Captain Feelgood oder Der Pirat in der Badewanne

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Mit dem  Fräulein  „So-La-La“  im Schlepptau   verschwand  Oma Rosa   im Badezimmer und verriegelte  die Tür hinter sich.   
„Es wird Zeit, das Quartier für  Captain Feelgood  vorzubereiten.“,  trieb sie ihre Enkelin zur Eile an.
Während sie sprach, beugte sie sich über die Badewanne und drehte den Wasserhahn bis zum Anschlag auf. Das Rauschen, mit dem der heiße Wasserstrahl die Wanne flutete, rief dem Fräulein „So-La-La“ die seltsamen Umstände, die den Besuch von Captain Feelgood begleiteten, ins Bewusstsein.
Für gewöhnlich kamen die Gäste über die Haustür. Captain Feelgood, der mit ihrer Mutter auf vertrautem Fuß stand, schien es dagegen vorzuziehen, mit seinem riesigen Zweimaster direkt in die Badewanne zu segeln.
Die hektische Betriebsamkeit, mit der Oma Rosa für den notwendigen Tiefgang in der Badewanne sorgte, zerstreute jedoch die letzten Zweifel, ob alles mit rechten Dingen zuging.
Anstelle sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ein riesiges Segelschiff in das winzige Badezimmer im ersten Stock eines Reihenhauses gelangte, löcherte das Fräulein „So-La-La“ ihre Großmutter mit Fragen über den Kapitän des Schiffes.
„Sciher war  er  ein Friebueter  mit den dciksten Knaonen an Brod.“, erging sie sich in den haarsträubendsten Vermutungen.
Oma Rosa  schüttelte den Kopf.
„Er war ein friedfertiger Schiffskapitän, der keiner Menschenseele etwas zuleide tat.“, erwiderte  sie.
„Dnan kmäpfte er mit gefärhlcihen Seeungehueern auf Lbeen und Tod?“
Wieder musste die Großmutter die Hoffnungen  des Fräuleins „So-La-La“  enttäuschen.„Ich fürchte, er hat keinen einzigen Fisch an den  Haken gekriegt, der größer war als ein Hering.“
Das Fräulein  „So-La-La“  runzelte  die Stirn.   Wer war dieser geheimnisumwitterte  Seemann,  der ein Schiff steuerte, das weder Kanonen noch Fischernetze an Bord hatte?   Sie unternahm einen letzten Anlauf.
„Bestmimt hat er unbeknante Lnäder  entdkect und  die Welt görßer gemcaht.“
Die Großmutter winkte erneut ab.
„Ich fürchte, auch diese Heldentat blieb ihm versagt. Zu seinen Lebzeiten wurde die Welt um keinen Quadratzentimeter größer,  als sie es bereits  war.“

Mittlerweile hatte das heiße Wasser, das aus den Leitungen strömte,  die Wanne zur Hälfte gefüllt.  Der hochsteigende Dampf hüllte den kleinen Raum in dichte Rauchschwaden. 
Mit dem  kritischen Blick  eines Hafenmeisters prüfte Oma Rosa den Wasserstand.  
„Der Ankunft von  Captain Samuel Feelgood steht nichts mehr im Weg.“,   zeigte sie sich mit dem Pegelstand der Badewanne zufrieden.
Das Fräulein  „So-La-La“ hielt der Aufregung nicht länger stand.    Flugs  schlüpfte sie  aus dem Nachthemd und sprang in die  Wanne, um die Einfahrt  des Schiffes aus Nächster Nähe zu beobachten.
Kaum platschte sie mit den Füßen ins Wasser, stachen die Umrisse des Zweimasters durch den aufsteigenden Wasserdampf. 
Captain Feelgood steuerte sein Schiff  hart backbord. Eine steife Brise blähte die Segel. Er hielt  direkt auf das Fräulein „So-La-La“ zu. 
Auf Höhe ihres linken Knies, das zur Hälfte  aus dem Wasser ragte,  riss er das Ruder herum und  leitete  in einem  gewagten  Manöver  eine scharfe Wende ein. 
Eine gewaltige Bugwelle spritzte auf und brachte die  Mybody beinahe zum Kentern. Das Schiff schwankte bedrohlich nach allen Seiten, bevor  es in ruhiges Gewässer zurück fand.
Der Anblick des kleinen Zweimasters, der eine Armlänge von ihr entfernt im Wasser schaukelte, riss das Fräulein  „So-La-La“ unsanft aus ihren Träumen.  Ihr Zeigefinger zuckte nervös. 
Die Mybody  war kein richtiges Piratenschiff. Vom Bug bis zum Heck war es nicht länger als eine Limonadenflasche.  Der Rumpf war  aus  Streichhölzern geklebt. Zwei übereinander gestapelte Zigarrenschachteln bildeten die Kommandobrücke.  In der Mitte ragten zwei dünne Häkelnadeln hoch,  an denen kleine Stofffetzen hingen, die als Segeln dienten.
Der alte Kahn hatte nie auf einem Ozean gedient. Sein Heimathafen war auch keine einsame Piratenbucht.  Nach seinem jämmerlichen Zustand zu schließen, hatte er die letzten hundert Jahre in einer Spielzeugkiste  auf einem Dachboden zugebracht.
Die Erscheinung von Captain Feelgood entpuppte sich als nicht weniger armselig. Der gefürchtete Piratenkapitän war nichts weiter als eine daumengroße Spielfigur im Seemannskostüm, die mit den Füßen auf der Kommandobrücke des Schiffes geklebt war, um nicht von der ersten Welle über Bord gespült zu werden.

Das Fräulein „So-La-La“ sparte nicht mit empörten Blicken. Man hatte sie mit falschen Versprechungen in die Badewanne gelockt.
Captain Feelgood und sein Schiff Mybody segelte nicht an den Küsten fremder Kontinente entlang, sondern dem verstaubten Fundus eines Puppentheaters entsprungen.
„Was in deiner Badewanne schwimmt, sieht aus wie ein Streichholzboot, das von einem Plastikkapitän gesteuert wird.“, bestätigte die Großmutter, was nicht zu leugnen war.
Aber wer genauer hinsieht, erkennt etwas völlig anderes.“   
Die echte Mybody,   berichtete sie,   musste keinen  Stürmen mehr trotzen. Sie war vor vielen hundert Jahren mit Mann und Maus im Indischen Ozean versunken.
Captain Feelgood hatte bis zuletzt auf der Kommandobrücke seines Schiffes ausgeharrt und ruhte mit ihm auf dem Grund des Meeres.
In den Erzählungen der Seeleute überdauerte  seine Geschichte bis in die heutige Zeit. In jedem Hafen warf sie ihren Anker aus.  Nachts schlich sie als unruhiges Gemurmel um die Kais. In den Kneipen wurde sie flüsternd von einem Ohr zum anderen weiter gereicht.
„Und manchmal taucht sie in der Badewanne eines kleinen Mädchens auf.“,  scherzte Oma Rosa.
Der echte Captain Feelgood war keine Augenweide, dem die Herzen der Menschen zuflogen. Eine Laune der Natur hatte ihm die Statur eines kartoffelförmigen Zwerges mit kurzen Armen und Beinen gegeben. 
In seinem pockennarbigen  Gesicht herrschte ein  Durcheinander, als hätte ein  gewaltiger  Sturm darin  gewütet.  Alles  wirkte schief und verschoben.  Das spitze Kinn ragte aus seinem Gesicht wie ein  sturmgepeitschtes  Riff  aus einem Ozean. 
Seine Hakennase war von tausenden Seestürmen krumm geschliffen.   Über dem linken Auge trug er eine Augenklappe.
Wenn sich sein Mund  öffnete,  blitzte  ein Gebiss auf, das einem scharfzahnigen Fangeisen  glich.
Das Schiff sah nicht weniger ungewöhnlich aus als sein Kapitän.  Es war ein alter Seelenverkäufer, den die kleinste Brise auf den Grund des Meeres  zu schicken drohte.
In den Augen von Captain Feelgood war der marode Kahn das beste  Schiff, das über die Meere segelte.

Wenn er von dem Zweimaster  erzählte,  glänzten seine Augen.   Er liebte seine Mybody,   wie sie war.    Das Schiff  hatte ihn ein Seemannsleben lang  nicht in Stich gelassen und  der stürmischsten See getrotzt.
„Seine Planken mögen morsch  und die Segel zerrissen sein.   Aber um Nichts würde ich es tauschen wollen. Denn ohne dieses Schiff hätte ich die Weite des  Ozeans  nicht  erfahren.“, schwärmte er.
Captain Feelgood war mit sich zufrieden.  Er  haderte weder mit seinem  Aussehen, noch mit dem Zustand des Schiffes, das unter seinem Befehl stand.
Warum sollte er auch?   Es existierte kein Hafen,  wo die Seeleute nicht ängstlich den Blick senkten, wenn er ihnen in die Augen sah.  
In jeder Kneipe von  Kneipe von Alaska bis Madagaskar  wurde es totenstill, sobald  sich sein  Schatten in der Tür abzeichnete.
Die wenigen  Großmäuler, die in seiner Gegenwart ein  spöttisches Wort wagten, durften auf keinen Pardon  hoffen. 
„Ich habe in das Auge des fürchterlichsten aller Feinde geblickt. Und bei Gott, ich stünde nicht hier, wenn ich ihn nicht besiegt hätte.“, donnerte er den Unglücklichen entgegen, dass der Putz von den Wänden bröckelte.
Sein Ansehen gründete auf der Macht dieser Worte.  Nur die Tapfersten fanden  den Mut, es Captain Feelgood   gleich zu tun.   Und die allerwenigsten unter  ihnen kehrten als Sieger zurück.
Mit offenem Mund lauschte das Fräulein  „So-La-La“  dem  Seemannsgarn ihrer Großmutter.
Der  Ärger  über das armselige Streichholzboot in der Badewanne war wie weggeblasen. „Womit hat er den Seemännren enien slochen Scherkcen eingejgat.“,  fragte sie mit erregter Stimme.
„Er hat ihnen einen  Spiegel vor die Nase gehalten.“,    antwortete die Großmutter.
Wer in deisen Speigel bilckte,  bileb für alle Ziet darin gefnagen.“, schoss wie es aus einer Pistole aus dem Mund des Fräuleins „So-La-La“.
Sie  entzückte sich an der Vorstellung,  ihr  unsägliches Spiegelbild an diesen Ort zu verbannen.

Oma Rosa lächelte milde. 
„Ein kleiner Taschenspiegel bietet nicht genügend Platz für ein Gefängnis  dieser Größe.“, widersprach sie.
Einmal beflügelt, war die Phantasie  des Fräuleins  „So-La-La“  nicht zu bremsen.
„Er hat den Mneschen irhe Zuknuft geziegt.“,   beschwor sie einen anderen  Zauber, dem Captain Feelgood seine Macht über die Menschen verdankte.  
Wieder verneinte die Großmutter.
„Es war ein gewöhnlicher Taschenspiegel.   Man sah  darin nichts anderes als in jedem anderen Spiegel.“
Plötzlich dämmerte dem Fräulein „So-La-La“ die Wahrheit. Sie stieß einen entsetzten Aufschrei aus.
Wie hatte sie so blind sein können? Für einen Wimpernschlag lang trafen sich ihre Blicke. Captain Feelgood stand auf der Kommandobrücke seines Schiffes und segelte wieder ins offene Meer zurück. In dem Spiegel, den er in seiner Hand hielt, spiegelte sich die Weite des Ozeans. In beiden Elementen war eine Menschenseele auf sich allein gestellt.
Mit zittriger Hand winkte ihm das Fräulein „So-La-La“ hinterher. Ein eisiger Schauer erfasste sie. Denn sie hatte begriffen, was die Welt vor Captain Feelgood erzittern ließ. Er brauchte keinen Kanonen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
Er musste den Menschen nur einen Spiegel vor das Gesicht halten. Wer dort hineinblickte, begegnete dem schlimmsten aller Feinde. Und bei Gott. Nur die Allertapfersten besaßen den Mut, sich ihm zu stellen.

ENDE