Das Schloss in den Wolken

Das Fräulein „So-La-La“ Illustration Sophie S.

Diese Geschichte hat sich nicht wirklich zugetragen. Sie ist nichts weiter als ein Traum im Kopf des Fräuleins „So-La-La“. Aber so wie ein Funken zu einem Feuer auflodert und ein Tropfen, der irgendwo vom Himmel fällt, zu einem Meer anschwillt, ist es manchmal ein Traum, der die Welt verändert. Hoffen wir in diesen Zeiten, dass der Traum bereits begonnen hat.
Es gab Tage, da wünschte sich das Fräulein „So-La-La“, in einer Welt zu leben, als mächtige Könige herrschten und nicht die hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefinger und mitleidigen Stimmen das Sagen hatten.
Mit neidischen Blicken schielte sie nach den alten Burgen, die auf der Spitze steil abfallender Hügel thronten. Mit ihren dicken Mauern, Türmen und Wehrgängen trotzten sie allen feindlichen Sturmläufen.
„Warum kann ich nicht haben, was sie haben?“, seufzte das Fräulein „So-La-La“.
Sie besaß nichts von alldem, um den Quälgeistern, die ihr mit dem höhnischen Getuschel über den verrückten Clown in ihrem Mund das Leben schwer machten, die Stirn zu bieten.
Keinen Wassergraben, der für die hochgezogenen Augenbrauen zu einem unüberwindbaren Hindernis wurde. Keine Zugbrücke, deren Ketten rasselnd hochfuhren, wenn ihr ein gestreckter Zeigefinger zu nahe rückte. Keine Zinnen, hinten denen kochendes Öl lagerte, um es auf die mitleidigen Stimmen zu schütten.
Der einzige Zufluchtsort, den sie hatte, war der Küchentisch, unter dem sie aufrecht stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen.
Als sie schließlich weigerte zum Mittagessen aus ihrem Versteck zu kommen, lockte sie die Großmutter mit einem überraschenden Vorschlag.
„Ich werde eine Burg für dich bauen, die bis zu den Sternen hoch ragt.“, versprach sie.
Allerdings galt ihr Angebot mit der Einschränkung, dass kein einziger Bissen auf dem Teller übrig bleiben durfte.
Kaum hatte die Großmutter ausgesprochen, saß das Fräulein „So-La-La“ bereits an ihrem Platz. Mit Riesenappetit schaufelte sie sich das Essen in den Mund, bis ihre Wangen zum Platzen anschwollen.
Als sie mit vollem Magen dem Beginn der Bauarbeiten für ihre Festung entgegen fieberte, erlebte sie eine Riesenenttäuschung.
Die Großmutter rührte keinen Finger, um ihr Versprechen einzulösen. Stattdessen öffnete sie das Küchenfenster und blickte zum Himmel hoch.
Die Burg, die sie dem Fräulein „So-La-La“ schenkte, war keine gemauerte Festung mit hohen Türmen und breiten Wehrgängen, sondern ein luftiges Gebilde aus Rauch und Nebel, das zwischen Himmel und Erde schwebte.
Der Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“ begann zu zucken. Das Verlangen, ihn ausgestreckt gegen ihre Stirn zu tippen, wurde immer übermächtiger.
Keinesfalls war sie bereit, ihren sicheren Unterschlupf unter dem Küchentisch gegen ein windiges Luftschloss zu tauschen.


„Ein Schloss in den Wolken ist mehr als ein Hirngespinst.“, reagierte die Großmutter beleidigt.
„Wer eine solche Burg besitzt, muss keine Feinde und keine Kanonenkugeln fürchten.“
Der Zeigefinger beharrte darauf, der Großmutter zu zeigen, was er von ihrem Geschenk hielt. Unaufhaltsam näherte er sich der Stirn des Fräuleins „So-La-La“.
Bevor es zum Äußersten kam, wies ihn eine donnernde Stimme in die Schranken.
In einem Tonfall, der üblicherweise der Ankündigung finsterer Prophezeiungen vorbehalten war, drohte ihm die Großmutter das Schicksal an , das den König getroffen hatte, der zuletzt versucht hatte, ein Luftschloss vom Himmel zu schießen.
Erschrocken brach der Zeigefinger sein Vorhaben ab und verschwand hinter dem Rücken des Fräuleins „So-La-La“.

Wie sich herausstellte, bewahrte ihn diese Entscheidung vor einem viel größeren Unglück als der Gesellschaft einer schlecht gelaunten Großmutter.
Denn der König, von dem die Rede war, zählte zu den mächtigsten Herrschern seiner Zeit. Sein Reich erstreckte sich von Osten nach Westen und von Süden nach Norden, ohne dass die Sonne darin unterging.
Seine Burg thronte auf einem wolkenverhangenen Felshang mit steil abfallenden Klüften.
Ihre Fertigstellung hatte viele Jahre gedauert. Jeder Steinbrocken, jeder Holzbalken und jedes Eisenstück mussten mühsam über schmale Pfade hochgeschleppt werden.
Als die Baumeister und Handwerker unter unendlichen Mühen ihre Arbeit vollendet hatten, ritt der König an der Spitze des Gefolges durch das fahnengeschmückte Tor seiner neuen Residenz. Ihm folgte in endlosen Reihen der Tross seiner Untertanen.
Der Anblick der Festung würde jeden Aufstand gegen ihn im Keim ersticken, war der König überzeugt.
Wer die Strapazen des Aufstiegs heil überstanden hatte, musste sich vor ihm in den Staub werfen und seine Ergebenheit beschwören.
Die scharfe Schneide des Schwertes, das der König in der Hand hielt, blitzte bedrohlich in der Sonne.
Keine einzige Stimme erhob sich gegen ihn. Niemand wagte es, seine Macht anzuzweifeln.
Ganz am Ende der Kolonne kämpfte sich ein alter Mann den Hügel hinauf. Jedem seiner Schritte ging das klackende Geräusch des Stockes voran, mit dem er den Boden abtastete.
Es blieb ein Rätsel, wie er es schaffte, die Burg zu erreichen, ohne über einen der steilen Abhänge entlang des Weges in sein Verderben zu stürzen. Denn der Alte war blind.

Als man ihn vor dem König in den Staub warf, erhob er seine Stimme.
„Du hast eine gute Wahl getroffen, deine Burg auf diesem Felsen zu errichten. Er ist deiner ebenbürtig. Denn er überragt alle anderen.“
Der König zeigte sich mit der Antwort zufrieden und winkte den Blinden mit einem Handzeichen fort.
Der Alte hatte jedoch noch nicht zu Ende gesprochen.
„Aber solange es in deinem Reich andere Burgen gibt, kann ich Deine Macht nicht bezeugen. Als meine Augen gesund waren, habe ich viele Festungen gesehen, die auf Hügeln standen, die diesem glichen, und deren Mauern trotzdem fielen.“ wagte er es, die Macht des Königs anzuzweifeln.
Das Gesicht des Königs färbte sich rot vor Zorn. Ein Raunen ging durch die Menge, als er sein Schwert erhob.
Obwohl sein Leben an einem seidenen Faden hing, zeigte der Alte keinerlei Angst.

„Vielleicht war er bloß mutig, weil er die Hand nicht vor Augen sah.“, beantwortete die Großmutter die Frage des Fräuleins „So-La-La“, warum der Blinde den Zorn des Königs anstachelte.
„Vielleicht wusste er, dass ihn der König nicht töten würde. Denn sein Tod hätte ihn mit der Frage zurückgelassen, warum sich ein Blinder anmaßte, seine Macht in Frage zu stellen.“
„An Stelle des Alten büßten andere mit ihrem Leben.“, berichtete die Großmutter weiter.
„Denn seine Worte hatten eine unselige Saat in den Kopf des Königs gestreut.“
Schon am nächsten Tag begannen die Soldaten alle Burgen des Reiches nieder zu reißen, damit sich die Weissagung des Blinden nicht erfüllte.
Die Besitzer, die sich weigerten, ihre Tore zu öffnen, wurden ohne Erbarmen niedergemetzelt.
Nachdem die letzte Festung dem Erdboden gleich gemacht war, rief der König den Blinden erneut zu sich.
„Es gibt keine andere Burg mehr in meinem Reich, die sich gegen mich erheben kann.“, berichtete der König.
„Da alle anderen Burgen zerstört sind, ist deine die mächtigste im ganzen Königreich.“, bestätigte ihm der Blinde.
Die Antwort stimmte den König milde. Er verzichtete darauf, das Todesurteil an seinem Gefangenen zu vollstrecken. Aber statt sich bedanken, stachelte der Alte den Zorn des Königs von Neuem an.
„In meinen jungen Jahren, habe ich viele Königreiche durchreist, auf deren Hügeln Festungen thronten, deren Mauern mir nicht weniger uneinnehmbar erschienen. Was gibt dir die Gewissheit, dass ihre Besitzer nicht mächtiger sind als du.“

Der König geriet außer sich vor Wut. Tagelang setzte er den Blinden der schlimmsten Folter aus. Aber selbst die schlimmsten Qualen konnten ihn nicht dazu bewegen, seine Worte zu widerrufen.
Der König wagte es auch dieses Mal nicht, den alten Mann zu töten.
Zu groß war seine Sorge, der Zweifel des Blinden an seiner Macht, könnte ein anderes Königreich dazu bewegen, gegen ihn in den Krieg zu ziehen.
In den folgenden Tagen zog sich der König mit seinen Generälen hinter verschlossene Türen zurück. Am Ende der Unterredungen erklärte er allen Königreichen, die an das seine angrenzten, den Krieg.
Nach langen und verlustreichen Schlachten ging der König als Sieger hervor. Wochenlang brannten die Burgen der anderen Königreiche lichterloh.
Auf dem Höhepunkt seine Triumphes suchte der König den Blinden auf, der auf dem Stroh seiner Zelle im Sterben lag.
„Von den Burgen der anderen Königreiche ragen nur noch Mauerreste zum Himmel hoch.“ überbrachte er ihm die Nachricht von seinen Erfolgen auf den Schlachtfeldern.
„Dann ist deine Festung nun die mächtigste von allen, die auf festem Boden errichtet worden sind.“, lautete die Antwort des Blinden.
Der König grinste siegesgewiss. Nun war der letzte Zweifel seiner Macht beseitigt. Bevor er jedoch sein Schwert zücken konnte, um den Alten zu töten, gefror ihm das Lachen zu Eis.
Hell und klar hörte er die Stimme des Alten in seinem Ohr. Sie hatte den Klang einer Fanfare, die zum Sturmlauf blies.
„Was gibt Dir die Gewissheit, dass ihre Mauern niemals fallen? Seit ich blind bin, sehe ich eine Burg, die um das Tausendfache mächtiger ist. Sie schwebt hoch in den Wolken, wo es bis den Sternen hinauf ragt.
Nach einem kurzen Zögern brach der König in ein schallendes Gelächter aus.
„Was du zu sehen glaubst, ist nicht mehr als ein Gebilde aus Nebel, das sich in Regen und Donner auflöst.“, hohnlachte er.
„Du täuscht Dich.“, widersprach ihm der Alte.
„Das Schloss in den Wolken wird mit Träumen erbaut. Und die Träume der Menschen sind uneinnehmbar. Der Tag wird kommen, an dem sie dich und deine Festung von diesem Hügel fegen.“

Es waren die letzten Worte des Blinden. Ein Schwerthieb brachte ihn für immer zum Schweigen.
Aber der Zweifel, den er gesät hat, lebte weiter in den Gedanken des Königs.
Von Tag zu Tag fiel es ihm schwerer, den Himmel über sich zu ertragen. Argwöhnisch begann er, den Zug der Wolken zu verfolgen. Bei jedem Gewitter, das sich über seiner Burg zusammenbraute, versetzte er die Soldaten auf den Wehrgängen in Alarmbereitschaft.
Jahre vergingen, ohne dass eine Rebellion gegen ihn ausbrach oder sich eine feindliche Armee unter den Mauern seiner Burg versammelte. Die Welt ging friedlich ihren Geschäften nach. Trotzdem lebte der König in ständiger Angst vor den Wolkengebirgen, die sich am Horizont aufbauten.
Die Vernunft sagte ihm, dass die einzige Fracht, die sie mit sich führten, Regen und Donner waren. Aber die Prophezeiung des Blinden spukte wie ein entferntes Echo durch seinen Kopf.
Eines Tages entlud sich ein gewaltiges Gewitter über der Burg des Königs. Ein Blitz schlug in das Dach eines Hauses ein und setzte es in Brand. Rasch griff das Feuer auf die anderen Gebäude über.
Inmitten der berstenden Mauer entschied sich der König zu einem verhängnisvollen Gegenangriff. Er gab Befehl, alle Kanonen senkrecht zum Himmel auszurichten und auf die Gewitterwolken zu feuern. Aber kein einziger Schuss erreichte sein Ziel. Stattdessen fielen die Kanonenkugel auf die eigene Burg zurück und schlugen riesige Breschen in die dicken Mauern. Im Glauben einer feindlichen Übermacht gegenüber zu stehen, flohen die Soldaten Hals über Kopf aus ihren Stellungen.
Einzig der König blieb in den brennenden Ruinen zurück. Als er im Feuerschein der brennenden Burg zum Himmel hoch blickte, glaubte er die Umrisse eines riesigen Schlosses zu erkennen. Wie es ihm der alte Mann vorher gesagt hatte, ragte es bis zu den Sternen hoch. Es brauchte keine Mauern, Türme und Wassergräben, um uneinnehmbar in den Wolken zu schweben.
Im Sterben begriff der König, wer sein wahrer Widersacher war. Kein Aufstand und keine feindliche Armee waren ihm zum Verhängnis geworden. Der Traum eines Blinden, der seine Hand nicht vor Augen sehen konnte, hatte ihn besiegt.


Das Letzte, das der König sah, war ein Blitz, der wie ein Schwert aus dem Himmel auf ihn herab stieß. Mit einem gewaltigen Donner schlug er in den höchsten Turm seiner Burg ein.
Augenblicke später begrub die Steinlawine des berstenden Gemäuers den König unter sich.
Mit ungläubigem Staunen verfolgte das Fräulein „So-La-La“ das Ende der Geschichte. Ein altersschwacher Greis und ein Gebilde aus Nebel und Rauch hatten den mächtigsten König seiner Zeit zur Strecke gebracht.
„Träume und Luftschlösser vermögen mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.“, sagte die Großmutter.
„Der Stoff aus dem sie gemacht sind, beugt sich keiner Macht. Sie lassen sich weder mit den Händen fassen noch mit Kanonenkugeln sturmreif schießen.“
Das Gesicht des Fräuleins „So-La-La“ strahlte vor Freude. Nie wieder würde sie sich vor den hochgezogenen Augenbrauen, gestreckten Zeigefingern und mitleidigen Stimmen unter dem Küchentisch verstecken müssen.
Als sie ans Fenster lief und zum Himmel hochblickte, sah sie es zum ersten Mal mit eigenen Augen.
Am Horizont zogen die Umrisse einer mächtigen Festung herauf. Uneinnehmbar türmte sich ihr Schloss in den Wolken bis zu den Sternen hoch.

ENDE.