Wer wartet, hat viel zu tun

Der Eifer, mit dem der Vater allabendlich am Schreibtisch über endlose Rechenkolonnen brütete, öffnete dem Fräulein „So-La-La“ die Augen, wie die Welt funktionierte.
Für alles zwischen Himmel und Erde galt die gleiche Regel. Wer etwas zu tun hatte, war wichtig. Wer nichts zu tun hatte, war es nicht. Dabei spielte es keine Rolle, was man tat. Hauptsache man hatte zu tun.
Nun leuchtete dem Fräulein „So-La-La“ auch ein, warum jedermann behauptete, ständig zu tun zu haben. Niemand wollte unwichtig sein.
Aber nicht nur die Menschen hatten zu tun. Auch der Rest der Welt zeigte sich von morgens bis abends beschäftigt.
Die Tiere hatten zu tun. Die Bäume hatten zu tun. Das Wetter hatte zu tun. Die Wolken hatten zu tun. Die Sonne hatte zu tun. Der Wind hatte zu tun. Die Reihe setzte sich endlos fort. Bis zum kleinsten Kieselstein hatte alles zu tun.
Jeder Wurm wühlte sich bedeutungsvoll durch den Dreck. Jeder Regentropfen fiel in wichtigem Auftrag vom Himmel. Selbst das Gras auf der Wiese hatte eine Mission zu erfüllen.
Alles war wichtig. Bis auf ein kleines Mädchen, das aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne mit dem Kopf anzustoßen.
„Ich hbae ncihts zu tun.“,  beklagte das Fräulein  „So-La-La“  bei  Oma Rosa ihr unnützes Dasein.
Die Großmutter schüttelte entschieden den Kopf.
„Ich kennen niemanden, der mehr  beschäftigt ist als du.“, widersprach sie.
Mit einem feinsinnigen Lächeln auf den Lippen zählte sie die Arbeiten auf, die das Fräulein „So-La-La“ zu erledigen hatte. Es wurde die längste Liste von allen. 
Was gab es nicht alles zu tun für sie.
Fragen zu erfinden, die niemand zu beantworten wusste. Mit dem verrückten Clown in ihrem Mund zu streiten. Aus dem Fenster zu starren, um die Mutter bei der Arbeit zu beobachten. Eine Geschichte zu sein, die um die Welt reist.


Aber am Allermeisten hatte sie damit zu tun, auf Etwas zu warten. Dass sie morgens die ersten Sonnenstrahlen wach blinzelten. Dass abends der Mond durch ihr Fenster leuchtete. Dass die Großmutter ein Buch aufschlug und ihr daraus vorlas. Dass der Vater an ihr Bett kam, um sie in den Arm zu nehmen. Dass sie nicht mehr aufrecht unter dem Küchentisch stehen konnte, ohne sich den Kopf anzustoßen.
Dem Fräulein „So-La-La“ fiel vor Erleichterung  ein Stein vom Hals.
„Ich hbae enie gnaze Mnege zu tun.“, sonnte sie sich in ihrer  gewonnenen Bedeutung.„Von allen Arbeiten, die ich kenne,   gehört das Warten zu den schwierigsten. Für diese Herausforderung braucht es einen Geduldsfaden, der  stark genug ist, das Gewicht eines Elefanten auszuhalten.“, bestärkte sie die Großmutter.
Die Aussprache mit Oma Rosa wirkte Wunder. 
Von einem Augenblick zum nächsten steckte das Fräulein „So-La-La“   bis über beide Ohren in Arbeit.   Auf ihren Schultern lastete  eine Verantwortung, denen bloß  die stärksten Geister gewachsen waren.    
Ob sie mit der Mutter in einer Warteschlange vor der Supermarktkasse anstand. Ob Sie an der Haltestelle nach einem Bus Ausschau hielt.   Ob sie ihrer täglichen Lieblingssendung im Fernsehen entgegen fieberte. Ob sie im Vorzimmer des Zahnarztes vor Langeweile in der Nase bohrte. Sie hatte ständig zu tun. 
Ich hbae keine Ziet mher.“, entschuldigte sie sich bei ihrer Puppe. 
Vor lauter  Dingen, die sie zu erledigen hatte,  blieb  keine freie Minute mehr für ein vertrautes  Schwätzchen mit ihrer Freundin.
Aber die schwerste von allen Arbeiten war der Blick in den Kalender.  Ihr Geburtstag wiederholte sich jedes Jahr ein einziges Mal.   Dazwischen lagen lange Wochen und Monate des Wartens.  Die gleiche Mühe bereitete auch der Rest der Feiertage.
„Mnachmal wnüschte ich,  es gbäe wneiger zu tun für mcih.“,   schnaufte das Fräulein „So-La-La“  ihrer vernachlässigten Puppe ins Ohr,  bevor sie  vor Erschöpfung auf der Stelle  einschlief.

ENDE.