Ein Maestro spielt groß auf

Mächtige Scheinwerfer strahlten von der Decke des Supermarktes und leuchteten jeden Winkel  der riesigen Halle aus.  
Aus allen Richtungen  strömten Besucher heran und besetzten die   bereit  gestellten Stühle.   Bald war der Saal bis zur letzten Sitzreihe gefüllt.   
Auf der ganzen Länge der Bühne  waren  riesige Scannerkassen platziert.  Schmallippige Kassierinnen traten aus dem Dunkel und   nahmen  ihre Plätze auf den unbequemen Drehsesseln hinter dem Förderband ein.  Das Getue und Gerücke zwischen den Stühlen erinnerte an ein Orchester, das mit angemessenem Ernst den Auftritt des Dirigenten erwartete.  
Ein Raunen ging durch die Menge,  als ein Scheinwerfer die Gestalt  des Maestros  erfasste.
Würdevoll mit weißem Hemdkragen zum schwarzen Frack schritt er durch die Reihen des Publikums ans Dirigentenpult.   
Seltsamerweise hatte er keinen Taktstock bei sich.  Stattdessen mühte er sich mit einem vollen Einkaufswagen ab, den er vor  sich herschob.  
Mit einer   Handbewegung    löschte er das Gemurmel  in den Sitzreihen aus.   Ein strenger   Blick brachte  die letzten Störenfriede  zum Schweigen.    Es herrschte Totenstille im Raum als seine Arme über dem Einkaufswagen schwebten. Die Herausforderung hätte nicht größer sein können. Der Wagen war bis zum Rand  mit  Dosen, Flaschen und  Konserven  beladen.
Eine Packung, die aufplatzte, ein Glas, das  in Scherben zerbrach,  eine Konserve, die sich an den Ecken verbeulte, und das Konzert war  verdorben. 
Eine enttäuschte Menge würde zum Ausgang drängen und das Eintrittsgeld an der Abendkasse zurückfordern.
Die Luft war zum Zerreißen gespannt.  Auf dem Höhepunkt  der Spannung  ging ein Ruck durch den Körper des  Maestros.   Seine Hände  bohrten sich mit dramatischer  Wucht  in die Tiefe des Einkaufswagens.  Dem Publikum stockte der Atem.
Der Beginn   glich dem  Tanz auf einem  feuerspuckenden  Vulkan.   

Mit einer nie gesehenen Meisterschaft trieb er  die Aufführung dem Höhepunkt  entgegen.   In seinen  Händen verwandelten   sich sperrige Dosen, Flaschen und Konserven   zu  willfährigem Treibgut.    Mal  tänzelten sie  im Spiel seiner Finger   an der Oberfläche.  Mal  sanken sie langsam   auf den Grund des Einkaufswagens zurück.
In  unnachahmlicher Grazie  drängten  sich  die Käseecken an die Jogurtbecher, rieben sich Margarinewürfel an Marmeladengläsern.
Unaufhaltsam brach sich die Dauerwurststange  zwischen zwei  Gurkengläsern ihre Bahn.   
Innerhalb weniger Augenblicke  tobte im Einkaufswagen ein ozeanischer Sturm.    
An einer Ecke züngelte eine mächtige Salatwelle hoch.    An anderer Stelle purzelten Konserven durcheinander. Flaschen schlugen  klirrend aufeinander ein.
Der Maestro bot sein ganzes Können auf, um den Klangteppich  unter Kontrolle zu halten.    Mit dem Schweiß des Genies auf der Stirn inszenierte er ein lärmendes  Fest. Kein  Zittern einer Hand, kein  nachlässiges  Augenblinzeln und kein  unkontrolliertes  Nasenjucken gefährdeten  seine Kunst.    
Nachdem sich  die  Wogen des ersten Aufruhrs  geglättet hatten,    folgte der eigentliche Höhepunkt des Konzertes.
An der Schwelle  zwischen Wahn und Genie  dirigierte der Maestro den Inhalt des Einkaufswagens auf die Förderbänder.  
In der   von ihm bestimmten Reihenfolge  schwebten  die Milchpackungen, Fischkonserven, Senftuben, Wurststangen und Saftflaschen den Scannerkassen entgegen,  wo die Kassierinnen bereit standen,  ihren Strichcodes Piepstöne  zu  entlocken, die das schrille Getöse in eine virtuose  Klangwolke   verwandelten.
Die Musik schmeichelte sich   in die Ohren des Publikums wie ein Klang aus einer anderen Sphäre.   Es war die Siegesfanfare aller Einkäufer,  untermalt  von den vielstimmigen   Seufzern der Kassierinnen.
Als das letzte Gurkenglas mit der Leichtigkeit  einer zerbrechlichen Ballerina das Ende des Laufbandes stieß  und der finale Piepser  des  Strichcodes langsam ausklang, hatte der Maestro  ein neues Meisterwerk geschaffen.  

Glückselig rissen die Kassierinnen die   weißen Streifen ab, welche die Kassen ausspuckten  und schwenkten sie zum Zeichen des Triumphes über ihre   Köpfe.    Auf ihm war in langen Zahlenreihen die Musik des Maestros für die Nachwelt festgehalten. Nun  hielt es das Publikum nicht länger auf den Stühlen. Tosender Applaus brandete auf.
Die Begeisterung war ohnegleichen. Zugaben wurden eingeklatscht. Nicht enden wollende Bravissimorufe brandeten aus unzähligen Kehlen.
Der Maestro wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben.  Im Bewusstsein  seines Erfolges hob er die Arme in die Höhe.   Augenblicklich fiel der Saal wieder in eine Totenstille zurück.  Was nun folgte, war  ein  verzückendes  Fingerspiel,  das der Maestro aus dem Nichts zauberte.   Auch dieses Minimum an Virtuosität  entlockte den Scannerkassen Ton-miniaturen in allerhöchster Perfektion.
Beglückt lauschte das Publikum der Schokoriegel- und Kaugummizugabe, die der Maestro mit unnachahmlicher Leichtigkeit aus dem Ärmel schüttelte.
Der Erschöpfung nahe verbeugte  er sich vor seinem dankbaren Publikum.  Mit bescheidener Geste reichte er den tosenden Beifall  an die erschöpften Kassierinnen weiter.
Im gleißenden Licht der Scheinwerfer konnte man  erkennen,  wie klein gewachsen er war.  Mühelos verschwand sein Kopf bis über das Kinn unter dem breiten Hemdkragen. Der Frack hing ihm schlaff von den Schultern.   Die flatternde  Hose an seinen Beinen hatte die traurige Erscheinung eines   Fahrradschlauches, dem ein Nagel  zum Verhängnis geworden war. Als das Haupt des Maestros   von den Scheinwerfern erfasst wurde, ging ein Raunen durch den Saal.   Das Licht beleuchtete ein kleines  Mädchen, das aufrecht unter dem Tisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen. 
Mit dem glückseligen Lächeln des Maestros auf den Lippen streckte das Fräulein „So-La-La“ im Schlaf ihre Arme in die Höhe. Für einen kurzen Moment  blinzelte sie mit den Augen, um  sich zu  vergewissern, dass noch kein Morgen graute. Dann drehte sie sich zur Seite und kehrte in ihren Traum zurück, wo sie der Beifall  eines    begeisterten Publikums empfing.

ENDE