Als die ZEIT (WELT) stillstand

Als das Fräulein „So-La-La“ diese Geschichte zum ersten Mal hörte, dachte sie nie im Traum daran, einmal in einer solchen Welt leben zu müssen.
Die Tage im Frühjahr 2020 fühlen sich an, als wäre die Zeit wirklich stehen geblieben. Mit einem einzigen Unterschied.
Der Tod macht keine Pause. Seine Gier scheint grenzenlos. Er hat einen willfährigen Helfer gefunden, der ihm unablässig neue Opfer zuschaufelt.
Ich habe kurz überlegt, die Geschichte umzuschreiben. Aber ich gönne dem Virus diesen Triumph nicht. Es wird wieder verschwinden. Und die Geschichte kann bleiben, wie sie gemeint war. Ein kurzes Märchen über die Schönheit der Zeit.

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Auf der Suche  nach Gold und anderen Schätzen entdeckten die  Menschen das Uhrwerk der Zeit tief im Inneren einer Höhle.   
Die Nachricht  verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land. 
Es dauerte nicht lange, bis die Menschen begannen die  riesigen Zahnräder der Zeit  mit großen Baumstämmen zu verkeilen.  
Ein ohrenbetäubendes Donnern, Krachen und Rumoren erfüllte die  Welt.
Als der Lärm verebbte, war die Zeit stehen geblieben.
Die Menschen jubelten und fielen sich in die Arme. Nun konnte alles bleiben,  wie es immer schon gewesen war.
Der Tod trat in den Schatten zurück. Die Alten starben nicht mehr. Die Jungen wurden nicht mehr alt.
Wer gesund war, blieb es für alle  Tage.  Wer krank im Bett lag,   spürte seine  Kräfte nicht weiter schwinden.  
Es herrschte   eine Fröhlichkeit in der Welt, wie es sie nie zuvor gegeben hatte. Die Menschen lebten unbekümmert in den Tag.   Jugend und Schönheit welkten nicht mehr mit den Jahren dahin.
Aber anstelle der Zeit trat ein neuer Schrecken die Herrschaft über die Welt an.  Es war der Stillstand,  der die Seelen allmählich verfinsterte. 
Alles blieb,  wie es war.  Nichts wurde schlechter. Aber nichts geriet mehr zum Besseren.
Bald begannen die Menschen zu verzweifeln. 
Die Schwangeren konnten ihre Babys nicht mehr gebären. Die Kinder wurden nicht erwachsen.  Die Mädchen blieben zu jung, um sich zu verlieben. Die Söhne warteten vergebens auf den Tag,  an dem sie ihren Vätern nachfolgten.  Die Alten schleppten sich durch ein mühsam gewordenes Dasein.
In der Welt, in der alles blieb,  wie es schon  immer gewesen war, fingen die Menschen an, von der Zeit zu träumen.  Sie errichteten  prächtige Altäre zu ihrem Gedenken und stimmten feierliche Gesänge an.  Inbrünstig beteten sie für ihr Wiedererwachen.  
Erst als die Zeit stillstand, erkannten sie im Kreislauf von Werden und Vergehen  das  verlorene Paradies. Mit der Rückkehr  der Zeit verbanden sie die Hoffnung, dass der Fluss des Lebens  neu zu fließen begann.

Lange warteten die Menschen vergebens,  bis eines Tages das Wunder geschah.
Die Baumstämme, die sie im Uhrwerk der Zeit verkeilt hatten, hielten dem Druck der Zahnräder nicht länger  stand.  
Abermals  wurde die Welt von einem Donnern, Krachen und Rumoren erschüttert, als sich die schweren Räder, von denen das kleinste so groß wie ein Wolkenkratzer war,  langsam  in Bewegung setzten. 
Im Lärm der zersplitternden Baumstämme kehrte die Zeit in die Welt zurück.
Im ganzen Land  läuteten die Glocken. Überall fielen  sich die Menschen in die Arme und weinten vor Freude.
Die Gebärenden lagen glücklich den Wehen. Die Kinder wuchsen wieder aus ihren Schuhen. Die Mädchen wurden alt genug, um sich zu verlieben. Die Söhne stiegen in die Fußstapfen ihrer Väter.
Die Menschen nahmen das Wunder dankbar an. Sie sprengten den Zugang zu der Höhle, in der sich  das Uhrwerk der Zeit befand und strichen  den Standort aus allen Karten.    Nie wieder sollte die Zeit stillstehen und sie in Not und Elend bringen.

ENDE