Die schnellste Maus der Welt

Seit das Fräulein „So-La-La“ wusste wie die Menschen aus der Welt verschwanden, betrachtete sie das Gesicht der Großmutter mit wachsender Sorge. Es sah verschrumpelt aus wie ein Apfel der vor langer Zeit vom Baum gefallen war.
Auch Äpfel verschwanden aus der Welt. Wenn sie erst einmal vom Baum gefallen waren, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit.
Zum Glück konnte die Großmutter im Kopf ihrer Enkelin lesen wie in einem offenen Buch.
Bevor er unter dem Gewicht ihrer Gedanken wie die gebrochene Blüte einer Blume nach vornüber knickte, pflückte sie ihr die Schwersten heraus.
„Es besteht kein Anlass zur Sorge.“, grinste sie sich die Lippen breit.
„Die Zeit beißt nur kleine Happen von mir ab.“
Wie zum Beweis schwang sie ihre Hüften und trommelte mit den Füßen den Rhythmus einer flotten Tanzmusik auf den Boden.
„Meine Beine  sind noch flink genug,    ihr  einen Haken zu schlagen.
Mit Mühe gelang es dem Fräulein „So-La-La“ den nervösen Zeigefinger in Zaum zu halten. Sie hatte gute Lust, ihn auszustrecken und sich damit gegen die Stirn zu tippen.
Die Tage, an denen die Großmutter, der Zeit einen Haken geschlagen hatte, waren lange vorbei.
Die Wahrheit sah anders aus.
Die Leidenschaft für Zigarren hatte sie kurzatmig gemacht. Um die Hüften war sie breit wie eine alte Eiche. Und auf ihren Beinen bildeten dicke Krampfadern den Anblick einer bizarren Flusslandschaft.
„In jungen Jahren war ich beinahe so schnell wie die Maus, die ein Leben lang mit einer Katze um die Wette lief.“, schwelgte die Großmutter in ihren Erinnerungen.
Das Fräulein „So-La-La“ glaubte kein Wort davon.
Mäuse, die sich auf ein solches Wettrennen einließen, wurden nicht alt. Die Katzen waren flink auf den Beinen und ihre Krallen schärfer als ein Rasiermesser. Ein einziger Hieb genügte, um ein übermütiges Mäuseleben zu beenden.
„Diese Maus war anders.“, wischte die Großmutter alle Zweifel beiseite.
„Weit  und breit fand sich keine Katze, die  mit ihr Schritt  halten konnte.“

Natürlich war auch die schnellste  Maus nicht davor gefeit,   über ein Hindernis zu stolpern und unter einer Katzenpfote ihr Leben zu lassen.  Aber ein solches Unglück ereignete sich  zum Glück  sehr selten.
„Dnan hat die Muas das Rnenen gewnonen?“, ließ sich das Fräulein „So-La-La“ von der Zuversicht ihrer Großmutter anstecken.
Im gleichen Augenblick verdunkelte sich die Miene der Großmutter, als hätte sich ein Schatten über ihre Erinnerung gelegt.
„Die Geduld der Katzen ist endlos.“, antwortete sie mit einem Blick auf die Küchenuhr.
„Irgendwann kam der Tag, an dem die   Maus  müde wurde. Sie   war ihrem Jäger nie von  Angesicht zu Angesicht begegnet.   Auch die  Katze, die mich verfolgt  wird älter und langsamer geworden sein,   redete sich  die  Maus Mut ein.   Längst hatte sie die Lust verloren, vor dem Maul einer Katze herum zu tanzen.  Die Sehnsucht nach einem sicheren  Unterschlupf   wuchs mit jedem Tag.  Aber  nirgendwo fand sich eine Bleibe, die der Maus  eine Atempause gönnte.    Als ihr Rücken krumm und die   Beine lahm wurden,  erkannte sie die Aussichtslosigkeit ihrer lebenslangen Flucht.
Eines Tages würde das Unvermeidliche geschehen. Alles was offen blieb, war die Frage, wann und wo die Katze zum entscheidenden Sprung ansetzte.“
Bevor Oma Rosa den letzten Satz beendet hatte,   rannen dem Fräulein  „So-La-La“ die Tränen über die Wangen. 
„Bist du enie sher atle Muas?“,  schluchzte  sie. 
Das Rinnsal in ihren Augen   schwoll zu einem gewaltigen Wasserfall an.
„Ich  sehe  weit und breit keine Katze, die mir gefährlich werden könnte.“,   beschwichtigte die Großmutter.
Die tiefen Falten in ihrem Gesicht sagten etwas anderes.  Der Schatten des Verfolgers, der ihr im Nacken saß, zeichnete sich in den dunklen Augenringen ab.
 „Jemnad msus die  Ktaze aufhlaten, bevor sie dcih erwsicht. “,   bettelte  das Fräulein „So-La-La“ um ein Wunder.  
Tief in ihrer Seele spürte sie, dass es eine Bitte war, die ihr niemand erfüllen konnte.
Mit dem Blick auf die  Küchenuhr hatte ihr die Großmutter den wahren Gegner verraten. 

ENDE.