Die Zeitabkürzungsmaschine

Das Fräulein „So-La-La“ hatte an diesem Morgen beide Hände voll zu tun. Sie musste auf die Rückkehr ihrer Mutter warten.
Diese Arbeit zählte zu den kräfteraubendsten Arbeiten, die es gab. Alles was man zu tun hatte, war die Zeit totzuschlagen. Aber wie sollte man etwas totschlagen, das man nie ganz zu fassen bekam. Nach jeder erschlagenen Minute tauchte wieder eine neue auf. Bis daraus eine Stunde wurde. Aus einer Stunde zwei wurden. Und die Zeit endlos weiter lief.
Das Warten war keine Arbeit, die dem Fräulein „So-La-La“ leicht von der Hand ging. Es war ihr die schwerste von allen.
Eine Fliege, die mit lautem Getöse vor ihrer Nase herum tanzte, rief ihr schmerzhaft ins Bewusstsein, wie viel davon in den nächsten Stunden auf sie zukam. Hatte die Mutter sie doch erst vor wenigen Minuten unter dem Küchentisch der Großmutter zurückgelassen.
Bei ihrer Rückkehr würde sich der Himmel dunkel gefärbt haben. Auf den Straßen würden die Laternen brennen. Und in den Fenstern der umliegenden Wohnungen die Lichter angehen.
Bevor es soweit war, musste jedoch ein halbes Fliegenleben verstreichen. Während die Fliege in diesen Stunden langsam zu einem klapprigen Greis  alterte, standen für das Fräulein „So-La-La“ die Uhren still.
Die Anwesenheit der Fliege beschwor  die schlimmste aller Zeitrechnungen herbei.  Die Sekunden und Minuten zogen sich  zu einem zähen Brei auseinander, der kein Ende fand.
Die Fliegenzeitrechnung verlängerte unnütze Konferenzen und langweilige Theateraufführungen. Sie lauerte in den Wartezimmern auf ihre Opfer oder platzte ohne Vorwarnung in Familienfeiern hinein. 
„Kien Wnuder, dass neimnad die Fleigen lieden knan.“,  brummte das Fräulein „So-La-La“.
„Sie mcahen die Ziet lnagsam.“
Mitleidlos zielte sie mit der Rechten gegen den ungebetenen Gast auf ihrer Nase. Die Fliegenzeitrechnung verdiente keine bessere Behandlung.
Doch die Fliege durchkreuzte ihre  finstere Absicht in letzter Sekunde. Mit einem waghalsigen Looping rettete sie sich aus der Gefahrenzone.   Der todbringende Schlag ging ins Leere.  

Verärgert kroch das Fräulein „So-La-La aus ihrem Unterschlupf hervor. Ihr Mund türmte  sich zu einem steilen Hügel auf.
„Die verdmamte Fleige  lsäst die Ziet stlilstheen.“,   knurrte es aus ihrem Mund wie aus einem Hund, der schlechte Laune hatte.
„Viele Menschen würden dich um dein Haustier beneiden, wenn sie davon wüssten.“, entgegnete ihr die Großmutter, die am Küchentisch saß und alles beobachtet hatte.
Die Antwort brachte das Fräulein „So-La-La“ ins Grübeln.
Vielleicht war es tatsächlich keine gute Idee, die Fliege totzuschlagen. Vielleicht war es besser, mit ihr Handel zu treiben.
Eine Stunde zu besitzen, die sich anfühlte wie ein halbes Leben, besaß auch Vorteile.
Man konnte endlos nachdenken und Dinge erledigen, ohne dauernd auf die Uhr blicken zu müssen.
Ein   nervtötendes Summen   rief dem Fräulein „So-La-La“  die Nachteile der Fliegenzeitrechnung in Erinnerung.   Mit einem waghalsigen Looping tauchte die Fliege erneut vor ihrer Nasenspitze auf.
Dieses Mal erhob das Fräulein „So-La-La“ nicht drohend die Hand gegen das harmlose Insekt.   Die Fliegenzeitrechnung kam durchaus gelegen für ihre Zwecke.
Durch sie bot sich die Gelegenheit, ohne Zeitdruck über  eine Maschine nachzudenken,  auf welche die Menschen seit tausenden von Jahren ungeduldig warteten.
In Kopf des Fräuleins „So-La-La“   liefen die Zahnräder auf Hochtouren.  Es zischte aus ihrer Nase. Es dampfte aus ihren Ohren.  Sie gönnte sich keine Pause.
Ob es Stunden gedauert hatte oder bloß  wenige Minuten vergangen waren,  spielte am Ende keine Rolle. Mit Stolz blickte sie auf das Ergebnis ihrer Arbeit.   Sie hatte  die  erste Zeitabkürzungsmaschine der Welt erfunden. 
Die Dringlichkeit  einer solchen Apparatur in einer von überfüllten Wartezimmern, unnützen  Konferenzen und langweiligen Theateraufführungen  geplagten Welt  stand für sie außer Frage.
Wenngleich sie nur aus wenigen Strichen auf einem Blatt Papier bestand, funktionierte die Zeitabkürzungsmaschine auf Anhieb.
In ihrer Bauweise folgte sie dem Prinzip der Treppenabkürzungsmaschinen in den Hochhäusern, wo man in eine Kabine stieg und einen Knopf drückte. Nach wenigen Sekunden leuchtete auf dem Bedienfeld das gewünschte Stockwerk auf, ohne dass man mühsam die Treppen hochsteigen musste.  

Die Tage, in denen die Menschen ihre Zeit sinnlos in Wartezimmern, Konferenzräumen und Theatersälen  verschwendeten,  würden  bald für immer Geschichte sein, glaubte das Fräulein „So-La-La“ an den Erfolg ihrer Erfindung.
Zu ihrem Erstaunen genügte bereits  die bloße Androhung eine Zeitabkürzungsmaschine zu bauen,  dass die Stunden wie im Flug vergingen.
Es dauerte eine ganze Woche, bis sich die Fliegenzeitrechnung von ihrem Schock erholt hatte und in den alten Trott zurückfiel.  
In der Zwischenzeit erwies sich die Entwicklung   der Zeitabkürzungsmaschine vom kühnen Entwurf bis zur Serienreife schwieriger als geplant.
Für Ihre endgültige Fertigstellung fehlte es an einer winzigen Schraube, die sie dauerhaft am Laufen hielt. Allzu oft geriet sie ins Stocken. So sehr sich das Fräulein „So-La-La“ auch den Kopf zerbrach. Es gelang ihr nicht, den Fehler zu finden.
Mit jeder Stunde, die verstrich, ohne dass die Zeitabkürzungsmaschine ihren Betrieb aufnahm,  eroberte  die Fliegenzeitrechnung  das verlorene Terrain Stück für Stück  zurück.  
Das Fräulein „So-La-La“ war nahe daran, alles hinzuschmeißen, als ihr die Großmutter zur Hilfe eilte.
„Deiner Zeitabkürzungsmaschine fehlt es an dem leichtesten Material der Welt.“, lachte sie.
„Was ist das?“, fragte das Fräulein „So-La-La“.
„Die Phantasie in deinem Kopf.“, antwortete Oma Rosa.
„Sie ist der Treibstoff für alle Geschichten, die um die Welt reisen.“
Der Hinweis der Großmutter brachte den Durchbruch. Wenngleich die Umsetzung nicht ganz ihren ersten Entwürfen entsprach, konnte das Fräulein „So-La-La“ mit Recht von sich behaupten, die Zeitabkürzungsmaschine erfunden zu haben.
Sie verwandelte Worte in unglaubliche Abenteuer und endlose Stunden zu einem reißenden Strom.
Die Zeitabkürzungsmaschine stellte selbst die schnellsten Treppenabkürzungs-maschinen der Hochhäuser und Wolkenkratzer in den Schatten. Mit ihnen konnte man bloß die Stockwerke hinauf und wieder hinunter fahren.

In der gleichen Zeitspanne flog die Zeitabkürzungsmaschine des Fräuleins „So-La-La“ kreuz und quer um die ganze Welt.
Am besten funktionierte sie in den Geschichten der Großmutter.
Der Faden, den sie in ihnen spannte, reichte über Jahrhunderte zurück. Von der Karibik bis zum Nordpol fand sich kein  Flecken Erde,  auf den  sie nicht ihren Fuß gesetzt hatte.
„Ich war schlank wie   eine Gerte und leichter als der Morgentau.  Ein laues Lüftchen genügte, um mich bis über die höchsten Wolken hinauszutragen.“,  schwärmte die Großmutter von den  abenteuerlichen Reisen ihrer Jugend.
„Zum Frühstück schlürfte ich Kokosnüsse in Afrika. Mittags speiste ich Straußeneier in Australien. Abends aß ich Reis in China.   Und Schlag Mitternacht kreiste ich wieder um den Kirchturm  meiner Heimatstadt.“
Eine kleine Sorge trübte die Freude des Fräuleins „So-La-La“ an ihrer Zeitabkürzungsmaschine. Man konnte mit ihr beliebig die Zeit vor und zurückreisen. Es funktionierte nicht anders als mit der Treppenabkürzungsmaschine, wo man die Stockwerke rauf und runter fuhr. Aber was war, wenn die Zeitabkürzungsmaschine mitten in einer Geschichte einen Motorschaden hatte und man für immer in der Zeit verloren ging.
„Das wird nicht passieren.“, beruhigte sie die Großmutter.
„Solange es Menschen gibt, die dich lieben, wird dich die Zeitmaschine stets an den Ort zurückbringen, wo sie auf dich warten. Und da es immer Menschen geben wird, die dich lieben und auf dich warten, wirst du immer an den Anfang deiner Reise durch die Zeit zurückkehren. Es ist der Trost dafür, dass sie sich nicht anhalten oder ändern lässt.“
Mit diesen Worten ließ die Großmutter den Motor der Zeitabkürzungsmaschine aufheulen und brauste mit quietschenden Reifen davon.
Bei jeder Geschichte, die sie erzählte, verwandelte sie sich in eine wilde Rennmaschine, die  durch Zeit und Raum brauste. Atemberaubende Geradeausfahrten wechselten einander mit  halsbrecherischen Kurvenlagen ab.  
Manchmal stellte sie die Zeitabkürzungsmaschine an den spannendsten Stellen ab.  Die kurze Pause nutzte sie, um ihre trockene Kehle mit einem Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu schmieren oder in vergilbten Fotoalben nach Beweisen für die Geschichten zu blättern.

„Du bsit  die  görßte   Hxee alelr Zieten.“,  jauchzte das Fräulein  „So-La-La“  beim Anblick   der verblassten Schwarzweißfotografien, aus  denen eine  junge Frau herauslachte, die mit einem kleinen Koffer  um die Welt reiste.
Oma Rosa winkte verlegen ab.
„Es erfüllt mich mit Stolz,  in der Gesellschaft eines Riesen atmen zu dürfen.“,     bedankte sie sich für das zweifelhafte Kompliment.
Das Fräulein „So-La-La“ stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte den Rücken durch. Es fühlte sich gut an, ein Riese zu sein.
„Es ist  nicht die Größe, die dich zum Riesen macht.  Es ist dein Glaube, der die Kraft besitzt,  Berge zu versetzen.“,  lachte die Großmutter.
Dann trat sie das Gaspedal der Zeitabkürzungsmaschine wieder bis zum Anschlag  durch.  

ENDE.