Der Zwerg in der Uhr

Illustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Die Willkür, mit der die Zeit   die  Welt beherrschte,  verfolgte das Fräulein „So-La-La“ bis in den Schlaf. In ihren Träumen verdunkelte sie in der Gestalt eines tausendköpfigen Ungeheuers die Welt.
Unablässig mahlten die Kiefer seiner riesigen  Mäuler. Was   ihnen in den Rachen fiel, zerrieb langsam zu Staub.
Niemals schlief der Drache. Nie wurde  er satt. Und nie wurde sein Bauch voll.
Tagsüber übertönte der Lärm der Welt seinen Herzschlag. Aber nachts war seine Melodie deutlich zu hören. Tick-Tack, Tick-Tack summte es wie  das Uhrwerk eines Weckers. 
Schweißüberströmt schreckte das Fräulein „ „So-La-La“ aus dem  Schlaf hoch.   Ihre Augen  starrten in eine pechschwarze Nacht.  Der tausendköpfige Drache war aus ihrem Kopf  verschwunden.   Aber sein Herzschlag klang deutlich in ihren Ohren.  Tick-Tack, Tick-Tack.     
Ein Schaudern erfasste sie.   Das gefräßigste Ungeheuer zwischen Himmel und Erde bewegte sich im Takt  eines  harmlosen Uhrwerks.  
Als sie es Stunden später wieder schlagen hörte, saß sie in der Küche der Großmutter.
Tick-Tack. Tick-Tack.   
Dieses Mal war es kein Traum.    Es war mitten am Tag.  Ängstlich wanderte ihr Blick die Wand hoch, an der die Küchenuhr hing.
Tick-tack, Tick-tack, bewegten sich die Zeiger auf dem runden Ziffernblatt  vorwärts.  
Ein eisiger Hauch schlug  dem Fräulein „So-La-La“  ins Gesicht.  Für einen kurzen Moment öffnete das Getriebe der Welt seine  dunkle Pforte.  Was dahinter zum Vorschein kam,  war kein tausendköpfiges Monster.
Das Fräulein „So-La-La“ starrte in das Antlitz eines jämmerlichen  Zwerges, der in  einer kleinen Küchenuhr hauste.  
Sein Gesicht war  rund wie ein Ziffernblatt.  Anstelle von zwei Augen besaß er zwölf.  In seiner Brust schlug kein Herz, sondern eine kalte Mechanik.   Ein Bein an ihm war kurz und das andere lang gewachsen.  Durch eine Laune der Natur zum Krüppel gemacht,  bewegte er sich kaum von der Stelle. 

Tick-Tack, Tick-Tack,   schleppte er sich in winzig kleinen Schritten vorwärts.
Hasserfüllt starrte das Fräulein „So-La-La“  auf die Uhr.   Der Anblick des Zwerges, der  ihre  Großmutter  bei lebendigem Leib  langsam zermahlte,  entfachte eine zerstörerische Wut in ihr.   
Kalten Herzens malte  sie sich  aus, wie sie den Fleischhammer heimlich  aus der Küchenschublade stahl.  Wie sie einen Stuhl an die Tür heranrückte  und sich  darauf hochschwang.  Wie sie mit wuchtigen Hammerschlägen   auf die Uhr   einhieb.    Wie das Tick-tack, Tick-tack des Zwerges  verstummte und sich die  Welt in ein Paradies verwandelte,  in dem alles blieb wie es schon immer gewesen war.  
Niemand musste mehr   um seine Jugend und Schönheit fürchten. Niemand wurde alt und gebrechlich.  Niemand verlor seinen Platz auf der Welt.    
Es war die Stimme der Großmutter, die sie zur Vernunft rief.     
„Ohne die Zeit wäre nichts so geworden,  wie es ist.“,warnte sie.  
„Deiser hsäsliche  Zerwg   ist zu nchits gut. Er lsäst die Dnige verschiwnden.“,  bellte das Fräulein „So-La-La“  zurück.
Wie verrückt war die Welt,  in die man   sie hineingeboren hatte?   Die Menschen beherrschten die Erde, die Luft und die Ozeane.  Es war ihnen sogar  gelungen, mit einer Rakete auf dem Mond zu landen. 
Aber wie vor  tausenden  von   Jahren lagen sie vor einem hinkenden  Zwerg auf den Knien,  der ihrem Sturmlauf nichts entgegenzusetzen hatte als ein kleines Uhrwerk und ein kreisrundes  Ziffernblatt von der Größe einer Handfläche.
Tick-Tack, Tick-Tack hallten seine Schritte durch den Raum und lenkten die Aufmerksamkeit des Fräuleins „So-La-La“  auf die Küchenuhr zurück.
Die Zeiger hatten sich kaum von der Stelle gerührt.  Der kürzere  von beiden  hatte Mühe  mit seinem längeren  Begleiter Schritt zu halten.   Die  gemeinsamen Begegnungen beschränkten sich auf wenige Augenblicke.  Mit der gleichen Anstrengung, mit der sie sich aufeinander zu bewegten,  strebten sie wieder voneinander fort.   

Weit ausholend eilte der große Zeiger voran.  In  bedächtigen  Schritten folgte  der kleinere  hinterher. Auf halber Strecke der Uhr kehrte sich das Bild um.  Der große Zeiger rückte  im Windschatten des kleinen Zeigers unaufhaltsam näher,   bis sie einander auf  gleicher Höhe begegneten  und das seltsame Schauspiel von vorne begann.
Ohne es in Worte fassen zu können,   begriff das Fräulein  „So-La-La“,  welches Geheimnis sich  hinter der Macht des Zwerges verbarg.   
Seine Gefährlichkeit  ruhte nicht in  der   Geschwindigkeit, mit der er seine Runden zog.  Es war  die  endlose Geduld, die ihn unbesiegbar machte.  Nie lief er schneller. Nie zog er seine Runden langsamer. Niemals stand er still.
Wer gegen ihn antrat, war von Anfang an  verloren.  
Tick-Tack, Tick-Tack humpelte  er unaufhaltsam heran.  
Tick-Tack, Tick-Tack rückte  er auf gleiche Höhe. 
Tick-Tack, Tick-Tack eilte  er allen  davon.

ENDE