Der Mittelpunkt der Welt

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Am Allerbesten  an ihrem Leben  gefiel dem Fräulein „So-La-La“ die Vorstellung, eine Geschichte zu sein, die um die Welt reiste.    
Bedauerlicherweise bot ihr Dasein    nicht viel  Erzählenswertes,  das die Strapazen einer solchen  Reise  rechtfertigte.   Noch die  einfachsten Bilderbuchgeschichten hatten mehr erlebt  als sie.   
„Was hlift der schnöste Rhamen, wnen das  Blid daziwschen  lnagwielig ist.“,  bejammerte sie ihr eintöniges Schicksal.
Sie war ein Mädchen, das einen  verrückten Clown im Mund hatte, der ihr jedes Wort zu einem Buchstabensalat verdrehte.
Aber sonst?
Ihre Mutter zog jeden Morgen die Sonne über dem Horizont am Himmel hoch und ihre Launen bestimmte, wie das Wetter wurde.
Aber sonst?
Ihr Vater kletterte abends mit der Aktentasche im Arm bis zu den Sternen hinauf, um das schwerste Gewicht der Welt in den Himmel zu schrauben.   
Aber sonst?
Ihre Großmutter roch  nach Hexenschmiere und verbarg das Beweisstück über ihre wahre Natur vor den Augen der Welt unter dem Bett.
Aber sonst?
Eine solche  Geschichte  reiste nicht um Welt.   Bestenfalls unternahm sie einen Ausflug in den Nachbargarten.   
Als sie ihren Kummer bei der Großmutter beklagte, fiel dieser vor Lachen die Zigarre aus dem Mund.  Das Malheur hinterließ ein schwarzes Brandloch  in ihrem Kleid.
Die Besichtigung des Schadens konnte ihre Laune nicht trüben.
„Ich sehe den beleidigten   Mittelpunkt der Welt vor mir, der beinahe die eigene  Großmutter in Brand gesteckt hätte.“, grinste sie.
Die Antwort des Fräuleins „So-La-La“ ließ nicht lange auf sich warten.  Sie streckte den Zeigefinger aus und tippte ihn  zweimal gegen  ihre  Stirn.  
Wer ein Mädchen, dessen einziges Talent es war,   aufrecht unter dem Tisch zu stehen, ohne sich den Kopf anzustoßen, zum Mittelpunkt der Welt erklärte,  hatte nichts Besseres verdient.

Oma Rosa nahm die Beleidigung  hin, ohne mit der Wimper zu zucken.   
Natürlich wäre das eine Sache der Auslegung, sagte sie und blies eine dicke Rauchwolke zur Decke hoch.  
Dann erklärte sie zum des Staunen ihrer Enkelin, dass die Welt unwiderlegbar die Form einer Kugel hätte. Aus dieser Tatsache wäre es für jedermann leicht, den  Mittelpunkt der Welt festzulegen. Man müsste dazu  lediglich  den eigenen Standpunkt zum Nabel der Welt erklären. Das wäre durchaus nichts Ungewöhnliches,  sondern ein alltägliches Verfahren.  
Abermals umwölkte eine dicke Rauchschwade ihren Kopf.
Dem Fräulein „So-La-La“ kam die Sache nicht geheuer vor.
Vorsorglich versteckte  sie ihren Zeigefinger unter dem Pullover,  damit er sich zu keiner weiteren Dummheit hinreißen ließ.  
Gewiss schadete   ein bisschen Berühmtheit  nicht bei ihrem Vorhaben,  als Geschichte um die Welt zu reisen.  Aber sollte sie gleich so weit  gehen,  sich zum Mittelpunkt der Welt auszurufen?
Papperlapapp,  fuhr ihr Oma Rosa in die Parade.
Die Mitte der Welt wäre nicht in Stein gemeißelt und zudem  ständig in Bewegung.   Für die Bestimmung der  aktuellen Position  würde  es vollauf genügen, morgens  die Zeitung aufzuschlagen.  
Wer jedoch den wahren Mittelpunkt der Welt  ins Auge fassen würde,   hätte es nicht nötig, sein Gesicht im Fernsehen oder in den Zeitungen zu sehen.    
Schon gar nicht bedurfte  es  einer Landkarte  für seine Bestimmung.
Während sich die Großmutter mit ihrer Rede punktgenau auf die   Mitte der Welt zubewegte,  tauchte vor dem Fräulein „So-La-La“   das schemenhafte  Bild einer Zielscheibe auf.  
Zweifellos markierte der schwarze Punkt in der Mitte einer Zielscheibe den gefährlichsten Punkt. Wobei es nicht ankam, wie oft er tatsächlich  getroffen wurde. Die Mehrheit der Einschläge landete weit abseits von ihm.  Ungleich bedrohlicher wirkte dagegen die Tatsache,  dass  jeder Schuss auf   ihn abzielte. 
Angesichts  dieser Gefahr blieb dem Fräulein „So-La-La“ unerklärlich, warum es die Menschen liebten, im Mittelpunkt zu stehen.

Ihr Zeigefinger begann unruhig zu zucken. Er überbrückte die Zeit bis zu seinem Auftritt,   indem er unter dem Pullover den  Tiefgang des Bauchnabels seiner Besitzerin vermaß.
Der ungewöhnliche Zeitvertreib ihre Zeigefingers traf das Fräulein „So-La-La“ wie der Blitz.
Neugierig schob sie ihren Pullover hoch und beäugte die Stelle. Bisher hatte sie dem unförmigen Loch in ihrem Bauch  wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Die einzige Aufgabe, die sie ihm zugedacht hatte, war es, die Stelle zu markieren, an der sie den Gürtel ihrer Hose festzog.  
Ratlos blickte das Fräulein „So-La-La“ auf das Loch in ihrer Körpermitte. Die Erkenntnis, dass es sich genau auf halber Strecke zwischen dem Haaransatz und der Fußsohle befand, trug wenig bei, das Interesse an ihm zu steigern. 
„Der  Bauchnabel ist kein unnützer Schandfleck.“,   besserwisserte die Großmutter ungefragt.
„Er erinnert jeden Menschen an seinen Anfang.“
Das Fräulein „So-La-La“ bedankte sich mit einer sauren Miene. Dafür  musste sie  ein Leben lang  mit einem unförmigen  Krater  im Bauch herumrennen. 
„Der Nabel am Bauch zeigt dir, aus welcher Mitte du abstammst.“, unternahm die Großmutter einen neuen Anlauf, sie von der Wichtigkeit des Bauchnabels zu überzeugen.
Genervt drehte das Fräulein „So-La-La“ ihr den Rücken zu. Dass die Kinder in den Bäuchen  ihrer Mütter heranwuchsen,  hatte nichts mit dem Mittelpunkt der Welt zu tun. 
 „Weil drot der  mieste Paltz ist.“,   motzte sie  aufmüpfig   zurück.
Inzwischen  hatte der Zeigefinger den  tiefsten Punkt des Bauchnabels erkundet.  Der Krater  fühlte sich ganz und gar nicht großartig an.
„Deises Lcoh  soll der Mtitelpnukt der Wlet sein?“, höhnte sie. 
Mit Mühe unterband sie  den Versuch des Zeigefingers, aus dem Pullover hervorzuschießen und sich gegen die Stirn zu tippen.  
Die Großmutter blieb beharrlich.
„Wer seine  Mitte verleugnet, verliert sich am Ende ganz.“, sagte sie.

Als  Beweis diente ihr die Geschichte eines Seiltänzers, dessen Wagemut die Menschen begeisterte.
„Niemand anderer bewegte sich mit  mehr  Leichtigkeit auf dem Seil.“, schwärmte Oma Rosa von seiner Kunst.  
„Schwerelos tanzte er  über dem Abgrund, der sich unter seinen Füßen auftat.    Bis  an dem Tag, an dem er vergaß, ein Seiltänzer zu sein.“ 
Dem Fräulein „So-La-La“ schwante Schlimmes.
„Was ist mit ihm psasiert?“,  stotterte  der verrückte  Clown in ihrem Mund.   
Der Mund der Großmutter türmte sich zu einem steilen Hügel auf. 
„Seine Füße fanden plötzlich keinen Halt mehr auf dem Seil. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte vor aller Augen kopfüber in sein Verderben.“
Da fiel es dem Fräulein „So-La-La“ wie Schuppen von den Augen.
Das traurige Ende  des Seiltänzers   lieferte  ihr   den entscheidenden Hinweis, wo sie den Mittelpunkt der Welt suchen musste.  
Mit einem Satz sprang sie   auf die Beine.  Ohne Anlauf begann sie, sie Pfauenräder auf dem Küchenboden zu schlagen.
Nach einigen Überschlägen erstarrte sie.  Langsam zog sie  die  Arme zur Seite hoch, bis sie eine Linie mit den Schultern bildeten.   Sie beugte  den Oberkörper nach vor  und streckte das linke Bein nach hinten durch. 
Anfangs  hatte sie Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie ruderte mit den Armen, um nicht zur Seite zu kippen. 
Dann passierte alles  wie von selbst.  Ihr Körper entspannte sich.  Das Zittern im rechten Bein hörte auf.   Sie  schloss die Augen und ließ sich von ihren Gefühlen leiten.  Ein wohliger Schauer durchströmte sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen.
Sie  hatte aufgehört, ein Mädchen zu sein, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen. Sie war  eine  Tänzerin, die auf einem dünnen Seil balancierte.   Alle  Ängste verloren sich als winzige  Punkte in der Tiefe. 
Auf einmal hatte es keine Bedeutung mehr zu sehen,   was die Geschichten sahen.  Viel schöner fühlte  es sich an,  leichtfüßig auf dem  unsichtbaren Seil zu schweben.  
„Ist das der Mtitelpnukt der Wlet?“  

 Erwartungsvoll blickte sie  zu ihrer  Großmutter auf.
„Ich denke, du hast gefunden, wonach du gesucht hast. “,   antwortete Oma Rosa.
„Das war kniderliecht.“,  begeisterte sich das Fräulein „So-La-La“ an ihrer Entdeckung. Von nun musste  sie nicht mehr eifersüchtig nach den Geschichten schielen, die  in den Büchern um die Welt reisten.   
Ihr eigenes Leben bot nicht weniger Aufregung und Spannung als sie.   Wie bemitleidenswert erschienen plötzlich die Menschen, die ihr Dasein  an den Ehrgeiz vergeudeten, im Mittelpunkt der Welt zu stehen?   
Für dieses Ziel nahmen sie jede Anstrengung in Kauf.   Kein Preis war ihnen zu hoch und keine Dummheit zu groß.  Erwartungsvoll sah man ihre Gesichter  in die Kameras starren und aus den Zeitungen lachen. 
Am Ende ereilte  die meisten von ihnen das Schicksal des Seiltänzers.
„Sie scuhen an der flaschen Stlele.“, erkannte das Fräulein  „So-La-La“ den Irrtum der Menschen.
Während sie verzweifelt nach  dem Mittelpunkt der Welt Ausschau hielten,  waren sie nie  weiter von ihm entfernt als  das winzige Loch  in ihrem Bauch.
Man konnte ihn  an jedem Ort  der Erde  finden.   Es hörte sich beinahe zu einfach an. Man musste nichts anderes tun, als   die Arme zur Seite  strecken  und  auf einem Bein stehend das Gleichgewicht  halten.