Die Geschichte von der Zuversicht

Es gibt drei verschiedene Arten von Geschichten. Geschichten, die passieren oder schon passiert sind. Geschichten, die wahrscheinlich sind oder zumindest wahrscheinlich sein könnten. Und Geschichten, die so unglaublich klingen, dass sie niemand für möglich hält.
Die Geschichte, von der hier berichtet wird, gehörte bis vor wenigen Monaten zu den Letztgenannten. Aber über Nacht wurde daraus eine Geschichte, die vor aller Augen passierte und die ganze Welt aus den Angeln hob.
Sie begann mit Nachrichten, die nichts Gutes verlauteten. Aus allen Fernsehkanälen dröhnten an jenen Tagen die gleichen  Botschaften. Die Welt hatte von einer Sekunde zur anderen aufgehört, sich weiter zu drehen.  Ein Virus verteilte seine tödliche Fracht in den Städten und Dörfern und zwang die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern auszuharren.
Auf den Straßen fuhren keine Autos. Die Fabriken und Geschäfte blieben geschlossen. In den Schulen und Kindergärten war das Stimmengewirr verstummt. Die Tische in den Cafés und Gaststuben warteten vergeblich auf Gäste.
Die wenigen Menschen auf den Straßen trugen Masken vor ihren Gesichtern. Sie waren um Abstand bemüht. Wenn sie einander begegneten, duckten sie die Köpfe tief in die Krägen ihrer Mäntel oder wechselten die Straßenseite.
Die Welt wirkte leerer und stiller als vorher. Die Menschen hatten aufgehört, sich zu umarmen und zu küssen. Anstatt sich zu verabreden, saßen sie allein in ihren Wohnzimmern. Stumm lauschten sie den Nachrichtensprechern, die mit ernster Stimme die ständig steigende Zahl derer verkündeten, die dem Virus zum Opfer gefallen waren.
Die ganze Welt war in den Bann eines unsichtbaren Schreckens geraten.
Einzig die Tiere schienen sich von den Ereignissen nicht beeindrucken zu lassen. Sie lebten unbekümmert in den Tag wie sie es seit ewigen Zeiten taten.
Bei einem Blick aus dem Fenster bemerkte das Fräulein „So-La-La“ zwei Schmetterlinge, die im Garten aufgeregt von einer Blüte zur nächsten flatterten.

Das ausgelassene Treiben der bunten Falter stellte sie vor ein Rätsel.
„Warum fürchten sich die Schmetterlinge nicht?“, fragte sie ihre Mutter.
Ihre eigene Angst wuchs mit jedem Tag, an dem sie ihre Großmutter nicht besuchen durfte und es verboten war, sich gegenseitig in die Arme zu nehmen.
Es war eine Angst, die nicht aufhören wollte, zu wachsen, weil auch das Virus mit jedem Tag mächtiger wurde.
Die Mutter strich ihrer Tochter die Tränen aus den verheulten Wangen.
„Die Zuversicht der Tiere ist größer als ihre Angst.“, antwortete sie.
Das Fräulein „So-La-La“ geriet ins Grübeln.  Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht.  
Die Tiere waren ihrem Schicksal wehrlos ausgeliefert.  Sie besaßen keinerlei Besitztümer. Ihnen gehörte nur, was sie am Leib trugen. Sie kannten weder Krankenhäuser noch Supermärkte. Und sie hatten keine Kindergärten und Schulen.
Trotzdem  flogen die Schmetterlinge im Garten jeden Morgen unbekümmert zum Himmel hoch.  Die Fische im nahen Fluss folgten der Strömung, ohne sich davor zu fürchten, in einem Netz zu enden.  Und die Mäuse in der alten Gartenhütte verschwendeten keinen Gedanken an den Jäger, der ihnen im Nacken saß.
Sie vertrauten dem  nächsten  Augenblick.  Und  ihre Zuversicht gab ihnen recht.
Nicht jeder Schmetterling  hauchte sein Leben im Schnabel eines  Vogels aus. Nicht alle Fische wurden mit Netzen aus dem Wasser gezogen. Und die meisten Mäuse entkamen dem Hunger der Katzen.
Das Fräulein „Sol-La-La“  wischte sich die  Tränen aus den Augen. Auf ihren Lippen spiegelte sich ein Lächeln. Die Angst in ihrem Kopf war wie weggeblasen.
Wenn sich die Tiere nicht vor der Zukunft  fürchteten,  musste sie es auch nicht tun.  
Eine nie gefühlte  Gewissheit  durchströmte sie und malte das Leben  in den schönsten Farben.  
Als sie ihre Arme ausbreitete, verwandelten sie sich in die Flügeln eines Schmetterlings, der federleicht in der Luft tanzte.  Ihre Beine zuckten aufgeregt wie die Schwanzflossen eines Fisches,  der durch die Wellen tauchte.  Und in ihrer Brust schlug das tapfere Herz einer Maus, die jeder Katze einen Haken schlug.  
Es gibt drei Arten von Geschichten. Geschichten, die wahr sind. Geschichten, die wahrscheinlich klingen. Und Geschichten, von denen niemand glaubt, dass sie tatsächlich geschehen könnten.
Die Geschichte der Zuversicht zählt in alle drei Kategorien. Denn die Zuversicht erfüllt sich jeden Tag. Sie ist immer möglich. Und man begegnet ihr auch an Orten, wo es keine Hoffnung zu geben scheint.

                    

ENDE.