Die Krähe

llustration Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Wie viele Dinge hatte das Fräulein „So-La-La“ schon vergessen? Weil sie nicht von Bedeutung waren. Weil sie keine Rolle mehr spielten.
Ihre Krähe würde sie niemals vergessen. Die Erinnerung an sie fühlte sich an wie ein Geheimnis, das jemand in das Ohr einer Puppe geflüstert hatte und nie wieder ans Tageslicht zurückfand. Aber sie war nie ganz aus ihrem Leben verschwunden. Als würde die Krähe an einer versteckten, stillen Stelle ihrer Seele auf eine Gelegenheit warten, auf ihre Schulter zu springen und den Flügel wieder um ihren Hals zu legen. Wie in jenem Winter, als sie direkt aus dem Himmel vor ihre Füße fiel.
Das Fräulein „So-La-La“ schlenderte an der Hand ihrer Mutter durch einen Park am anderen Ende der Stadt.
Der Himmel hatte sich bereits dunkel gefärbt, als über ihnen ein wildes Gekreische los ging. Zwei dunkle Schatten rasten aufeinander zu und verschmolzen zu einem Knäuel, das nach kurzen, wilden Schlägen auf die Erde zuraste.
Sekunden später schlug es um Haaresbreite neben dem Fräulein „So-La-La“ ins Gras. Im Aufprall zersprang das Knäuel wieder in zwei Teile. Aus einem erhoben sich zwei riesige Flügel, die sich  dicht  über ihren Köpfen hoch schwangen und im Himmel verschwanden. Der andere Teil blieb reglos zurück.
Neugierig eilte das Fräulein „So-La-La“ darauf zu. Zu ihrer Enttäuschung war kein Stern vom Himmel gefallen. Vor ihren Füßen lag ein ein schwarzer Vogel zitternd auf dem Boden.
Die Mutter hob ihn vorsichtig hoch.
Was dem Fräulein „So-La-La“ beinahe auf den Kopf gefallen war, entpuppte sich als eine junge Krähe.
Der bedauernswerte Vogel sah übel zugerichtet aus. Der nächtliche Jäger, dessen Beute er fast geworden wäre, hatte ihm mit seinen Krallen einen Flügel gebrochen und eine blutige Schneiße durch das schwarze Krähengefieder gezogen.
Die flehenden Augen des Fräuleins „So-La-La“ ließen der Mutter keine Wahl. Sie nahm ihren Schal vom Hals und wickelte den Vogel darin ein.
Der Fahrer des herbeigerufenen Taxis blickte misstrauisch auf das blutige Bündel in ihren Händen.

„Wir müssen etwas retten, das aus dem Himmel gefallen ist.“, erklärte ihm die Mutter die Eile.
„Es scheint bloß eine  Krähe zu sein.“, schüttelte der Fahrer verständnislos den Kopf.
Seinem Gesicht war deutlich anzusehen, dass  er sich um die Sitze des Taxis mehr sorgte als um den blutenden Vogel, den die Mutter in den Armen hielt.
„Es ist die schönste Krähe der Welt.“, wies ihn das Fräulein „So-La-La“ scharf zurecht, bevor sie zu ihm in den Wagen stieg.
Zuhause hatte der Vater bereits alles für den angekündigten Notfall vorbereitet.   Auf dem  Küchentisch lag Verbandsmaterial bereit.   Ein Topf mit Wasser kochte auf dem Herd.  
Es wurde eine lange Nacht.  Ein  gebrochener Flügel musste geschient und das zerrupfte Krähengefieder wieder hergestellt werden.
Als das Fräulein „So-La-La“ am nächsten Morgen erwachte,  galt ihr erster Blick der Schuhschachtel neben ihrem Bett,  in der eine Krähe hockte und sie misstrauisch beäugte.   
„Du hsat wnuderbare Aguen.“, eröffnete das Fräulein „So-La-La“ verlegen das Gespräch mit dem  neuen Zimmergenossen.
„Und enien herlrich lnagen Schnbael.“
Die Krähe drehte den Kopf zur Seite, als wäre sie unentschlossen, ob sie sich  beleidigt oder geschmeichelt fühlen sollte.
Schnell wurde klar, dass ihr Aufenthalt nicht auf wenige Stunden begrenzt war.   Ein gebrochener Flügel heilte nicht über Nacht.
Der Vater besorgte  einen großen Käfig und stellte ihn in das Zimmer des Fräuleins „So-La-La“. Die Mutter kaufte Futter für einen ganzen Winter.
In den folgenden Wochen verbrachte das Fräulein „So-La-La“ viele Stunden mit ihrer Krähe, die so unerwartet aus dem Himmel auf sie herabgefallen war.
Endlich hatte sie Gesellschaft, die  sich nicht an dem verrückten Clown störte, der in ihrem Mund saß. Bald waren sie unzertrennlich.

Nachts öffnete das Fräulein „So-La-La- heimlich den Käfig. Dann sprang die Krähe auf ihre Schulter und legte einen  Flügel um ihren Hals. So hockten sie bis zum Morgengrauen.
Das Fräulein „So-La-La“ erzählte der Krähe von ihrem Traum, eine Geschichte zu sein, die um die Welt reiste.  Und die Krähe flatterte aufgeregt mit dem  heilen Flügel, geradeso als  wollte sie mitfliegen.  
Es war eine wunderbare Zeit. Nur einmal fühlte sich das Fräulein „So-La-La“ traurig. Als sie mit der Krähe im Arm im Bett schlief, funkte die Mutter dazwischen.
„Man nimmt keine Krähe mit ins Bett.“, fauchte sie, als fürchtete sie Löcher in  ihrer Wäsche.
„Ihr könnt Euch ein Luftschloss bauen.“, flüsterte die Großmutter dem Fräulein „So-La-La“ heimlich ins Ohr, dass es die Mutter nicht hörte.
„Dort könnt ihr dann gemeinsam wohnen. Eine halbes Limonadenglas tief und eine Schokoladenbreite lang. Bis der Mond wieder aus den Wolken taucht und euch nach Hause schickt.“
Das Fräulein „So-La-La“ starrte die Großmutter mit ratlosen Augen an.
Wie baute man ein Luftschloss?  Und wo war das Land dafür?
Die Großmutter lachte über diese Fragen.
„Luftschlösser brauchen kein Land.“, erklärte sie ihrer erstaunten Enkelin.
„Ihr Fundament liegt in den Wolken.  Als Baumaterial genügt etwas Rauch und Spucke. Sie haben  keine  Türme und Zinnen. Auch keine Zugbrücken und Wassergräben.  Es gibt keine Türen und keine Schlüssel, um sie zu versperren. In einem Luftschloss ist alles möglich und nichts wirklich.“
Noch am gleichen Abend machte sich das Fräulein „So-La-La“ an die Arbeit.
Das Schloss war schnell fertig gebaut. Auf einer Wolke, die sich gerade vor den Mond schob, ragte es hoch in den Himmel hinauf. Mit Mauern aus Rauch und Spucke und einem hohem Turm in der Mitte, wo sie mit ihrer Krähe auf einer blumengekränzten Schaukel saß und die Sterne zählte, die aus der Dunkelheit leuchteten.
Die gemeinsamen Nächte vergingen wie im Flug. Langsam wuchsen der Krähe neue Federn über die alten Narben.   Der Tag kam,  an dem der  Vater die Schiene von  dem gebrochenen Flügel entfernte.   
Die  Vertrautheit blieb.   Jede Nacht saß die Krähe auf den Schultern des „Fräuleins So-La-La“ und blickte aus dem Fenster in die Ferne.

Als der Frühlingswind den Winter aus dem Land blies, hackte sie mit dem Schnabel gegen die Gitterstäbe des Käfigs und begann aufgeregt mit den Flügeln zu flattern.
„Deine Krähe ist nicht geschaffen,  in einem Käfig zu leben.“,  bemerkte die Mutter als erste die Veränderung.
Das Fräulein „So-La-La“ aber war blind vor Liebe.
„Die Kärhe ist glcüklich bei mir.“, wollte sie das Unvermeidliche nicht wahrhaben.
„Ihre Flügel sagen etwas anderes.“, antwortete die Mutter.
„Vielleicht sollten wir es die Krähe selbst entscheiden lassen.“
Nach langem Hin und Her willigte das Fräulein „So-La-La“ ein. Gemeinsam mit der Mutter  trug sie den Käfig ins Freie.  Im Garten hinter dem Haus öffnete sie den Verschlag.  Die Krähe hüpfte heraus. Sie drehte ihren Kopf zu dem Fräulein „So-La-La“, als wollte sie um Entschuldigung bitten.
Dann streckte sie ihre Flügel aus. Beinahe federleicht erhob sie sich in die Luft und schwebte zu den Bäumen hoch. Für eine Weile kreiste sie über dem Dach des Hauses, bis der Wind sie langsam höher trug.  
Das Fräulein „So-La-La“ schossen die Tränen in die Augen, als ihre Krähe in den Wolken verschwand.
Es folgten traurige Tage. In den Nächten wartete sie vergeblich in ihrem Luftschloss, dass die Krähe auf ihre Schulter sprang und den Flügel um sie legte. Sie kehrte nie wieder zu ihr zurück.
„Warum hbae ich sie freigelsasen?“, machte sie sich bittere Vorwürfe, auf den Vorschlag der Mutter eingegangen zu sein.
„Du hast das Richtige getan.“, tröstete sie die Großmutter.
„Das Loslassen ist die größte aller Lieben. Was immer das Schicksal bereit hält für Deine Krähe? Keine Liebe kann größer sein, als die Liebe, die ihr die Freiheit schenkte, über den Wolken zu fliegen mit dem Wind ihren Flügeln und der grenzenlosen Weite vor sich.“
„Ich habe sie losgelsasen, wiel ich sie gelibet hbae.“, schluchzte das Fräulein „So-La-La“ und war beinahe stolz auf sich, ohne zu wissen warum.
„Ich finde keine andere Erklärung.“, antwortete die Großmutter.

ENDE.