Der Zwerg, der ein Riese war

Diese Geschichte hörte sich allzu traurig an. Denn sie handelte von einer Prinzessin, die ihren Mann nicht liebte.
Nie schenkte sie ihm ein Lächeln. Nie hatte sie ein freundliches Wort für ihn übrig. Unter ihren abweisenden Blicken büßte er jeden Tag ein Stück seiner Größe ein. Bald war er zu einem kümmerlichen Zwerg geschrumpft.
Keine Minute verging, in der die Prinzessin nicht ihr Dasein beklagte.  Es erschien ihr klein und unbedeutend,   weil sie von einem Zwerg geliebt wurde.
„Warum kann ich nichts Besseres haben als ihn?“,   schätzte sie seine Gesellschaft gering.
Trotz der schlechten Laune, mit der ihm die Prinzessin das Leben schwer machte, blieb der Zwerg treu an ihrer Seite. In seinen Augen erstrahlte sie in der Schönheit eines unschuldigen Engels. Unermüdlich las er ihr jeden Wunsch von den Lippen ab.
Er schaffte die besten Speisen heran, dass sich der Tisch unter den herrlich duftenden Leckereien bog.
Die Prinzessin aß die Teller bis auf den letzten Krümel leer. Mit vollem Bauch zog sie eine saure Miene.  Für sie war es die armselige  Mahlzeit  eines Zwerges gewesen.
„Von diesem Fingerhut soll ich satt werden.“, nörgelte sie.
Ihre Schmähungen vermochten den Zwerg nicht zu kränken.    
Zum Beweis seiner  Liebe baute er  für sie  das prächtigste  Haus im ganzen Dorf.  Aber für die Prinzessin war es bloß die ärmliche Behausung  eines Zwerges.
„In einer winzigen Hütte  muss ich wohnen.“,  rümpfte sie verächtlich die Nase.
Die Liebe des Zwerges war stärker als der Zank, den die Prinzessin bei jeder Gelegenheit anzettelte. Unermüdlich warb er weiter um ihre Gunst.
Was er sich an den Fingern absparte, verschwendete er an prächtigen Gewändern für sie. Aber selbst die feinsten Stoffe wollten den Ansprüchen der Prinzessin  nicht genügen.  Es waren nur die Kleider eines Zwerges. 
„In diesen Lumpen muss ich gehen.“,  herrschte sie ihn  an.
Der Zwerg ertrug ihre Klagen,  ohne ein böses Wort an sie zurück zu geben.

Dann kam der Tag, an dem er sich ein Kind  von ihr wünschte.   Die Prinzessin lehnte entrüstet ab.
„Zur Mutter eines Däumlings willst du mich machen.“, wies sie  ihren Gemahl zurück.
Für sie war es nur das Kind eines Zwerges.
Endlich durchschaute der Zwerg den wahren Charakter der Prinzessin.  Ohne ein Wort zu sagen, packte er seine Sachen und verschwand zur Tür hinaus.
Zuerst weinte ihm die Prinzessin  keine Träne hinterher.
„Meine besten Jahre  habe ich mit einem Wicht vergeudet.“, bedauerte sie die Zeit, die sie mit ihm verbracht hatte.
Bald  nach dem Verschwinden des Zwerges ereigneten sich seltsame Dinge.
Kein  Essen wollte der Prinzessin wieder so gut schmecken wie jene Köstlichkeiten, die der Zwerg für sie zubereitet hatte. 
Je prächtiger sie ihr Haus ausschmückte,  desto langweiliger empfand sie es im Vergleich zum Glanz der ersten Tage,  die sie mit dem Zwerg darin verbracht hatte.  
Nicht anders erging es ihr mit den zahllosen Kleidern, die in ihren Schränken verstaubten.  Wie zum Hohn strahlten die Stücke am Prächtigsten,  die der Zwerg für sie angeschafft hatte.   
Die schlimmste Schwermut überfiel die Prinzessin jedoch  bei dem Gedanken an das Kind,  das sie ihm nie geboren hatte.
Im selben Maß wie ihre   Sehnsucht nach den verloren gegangenen Dingen wuchs, veränderte sich auch die Erinnerung an den Zwerg.
Mit jedem  Jahr, das ins Land zog,   gewann er  ein Stück seiner wahren Größe zurück.
Am Ende überragte sein langer Schatten alles andere in ihrem Leben.  Da erkannte die Prinzessin die  wahre Gestalt des Zwerges.
„Ein Riese hat mich geliebt.  Aber ich  bin  blind  dafür gewesen.“,  beklagte sie ihr Leid.
Die Reue der Prinzessin kam  zu spät. Der Zwerg setzte nie wieder einen Fuß in das Haus. 

ENDE