Die Begegnung

Manchmal entstehen Freundschaften dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet. Als würden sich zwei Linien, die in völlig verschiedene  Richtungen laufen, plötzlich   aufeinander zu bewegen.
Der Punkt, an dem sie sich überschneiden, bildet die Kreuzung, an der sich ihre Wege neu entscheiden. Und selten aber doch geschieht es, dass Linien,  die  aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander treffen, sich parallel  zueinander fort bewegen.
Die Geschichte „Der Bär und der Drache“ erzählt in lockeren Episoden von einer solchen Begegnung.
Eines soll gleich vorweg geklärt werden. Der Erzähler sieht sich bis zum Schluss außerstande, die beiden Linien zu einem Strang zu vereinen.  Dafür erscheinen sie in ihrer äußeren Erscheinung und ihrem  Charakter viel zu unterschiedlich.  Aber gerade in der Parallele, in  der sie verlaufen,  findet sich ein ungeahnter Reiz.  Denn dazwischen öffnet sich ein breiter Raum,   der unzähligen Geschichten Platz bietet, wie schon ihre erste Begegnung beweist.
Aus einer Richtung näherte sich ein Drache.  Aus einer  anderen ein Bär. 
Wäre der Drache nicht für einen kurzen  Moment stehen geblieben. Hätte der Bär nicht im gleichen Augenblick hoch geblickt. Sie hätten einander nie bemerkt. 
Aber weil der Drache stehen blieb und der Bär hoch blickte,  sind sie sich begegnet.
„Ich freue mich.“, sagte der Drache.
„Ich freue mich auch.“, erwiderte der Bär, der etwas schüchtern war.
„Wie ist dein Name?“, fragte der Drache.
„Mein Name ist Bär“, antwortete der Bär.
 „Teddy Bär. Aber ich ziehe es vor, Bär genannt zu werden.“
„Verstehe.“, grinste der Drache.
Der Bär sah nicht gerade furchterregend aus.
„Wie wirst du genannt?“, fragte der Bär zurück.
„Ich heiße Drache.“, gab der Drache unumwunden zu.
Er konnte nicht ableugnen, ein Drache zu sein. Aber er schien damit nicht ganz zufrieden, wie sein eiliger Nachsatz zu erkennen gab.
„Mein zweiter Name ist Sanftmut.“
Der Bär lächelte.
„Das ist ein sehr passender Name.“, sagte er.
„Ich danke dir.“, freute sich der Drache und senkte  verlegen den Blick.
Sanftmut war eine Eigenschaft, die nicht oft mit  einem Drachen in Verbindung gebracht wurde.
„Es ist der sanfte Klang deines Herzens.“, erklärte der Bär, der schon viele Drachenherzen schlagen  gehört hatte.
Meist war es ein feuerspeiender Vulkan, der die Menschen zu Schutt und Asche verbrannte, wenn sie ihnen zu nahe kamen.
Die Antwort brachte das Gesicht des Drachens zum Strahlen.
„Ich lasse es leise schlagen, um meinen Freunden zu zeigen, dass sie nichts von mir zu fürchten haben.“.
„Das ist schön.“, antwortete der Bär.
„Dann schlägt es ab heute auch für mich.“.                       A.S.

ENDE.