Das Blatt

Einmal wurde der Bär in das vornehme Haus gerufen, in dem der Drache wohnte. Das Haus war leer. Aber am Eingang lag ein dünnes  Blatt Papier mit dem Auftrag, es einmal um die Welt zu tragen.
Die einzige Bedingung lautete, jedermann sehen zu lassen, welche Fracht ihm anvertraut worden war.
Wenn er den Auftrag erfüllte, erwartete den Bären eine fürstliche Belohnung.
Sollte das Blatt jedoch bei der Rückgabe den geringsten Knick oder Riss aufweisen, würde man ihn ohne den  versprochenen Lohn fortjagen.
Der Bär musste nicht lange überlegen. Der Auftrag erschien ihm schnell verdientes Geld. 
Er quittierte den Empfang und machte sich auf den Weg. Es wurde eine lange Reise, Gleichgültig ob er auf dem Land, zu Luft oder über das Wasser reiste. Nichts war ihm wertvoller, als das dünne Blatt, das er mit sich trug. Selbst im Schlaf wachte er mit offenen Augen darüber.
Am Ende trennten den Bären nur noch wenige Stufen von der Erfüllung seines Auftrages, als er auf dem Boden etwas bemerkte, das seine Aufmerksamkeit erweckte. Er hob es hoch, und als er sah, was er gefunden hatte, zögerte er keine Sekunde. Er nahm das Blatt Papier und wickelte seinen Fund darin ein, damit er ihm nicht in den Händen zerbrach.  Vorsichtig trug er das empfindliche Stück die Treppe hoch.
Dort wurde er von dem Drachen  bereits in der offenen Tür  erwartet.
„Ich sehe, auf Dich ist kein Verlass“, geriet der Drache beim Anblick des zerknüllten Blattes in Wut.
„Dieses Papier stand als Zeichen unserer Freundschaft.“, zürnte er dem Bären. 
„Sie hat dir nicht mehr bedeutet hat als dieses Blatt, das dir gering genug war, etwas anderes darin einzupacken.“
„Ich habe das Blatt über Wochen und Monate wie meinen Augapfel gehütet.“, widersprach der Bär.
„Aber bevor ich es Dir zurückgeben konnte, habe ich etwas  gefunden, das noch wertvoller ist“.
„Was kann größer sein als die Freundschaft, die uns verbunden hat?“, fragte der Drache.
„Ich habe dir das Herz gebracht, nach dem du schon so lange Ausschau hältst.“, antwortete der Bär.
Dann kehrte er dem Drachen den Rücken und schritt langsam die Treppe hinunter, ohne seinen Lohn einzufordern.               

ENDE.