Der Tiger und der Wicht

Diese Geschichte ist weder frei erfunden, noch sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Sie ist allzu wahr und wiederholt sich tagtäglich an den großen und kleinen Schreibtischen der Macht.

Es wurde nicht überliefert, an welchem Ort der Welt sich der Wicht und der Tiger über den Weg liefen. Aber dass sie sich begegnet sind, steht außer Zweifel. Denn über die Folgen dieses unglückseligen Aufeinandertreffens liest man täglich in den Schlagzeilen.

Das prächtige Fell des Tigers glänzte wie Gold in der Sonne. Mit den spitzen Krallen und den messerscharfen Zähnen war er das mächtigste Tier weit und breit. Wenn er das Maul öffnete, zitterte die Welt vor seinem Gebrüll.

Voller Neid beobachtete der Wicht die majestätische Erscheinung des Tigers. Schließlich fasste er sich ein Herz und sprach ihn an.

„Kannst du mich lehren, wie ein Tiger zu brüllen?“

Der Tiger blickte mitleidig auf die erbärmliche Gestalt herab, die mit schlotternden Knien vor ihm stand. Er hatte bereits gefrühstückt und verzichtete auf die armselige Mahlzeit, die sich vor seinen Pranken in den Staub warf. Mit der Großzügigkeit eines vollen Bauches erfüllte er dem Wicht seinen Wunsch.

„Es funktioniert ganz einfach.“ lüftete der Tiger das Geheimnis seiner Macht.

„Die Kunst besteht darin, lauter zu brüllen als es andere tun.“

Zum Beweis spreizte er den Unterkiefer und setzte zu einem Gebrüll an, dass die Erde unter seinen Füßen bebte.

Der Wicht zeigte sich tief beeindruckt. Von diesem Tag an nutzte er jede Gelegenheit, sich lautstark in Szene zu setzen. Am Anfang gelang es ihm nicht, seiner Kehle etwas Tigerhaftes zu entlocken. Seine Stimme klang wie das aufgeregte Gackern eines Huhnes.

Solche Rückschläge mochten den Wicht nicht zu entmutigen. Mit unermüdlicher Ausdauer kräftigte er seine Stimmbänder. Nach Wochen und Monaten geschah das Wunder. Der Wicht fletschte das Maul und ein Geplärre, welches das Gebrüll von zwei Tigern übertönte, entfuhr seiner Kehle.Von nun an zitterte die Welt vor ihm. Bald wagte es niemand mehr, ihm zu widersprechen.

Eines Tages bekam der Wicht Besuch von dem Tiger, der ihm das Geheimnis der Macht verraten hatte. Der Wicht erkannte ihn nicht. Denn der Tiger war alt geworden. Die Goldfarbe seines Felles war einem fahlen Grau gewichen. Und von dem einst mächtigen Gebrüll war ein leises Röcheln übrig geblieben.

„Wie stellst du es an, dass sich die Welt vor einem kleinen Wicht fürchtet?“ wollte der alte Tiger wissen.

Der Wicht maß den altersschwachen Tiger mit einem verächtlichen Blick.

„Aus mir ist ein großes Tier geworden.“ tönte er.

Dabei schwoll seine Brust zum Platzen an.

„Welches Tier meinst Du?“ zeigte sich der Tiger ratlos.

Er sah sich immer noch dem gleichen Wicht gegenüber, der ihn ängstlich um Rat gebeten hatte

„Ich bin jetzt ein WICHT-TIGER für die Welt.“ empörte sich der Wicht über die Respektlosigkeit des Tigers.

Dann erteilte er den Befehl, seinen einstigen Lehrmeister mit einem Fußtritt vor die Tür zu befördern.

© Andreas Schwarz 2021-02-26