Warum der Wind weht

Eines Tages wurden der Bär und der Drache bei einem Spaziergang vom einem heftigen Sturm überrascht. Sie suchten in einer Höhle Unterschlupf. In ihrem Inneren war es stockdunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sah. Von draußen drang das Heulen des Windes hinein. Das Echo, das von den Wänden widerhallte, klang wie ein wehmütiges Rufen.
„Der Wind sucht immer noch nach seiner Wolke.“, seufzte der Bär.
Er hatte seine mächtige Pranke um die Schultern des Drachen gelegt, am ganzen Körper zitterte. Mit seiner dünnen Schuppenhaut war der Drache den kalten Winden wehrlos ausgeliefert
„Welche Wolke?“, fragte der Drache.
Er rückte nah an den Bären heran und kuschelte sich in sein dichtes Fell, um sich aufzuwärmen.
„Der Wind flog nicht immer um die Welt.“, berichtete der Bär, der Gefallen daran fand, einen Drachen im Arm zu halten.
“ Am Anfang der Zeit stand er still und wohnte in einem Haus mit einem kleinen Garten.  Vom Himmel schien nur die Sonne auf ihn herab.
Eines Tages tauchte eine Wolke über dem Haus auf.
Woher kommst du“, begrüßte der Wind den unerwarteten Gast.
„Ich weiß es nicht.“, antwortete die Wolke.
„Als morgens die Sonne aufging, stand ich plötzlich über deinem Haus.“
„Du kannst mir Gesellschaft leisten.“, lud der Wind die Wolke zum Bleiben ein.
Die Wolke nahm die Einladung gerne an. Da der Wind still stand, konnte sie ohnehin nicht fort.
Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Jeden Morgen trat der Wind aus dem Haus und grüßte die Wolke. Jeden Morgen grüßte die Wolke zurück.
Eines Tages gerieten sie aus nichtigem Anlass in Streit.
„Geh mir aus der Sonne.“, herrschte der Wind die Wolke an.
„Nichts, was ich lieber tun würde.“, zischte die Wolke zurück und färbte sich zu einer dunklen Gewitterfront.
Da verlor der Wind die Geduld und brauste zu einem gewaltigen Sturm hoch, der die Wolke fortblies.
„Endlich verdunkelt ihr Schatten nicht mehr meinen Garten.“, brummte der Wind und schloss missmutig die Tür.
Aber bereits am nächsten Tag bereute er seine Unbeherrschtheit.  Ohne die Wolke hatte er niemanden, den er morgens grüßen konnte. Und es gab keinen, der seinen Gruß erwiderte.
„Wo ist sie hingeflogen?“, fragte der Wind die Sonne, die den Streit  beobachtet hatte.

„Dein Sturm hat sie nach Westen getrieben.“, antwortete der Sonne gleichmütig.
Wortlos ging der Wind in sein Haus zurück.  Nach wenigen Minuten kam er mit einem Koffer in der Hand wieder heraus.  Er sperrte die Haustür ab und verriegelte alle Fenster.  Dann erhob er sich in die Luft und flog der Wolke nach Westen hinterher. Seither weht der Wind in der Welt.“
Mit diesen Worten endete die Geschichte. Auch das Heulen des Windes vor der Höhle war verstummt.
„Hat der Wind seine Wolke wieder gefunden?“, fragte der Drache.
„Das weiß ich nicht.“, antwortete der Bär.
„Die Antwort darauf kennen nur der Wind und die Wolke. Aber solange der Wind in der Welt weht und die Wolken am Himmel ziehen, besteht die Hoffnung, dass sie sich eines Tages wieder begegnen.                     

ENDE.