Vom verlorenen Glück

Illustration Fräulein „So-La-La“   Sophie S.

Von allen Geschichten, welche die Großmutter dem Fräulein „So-La-La“ erzählte, war diese Geschichte die Unglücklichste.
Sie handelte von einem Mädchen mit wunderschönen Augen, in denen ein Leuchten war, das die Welt zum Strahlen brachte.
Eines Tages geschah etwas Beunruhigendes. Die Tage wurden kürzer und die Schatten länger. Mit sorgenvollen Mienen starrten die Menschen zum Himmel hoch, der sich dunkel gefärbt hatte.
Aufgeschreckt suchten sie nach dem Mädchen, deren Licht die Welt erstrahlte.
„Hatte sie keinen Namen.“, unterbrach das Fräulein „So-La-La“ die Großmutter aufgeregt.
Die Großmutter biss sich die Lippen schmal, was sie immer tat, wenn sie über etwas nachdachte.
„Eigenartig.“, antwortete sie.
„Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen. Obwohl er den gleichen Anfangsbuchstaben hatte wie die Sonne, scheint er mir entfallen zu sein.“
Die Suche nach dem verschwundenen Mädchen nahm sehr viel Zeit in Anspruch. In einer Welt, in der die Tage kurz und die Schatten lang waren, war es nicht leicht, etwas zu finden.
Als die Menschen ihr Versteck aufgespürt hatte, wurde ihnen klar, warum aus der Welt ein dunkler Ort geworden war. Die Augen des Mädchens leuchteten nicht mehr.
„Ich habe mein Glück verloren.“, erzählte sie tränenüberströmt von ihrem Kummer.
Die Menschen schüttelten ungläubig ihre Köpfe.
Wer sollte einem Mädchen, dessen Strahlen die Welt schöner und heller gemacht hatte, das Glück stehlen wollen?
Zuerst stellten sie den Wind zur Rede. Aber der Wind wies jede Schuld von sich,
„Ich habe ihr Glück nicht verweht.“, sagte er.
„Warum sollte ich etwas fortblasen, das ich mit Liebe gestreichelt habe.“
Am Ende war dem Wind nichts nachzuweisen. Die Menschen mussten ihnen unbehelligt seines Weges ziehen lassen.
An seiner Stelle geriet der Regen unter Verdacht, das Mädchen um sein Glück gebracht zu haben. Aber trotz des strengen Verhörs, dem man ihn unterzog, bestritt er jede Beteiligung daran.
„Ich habe ihr Glück nicht gestohlen.“, wusch der Regen seine Hände in Unschuld.
„Warum sollte ich etwas fortspülen, das jeden Tropfen von mir zum Strahlen brachte.“


Am Ende fanden die Menschen keine Erklärung, warum dem Mädchen das Glück abhanden gekommen war.
Im fraglichen Zeitraum hatte es nirgendwo ein Erdbeben oder eine Flutwelle gegeben. Auch war kein Komet vom Himmel gestürzt oder ein Stern versehentlich aus seiner Umlaufbahn geraten.
Auf die Frage, wie es den Verlust bemerkt hatte, zuckte das Mädchen hilflos mit den Schultern.
„Ich habe das Glück ich meinem Herz getragen. Plötzlich ist es daraus verschwunden wie etwas, das aus der Tür gegangen und nicht mehr zurückgekehrt ist.“
Die Menschen trösteten das Mädchen und versprachen, ihr das verlorene Glück wieder zu beschaffen.
Zunächst versuchten sie, eine Beschreibung von ihm anzufertigen.
„Wie hat dein Glück ausgesehen?“, fragten sie das Mädchen.
„Ich habe mir nie ein Bild davon gemacht.“, antwortete sie.
„Alles was ich von ihm weiß ist, dass es mir näher und tiefer ging als alles andere. Nun spüre ich es nicht mehr, weil es mich verlassen hat.“
Die Menschen schüttelten enttäuscht die Köpfe. Die Lage war ernster als gedacht.
Ein verschwundenes Glück zu finden, von dem es weder eine Beschreibung noch ein Bild gab, erschien ihnen ein aussichtsloses Unterfangen.
Die Vorstellung für immer in einer Welt zu leben, in denen die Tage für immer kürzer und die Schatten länger blieben, veranlasste die Menschen, eine Konferenz, an der sich die klügsten Köpfe beteiligten, einzuberufen. Bevor sie mit ihren Beratungen begannen, klopften sie mit einem kleinen Hämmerchen auf den Tisch, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Im Anschluss wurden alle führenden Experten in Glücksangelegenheiten aufgefordert, ans Rednerpult zu treten und ihre Vorschläge zu unterbreiten.
Den Anfang machte der Glückspilz.
„Ich lasse ihr Glück über Nacht aus dem Boden schießen.“, verkündete er großspurig.

Das Mädchen sah ihn lange an. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Mein Glück wächst nicht aus dem Boden.“, sagte sie.
Mit gesenktem Haupt verließ der Glückspilz das Podium. Nach ihm kam die Glücksfee an die Reihe.
„Ich erfülle ihr alle Wünsche.“, gab sie sich sich siegessicher.
„Mein Glück lässt sich nicht herbeizaubern.“, antwortete das Mädchen.
Enttäuscht räumte die Zauberfee für den nächsten Kandidaten das Feld.
„Ich liefere ihr das Glück frei Haus.“, versprach der Glücksbringer, dem sein Beruf ins Gesicht geschrieben stand. Aber auch seine Methode brachte keinen Erfolg.
„Niemand kann mir das Glück bringen.“, erteilte ihm das Mädchen eine Absage.
Mit lautem Gegrunze drängte das Glücksschwein ans Rednerpult.
„Mein Speck hat noch jeden glücklich gemacht.“, behauptete es vollmundig.
„An meinem Glück hing kein Gramm Fett.“, versagte ihm das Mädchen den erhofften Durchbruch.
Langsam breitete sich in den Reihen der Konferenzteilnehmer Unruhe aus. Erste Tränen flossen.
Die Glückszahl, die als nächstes dran war, hatte bereits Mühe, sich Gehör zu verschaffen.
„Wer an mich glaubt, gewinnt das Glück.“, brüllte sie in die Menge. Die Nervosität war ihr deutlich anzumerken.
„Mein Glück war keine Zahl.“, seufzte das Mädchen traurig.
Daraufhin wurde die Glückszahl von der Bühne gepfiffen. Allen weiteren Redner nach ihr erging es nicht besser.
Auch das Glücksrad, der Glückstreffer, die Glückslotterie, der Glückskeks und der Glücksklee konnten dem Mädchen nicht das verlorene Glück ersetzen.
Unverrichteter Dinge kehrten sie an ihre Plätze zurück.
Die Verzweiflung im Saal artete zum Tumult aus. Türen schlugen krachend ins Schloss. Einzelne Konferenzteilnehmer flohen unter lautem Schluchzen nach draußen. Andere weinten sich still die Augen aus.
Noch einmal keimte kurz Zuversicht auf. Ganz zum Schluss traten drei Glückskinder gleichzeitig auf.
„Wir lächeln sie glücklich.“, hofften sie, durch ihre Überzahl die entscheidende Wende herbeizuführen.
Das Mädchen blickte die Glückskinder mit großer Liebe an.
„In meinem Glück spiegelte sich kein Kinderlächeln.“, antwortete sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Die Traurigkeit in ihrer Stimme ließ die Köpfe der Glückskinder wie geknickte Blumen aussehen.

Der Anblick machte jede Hoffnung zunichte. Die Konferenz wurde aufgelöst, ohne einen Beschluss zu fassen.
Die Menschen strömten in eine Welt zurück, über der ein dunkler Schatten lag, von dem niemand wusste, ob er eines Tages verschwinden würde.
Das ungewisse Ende der Geschichte bestürzte das Fräulein „So-La-La“.
In ihrem Kopf stürmten die wildesten Fragen gleichzeitig los.
Was war aus dem Mädchen geworden? Hatte sie ihr Glück wieder gefunden, das ihr verloren gegangen war wie etwas, das aus der Tür ging und nicht mehr zurückkehrte?
Die Antwort der Großmutter blieb rätselhaft.
„Irgendwann haben die Menschen aufgehört, an sie zu denken.“, sagte sie.
„Wie kommt es sonst, dass sich niemand mehr an den Namen des Mädchens erinnert, der mit dem gleichen Buchstaben begann wie die Sonne. Aber der Ausgang der Konferenz hat ihnen bewiesen, dass niemand das Glück für einen anderen finden kann. Jeder muss selbst danach suchen.“
Nun hielt das Fräulein „So-La-La“ nichts mehr auf ihrem Stuhl. Sie sprang auf die Füße und lief zum Fenster. Auf den Zehenspitzen stehend, reckte sie sich hoch und drückte die Nase gegen die Glasscheibe.
Über ihr leuchtete eine helle Sonne auf einem blauen Himmel. Kein einziger Schatten verdunkelte die Felder und Wiesen.
Der Anblick zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht.
Wie immer das Glück ausgesehen hatte, das dem Mädchen verloren gegangen war? Es hatte keinen Glückspilz nötig, damit ihre Augen wieder leuchteten. Auch brauchte es keine Zauberfee, keinen Glücksbringer, kein Glücksschwein und alle anderen nicht, die das Glück versprachen.
Es genügte die Zuversicht, eines Tages etwas zu finden, das sich nahe und tief anfühlte.
Der Anblick der Welt lieferte dem Fräulein „So-La-La“ die Antwort, wie die Geschichte ausgegangen war.
Erleichtert wandte sie sich nach ihrer Großmutter um und streckte den Daumen nach oben.
Das Mädchen, das mit der Sonne den gleichen Anfangsbuchstaben teilte, hatte ihr Glück wieder gefunden. Es bestand nicht der geringste Zweifel daran. Denn die Welt hinter dem Fenster strahlte herrlicher denn je und die Tage waren lang wie nie.
Die Großmutter nickte zufrieden.
„Dann sollten wir uns mit ihr freuen. „, sagte sie.

ENDE.