Der Wicht und der Tiger

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Diese Geschichte ist weder frei erfunden, noch sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Sie ist allzu wahr und wiederholt sich tagtäglich an den großen und kleinen Schreibtischen der Macht.
Wer kennt  sie nicht die Wichtigtuer, Schreihälse und Luftausbläser. Wir haben uns an ihren Anblick gewöhnt wie an das schlechte Wetter. Aber hinter den großen Schatten, die sie werfen, verbirgt sich immer  noch der gleiche Wicht, mit dem alles begonnen hat.
Es wurde nicht überliefert, an welchem Ort der Welt sich der Wicht und der Tiger über den Weg liefen.
Daran dass sie sich begegnet sind, besteht jedoch kein Zweifel. Denn über die Folgen dieses unglückseligen Aufeinandertreffens liest man täglich in den Schlagzeilen.
Das prächtige Fell des Tigers glänzte wie Gold in der Sonne. Mit den spitzen  Krallen und den messerscharfen Zähnen war er das mächtigste Tier weit und breit.
Wenn er das Maul öffnete, zitterte die Welt vor seinem Gebrüll. Voller Neid beobachtete der Wicht die majestätische Erscheinung des Tigers. 
Schließlich fasste er sich ein Herz und sprach ihn an.
„Kannst du mich lehren,   wie ein Tiger zu brüllen?“
Der Tiger blickte mitleidig auf die erbärmliche Gestalt  herab, die mit schlotternden Knien vor ihm stand.   Er hatte bereits gefrühstückt und verzichtete auf die armselige Mahlzeit, die  sich  vor seinen Pranken in den Staub warf.
Mit der Großzügigkeit eines vollen Bauches erfüllte er dem Wicht seinen Wunsch.
„Es funktioniert ganz einfach.“,  lüftete der Tiger das Geheimnis seiner  Macht.
„Die Kunst besteht darin,  lauter zu brüllen als es andere tun.“
Zum  Beweis spreizte  er den Unterkiefer und setzte zu einem markerschütternden Gebrüll an,  dass die Erde unter seinen Füßen bebte.
Der   Wicht zeigte sich tief beeindruckt.
Von diesem Tag  an  nutzte er jede Gelegenheit, sich lautstark in Szene zu setzen.
Am Anfang  gelang es ihm nicht, seiner Kehle etwas Tigerhaftes zu entlocken.  Seine Stimme  klang  wie das aufgeregte  Gackern eines Huhnes.
Solche Rückschläge mochten den Wicht  nicht zu entmutigen. Mit unermüdlicher Ausdauer  kräftigte er  seine Stimmbänder.

Nach vielen Wochen und Monaten  geschah das Wunder. Der Wicht  fletschte das Maul und ein Geplärre, welches  das Gebrüll von zwei  Tigern übertönte,  entfuhr seiner Kehle.
Von nun an zitterte die Welt vor ihm. Bald wagte es niemand  mehr, ihm zu widersprechen.
Eines Tages bekam der Wicht Besuch von dem Tiger, der ihm das Geheimnis der Macht verraten hatte.  Der Wicht erkannte ihn nicht.  Denn der Tiger war alt geworden. Die Goldfarbe seines Felles war einem fahlen Grau gewichen.  Und von dem einst mächtigen Gebrüll war ein leises Röcheln übrig geblieben.
„Wie stellst du es an,   dass sich die Welt vor einem kleinen Wicht fürchtet?“,  wollte der alte  Tiger wissen.
Der Wicht maß  den   altersschwachen  Tiger  mit einem verächtlichen Blick.
„Aus mir ist ein großes Tier geworden.“,  tönte er. 
Dabei schwoll  seine  Brust zum Platzen an.
„Welches Tier meinst Du?“,   zeigte sich  der Tiger ratlos.
Er sah sich immer noch dem gleichen Wicht gegenüber, der ihn ängstlich um seinen Rat gebeten hatte.
„Ich bin jetzt ein Wicht-TIGER.“,  empörte sich  der Wicht  über die Respektlosigkeit des Tigers.
Dann  erteilte er den  Befehl,  seinen ehemaligen Lehrmeister mit einem Fußtritt vor die Tür zu befördern.

ENDE