereinfallen, ärgerte sich das Fräulein „So-La-La“.
Bestimmt lachte sich die Großmutter halbtot über die Dummheit eines Mädchens, das zwischen dünnen Papierseiten nach einem Schiff suchte, das auf einen unentdeckten Kontinent zusteuerte.
Hatte sie sich tatsächlich einen üblen Scherz mit ihr erlaubt? Aber wie erklärte sich dann der Ozean, den sie mit eigenen Augen in dem Buch gesehen hatte, als sie mit dem Zeigefinger der Linie des Wurmes gefolgt war?


In der Zwischenzeit genoss die Großmutter ihren Ruhm, an der Eroberung Amerikas mitgewirkt zu haben. Dass sie sich dabei um mehrere Jahrhunderte verspätet hatte, kümmerte sie wenig.
Sie nahm gerade einen tiefen Zug an ihrer Zigarre, als das Buch in hohem Bogen unter dem Küchentisch hervorflog und direkt vor ihren Füßen landete.
Augenblicke später tauchte der hochrote Kopf des Fräuleins „So-La-La“ auf.
Mehrmals hatte sie das Buch von vorne nach hinten durchgeblättert. Jedes Mal war das Ergebnis das gleiche gewesen. Sie hatte der Großmutter Furchtbares zu berichten.
Der Wurm hatte das Schiff samt dem armen Matrosen mit Haut und Haaren verschluckt. Obendrein hatte er einen ganzen Ozean leergesoffen. Und von Amerikas Küste war kein einziger Stein mehr übrig.
Die Großmutter zerplatzte fast vor Lachen.
„Ein Bücherwurm hat den armen Matrosen nicht gefressen, sondern ihn vor dem Vergessen bewahrt.“, klärte sie den Irrtum auf.
Das Fräulein „So-La-La“ traute ihren Ohren nicht. Unverblümt hatte die Großmutter eingestanden, dass die Geschichten mit dem Wurm unter einer Decke steckten.
Dabei stand ihr die größte Überraschung noch bevor.
„Der Zauber, den der Wurm beherrscht, ist mächtiger als der Tod. Er besitzt die Gabe, Menschen aus ihren Gräbern zu holen.
War die Großmutter noch bei Sinnen? Der Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“ rotierte wie der Propeller eines Flugzeuges. Im letzten Moment zuckte sie zurück.
Hatte sie dem Wurm etwa unrecht getan?
Beinahe drückte dem Fräulein „So-La-La“ ein schlechtes Gewissen. Nicht auszumalen wagte sie es sich, was ihr bevorstand, wenn er sich für die Folter mit den Fingernägeln Rache übte.
Für eine Made, die einen ganzen Ozean in ein kleines Buch zauberte, war es ein Leichtes ein Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen, von der Bildfläche verschwinden zu lassen.
Vielleicht hatte sie Glück im Unglück und landete wie der Matrose, der mit seinem Fernrohr als erster die Küste Amerikas erspäht hatte, in einem Buch.
Der Gedanke traf sie wie ein Stromschlag. Sollte ausgerechnet der Wurm ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen können, als Geschichte um die Welt zu reisen?


Eine Gänsehaut zog sich über ihren Rücken, als sie die Stimme der Großmutter vernahm.
„In einem Buch ist das Ende einer Geschichte kein Ende für immer. Man muss nur die Seiten zurückblättern. Schon beginnt alles von neuem.“
Das Fräulein „So-La-La“ kam aus dem Staunen nicht heraus.
Der Wurm konnte nicht nur einen Ozean auf die Größe eines Buches schrumpfen. Er war auch imstande, beliebig in der Zeit umher zu springen.
Das Fräulein „So-La-La“ spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen.
Sie hatte kein Interesse mehr, ihre Zeit mit der Suche nach einem Schiff zu vergeuden, das auf die Küste Amerikas zu segelte.
An diesem Nachmittag wartete etwas Größeres darauf, von ihr entdeckt zu werden, als ein verlassener Küstenstreifen am Ende der Welt.
Plötzlich erklärte sich, wie die Geschichten an jeden Punkt der Welt reisten , ohne die Züge, Busse und Flugzeuge zu verstopfen.
Die Großmutter nickte zustimmend.
Die herkömmliche Methode des Reisens käme für sie viel zu teuer, bestätigte sie die unausgesprochene Vermutung des Fräuleins „So-La-La“.
Allein die Anzahl der Umzugskisten, welche die Geschichten benötigten, würde alle verfügbaren Kapazitäten um das Tausendfache übersteigen.
Der Wurm würde dafür sorgen, die Reisespesen gering zu halten.
Abermals türmten sich die Mundwinkel des Fräuleins „So-La-La“ zu einem steilen Hügel auf.
Sie sah ihre Chancen, mit eigenen Augen sehen zu können, was die Geschichten sahen, auf den Nullpunkt sinken. Wie sollte es ihr ohne Fahrkarte gelingen, den Geschichten auf den Fersen zu bleiben?
Sie waren nicht auf die Dienste von Möbelpackern angewiesen. Auf das Format einer Taschenbuchausgabe geschrumpft, verschwanden ganze Weltreiche in Handtaschen und Koffern oder stapelten sich auf den Sitzen der Züge, Buse und Flugzeuge.
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, schritten die Fahrkartenverkäufer an ihnen vorbei.
„Verrcükte Wlet.“, entfuhr es dem Fräulein „So-La-La“.


Ihr Groll richtete sich gegen die Nachlässigkeit der Kontrolleure, die den Geschichten die Schwarzfahrerei gestatteten.
Lautstark beklagte sie den Missstand. Ihr Vorschlag, die Zugschaffner und Spediteure auf die blinden Passagiere aufmerksam zu machen, stieß bei Oma Rosa jedoch auf taube Ohren.
„Lieber verzichten sie weiterhin auf das entgangene Fahrgeld, als von einem Mädchen als Dummköpfe entlarvt zu werden.“, lachte sie.
„Ich wrede nie wie sie um die Wlet riesen knönen.“, glaubte das Fräulein „So-La-La“ nicht an das Mitleid der Fahrkartenverkäufer.
Bei einem Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch passte, ohne mit dem Kopf anzustoßen, würden sie unerbittlich eine Fahrkarte in Rechnung stellen.
Damit verlor sie die letzte Hoffnung, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen. Die Reisespesen waren zu hoch dafür.
Die Großmutter griff nach dem Buch, das vor ihren Füßen lag und blätterte es an einer beliebigen Stelle auf.
„Es braucht keinen Fahrschein, um einer Geschichte um die Welt zu folgen.“, sagte sie.
Ihr Zeigefinger glitt sanft die Linie entlang, auf der sich der Wurm über die Seiten schlängelte.
„Der Wurm, der in Büchern haust, erzählt alle Geschichten, ohne ein einziges Wort auszulassen. Wenn du ihn zum Reden bringst, lässt er dich sehen, was die Geschichten sehen.“
Das Fräulein „So-La-La“ schüttelte traurig den Kopf. Alle bisherigen Versuche, dem Wurm einen Ton zu entlocken, waren kläglich gescheitert. Wie sollte sie das ändern können?
Ab und zu geschahen auch Wunder. Oder man hatte eine Großmutter mit einem klugen Kopf und einer Leidenschaft für stinkende Zigarren zur Hand.
„Für diese Kunst gibt es besondere Zauberschulen.“, sorgte sie für eine Überraschung.
Die Verwirrung des Fräuleins „So-La-La“ war so groß, dass der verrückte Clown in ihrem Mund vergaß, seinem schlechten Ruf gerecht zu werden.
„Und ich darf dort zur Schule gehen?“, stieß er im richtigen Wortlaut hervor.
„Daran besteht nicht der geringste Zweifel.“, antwortete die Großmutter.


„Alle Kinder lernen den Zauber, der den Wurm in den Büchern zum Sprechen bringt.“
Das Fräulein „So-La-La“ brach in spontanem Jubel aus.
Sie konnte den Satz nicht oft genug hören. Mehrmals zwang sie die Großmutter, ihr Versprechen zu wiederholen. Vorsichtshalber kniff sie sich in die Wange, um sich vergewissern, dass sie nicht träumte.
Bei aller Freude mischte sich rasch ein kleiner Wermutstropfen darunter. An den
Anmeldestellen für die Zauberschule herrschte ein großes Gedränge. Es gab eine feste Reihenfolge. Niemandem war es erlaubt, sich vorzudrängen.
Es scheiterte nicht an der Größe. Aber solange sich ihr Alter an den Fingern einer Hand abzählen ließ, war nichts zu machen.
„Dafür braucht es einen Finger mehr, als Du an einer Hand findest.“, lachte die Großmutter.
Einstweilen musste sich das Fräulein „So-La-La“ also noch mit dem Schweigen des Wurmes abfinden.
Sie tröstete sich damit, die Neuigkeit angeberisch ihrer Lieblingspuppe ins Ohr zu flüstern.
„Aus mir wrid enies Tgaes enie gorße Zuaberin.“, prahlte sie mit stolzgeschwellter Brust.
„Dnan behrersche ich die Zuaber, der alle Geshcichten erzhält, onhe ein eniziges Wort auszulsasen.“
Die Worte zergingen ihr wie Schokolade auf der Zunge.
Ein Leben lang würde sie sich an die neidischen Blicke der Puppe erinnern, als sie ihr den mächtigen Zauber in allen Einzelheiten beschrieb.
Was gab es Herrlicheres, als die Aussicht, mit den Geschichten um die Welt zu reisen? In der gleichen Nacht erschien dem Fräulein „So-La-la“ wieder der Arzt, im Traum, der sie vor dem Wurm ihrem Kopf gewarnt hatte. Sie erkannte ihn an seiner Glatze und der schwarzen Brille auf seiner Nasenspitze.
Er hatte ihr lediglich mitzuteilen, dass der bevorstehende Besuch einer Zauberschule eine weitere Behandlung überflüssig machte. Der Zauber, der dort gelehrt würde, hätte sich seit Jahrhunderten als wirksamste Medizin gegen das Vergessen bewährt.
Nach dieser Ankündigung löste sich der Arzt wieder in Luft auf.
Am nächsten Morgen funktionierte das Gedächtnis des Fräuleins „So-La-La“ klaglos wie eh und je.


Die Namen purzelten nicht länger durcheinander. Die Kostüme passten wieder zu den Kulissen. Und alle Geschichten spielten im richtigen Zeitalter.
Die Aussicht mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen, ließ das Fräulein „So-La-La“ große Pläne schmieden. In ihrem Kopf hatte sie sich bereits eine Reiseroute zurecht gelegt.
Zuerst wollte sie sich in der Steinzeit umsehen. Dann würde sie die Burgen des Mittelalters erkunden. Weiter standen abenteuerliche Entdeckungsfahrten und ein Ausflug an den Hof eines berühmten Königs auf dem Programm. Zum Schluss plante sie noch eine Reise in die Zeit, als ihre Großmutter als junge Hexe auf ihrem Besen wilde Steilkurven um die Kirchtürme der Stadt flog.
Aber am allerbesten fühlte sich die Vorstellung an, selbst eine Geschichte zu sein, die um die Welt reiste.
Bedauerlicherweise bot ihr Leben nicht viel Erzählenswertes, das die Strapazen einer solchen Reise rechtfertigte. Noch die langweiligsten unter den Bilderbuchgeschichten hatten mehr erlebt als sie.
Was dazu gedacht war, den Blick zu schärfen, verkehrte sich ins Gegenteil.
Am Ende erklärten die Geschichten dem Fräulein „So-La-La“ nicht mehr die Welt. Sie verstellten ihr den Blick darauf.
Alles Zureden half nicht. Es wäre leichter gewesen, eine geknickte Blume aufzurichten als das Fräulein „So-La-La“.
Kein Sonnenaufgang wollte mehr gefallen. Keine Abenddämmerung genügte mehr den hohen Ansprüchen.
„Was hlift der schnöste Rhamen, wnen das Blid daziwschen lnagwielig ist.“, bejammerte sie ihr eintöniges Schicksal.
Sie war ein Mädchen, das einen verrückten Clown im Mund hatte, der ihr jedes Wort zu einem Buchstabensalat verdrehte.
Aber sonst?
Ihre Mutter zog jeden Morgen die Sonne über dem Horizont am Himmel hoch und ihre Laune bestimmte, wie das Wetter wurde.
Aber sonst?
Ihr Vater kletterte abends mit der Aktentasche im Arm bis zu den Sternen hinauf, um das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel zu schrauben.
Aber sonst?


Ihre Großmutter roch nach Hexenschmiere und verbarg das Beweis-stück über ihre wahre Natur vor den Augen der Welt unter dem Bett.
Aber sonst?
Eine solche Geschichte reiste nicht um Welt. Bestenfalls unternahm sie einen Ausflug in den Nachbargarten.
Als sie ihren Kummer bei der Großmutter beklagte, fiel dieser vor Lachen die Zigarre aus dem Mund. Das Malheur hinterließ ein schwarzes Brandloch in ihrem Kleid.
Die Besichtigung des Schadens konnte ihre Laune nicht trüben.
„Ich sehe den beleidigten Mittelpunkt der Welt vor mir, der beinahe die eigene Großmutter in Brand gesteckt hätte.“, grinste sie.
Die Antwort des Fräuleins ließ nicht lange auf sich warten. Sie streckte den Zeigefinger aus und tippte ihn zweimal gegen ihre Stirn.
Wer ein Mädchen, dessen einziges Talent es war, aufrecht unter dem Tisch zu stehen, ohne sich den Kopf anzustoßen, zum Mittelpunkt der Welt erklärte, hatte nichts Besseres verdient.
Oma Rosa nahm die Beleidigung hin, ohne mit der Wimper zu zucken.
Natürlich wäre das Sache der Auslegung, sagte sie und blies eine dicke Rauchwolke zur Decke hoch.
Dann erklärte sie zum des Staunen ihrer Enkelin, dass die Welt unwiderlegbar die Form einer Kugel hätte. Aus dieser Tatsache wäre es für jedermann leicht, den Mittelpunkt der Welt festzulegen. Man müsste dazu lediglich den eigenen Standpunkt zum Nabel der Welt erklären. Das wäre durchaus nichts Ungewöhnliches, sondern ein alltägliches Verfahren.
Abermals umwölkte eine dicke Rauchschwade ihren Kopf.
Dem Fräulein „So-La-La“ kam die Sache nicht geheuer vor.
Vorsorglich versteckte sie ihren Zeigefinger unter dem Pullover, damit er sich zu keiner weiteren Dummheit hinreißen ließ.
Gewiss schadete ein bisschen Berühmtheit nicht bei ihrem Vorhaben, als Geschichte um die Welt zu reisen. Aber sollte sie gleich so weit gehen, sich zum Mittelpunkt der Welt auszurufen?


Papperlapapp, fuhr ihr Oma Rosa in die Parade.
Die Mitte der Welt wäre nicht in Stein gemeißelt und zudem ständig in Bewegung. Für die Bestimmung der aktuellen Position würde es vollauf genügen, morgens die Zeitung aufzuschlagen.
Wer jedoch den wahren Mittelpunkt der Welt ins Auge fassen würde, hätte es nicht nötig, sein Gesicht im Fernsehen oder in den Zeitungen zu sehen.
Schon gar nicht bedurfte es einer Landkarte für seine Bestimmung.
Während sich die Großmutter mit ihrer Rede punktgenau auf die Mitte der Welt zubewegte, tauchte vor dem Fräulein „So-La-La“ das schemenhafte Bild einer Zielscheibe auf.
Zweifellos markierte der schwarze Punkt in der Mitte einer Zielscheibe den gefährlichsten Punkt. Wobei es nicht ankam, wie oft er tatsächlich getroffen wurde. Die Mehrheit der Einschläge landete weit abseits von ihm. Ungleich bedrohlicher wirkte dagegen die Tatsache, dass jeder Schuss auf ihn abzielte.
Angesichts dieser Gefahr blieb dem Fräulein „So-La-La“ unerklärlich, warum es die Menschen liebten, im Mittelpunkt zu stehen.
Ihr Zeigefinger begann unruhig zu zucken. Er überbrückte die Zeit bis zu seinem Auftritt, indem er unter dem Pullover den Tiefgang des Bauchnabels seiner Besitzerin vermaß.
Der ungewöhnliche Zeitvertreib ihre Zeigefingers traf das Fräulein „So-La-La“ wie der Blitz.
Neugierig schob sie ihren Pullover hoch und beäugte die Stelle. Bisher hatte sie dem unförmigen Loch in ihrem Bauch wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Die einzige Aufgabe, die sie ihm bisher zugedacht hatte, war es, die Stelle zu markieren, an der sie den Gürtel ihrer Hose festzog.
Ratlos blickte das Fräulein „So-La-La“ auf das Loch in ihrer Körpermitte. Die Erkenntnis, dass es sich genau auf halber Strecke zwischen dem Haaransatz und der Fußsohle befand, trug wenig bei, das Interesse an ihm zu steigern.
„Der Bauchnabel ist kein unnützer Schandfleck.“, besserwisserte die Großmutter ungefragt.


„Er erinnert jeden Menschen an seinen Anfang.“
Das Fräulein „So-La-La“ bedankte sich mit einer sauren Miene. Dafür musste sie ein Leben lang mit einem unförmigen Krater im Bauch herumrennen.
„Der Nabel am Bauch zeigt dir, aus welcher Mitte du abstammst.“, unternahm die Großmutter einen neuen Anlauf, sie von der Wichtigkeit des Bauchnabels zu überzeugen.
Genervt drehte das Fräulein „So-La-La“ ihr den Rücken zu. Dass die Kinder in den Bäuchen ihrer Mütter heranwuchsen, hatte nichts mit dem Mittelpunkt der Welt zu tun.
„Weil drot der mieste Paltz ist.“, motzte sie aufmüpfig zurück.
Inzwischen hatte der Zeigefinger den tiefsten Punkt des Bauchnabels erkundet. Der Krater fühlte sich ganz und gar nicht großartig an.
„Deises Lcoh soll der Mtitelpnukt der Wlet sein?“, höhnte sie.
Mit Mühe unterband sie den Versuch des Zeigefingers, aus dem Pullover hervorzuschießen und sich gegen die Stirn zu tippen.
Die Großmutter blieb beharrlich.
„Wer seine Mitte verleugnet, verliert sich am Ende ganz.“, sagte sie.
Als Beweis diente ihr die Geschichte eines Seiltänzers, dessen Wagemut die Menschen begeisterte.
„Niemand anderer bewegte sich mit mehr Leichtigkeit auf dem Seil.“, schwärmte Oma Rosa von seiner Kunst.
„Schwerelos tanzte er über dem Abgrund, der sich unter seinen Füßen auftat. Bis an dem Tag, an dem er vergaß, ein Seiltänzer zu sein.“
Dem Fräulein „So-La-La“ schwante Schlimmes.
„Was ist mit ihm psasiert?“, stotterte der verrückte Clown in ihrem Mund.
Der Mund der Großmutter türmte sich zu einem steilen Hügel auf.
„Seine Füße fanden plötzlich keinen Halt mehr auf dem Seil. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte vor aller Augen kopfüber in sein Verderben.“
Da fiel es dem Fräulein „So-La-La“ wie Schuppen von den Augen.
Das traurige Ende des Seiltänzers lieferte ihr den entscheidenden Hinweis, wo sie den Mittelpunkt der Welt suchen musste.
Mit einem Satz sprang sie auf die Beine. Ohne Anlauf begann sie, sie Pfauenräder auf dem Küchenboden zu schlagen.


Nach einigen Überschlägen erstarrte sie. Langsam zog sie die Arme zur Seite hoch, bis sie eine Linie mit den Schultern bildeten. Sie beugte den Oberkörper nach vor und streckte das linke Bein nach hinten durch.
Anfangs hatte sie Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie ruderte mit den Armen, um nicht zur Seite zu kippen.
Dann passierte alles wie von selbst. Ihr Körper entspannte sich. Das Zittern im rechten Bein hörte auf. Sie schloss die Augen und ließ sich von ihren Gefühlen leiten. Ein wohliger Schauer durchströmte sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen.
Sie hatte aufgehört, ein Mädchen zu sein, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen. Sie war eine Tänzerin, die auf einem dünnen Seil balancierte. Alle Ängste verloren sich als winzige Punkte in der Tiefe.
Auf einmal hatte es keine Bedeutung mehr zu sehen, was die Geschichten sahen. Viel schöner fühlte es sich an, leichtfüßig auf dem unsichtbaren Seil zu schweben.
„Ist das der Mtitelpnukt der Wlet?“
Erwartungsvoll blickte sie zu ihrer Großmutter auf.
„Ich denke, du hast gefunden, wonach du gesucht hast. “, antwortete Oma Rosa.
„Das war kniderliecht.“, begeisterte sich das Fräulein „So-La-La“ an ihrer Entdeckung. Von nun musste sie nicht mehr eifersüchtig nach den Geschichten schielen, die in den Büchern um die Welt reisten.
Ihr eigenes Leben bot nicht weniger Aufregung und Spannung als sie.
Wie bemitleidenswert erschienen plötzlich die Menschen, die ihr Dasein an den Ehrgeiz vergeudeten, im Mittelpunkt der Welt zu stehen?
Für dieses Ziel nahmen sie jede Anstrengung in Kauf. Kein Preis war ihnen zu hoch und keine Dummheit zu groß. Erwartungsvoll sah man ihre Gesichter in die Kameras starren und aus den Zeitungen lachen.
Am Ende ereilte die meisten von ihnen das Schicksal des Seiltänzers.
„Sie scuhen an der flaschen Stlele.“, erkannte das Fräulein „So-La-La“ den Irrtum der Menschen.
Während sie verzweifelt nach dem Mittelpunkt der Welt Ausschau hielten, waren sie nie weiter von ihm entfernt als das winzige Loch in ihrem Bauch.
Man konnte ihn an jedem Ort der Erde finden. Es hörte sich beinahe zu einfach an. Man musste nichts anderes tun, als die Arme zur Seite strecken und auf einem Bein stehend das Gleichgewicht halten.