Der Weg

Illustration Fräulein „So-La-La“  Sophie S.

Manche Geschichten müssen nicht erzählt werden. Weil sie von ganz allein im Kopf auftauchen. Weil die Zeit reif ist für sie. Oder weil sie einfach gebraucht werden.
Diese Geschichte zählt in diese Kategorie.
Weihnachten lag auf den Tag genau eine Woche zurück, als das Fräulein „So-La-La“ ihr begegnete. In dieser Nacht lag sie lange wach. Aus der Küche drang ausgelassenes Stimmengewirr in ihr Zimmer hoch. Gläser klirrten.
Knapp vor Mitternacht fielen dem Fräulein „So-La-La“ die Augen zu. Im Schlaf fand sie sich an einer Kreuzung wieder.
Auf der gegenüberliegenden Seite winkte etwas Unbekanntes nach ihr. Am Himmel darüber funkelte ein endloser Sternenregen.
„Wo bin ich?“, fragte das Fräulein „So-La-La“ den Weg, der sie hierher geführt hatte.
„Es ist der letzte Ort unserer gemeinsamen Reise.“, antwortete der Weg.
„Hier trennen wir uns.“
Das Fräulein „So-La-La“ blickte den Weg traurig an.
„Werden wir uns einmal wiedersehen?“, fragte sie.
Der Weg nickte.
„Ja.“, sagte er.
„Aber anders als jetzt. Wenn wir einander wieder begegnen, werde ich für dich eine Erinnerung in Bildern und Briefen sein. Vom Leichten, das wir geteilt haben, wirst du nur noch ein fernes Lachen hören und vom Schweren keine Traurigkeit mehr empfinden.“
Das Fräulein „So-La-La“ spürte, dass diese Worte als Trost für sie gedacht waren. Auch wenn sie sich anders anfühlten.
Sie wandte sich in die Richtung um, aus der sie der Weg hierher geführt hatte. Vieles lag bereits im Nebel. Manches ragte nur noch schemenhaft heraus. Einiges war schon zur Gänze von ihm verschluckt.
Sie warf einen Blick auf den neuen Weg, der sie auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung mit offenen Armen erwartete. Nur zaghaft fasste sie Vertrauen zu ihm. Zu überschwänglich fiel ihr die Begrüßung aus. Viel zu laut war das Feuerwerk, das sich über seinem Kopf entzündete. Was konnte sie von ihm erhoffen? Wohin führte sie dieser Weg, der bei der ersten Begegnung übermütig Raketen in den Himmel schoss und zweifelhaften Trinkgewohnheiten nachhing?

Aber ihr blieb keine Wahl. Der Abschied rückte mit jeder Minute näher.
Das Fräulein „So-La-La“ legte sich auf den Boden und umarmte den Weg, der ihr ein Jahr lang Halt gegeben hatte, ein letztes Mal.
Als sie sich erhob, war sie von unzähligen Gesichtern umringt.
Sie ging von einem zum anderen und sah allen lange in die Augen. Einige schickte sie fort.
„Ihr seid mir zu fremd geworden.“, sagte sie ihnen.
Die Gesichter blickten sie traurig an, bevor sie im Nebel versanken.
Andere winkte sie näher zu sich heran.
„Ich will euch an meiner Seite haben.“, sagte sie und streckte ihnen die Hände entgegen.
Zuletzt fiel ihr Blick auf ein Gesicht, das anders war als die anderen Gesichter. Es war das eingerahmte Bild ihrer verstorbenen Großmutter.
„Ich vermisse dich.“, schluchzte das Fräulein „So-La-La“ mit Tränen in den Augen.
„Mein Herz ist bei Dir.“, flüsterte ihr eine vertraute Stimme ins Ohr.
Damit endete der Traum.
Als das Fräulein „So-La-La“ am nächsten Morgen die Augen aufschlug, war der Kalender in ein neues Jahr gesprungen.
Ängstlich blickte sie auf das eingerahmte Bild der Großmutter an der Wand. Als sie die Hand auf ihre Brust legte, atmete sie erleichtert auf. Die Großmutter hatte ihr Versprechen gehalten. Ihr Herz war nicht verstummt. Sie hörte es unter ihrer Hand pochen. Laut und deutlich schlug es mitten in ihr.
Mit dieser Zuversicht sprang das Fräulein „So-La-La“ aus dem Bett. Der Boden unter den Füßen fühlte sich fest an, wie ein Weg, zu dem sie Vertrauen fassen konnte. Mutig wagte sie die ersten Schritte.

ENDE.