Die Geschichte von Captain Feelgood, der den schlimmsten aller Feinde besiegte

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Die Geschichte von Captain Feelgood, der mit seinem Schiff Mybody über die Weltmeere kreuzte, klang für das Fräulein „So-La-La“ wie Seemannsgarn, das betrunkene Matrosen in den Hafenkneipen sponnen. Mit ihren Kulissen und Kostümen spielte sie zu einer Zeit, die längst versunken war.
Aber der äußere Schein täuschte. Captain Feelgood war keine Spukgestalt, die in alten Büchern sein Unwesen trieb.
Er war quicklebendig und besaß in jeder Wohnung auf der Welt einen Hafen. Denn der Ozean, durch das er sein Schiff steuerte, hing in allen Badezimmern an den Wänden.
Als das Fräulein „So-La-La“ das erste Mal von der Geschichte hörte, fragte sie der Großmutter Löcher in den Bauch.
„Sciher war  er  ein Prait  mit den görßten Knaonen an Brod.“, stellte sie die haarsträubendsten Vermutungen über Captain Feelgood an.
Oma Rosa  schüttelte den Kopf.
„Er war ein friedfertiger Schiffskapitän, der keiner Menschenseele etwas zuleide tat.“, antwortete  sie.
„Dnan kmäpfte er mit reisigen Seeungehueern auf Lbeen und Tod?“, machte das Fräulein „So-La-La“ einen todesmutigen Walfänger aus ihm.
Abermals erlebte sie eine herbe Enttäuschung.
„Ich fürchte, er hat keinen einzigen Fisch an den  Haken gekriegt, der größer war als ein Hering.“
Das Fräulein  „So-La-La“  runzelte  die Stirn.   Wer war dieser geheimnisumwitterte  Seemann,  der ein Schiff steuerte, das weder Kanonen noch Fischernetze an Bord hatte?  
Sie unternahm einen letzten Anlauf, das Rätsel um Captain Feelgood zu lösen.
„Bestmimt hat er unbeknante Lnäder  entdkect und  die Welt görßer gemcaht.“
Die Großmutter winkte erneut ab.
„Ich fürchte, auch diese Heldentat blieb ihm versagt. Zu seinen Lebzeiten wurde die Welt um keinen Quadratzentimeter größer,  als sie es bereits  war.“
Langsam verlor das Fräulein „So-La-La“ das Interesse an der Geschichte von Captain Feelgood.

Beinahe fühlte sie sich erleichtert, als sie erfuhr, dass sein Schiff mit Mann und Maus im Indischen Ozean untergegangen war.
Seltsamerweise endete die Geschichte nicht an der Stelle. Sie begann erst, als Captain Feelgood bereits auf dem Grund des Meeres ruhte.
Denn in den Erzählungen der Seeleute, berichtete die Großmutter, überdauerte die Geschichte bis in die heutige Zeit.
„In jedem Hafen wirft sie ihren Anker aus.  Nachts schleicht sie als unruhiges Gemurmel um die Kais. In den Kneipen wird sie flüsternd von einem Ohr zum anderen weiter gereicht.“
Nach der Beschreibung der Großmutter bot der Anblick von Captain Feelgood keine Augenweide, dem die Herzen der Menschen zuflogen. Eine Laune der Natur hatte ihn mit einem Kartoffelgesicht gestraft, in dem ein Durcheinander herrschte, als hätte ein  gewaltiger  Sturm darin  gewütet.  Alles  sah schief und verschoben aus. Das Kinn ragte wie ein sturmgepeitschtes Riff hervor. Die Wangen waren von pockennarbigen Gräben zerfurcht. Die Augen hatten sich tief in ihre Höhlen eingegraben.  Wind und Wetter hatten die Nase krumm geschliffen. Und hinter den wulstigen Lippen lauerte ein Haifischgebiss, das den Charme eines Fangeisens versprühte.
Zu allem Unglück war er nicht größer gewachsen als ein Zwerg. Mit seinen kurzen Stummelbeinen ragte kaum bis zu einer Tischkante hoch.
Captain Feelgood war kein strahlender Held. Er bot eine lächerliche Figur, die reichlich Gelegenheit gab für Spott und Mitleid. Wundersamerweise existierte kein Hafen,  wo die Seeleute nicht ängstlich den Blick senkten, wenn er ihnen in die Augen sah.  
In allen Kneipen von Alaska bis Madagaskar  herrschte Totenstille, sobald  sich sein  Schatten in der Tür abzeichnete.
Die wenigen  Großmäuler, die in seiner Gegenwart ein  spöttisches Wort wagten, durften auf keinen Pardon  hoffen. 
„Ich habe dem fürchterlichsten aller Feinde ins Angesicht geblickt. Und bei Gott, ich stünde nicht hier, wenn ich nicht gesiegt hätte.“, donnerte er den Unglücklichen entgegen, dass der Putz von den Wänden bröckelte.

Sein Ansehen gründete auf der Macht dieser Worte. 
Nur die Allertapfersten fanden  den Mut, es Captain Feelgood   gleich zu tun.  Und die Allerwenigsten unter ihnen kehrten als Sieger zurück.
Das Schiff, das unter seinem Kommando stand, wirkte nicht weniger seltsam. Die Mybody war ein maroder Kahn, den die kleinste Brise auf den Grund des Meeres  zu schicken drohte.
Für Captain Feelgood war es das beste Schiff auf dem ganzen Ozean. Wenn er von ihm erzählte,  begannen seine Augen vor Freude zu glänzen.   Er liebte sein Schiff mehr als alles andere auf der Welt. Nichts konnte ihn dazu bringen, es gegen ein anderes eintauschen zu wollen.
„Seine Planken mögen morsch sein  und die Segel in Fetzen hängen. Aber es hat mich die Weite der  Ozeane mit eigenen Augen sehen lassen und allen Stürmen getrotzt.“, schwärmte er von dem alten Seelenverkäufer.
Mit offenem Mund lauschte das Fräulein  „So-La-La“  den  Ausführungen der Großmutter.
„Womit hat er den Seemännren enien slochen Scherkcen eingejgat.“,  fragte sie mit erregter Stimme.
„Er hat ihnen einen  Spiegel vor die Nase gehalten.“,    antwortete die Großmutter.
Wer hinein bilckte,  bileb für immer darin gefnagen.“, entzückte sich das Fräulein „So-La-La“ an der Vorstellung,  ihr  verhasstes Spiegelbild an diesen Ort zu verbannen.
Oma Rosa lächelte milde. 
„Ein kleiner Taschenspiegel bietet nicht genügend Platz für ein Gefängnis  dieser Größe.“, machte sie die Hoffnung ihrer Enkelin zunichte.
Einmal beflügelt, war die Phantasie  des Fräuleins  „So-La-La“  nicht zu bremsen.
„Mit dem Speigel hat er den Mneschen die Zuknuft geziegt.“,   beschwor sie einen anderen  Schrecken.
Wieder verneinte die Großmutter.
„Es war ein gewöhnlicher Spiegel. Man sah darin nichts anderes, als in allen anderen Spiegeln auch.“
Das Fräulein „So-La-La“ schloss die Augen. In Gedanken flog sie über einen riesigen Ozean, auf dem ein Zweimaster lautlos durch das Wasser pflügte. Die zerrissenen Segel flatterten im Wind. Captain Feelgood stand auf der Kommandobrücke des Schiffes und steuerte es mit ruhiger Hand durch die endlose Weite des Meeres.

Für einen Wimpernschlag lang trafen sich ihre Blicke. Dann drehte sich sein Schiff steuerbord und verschwand langsam am Horizont.
Mit zittriger Hand winkte ihm das Fräulein „So-La-La“ hinterher.
Ihr Gesicht war kreidebleich, als sie die Augen öffnete.
Sie hatte verstanden, warum die Welt vor Captain Feelgood zitterte. Die Furchtlosigkeit, die sie in seinem Blick gespürt hatte, war stärker als der Donner von hundert Kanonen.
Seine Geschichte bewies, dass es keinen Unterschied machte, ob man ein Schiff über einen endlosen Ozean steuerte oder in einen Spiegel blickte.
In beiden Elementen war jeder auf sich allein gestellt. Wer den Mut aufbrachte, sich ihnen auszusetzen, begegnete dem schlimmsten aller Feinde. Und bei Gott. Es brauchte die Freude, die Welt mit eigenen Augen sehen zu dürfen und die Entschlossenheit, durch die endlose Leere eines Ozeans zu segeln, um ihm stand zu halten.

ENDE