Der Zauber, der alle Geschichten erzählt

Wenn die Großmutter ein Buch aufschlug, legten ihr die Geschichten alle Geheimnisse bereitwillig in den Mund. Sie konnte mit eigenen Augen sehen,  was die Geschichten sahen. 
In der Hand des Fräuleins „So-La-La“ verhielten sich die Bücher völlig anders. Die Seiten verklumpten zu einem stummen Haufen Papier, der nicht das Geringste preisgab.
Die Geschichten waren wie vom Erdboden verschluckt.  An ihrer Stelle   grinste  dem Fräulein „So-La-La“  ein  fetter Wurm entgegen,   der sich in engen Schlingen durch die Seiten zog.    Der merkwürdige  Bewohner  zeigte keinerlei Anstalten  vor ihren bohrenden Blicken Reißaus zu nehmen.  Seelenruhig döste er  vor sich hin,  als wäre  er an unerwarteten Besuch gewöhnt.    
Der schlangenförmige Körper des Wurmes   wühlte sich durch das  gesamte Buch.  In seinen Einzelteilen bestand er aus winzigen Zeichen,  die sich  in beliebiger Reihenfolge wiederholten.
Seine  gigantische Länge  zwang den Wurm   auf  kleinstem Raum zu  hausen.   Trotz der beengten Verhältnisse  gedieh er prächtig.   
Die größten Exemplare beanspruchten nicht selten hunderte Seiten, bis man sie von vorne bis hinten durchgeblättert hatte.
Es war das ungebremste Wachstum des Wurmes, dass aus Büchern dicke Wälzer machte.
Auf jeder Seite stieß das Fräulein „So-La-La“ auf die gleiche Trostlosigkeit. Als würde sie durch die leeren Räume eines Hauses streifen,  das von seinen Bewohnern Hals über Kopf verlassen worden war.
Der Wurm, der ihren Platz eingenommen hatte, blieb stumm wie ein Fisch. Nichts brachte ihn dazu, Auskunft über das Schicksal der verschwundenen Geschichten zu geben. Mit stoischer Gelassenheit erduldete er   jede  Folter,  ohne dass ihm ein verräterischer  Laut entfuhr.
Angewidert klappte  das Fräulein „So-La-La“  den Buchdeckel  zu.   Keine Sekunde länger war sie gewillt,   seinen Anblick zu ertragen.  

Sie fühlte sich gedemütigt. Statt mit eigenen Augen  zu sehen,  was die Geschichten sahen, musste sie mit der Gesellschaft einer fetten Made vorlieb nehmen. 
Die Großmutter   war in ihrem Ledersessel gerade mit der Entdeckung Amerikas   zugange, als sie von einem schreckerfüllten Schrei unterbrochen wurde.  Mitten im Satz verstummte sie  und  legte das Buch  zur Seite.    
An diesem Tag Wichtigeres gab es Wichtigeres zu tun,   als mit einer Fregatte an einer unbekannten Küste entlang zu segeln.
Das Fräulein  „So-La-La“ kauerte mit tränenüberströmten Gesicht zu ihren Füßen.
„Bereiten dir die Geschichten keine Freude mehr?“, fragte die Großmutter.
Unter herzzereißendem Schluchzen berichtete  das Fräulein „So-La-La“ von ihrer Begegnung mit dem Wurm und der vergeblichen Sehnsucht, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen.
Oma Rosa hörte schweigend zu.    Nach einer Weile   nahm sie das Buch über die Entdeckung Amerikas wieder zur Hand  und  blätterte es an einer beliebigen Stelle auf. „Was siehst du darin?“, fragte sie.
Ihr Finger deutete auf eine Stelle in der Seitenmitte.  Das Fräulein „So-La-La“ drehte angewidert  den Kopf weg.   Der  bloße  Anblick der hässlichen Made, die sich in engen Schlingen über die Seite bewegte,  ekelte  sie an.
Oma Rosa rückte sich die Brille  auf der Nase zurecht. Ihr Zeigefinger glitt  langsam die Schlangenlinie des  Wurms  entlang.
„Ich sehe ein mächtiges Schiff mit weißen Segeln, das durch einen blauen Ozean pflügt. Ein  Matrose klettert zum Mastkorb hoch und sucht mit einem  Fernglas  den Horizont ab.“
Die Großmutter hielt kurz inne.   Sie  blätterte   auf die nächste Seite.  Wieder folgte ihr  Finger der  Kriechspur des Wurms.
„Das Geschrei des Matrosen   übertönt das Getöse des Meeres. Er schwingt sich auf einen Querbalken und  winkt mit beiden Armen dem Kapitän, der auf der Brücke neben dem Steuermann steht.    Eine heftige Welle schlägt gegen das Schiff.   Der Matrose gerät ins Schlingern. Im letzten Moment findet er Halt an einem Tau.    Mit zittrigen Knien springt er in den Korb zurück. 

Wieder richtet er sein   Fernglas  nach dem Horizont aus.  Der Küstenstreifen, der eben noch ein schmaler Strich gewesen war, ragt  nun deutlich  über der   Wasserlinie empor.“ 
Mit offenem Mund verfolgte das Fräulein  „So-La-La“, wie der Zeigefinger der Großmutter  den Wurm in einen mächtigen Ozean verwandelte, auf dem ein kleines Schiff  den Wellen trotzte.
Zum ersten Mal sah sie   mit eigenen Augen,  was die Geschichten sahen.  Aber  ging alles  mit rechten Dingen zu?  
Das Fräulein „So-La-La“ versuchte, es der Großmutter nachzumachen.   Sie kratzte mit ihrem Zeigefinger die Linie des Wurmes entlang.  Nichts passierte. 
Weit und breit war kein Schiff auszumachen, das inmitten einer stürmischen See  mit geblähten Segeln  auf eine unentdeckte Küste zusteuerte.  
Der Wurm blieb hartnäckig eine unansehnliche Made, die sich in engen Bahnen langsam die Seite hinunter schlängelte.  
Der Zeigefinger der Großmutter nahm erneut Fahrt auf und glitt flott über die Zeilen.
„Ich sehe Land.“,   donnerte sie  aus voller Brust.
Sie hob den Kopf und starrte zum Fenster hinaus.  In ihren Augen spiegelte sich das Staunen  des Matrosen, der in seinem Mastkorb auf den Küstenstreifen eines unbekannten Kontinents blickte, der sich vor ihm aus dem Meer erhob.
Nachdem sie Amerika entdeckt hatte, verlor  Oma Rosa rasch das Interesse an der Fortsetzung der Schiffsreise.    
Kommentarlos  klappte sie   das Buch zu und legte es auf dem Tisch ab.  
„Eine Seefahrt  lässt die Kehle trocken werden.“,   sagte sie und griff nach der Kaffeetasse.  
Zeitgleich   fingerte sie eine Zigarre aus ihrer Schürze.  Eine kleines Streichholz flammte in ihrer Hand auf.
„Die Entdeckung eines neuen Kontinents  verdient  ein Feuerwerk.“,    lachte die Großmutter und blies eine  Rauchwolke in Richtung der amerikanischen Küste.

Das Fräulein „So-La-La“ fühlte sich weniger in Feierlaune. Ihre Mundwinkel türmten sich   zu einem traurigen  Hügel hoch.   Die Gedanken in ihrem Kopf schleppten sich einen steilen Berg hinauf. 
Der Blick aus dem Fenster eröffnete ihr nicht die Weite eines Ozeans.   Hinter den Glasscheiben wartete das triste Dächermeer  der Vorstadt auf sie.
Ungefragt   fischte sie   das Buch vom Tisch und schlüpfte mit  der Beute  unter den Küchentisch.
Als sie es   mit dem Rücken nach oben aufklappte und ausschüttelte, ergoss sich weder eine stürmische See über den Küchenboden noch purzelte ein Schiff mit weißen Segeln samt Matrosen heraus.
Wie hatte sie darauf nur hereinfallen können, ärgerte sich das Fräulein „So-La-La“.
Bestimmt lachte sich die Großmutter halbtot über die Dummheit eines Mädchens, das zwischen dünnen Papierseiten nach einem Schiff suchte, das auf einen unentdeckten Kontinent zusteuerte.
Zum Glück hatte sie das Verschwinden des Buches nicht bemerkt. Sie schwelgte immer noch in ihrer Freude, an der Eroberung Amerikas mitgewirkt zu haben.  Es bekümmerte sie nicht das Geringste, dass sich dabei um Jahrhunderte verspätet hatte.
Die Großmutter nahm gerade einen tiefen Zug an ihrer Zigarre, als das Buch in hohem Bogen unter dem Küchentisch hervor flog und direkt vor ihren Füßen landete.
Augenblicke später tauchte der hochrote Kopf des Fräuleins „So-La-La“ auf.
Mehrmals hatte sie das Buch von vorne nach hinten durchgeblättert. Jeder Versuch brachte das gleiche Ergebnis.
Sie hatte der Großmutter furchtbare Nachrichten mitzuteilen.
Der Wurm hatte das Schiff samt dem armen Matrosen mit Haut und Haaren aufgefressen. Obendrein hatte er einen ganzen Ozean leer gesoffen. Und von Amerikas Küste war kein einziger Stein mehr übrig.
Die Großmutter zerplatzte fast vor Lachen.
„Der Bücherwurm hat den armen Matrosen nicht verschlungen , sondern ihn vor dem Vergessen bewahrt.“, klärte sie den Irrtum auf.
Das Fräulein „So-La-La“ traute ihren Ohren nicht. Dabei stand ihr die größte Überraschung noch bevor.

„Der Zauber, den der Wurm beherrscht, ist mächtiger als der Tod. Er besitzt die Gabe, Menschen aus ihren Gräbern zu holen.“
War die Großmutter noch bei Sinnen? Der Zeigefinger des Fräuleins „So-La-La“ rotierte wie der Propeller eines Flugzeuges. Im letzten Moment zuckte sie zurück.
Hatte sie dem Wurm etwa unrecht getan?
Der Gedanke traf sie wie ein Stromschlag. Sollte ausgerechnet die Made, die sich auf jeder Buchseite ausbreitete, ihr beim Wunsch helfen können, als Geschichte um die Welt zu reisen?
Eine Gänsehaut zog sich über ihren Rücken, als sie die Stimme der Großmutter vernahm.
„In einem Buch ist das Ende einer Geschichte kein Ende für immer. Man muss nur die Seiten zurückblättern. Schon beginnt die Geschichte von neuem.“
Das Fräulein „So-La-La“ kam aus dem Staunen nicht heraus.
Der Wurm konnte nicht nur einen Ozean auf die Größe eines Buches schrumpfen. Er war auch imstande, in der Zeit vor und zurück zu springen.
Sie spürte, wie ihre Knie zu weichem Pudding schmolzen.
Das Fräulein „So-La-La“ verlor das Interesse daran, die Zeit mit der Suche nach einem Schiff zu vergeuden, das auf die Küste Amerikas zu segelte.
Eine innere Vorahnung sagte ihr, dass an diesem Nachmittag etwas  Größeres darauf wartete,   von ihr entdeckt zu werden, als ein verlassener Küstenstreifen  am Ende der Welt.
Plötzlich erklärte sich, wie die Geschichten an jeden Punkt der Welt reisten , ohne die Züge, Busse und Flugzeuge zu verstopfen.
Die Großmutter nickte zustimmend.
Die herkömmliche Methode des Reisens käme für sie  viel zu teuer, bestätigte sie die unausgesprochene Vermutung des Fräuleins „So-La-La“.
Allein die  Anzahl der Umzugskisten, welche die Geschichten benötigten, würde alle verfügbaren Kapazitäten um das Tausendfache übersteigen.
Der Wurm würde dafür sorgen, ihre Reisespesen gering zu halten.
Abermals türmten sich die Mundwinkel des Fräuleins „So-La-La“ zu einem steilen Hügel auf.

Sie sah ihre Chancen, mit eigenen Augen sehen zu können, was die Geschichten sahen, auf den Nullpunkt sinken. Wie sollte es ihr ohne Fahrkarte gelingen, den Geschichten auf den Fersen zu bleiben?
Sie waren nicht auf die Dienste von Möbelpackern angewiesen.  Auf das Format einer Taschenbuchausgabe geschrumpft, verschwanden ganze Weltreiche in  Handtaschen und Koffern oder stapelten sich auf den Sitzen der Züge, Buse und Flugzeuge.   
Ohne sie eines Blickes zu würdigen, schritten die Fahrkartenverkäufer an ihnen vorbei.
„Verrcükte Wlet.“,  entfuhr es dem Fräulein „So-La-La“.
Ihr Groll  richtete sich gegen   die Nachlässigkeit der  Kontrolleure,  die den Geschichten  die Schwarzfahrerei  gestatteten. 
Lautstark beklagte sie   den Missstand.  Ihr Vorschlag,  die Zugschaffner und Spediteure auf die blinden Passagiere aufmerksam zu machen,  stieß bei Oma Rosa jedoch auf taube Ohren.
„Lieber verzichten sie weiterhin auf das entgangene Fahrgeld,   als von einem Mädchen als Dummköpfe entlarvt zu werden.“,   lachte sie.  
„Ich wrede nie wie sie um die Wlet riesen knönen.“, glaubte das Fräulein „So-La-La“ nicht an das Mitleid der Fahrkartenverkäufer.
Bei einem Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch passte, ohne mit dem Kopf anzustoßen, würden sie unerbittlich eine Fahrkarte in Rechnung stellen.
Damit verlor sie die letzte Hoffnung, mit eigenen Augen zu sehen, was die Geschichten sahen. Die Reisespesen waren zu hoch dafür.
Die Großmutter griff nach dem Buch, das vor ihren Füßen lag und blätterte es an einer beliebigen Stelle auf.
„Es braucht keinen Fahrschein, um einer Geschichte um die Welt zu folgen.“, sagte sie.
Ihr Zeigefinger glitt sanft  die Linie entlang, auf der sich der Wurm  über die Seiten schlängelte. 
„Der Wurm, der in Büchern haust, erzählt alle Geschichten, ohne ein einziges Wort auszulassen.  Wenn du ihn zum Reden bringst, lässt er dich sehen, was die Geschichten sehen.“

Das Fräulein „So-La-La“ schüttelte traurig den Kopf. Alle bisherigen Versuche, dem Wurm einen Ton zu entlocken, waren kläglich gescheitert. Wie sollte sie daran etwas ändern können?
Ab und zu geschahen auch Wunder. Oder man hatte eine Großmutter mit einem klugen Kopf und einer Leidenschaft für stinkende Zigarren zur Hand.
„Für diese Kunst  gibt es besondere Zauberschulen.“,  sorgte sie für eine Überraschung.
Die Verwirrung des Fräuleins „So-La-La“ war so groß,  dass  der verrückte Clown  in ihrem Mund vergaß, seinem schlechten Ruf gerecht zu werden.
„Und ich darf dort zur Schule gehen?“, stieß er im richtigen Wortlaut  hervor.
„Daran besteht  nicht der geringste Zweifel.“,  antwortete die Großmutter.
„Alle Kinder lernen  den Zauber, der den Wurm in den Büchern zum Sprechen bringt.“
Das Fräulein „So-La-La“ brach in spontanem Jubel aus.
Sie  konnte  den Satz  nicht oft genug hören.  Mehrmals zwang sie die Großmutter, ihr Versprechen zu wiederholen. Vorsichtshalber  kniff sie  sich in die Wange, um  sich vergewissern,  dass sie keinem Traum auf den Leim ging.
Ein kleiner  Wermutstropfen dämpfte ihre Freude ein wenig. An den Anmeldestellen für die Zauberschule  herrschte ein großes Gedränge.  Die Einschreibung folgte einer genau festgelegten Reihenfolge.  Keinem war es erlaubt,  sich vorzudrängen.
Solange sich ihr Alter an den Fingern einer Hand abzählen ließ, musste sie sich ganz hinter in der Schlange anstellen.
„Für die Schule braucht es einen Finger mehr.“, lachte die Großmutter.
Bis es soweit war,   musste sich  das Fräulein „So-La-La“     mit dem  Schweigen des Wurmes  abfinden.  
Sie   tröstete  sich damit,  die Neuigkeit  angeberisch ihrer Lieblingspuppe  ins Ohr zu  flüstern.
„Aus mir wrid enies Tgaes  enie gorße   Zuaberin.“, prahlte sie mit stolzgeschwellter Brust.
„Dnan behrersche ich die Zuaber,  der alle Geshcichten erzhält, onhe ein eniziges Wort auszulsasen.“
Die Worte zergingen ihr wie Schokolade auf der Zunge.
Ein Leben lang würde sie sich  an  die  neidischen Blicke  der Puppe erinnern, als sie ihr den mächtigen Zauber beschrieb , mit dem sich selbst Jahrhunderte später Amerika von neuem entdecken ließ.

ENDE.

    

s