Die Schwerste aller Arbeiten

Der Eifer, mit dem der Vater allabendlich am Schreibtisch über endlose Rechenkolonnen brütete, öffnete dem Fräulein „So-La-La“ die Augen, welche Mechanik die Welt antrieb.
Sie funktionierte nach einer einzigen Regel.  Alles strebte danach, zu tun zu haben.  Dabei spielte es keine Rolle, was man tat. Hauptsache man war beschäftigt. 
Aber nicht nur die Menschen hatten zu tun. Auch der Rest der Welt war unermüdlich  von morgens bis abends mit unaufschiebbaren Angelegenheiten zugange.
Jeder Wurm wühlte sich bedeutungsvoll durch den Dreck. Jeder Regentropfen fiel in wichtigem Auftrag vom Himmel. Selbst ein Grashalm auf der Wiese hatte rund um die Uhr zu tun.
„Nur ich habe keinen Auftrag bekommen.“,  beklagte das Fräulein  „So-La-La“  ihr unnützes Dasein.
Die Großmutter war  anderer Meinung. 
„Ich kennen niemanden, der mehr  beschäftigt ist als du.“, widersprach sie.
„Von allen Dingen, die man  zu tun  haben kann,    gehört das Warten zu den schwierigsten Arbeiten.  Dafür braucht es einen Geduldsfaden, der  stark genug ist, das Gewicht eines Elefanten auszuhalten.“,
Dann zählte sie die Arbeiten auf, die das Fräulein „So-La-La“ zu erledigen hatte. Es wurde die längste Liste von allen. 
Ständig gab es etwas zu warten für sie.  Dass  die Großmutter  das Essen auf den Tisch stellte.   Dass der Vater ein Buch aufschlug.  Dass  die Mutter sie in die Arme nahm. 
Nicht weniger anstrengend war es, an der Haltestelle  auf den Bus zu warten, im Supermarkt geduldig  in der Warteschlange auszuharren oder in einem Vorzimmer zu sitzen,  bis man  aufgerufen wurde.
Dem Fräulein „So-La-La“ fiel vor Erleichterung  ein Stein vom Hals.  Von einem Augenblick zum nächsten steckte  sie  bis über beide Ohren in Arbeit.  
Auf ihren Schultern lastete  eine Verantwortung, denen bloß  die stärksten Geister gewachsen waren.  

Schon bald gab es  niemanden, der besser warten konnte als sie. Gewissenhaft arbeitete sie alle Wartezeiten ab, ohne darüber zu klagen.  Es fühlte sich gut an, etwas zu tun zu haben.
Vor lauter Arbeit blieb keine Zeit mehr übrig für ein Schwätzchen mit ihrer besten Freundin.
Ich habe eine Menge zu tun.“, entschuldigte sich das Fräulein „So-La-La“  bei der Puppe, die mit ihr das Bett teilte.
Die  Schwerste von allen Arbeiten war aber der Blick in den Kalender.  Geburtstage und andere Feiertage, an denen sie Geschenke bekam, wiederholten  sich nur einmal im Jahr.   Dazwischen lagen endlose Tage und Wochen des Wartens.  
„Mnachmal wnüschte ich,  es gbäe wneiger zu tun für mcih.“,   schnaufte das Fräulein „So-La-La“  ihrer vernachlässigten Puppe ins Ohr,  bevor sie  vor Erschöpfung auf der Stelle  einschlief.

ENDE.