Die Angst

Das Fräulein  „So-La-La“ war   untröstlich.  In ihrem Kopf spazierten die klügsten Gedanken herum.    Alle Wörter saßen  an ihrem Platz wie von einem Buchdrucker gesetzt.
Aber sobald sich die Zunge ihrer annahm, verwandelten sie sich in einen unverständlichen Krawall,  der jedes menschliche Ohr beleidigte.
Da fand sich ein A, wo keines hinpasste.  Da hoffte man verzweifelt auf ein P, wo es dringend  gebraucht wurde.  Da hörte man ein L, wo keines sein sollte. Da wartete man vergeblich auf ein U und ein R, wo sie unabkömmlich waren.
Der aufgestaute Ärger  über den Tunichtgut in ihrem Mund duldete keinen Aufschub mehr.
Das Fräulein „So-La-La“ raffte allen Mut zusammen und biss sich mit den Zähnen auf die Zunge.  
Aua.“, schrie  diese  im korrekten Wortlaut auf.
„Gescheiht dem verrcükten Beist rceht.“, krächzte das Fräulein „So-La-La“ und wusste nicht, ob ihr zum Lachen oder zum  Weinen zumute war.   
Es  tat höllisch weh, sich auf die Zunge zu beißen.
Die Großmutter musste all ihre Überredungskunst einsetzen, um  das  sinnlose Blutvergießen zu stoppen. Die Großmutter mochte eine alte Frau mit krummem Rücken, schweren Beinen und  dicken Furchen im Gesicht sein. Aber der Verstand in ihrem Kopf arbeitete mit der Schärfe eines Rasiermessers. 
„Wenn du Deine Zunge in die Schranken weisen   willst, musst du lernen, die Angst vor ihr zu zähmen.“,  redete sie auf ihre  vor Zorn schäumende Enkelin ein.
Mit wenigen Worten legte sie das Übel frei, welches das Fräulein „So-La-La“ plagte.
Die  Worte trafen sie mit der Wucht eines Keulenschlages.
Plötzlich war sie  kein kleines Mädchen mehr, das gegen ihr Stottern ankämpfte.    
Im Stillen   hatte sie  schon begonnen, sich mit ihrer verrückten Zunge abzufinden in der Hoffnung, sie würde eines Tages ein Einsehen haben und ihrer Späße überdrüssig werden.    

Nun hatte die Großmutter ihr den Blick auf den wahren Feind geöffnet.
Nie und nimmer glaubte sie,  gegen einen Gegner bestehen zu können, der die Stärksten schwach und die Mutigsten mutlos machte.
Die Angst war eine tausendarmige Krake, die alle Verstecke und Zufluchten kannte. Sie war ein Meister der Maskerade mit abertausenden Kostümen und Gesichtern.
Es existierte keinerlei Handhabe gegen sie.   Man konnte sie nicht einfach von der Polizei verhaften lassen.  Sie   beugte  sich keinem  Richterspruch. Schon gar nicht ließ sie sich hinter  Mauern wegsperren.
Unersättlich streckte sie  die  Fänge  nach ihrer Beute aus.   Überall stellte sie die Fallen auf.   Einmal  wartete sie in einer dunklen  Ecke.  Ein anderes Mal schlug sie bei einem Blick in einen Abgrund zu.  Aber am Allermeisten lauerte sie ihren Opfern in den Gedanken auf.
Ihre größte Niedertracht war es, für andere außer den Unglücklichen, die in ihre Fänge geraten waren, unsichtbar zu sein. In der Gesellschaft seiner Angst war jeder Mensch für sich allein. 
Fasste ein mutiger  Geist sich ein Herz und wagte es,  sich ihr entgegen zu stellen, wartete sie geduldig, bis er schlief.  Nirgendwo ging die Angst lieber auf die Jagd als im Schlaf.  In den Träumen blieb der schärfste Verstand ihrer unbarmherzigen Folter wehrlos ausgeliefert.  Wenn sie ihm Morgengrauen von ihm abließ, hatte er sich ein blasses Gespenst verwandelt, dem alle Zuversicht verloren gegangen war.
Die Verzweiflung stand dem Fräulein „So-La-La“ unübersehbar ins Gesicht geschrieben. Ihre Augenlider flatterten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen auf und ab.
„Miene Znuge speilt verrükct, weil ich Agnst vor ihr hbae.“,  stotterte es  aus ihr heraus.
„Ich sehe keine andere Ursache.“,   bestätigte   Oma Rosa die furchtbare Wahrheit.
„Gbit es kenie Meidzin ggeen sie?“, wimmerte das Fräulein  „So-La-La“ kleinlaut.
Die Großmutter schüttelte den Kopf.
„Die Pillen und Spritzen der Ärzte  besiegen die Angst nicht.  Sie  können ihre Dämonen  nur  ins Dunkel drängen.“, antwortete sie. 
Der Tonfall der Großmutter  ließ keinen Zweifel offen, wie wenig sie von dieser Methode hielt.

„Ihre Macht ist dort am Größten, wo sie im Schatten bleibt und niemand sieht, dass sie weder Klauen besitzt, um zu kratzen, noch Zähne hat, um zu beißen.“
Das Fräulein  „So-La-La“ durchzuckte ein Geistesblitz.
Vielleicht behielt  die  Großmutter Recht  und sie fürchtete sich vor einem harmlosen Streicheltier, das darauf wartete, ihr  die   ausgestreckte Hand zu lecken. Sie zeigte sich entschlossen, es auf einen Versuch ankommen lassen.  
Das Fräulein  „So-La-La“   ballte die Finger der rechten Hand zur Faust und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum.
„Zieg dcih,  du  hniterlsitiger Gfitschalnge. “,  forderte sie ihre  Angst heraus. 
Die   Zunge  reagierte prompt und eindeutig. Unmissverständlich stellte sie seiner Besitzerin unter Beweis, dass sie kein Geschöpf aus dem Streichelzoo war.
Mit gewohnter Boshaftigkeit schleuderte sie  den Satz in wilden Pirouetten zwischen den Zahnreihen herum,  bis  er sein  kurzes Dasein in einem hilflosen Gestammel aushauchte.
Da fuhr dem Fräulein  „So-La-La“  der alte Schrecken in die Glieder. Ein Sturzbach aus Tränen ergoss sich über ihre Wangen  und flutete den Boden knöcheltief.
Die Großmutter lächelte milde.
„Die Angst zu zähmen, gelingt selten auf den ersten Versuch.“,  sagte sie.
Aber wer sie ins Licht zwingt, findet hinter dem riesigen Schatten,  der das Leben verdunkelt, ein kümmerliches Wesen vor, das sich unterwirft, sobald es einen festen Willen und ein entschlossenes Herz gegen sich weiß.“

ENDE.