Der Besuch

Der Drache hatte den Bären zu sich nach Hause eingeladen.  An der angegebenen Adresse fand er ein prächtiges Anwesen vor.  Die Vorstellung, dass ein Drache in einer feuchten Kellerwohnung mit gestampftem Fußboden hauste,  brach jäh in sich zusammen.  Das weitläufige  Haus stand auf einer Anhöhe und bot einen wunderbaren Ausblick.  Der Gedanken an seine eigene Höhle trübte die Stimmung des Bären zusätzlich.  Es war ein finsterer Bau mit einer kleinen Dachluke.
Allein die Steine, die im Garten des Hauses lagen, übertraf den Wert seiner Honigtöpfe um das Vielfache
Eingeschüchtert drückte er die Klingel.  Der Drache öffnete ihm die Tür.
„Du besitzt ein wunderschönes Haus.“, stotterte der Bär zur Begrüßung.
Beinahe hätte er vergessen, dem Drachen das Gastgeschenk zu übergeben. Die Flasche Wein in seiner Hand kam ihm beinahe schäbig vor.
„Ich wohne, wie es mir gefällt.“, antwortete der Drache, wobei er einen prüfenden Blick auf das Weinetikett warf.
Im Wohnzimmer stand ein kleiner Umtrunk  bereit. Der Drache reichte dem Bären ein Glas. Gemeinsam tranken sie einen Schluck.
„Wie verdienst du den Geld?“, fragte der Bär. 
Diese Frage zu stellen, war ihm bei den bisherigen Begegnungen nicht in den Sinn gekommen. Nun drängt sie sich mehr als andere auf.
„Ich flöße den Menschen Furcht ein.“, grinste der Drache. 
Der Bär nickte verständig. 
Nun wurde ihm der Reichtum  des Drachen klar.  Er beruhte auf Einschüchterung und Brandstiftung.
„Du machst ihnen mit deinem Feuer Angst.“, sagte er.
„Das wäre zu leicht.“, erwiderte der Drache
„Das Feuer dient bloß dazu, sie nicht vergessen zu lassen, mein Honorar zu bezahlen.
Wie zur Bestätigung züngelte eine kleine Stichflamme aus seinem Mund heraus.
„Ich rechne ihnen die Steuern aus, die sie an das Finanzamt zahlen müssen.“Dem Bären fiel es wie Schuppen von den Augen.
Warum hatte er nicht eher daran angedacht. Die meisten Drachen waren Lehrer, Steuerbeamte oder Bankangestellte.
Es gibt viele Steuern, und davon fällt ein kleiner Teil für mich ab.“, klärte der Drache den Bären über die Grundlage seines Einkommens auf.
„Was machst du?“
Die Gegenfrage erwischte den Bären mitten in der Betrachtung der großzügigen  Aussicht, die sich von der  Terrasse des Hauses bot.
Mit einem verzweifelten Blick suchte er nach einer Antwort, die von der Wahrheit ablenkte, dass er seinen Lebensunterhalt mit dem Plündern von Honigtöpfen verdiente.
„Ich erzähle Geschichten.“
In der Eile fiel ihm keine bessere Ausrede ein.  Sie bot immerhin eine Erklärung für sein  bescheidenes Einkommen.  Geschichten wurden nicht gut bezahlt.
„Du bindest den Leuten einen Bären auf.“, versuchte  der Drache, die gedrückte Stimmung aufzuheitern.
Der Bär antwortete mit einem gequälten Lächeln.
„Die Menschen mögen keine Bärengeschichten.“, sagte er.
„Sie mögen auch keine Honorare, die von Drachen ausgestellt werden.“, pflichtete ihm der Drache bei. 
Er hob das Glas, um den Bären auf andere Gedanken zu bringen.
„Ich mag dein Bärenfell.“, lenkte er vom Thema ab.
„Mir gefällt deine Haut auch.“, stieg der Bär dankbar darauf ein.
„Ich finde sie an manchen Stellen etwas zu dick.“, übte sich der Drache in eitler Bescheidenheit.
Der Bär missverstand die Aussage.
„Ich mag hüftige Drachen.“, bestätigte er etwas, das nicht nach Bestätigung suchte.
Der Drache beantwortete das fragwürdige Kompliment mit einer kleinen Stichflamme.
„Wir geben ein seltsames Paar ab.“, seufzte er mit Blick auf den dicken Bauch des Bären.
Dabei drehte er sich ein Stück zur Seite, um seine Hüften schmaler wirken zu lassen.
„Die Leute werden sich daran gewöhnen müssen.“, deutete der Bär die Antwort falsch.
„Wir werden sehen.“, antwortete der Drache und trank sein Glas mit einem Schluck leer.