Die Angst des Malers

Es war einmal ein Maler, der keinen Pinselstrich zustande brachte, weil er den Anblick einer weißen Leinwand nicht ertrug.
In seinem Kopf tummelten sich tausende Bilder. Aber sobald er sich seiner Staffelei näherte, wurden seine Arme schwer als wären sie aus Blei gegossen und die  Finger flatterten ihm wie die Blätter der Bäume im Wind.
„Es mangelte ihm an Mut für den ersten Strich.“,  beschrieb die Großmutter den Kummer des Malers.
Alles lag bereit für ihn. Die Sonne warf ihr bestes Licht in das Zimmer. Die Farben waren gemischt. Die Pinsel warteten ungeduldig auf ihren Einsatz.
Aber die Angst, die im Kopf erdachten Bilder könnten auf der Leinwand zu wirren Klecksen auseinanderlaufen liefen, ließen den Maler erstarren. Ohne einen einzigen Pinselstrich gesetzt zu haben, suchte er das Weite.
Mit jedem Tag fraß sich die Angst tiefer in die Gedanken des Malers. Sie war wie eine tausendarmige Kraken, aus deren Fängen es kein Entkommen für ihn gab.
Einmal gelang es dem Maler, eine hastige Skizze auf die Leinwand zu werfen, wofür die Angst furchtbare Rache an ihm nahm. Geduldig wartete sie bis die Nacht hereinbrach. Denn der Schlaf war ihr liebstes Jagdgebiet. Bis zum Morgengrauen quälte sie ihr Opfer mit Alpträumen. Als der Maler die Augen aufschlug, blickte er im Spiegel auf ein blasses Gespenst, dem alle Zuversicht verloren gegangen war.
Dem Fräulein „So-La-La“ graute bei dem Gedanken.
Es war schlimm, einen verrückten Clown im Mund haben, der ihr jedes Wort zu einem wüsten Buchstabensalat verdrehte.   Aber wieviel schlechter erging es einem Maler,  der keinen Strich auf eine Leinwand brachte?
„Der amre Mnan hat kien eniziges Blid gemlat.“,   seufzte das Fräulein  „So-La-La“   das traurige Ende der Geschichte herbei.
Oma Rosa zwinkerte vielsagend mit den Augen.
„Aus ihm ist ein berühmter Maler geworden. Seine  Bilder  hängen  in den größten Museen der Welt.“,  stellte sie den Verlauf der Geschichte auf den Kopf.
Die unerwartete Wendung trieb den Puls des Fräuleins  „So-La-La“ in die Höhe.
Wenn es der Maler geschafft hat, seine Angst zu überwinden, dann gab es auch für sie Hoffnung, den verrückten Clown in ihrem Mund zur Vernunft zu bringen.

„Wie hat der Mlaer siene Agnst beseigt?“   
Die Stimme des Fräuleins  „So-La-La“ überschlug sich vor Aufregung.
„Eigentlich war es kinderleicht.“, antwortete die Großmutter.
Was sie berichten hatte, klang unglaublich.
Tatsächlich hatte der Maler seine Angst mit einem Trick überlistet.  Er  fertigte  seine Bilder mit  einer Binde vor den Augen an. Anfangs gelangen ihm  nicht mehr als wirre Kleckse.   Aber je  öfter  er sich an der Staffelei versuchte, desto kräftiger gerieten seine Pinselstriche.  Und an manchen Tagen  entdeckte er   ein wunderschönes Bild auf der Leinwand. 
Als er nach unzähligen Anläufen  vergaß, die Binde anzulegen, erschrak er sich nicht mehr an der leeren Leinwand.  Er hatte gelernt, seiner Hand zu vertrauen.
Von diesem Tag an  verlor die Angst ihre  Macht über ihn.
Die Zahnräder des Fräuleins „So-La-La“ liefen auf Hochtouren.
Vom Erfolg des Malers angestachelt, startete sie zu einem Selbstversuch. Anstelle einer Binde presste  sie  sich die Hände vor die Augen. 
Lauthals plapperte sie los.   Ohne  einziges Mal  Luft zu holen,  redete sich das Fräulein  „So-La-La“  die Seele aus dem Leib.   
Ungeniert genoss die Zunge das atemlose Geschwafel und drehte dem Fräulein „So-La-La“ jedes Wort im Mund herum.
Aus einem  „ei“ formte sie ein quietschendes  „ie“.  Ein „er“ zerfiel in ein irreführendes „re“.  Und  von einem harmlosen „au“  ließ sie  nicht mehr als ein  jaulendes „ua“ übrig.
Das Fräulein „So-La-La“ kämpfte,  bis sie vor Heiserkeit keinen Ton mehr über die Lippen brachte.
Am Ende hatte sie nicht das Geringste vorzuweisen,  das den Ansprüchen  des  Malers gerecht geworden wäre.
„Miene Znuge kelckst nur.“,   schluchzte das Fräulein „So-La-La“.  
Der Zirkusclown in ihrem Mund jauchzte vor Schadenfreude.  
Dieses Mal  sollte ihm das Lachen im Hals stecken bleiben.  
„Die Angst zu zähmen, gelingt niemandem auf den ersten Versuch.“,  sagte Oma Rosa.
„Sie ist ein Meister der Maskerade und zeigt jedem ein anderes Gesicht. Aber ins Licht gezerrt entpuppt sie sich immer als der gleiche lächerliche Zwerg, der das Weite sucht,   sobald er einen festen Willen oder ein entschlossenes Herz gegen sich weiß.

„Miene Znuge ist kein Zwerg.“, protestierte das Fräulein „So-La-La“ energisch.
„Sie ist ein verrückter Clown.“
Dabei zog sie ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Zu abscheulich erschien ihr der Gedanke, einen Zwerg zwischen ihren Zähnen spazieren zu tragen.
Die Großmutter lächelte.
„Umso besser.“, antwortete sie.
„Denn Sprechen zu lernen ist ein großes Abenteuer. Dabei begegnet man den seltsamsten Wörtern, von denen noch nie jemand gehört hat. Manche von ihnen schlagen einen schrecklichen Lärm. Andere sehen ungeheuerlich aus.
Da kann es schon einmal vorkommen, dass sich die Zunge wie ein verrückter Clown benimmt. Am besten ist es darüber zu lachen, wenn sie Unsinn stiftet  und Purzelbäume schlägt.
Es dauert nicht lange, bis sie ganz von selbst in die ernsten Töne findet. Dann wirst du dich manchmal Dinge sagen hören, die dich erschrecken lassen,  wenn du im Bett liegst und darüber nachdenkst.
Vielleicht wünscht du dir in diesen Nächten die Zeit zurück, in der sie ein harmloses Zirkuskind war und dir lustige Streiche spielte.“
Die Großmutter hatte recht, durchzuckte ein Geistesblitz das Fräulein „So-La-La“.
Niemand fürchtete sich vor einem Clown. Die Kinder lachten über ihn, wenn er in der Zirkusmanege über die eigenen Füße stolperte. Aber am Schluss der Vorstellung klatschten sie ihm begeistert Beifall, weil er bei seinen verrückten Späßen nie auf die Nase fiel, sondern immer auf den eigenen Beinen landete.
Von diesem Tag an ertrug das Fräulein „So-La-La“ die Launen ihrer Zunge, ohne sich zu beklagen. Sollten sich die gestreckten Zeigefinger, hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Stimmen ruhig das Maul zerreißen.
Es war kein Honiglecken mit einem Clown im Mund zu leben. Aber um nichts auf der Welt hätte sie tauschen mögen. Meist stammelte er nur wirres Zeug. Aber hin und wieder entschlüpfte ihm ein besonderer Klang. Dann überkam sie die gleiche Zuversicht wie den Maler, wenn er die Binde von seinen Augen nahm und zwischen den Klecksen ein wunderbares Bild auf der Leinwand entdeckte.

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