Die Ameise, die den Himmel umarmen will

Von allen Geschichten, die ich von meiner Großmutter gehört habe, ist diese Geschichte eine der kürzesten. Aber keine andere brachte mich mehr zum Nachdenken.

Denn die Geschichte lieferte den Beweis, dass es keine Rolle spielt, ob ein Traum in Erfüllung geht. Was wirklich zählt, ist der Versuch ihn zu leben.

Eine Ameise, die auf einem Grashalm saß, blickte sehnsüchtig zu den Wolken hinauf, die über ihr vorbeizogen.

„Wie herrlich muss es sich anfühlen, den Himmel zu berühren.“, beneidete sie die hundertjährige Eiche am Rand der Wiese, deren Äste tief in die Wolken hinein ragten.

Eines Tages fasste die Ameise den Entschluss, es selbst zu versuchen.

„Der Himmel erwartet mich. „, schlug sie alle Warnungen in den Wind und kletterte den Stamm der knorrigen Eiche hoch.

Es wurde eine lange Reise. Je mehr Höhe sie gewann, desto bedrohlicher schwankten die Äste im Wind. Unzählige Male geriet die kleine Ameise in Gefahr, in die Tiefe zu stürzen. Aber keine Sekunde dachte sie daran, umzukehren. Unbeirrt hielt sie an ihrem Ziel fest.

„Den Himmel zu umarmen, lohnt alle Mühe.“, fasste sie nach jedem Rückschlag neuen Mut.

Unter unendlichen Entbehrungen erreichte die Ameise die Spitze des letzten Astes. Ihr Herz lachte vor Freude. Nie hatte sie sich dem Himmel näher gefühlt, als in diesem Augenblick.

Erwartungsvoll streckte sie ihre Fühler in die Höhe, um ihn zu umarmen.Im selben Moment flog ein Vogel aus seinem Nest und pflückte die Ameise wie eine reife Frucht vom Baum.

„Was war die bessere Wahl?“, hadere ich bis heute mit dem Ausgang der Geschichte. Sein Leben lang am Anblick des Himmels zu leiden, der unerreichbar weit entfernt scheint? Oder das Unmögliche zu wagen und mit den Händen nach ihm zu greifen?

Wäre die Ameise auf ihrem Grashalm sitzen geblieben, hätte ihr Leben nicht im Schnabel eines hungrigen Vogels geendet.

Aber dann wäre sie auch dem Himmel niemals so nahe gewesen.

© Andreas Schwarz 2021-03-07