Wie die Farbe in die Welt kam

Illustrationen Fräulein „So-La-La“ Sophie S.

Wer hat sich noch nie die Frage gestellt, wie die Farbe in die Welt gekommen ist? Und welche Hand den Pinsel führt, der sie jeden Tag aufs Neue zum Strahlen bringt?
Für das Fräulein „So-La-La“ besteht kein Zweifel mehr, wer dafür die Verantwortung trägt.
Ein alter Fernsehfilm, der die Welt in grauen Schwarzweißbildern zeigte, brachte die Wahrheit ans Licht. 
In den Bildern, die über den Fernsehschirm flimmerten, fand sich zwischen Himmel und Erde nicht ein Tropfen Farbe. Alles war in ein tristes Grau getaucht. Es spiegelte sich in den Häusern und auf den Straßen. In den Wiesen und Feldern. 
In einer Welt, die keine Farben kannte, fristeten die Menschen ein freudloses Leben, das ihre Haut blass und die Mienen ernst machte.
„Warum haben die Leute keine Farbe im Gesicht?“,  fragte das Fräulein „So-La-La“ interessiert.
„Es ist ein sehr alter Film.“,  amüsierte sich die Großmutter, die neben ihr saß und in einer Zeitung blätterte.
„Er wurde zu einer Zeit gedreht, als es dafür noch keine Farbe gab.“„Der Film ist hundert Jahre alt.“  plapperte der verrückte Clown im Mund des Fräuleins  „So-La-La“ Unsinn.
Oma Rosa  schüttelte sich vor Lachen.
„Nicht ganz.  Zu der  Zeit war  ich ein kleines Mädchen wie du, das sein Alter an den Fingern einer Hand abzählen konnte.“.
Das Fräulein „So-La-La“ schluckte die Enttäuschung schweigend hinunter. Sie hatte die Großmutter um tausend Jahre älter geschätzt. War sie doch in einer Welt aufgewachsen,  in der es keine Computer gab,  die Telefone an langen Kabeln hingen  und die Menschen mit Tinte auf Papier schrieben, wenn sie einander etwas mitzuteilen hatten.
Die grauen  Gesichter im Film  stimmten das Fräulein „So-La-La“ nachdenklich. Wie traurig musste es sein, in einer Welt ohne Farben leben zu müssen. Ohne mit eigenen Augen zu sehen, wie blau der Himmel strahlte.  Wie rot die Sonne leuchtete, wenn sie morgens  am Horizont erschien. 
Wie grün das Gras im Sommer  in den Wiesen  stand.  In welcher Pracht die Blumen blühten. Und wie türkisklar  das Wasser der Meere schimmerte.
Aber wie war die Farbe in die Welt gekommen?   Bestimmt hatte ein großer Zauber seine Finger im Spiel.  
Die Großmutter nickte zustimmend.
„Dieses Wunder ist dir zu verdanken.“, sagte sie.
„Der Tag an dem du geboren wurdest, hat die Welt bunt  gemacht.“
Das Fräulein „So-La-La“  spürte, wie ihre Knie anfingen zu zittern.
Mit zusammengekniffenen Augen  suchte sie im Gesicht der Großmutter nach dem feinen Lächeln, das ihre scherzhaften Bemerkungen üblicherweise begleitete. Aber nichts dergleichen war darin zu entdecken.  Die ernste Miene der Großmutter brachte das Fräulein „So-La-La“ vor Stolz fast zum Platzen.

Nicht einmal im Schlaf hätte sie es gewagt, sich in den Besitz einer solchen Zaubers zu träumen.
Zum ersten Mal begriff das Fräulein „So-La-La“ den wahren Zweck, der Geschenke, die sie an jedem Geburtstag erhielt.
Sie  galten  der Zauberin in ihr.  Die Menschen, die sie liebten, dankten ihr damit,  dass sie ihnen die Farbe in die Welt gebracht hatte.
Auf dem Fernsehschirm begannen die Menschen fröhliche Grimassen zu schneiden und sich gegenseitig in die Arme zu fallen.  
Vielleicht  schöpften sie neue Hoffnung, dass eines Tages auch ihnen ein Mädchen mit dieser besonderen Gabe geboren wurde.
Wohlüberlegt verschwieg das Fräulein „So-La-La“ vor ihrer Mutter, welch große Zauberin in ihr steckte.  Zu groß war das Risiko, das ihr mühsam geflickter Geduldsfaden, einer solchen Enthüllung nicht standhielt.
Gegenüber  ihrer Lieblingspuppe zeigte sie sich   weniger schweigsam.
„Ich bin eine mächtige Zauberin.“,   versuchte sie,  bei ihrer schweigsamen Zuhörerin Eindruck zu schinden.
„Ich habe die Farbe in die Welt gebracht.“
Bei der Puppe  wusste das Fräulein  „So-La-La“  das Geheimnis  in sicheren Händen. Ihre Ohren   waren  verschlungener  als die  tiefsten  Brunnen.  Was man dort hineinflüsterte, fand nie wieder ans Tageslicht zurück.
Aber noch  viel mehr vertraute das Fräulein „So-La-La“  dem Etikett,  das sie auf dem Rücken der Puppe entdeckt hatte. Seine Bedeutung hatte  ihr die Großmutter erklärt. 
„Made in China.“, stand dort in fetten Buchstaben zu lesen.
Ihre Lieblingspuppe  war eine waschechte  Chinesin.  Und vom Chinesischen verstand die Mutter kein einziges  Wort. 

ENDE.